Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Die unerträgliche Last des Daseins
Zum Leben und den frühen Schriften von Emmanuel Lévinas

von Alexander Chucholowski

(Vortrag bei philoSOPHIA-Marburg, 13. September 2007)

 

Biographie

Emmanuel Lévinas wurde am 12.1.1906 in Kaunas/Litauen, das bis zu seiner Unabhängigkeit 1918 zu Russland gehörte, als Sohn von Dveira (geb. Gurvitch) und Jechiel Levinas geboren. Seine beiden Brüder: Boris, wurde 1909, sein jüngster Bruder Aminabad 1913 geboren, dessen Name später den Titel eines Buches von Blanchot ziert. Sein Vater ist Buchhändler und so wächst Lévinas im Spannungsfeld russischer Literaten auf wie Tolstoi, Dostojewski, Pouchkine und Gogol einerseits, jüdischer Tradition Litauens auf der anderen Seite. Vilnius galt als Jerusalem des Ostens und war geprägt von Denkern wie dem Gaon von Vilnius (1720-1797), Gegner des Chassidismus [1] und Chaim Volozhin (1759-1821), einem seiner Schüler. Mit Kriegsbeginn emigriert die Familie in die Ukraine und kehrt erst 1920 nach der Unabhängigkeit Litauens zurück. Auf einem jüdischen Gymnasium absolviert Levinas seine Matura und reist 1923 zum Studium nach Strasbourg, nachdem verschiedene deutsche Universitäten ihn abgelehnt hatten, weil sie seinen jüdischen Schulabschluss für unzureichend hielten. In Strasbourg schloss er die Freundschaft seines Lebens, nämlich mit Maurice Blanchot, der während der Okkupation zunächst Lévinas’ Frau und Tochter bei sich, dann in einem Kloster in Orléans versteckte. Von 1928-1929 studierte Lévinas zwei Semester in Freiburg bei Husserl und Heidegger und nahm an dem berühmten Treffen in Davos zwischen Cassirer und Heidegger teil.

 Maurice Blanchot und Emmanuel Lévinas

1931 zieht er nach Paris um, nimmt an den philosophischen Abenden bei Gabriel Marcel teil und beantragt die französische Staatsbürgerschaft. Mit seinem französischen Pass reist er nach Litauen, um seine Jugendliebe und Nachbarstochter, Raissa Lévy zu heiraten. 1935 erscheint „Ausweg aus dem Sein“ in den Recherches Philosophiques.

Am 27 August 1939 wird er zum Wehrdienst eingezogen und am 18. Juni gefangen genommen. 5 Jahre verbringt Lévinas in einem Gefangenenlager in Fallingbostel bei Hannover. Seiner Kriegsgefangenschaft verdankt er sein Überleben. Der Rest seiner Familie in Litauen wird vernichtet, seine Frau und seine Tochter Simone, die 1935 geboren wurde, verdanken ihr Leben der Hilfe Blanchots.

Nach seiner Rückkehr nach Paris wird Lévinas Leiter der ENIO (Ecole Normale Israélite Orientale). Er begegnet dem Talmud-Exegeten und Weltenbummler Chouchani, dessen wirklichen Namen man nicht kennt. 1946 lädt ihn Jean Wahl ein, am Collège Philosophique einen Vortrag zu halten. Jean Wahl wird zum Förderer Lévinas’. 1949 wird sein Sohn Michael geboren, der heute ein bekannter Pianist und Komponist ist und Lévinas auf allen Reisen begleitete, weshalb Lévinas stets verlangte, es müsse ein Klavier zur Verfügung stehen. 1967 holt Ricoeur Lévinas an die Universität von Nanterre; 1973 wird er Professor an der Sorbonne.

Am 25.12. 1995 stirbt Lévinas in Paris im Krankenhaus Beaujon.

 

Die frühen Werke

Im Folgenden werde ich mich auf die vier frühen Werke von Lévinas stützen, in denen er einen eher „eudämonistischen“ Ansatz verfolgt, d.h. seine Sorge gilt dem Glück, bzw. dem Unglück des Subjekts, des Daseins [2].

