Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Gottfried Benn

Letzter Frühling

Nimm die Forsythien tief in dich hinein
und wenn der Flieder kommt, vermisch auch diesen
mit deinem Blut und Glück und Elendsein,
dem dunklen Grund, auf den du angewiesen.

Langsame Tage. Alles überwunden.
Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,
dann tragen dich vielleicht die Stunden
noch bis zum Juni mit den Rosen hin.

 

Das Gedicht stammt aus den letzten Lebensjahren Gottfried Benns, wahrscheinlich von 1954. Der elegisch-melancholische Ton, der ihm wie vielen anderen der späten Schaffensperiode eignet - nur scheinbar widerspricht ihm der burschikos-sarkastische anderer zeitnaher Produktionen, etwa von "Teils-Teils" (ebenfalls von 1954) - kommt doch von weither, zwar nicht bereits aus der Frühzeit des Expressionismus, wie sein Pendant, aber schon aus den zwanziger Jahren ("Palau" wurde im April 1922 veröffentlicht).

Auf den ersten Blick scheint die zweite Strophe eine Hoffnung zu formulieren: Vielleicht wird dem gealterten Leben nicht nur ein letzter Frühling, sondern auch noch dessen Erfüllung im Sommer gewährt. In den Gang der Jahreszeiten mischten sich so Andeutungen aus der Sphäre menschlichen Erlebens und Schicksals (vgl. aus "Astern": "Noch einmal das Ersehnte, / den Rausch, der Rosen Du - / der Sommer stand und lehnte / und sah den Schwalben zu"). Aber sowohl für "Astern", als auch für "Letzter Frühling" griffe eine solche Interpretation, wenn sich auch Körperlich-Seelisches unweigerlich in das von beiden Gedichten beschriebene Metaphernfeld einfügt, zu kurz.

Wer nicht mehr fragt, "ob Ende, ob Beginn", nimmt das "Unaufhörliche" in den Blick: "Wir wissen von der Schöpfung nichts, als dass sie sich verwandelt -, und das Unaufhörliche soll ein Ausdruck für diesen weitesten Hintergrund des Lebens sein, sein elementares Prinzip der Umgestaltung und der rastlosen Erschütterung seiner Formen", erläutert Benn in der Einleitung zu seinem Oratorium eben diesen seinen Titel (Gottfried Benn: Gesammelte Werke, hrsg. von Dieter Wellershoff, Bd. 8, S. 2146). Allerdings sei dieses Lebensprinzip, angewendet auf das Individuum, "ein tragisches, schmerzliches Gesetz" (a. a. O., S. 2147); mag es "alles überwunden" haben, der Schmerz über seine Todverfallenheit begleitet es dennoch wie ein Schatten. Klingt er, gerade in seiner Überwindung, nach, spricht sich das "Unaufhörliche" selber in ihm aus: "es ist nicht optimistisch, es will nicht im Wohlstand leben" (ebda.), "sondern es lebt da, es verdichtet sich da zu einem Gefühl, wo die Dinge zu Ende gehn, wo ihnen "das Herz bricht vor Glück und Göttern"" (a. a. O., S. 2148).

In diesem Frühling den "letzten" zu sehen, steigert das "Glück", gemeinsam mit seinem Begleiter, dem "Elendsein", bis zu einem ruhigen Paroxysmus. In ihm ist die Erfüllung, der Sommer, bereits anwesend, als "Gefühl" des "Unaufhörlichen". Es, sein Rauschhaftes, wird aber in die "langsamen Tage" der Überwindung eingebunden. Das Gedicht beinhaltet beides und entsteht aus ihrer Synthese. Es gibt der momentanen Anwesenheit des Schönen ihre Form, die aus der paradoxen Einheit einer alle Grenzen sprengenden Intensitätserfahrung und der Distanz des Ichs zu sich selber entsteht: Sie mäßigt das Ungeheure und steigert es noch in dieser Transformation. Die Schönheit der beiden Strophen wird als Balance von Jugend und Alter, sowie in den Farben und Gerüchen der aufblühenden Blumen und der durch sie evozierten Melancholie, der Empfindung tiefsten Glücks angesichts seines endgültigen Untergangs, gestiftet. Lebensglück verwandelt sich in das der Schau, die die Vergänglichkeit ihres eigenen Daseinsgrundes annimmt und als ihre Bedingung erkennt, so dass sich, was sie sieht, sie selber, wie alles Sein, als Chiffre des "Unaufhörlichen", des Zugleich von Leben und Tod, das immer als die höchste Potenz beider anwesend ist, zeigt. Dieses Maximum stellt sich als verhaltene und beinahe ganz gelöste Ruhe dar, die dem kurzen Gedicht sein Vollkommenes, das Schwebende (vgl. "Doppelleben", Ges. Werke, Bd. 8, S. 2031), verleiht.

Max Lorenzen

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