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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 6
Inszenierung – Karl Georg Kayser | Ausstattung – Eberhard
Matthies | Dramaturgie – Jürgen Sachs
Darsteller:
Uta Eisold | Peter Radestock | Franziska Knetsch | Peter
Meyer
„Odo et amo. Quare id faciam, fortasse requiris. / nescio; sed fieri sentio et excrucior!“ – „Ich hasse und liebe. Du fragst vielleicht, warum ich dies mache. Ich weiß es nicht; aber ich fühle, daß es geschieht und ich werde gemartert!
Als vor 2000 Jahren der Neotheriker Catull diese Worte über seine alle Höhen und Tiefen durchschreitende Liebe zu der berühmt berüchtigten Lesbia schrieb und gleichermaßen angewidert auch die Gesellschaft betrachtete, formulierte er qualvoll gewonnene Erkenntnis. Nichts anderes macht Edward Albee in seinem bedrückend faszinierenden Drama „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“
Ein solches Stück verdient unsere besondere Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit verdient auch die Inszenierung des Marburger Landestheaters, vor allem aber das Schauspiel von vier Künstlern, die aufgehen in einem Konglomerat verworrener, besudelter und quälender Gefühle.
Die Bühnenausstattung trägt diesem Gefühlschaos, diesem Überschwang, diesem Riß in der Fassade der heilen Welt Rechnung, indem sie die Stellwände der ansonst unverändert bleibenden Bühne mit grellem Rot bedeckt, in das sich zugleich, von der anderen Wandseite kommend, kühles Blau mischt. Leidenschaft und Kälte, Instinkt und Intellekt treffen aufeinander. Ein Roy Lichtenstein-Bild an der Wand, nicht einmal aufgehängt, Bücherstapel, Zeitungen, Kleiderstücke, Dosen – in dieser Wohnung herrscht genausowenig Ordnung wie im Geist ihrer Bewohner: George, ein betrübter, in die Jahre gekommener Historiker und Martha, seine Frau, die außer einem als Collegepräsidenten fungierenden Vater nichts vorzuweisen hat. Wen oder was die beiden eigentlich am meisten hassen, haben sie längst vergessen, das einzige, was noch Erheiterung bietet, ist die perverse Freude an Gesellschaftsspielen, deren Ziel es ist, andere in das Hin – und Her einer desaströsen Ehe zu verwickeln, sie ebenso betroffen zu machen und ihnen schlußendlich die Lebenslüge vom Gesicht zu reißen. Nicht von ungefähr erscheinen die Schauspieler bei ihrem ersten Auftritt mit Walt Disney-Masken bestückt.

Und so verharrte das Premierenpublikum knapp zwei Stunden lang hin und hergerissen zwischen dem Gelächter über den intellektuellen Schlagabtausch zwischen George (Peter Radestock) und Nick (Peter Meyer) einerseits und Betroffenheit durch die scharfzüngigen Attacken andererseits, in denen sich Martha (Uta Eisold) und wiederum George regelrecht verlieren, Liebe und Haß zugleich ausdrückend.
Da turnt Martha außer sich über den Tisch, in dem Versuch, George vom Gatten zum Begatter zu degradieren, treibt es, um ihren impotenten, zumindest uninteressierten und von ihr als beruflich erfolglos abqualifizierten Mann zur Raserei zu treiben, in aller Öffentlichkeit mit Nick, einem als Karrieristen entlarvten Biologen, der nur um des Geldes willen eine liebe, doch einfältige Frau (Franziska Knetsch) geheiratet hat.

Den Schauspielern gelingt ein virtuoses Spiel um Marthas unbefriedigte und unbefriedete Agilität, Georges steigende Wut und zunehmenden Trotz, Nicks schamloses Gebaren und der taumeligen Hilflosigkeit seiner stets nur „Süßes“ genannten Frau.
Doch dem angeheirateten Dummchen gehen langsam die Augen auf und schließlich über, genauso wie Martha weinend erkennen muß, daß der einzige Mann, der ihr jemals etwas bedeutete, der nach aller Facon unterhalb der Gürtellinie beschimpfte George ist.

Und so werden letztendlich alle Kränkungen, der hemmungslose Rosenkrieg, der sinnentleerte Lebensstil als die Folgen eines krampfhaften Wunsches entlarvt - nämlich der Gesellschaft zu gefallen. Nur davor muß man Angst haben.
Die Tragödie ist perfekt.
Das auf die Bühne gebrachte Spiel ebenso.
Ein Theatererlebnis, das man nicht so schnell vergessen
wird.
Tanja v. Werner