Vorausschicken möchte ich, dass Lévinas zwar zu Recht als jüdischer Denker angesehen wird, mein Augenmerk hier aber dem Philosophen gilt, als der er sich stets verstand und den er selbst vom religiösen Denker trennen wollte, weshalb er nicht zuletzt zwei verschiedene Verlage für beide Seiten wählte. Er hat stets betont, dass sich seine philosophischen Schriften, trotz allen Einflusses der jüdischen Tradition, philosophisch lesen ließen.

 

1) Die Last des Daseins

Wo liegt der Ausgangspunkt des Lévinasschen Denkens? Der Schlüssel, der uns einen Zugang zu seinem Werk liefert? Einer dieser Schlüssel ist zweifelsohne Heideggers "Sein und Zeit". Hier besonders der § 29, in dem die Rede vom Lastcharakter des Daseins ist [3]. Rekapitulieren wir kurz die Position Heideggers:

Laut Heidegger ist das Dasein das Seiende, das sich zu seinem Sein verhält, nämlich in der Weise der Sorge um dieses Sein, das es zu sein hat. Das Dasein muss sein Sein sein, übernehmen. In dieser Übernahme des Seins durch das Dasein liegt eine besondere Last, Verantwortung, vor der das Dasein zumeist und zunächst in die Uneigentlichkeit des Man und seiner Daseinsauslegung flüchtet. Wir kennen das alle. Schule, Abitur, Studium, Job, Heirat, Familie etc. Wie oft haben wir ganz ehrlich das in unserem Leben getan, was wir als das für uns richtige erkannt haben? Wie oft haben wir stattdessen getan, was man von uns erwartete, was man halt so macht, als „anständiger“ Durchschnittsbürger?! Und wäre es nicht auch eine Überforderung, eine zu große Last, stets „ich selbst“ zu sein, bei jeder Entscheidung sich alle Möglichkeiten vor Augen zu führen, um dann sich für diejenige bewusst zu entscheiden, die „ich“ als die für mich richtige erkenne? Solche Eigentlichkeit eines Ich-selbst-sein-könnens wäre eine radikale Überforderung des Subjekts, eine Überlast an Verantwortung. Insofern praktizieren wir das, was Luhmann so schön Komplexitätsreduktion genannt hat (auch wenn diese wieder zur Komplexitätssteigerung führt), Heidegger die Uneigentlichkeit des Man-selbst.

Bei dieser Überlast setzt Lévinas phänomenologischer Zugang an. Welche Phänomene zeugen denn von solcher Last des Daseins, jener lästigen Verantwortung des Daseins für sein Sein?

 

2) Phänomenologische Annäherung
Scham

Da wäre an erster Stelle die Scham (honte). Warum und wofür schämen wir uns? Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie halten gerade einen gelehrten Vortrag über einen Philosophen, plötzlich rutschen ihre Hose und Unterhose herab. Was passiert? Das Publikum wird teils entsetzt, teils amüsiert sein über solches Ungemach, Sie fühlen sich der Lächerlichkeit preisgegeben, laufen rot an, Schweiß bricht aus und Sie überlegen, wie Sie möglichst schnell dieser Situation entkommen und doch ist das Unvermeidliche bereits passiert, irreversibel. Sie schämen sich. Wofür? Dass Sie sich lächerlich gemacht haben? Das passiert auch in anderen Situationen, ohne dass Sie sich notwendigerweise schämen, selbst wenn es peinlich ist. Nein, es ist Ihre Nacktheit und Verletzlichkeit, die Blöße, die Sie sich gegeben haben, für die Sie sich schämen. Ihr Körper. Warum? Sie würden ihn in dieser Situation gerne los werden, einfach nicht mehr da sein, oder lieber ein anderer sein. Sie warten auf ein Wunder, dass Sie aus dieser Situation mit einem Schlag befreit. Sie wollen sich am liebsten verstecken, Ihre Blöße verbergen und zugleich ist doch das völlig unmöglich, da es bereits geschehen ist [4]. Von solcher Scham weiß die Striptease-Tänzerin nichts. Ihre Nacktheit gibt sich keine Blöße, deshalb schämt sie sich auch nicht dafür. Mit ihrer Nacktheit setzt sie sich nicht möglichen Verletzungen, z.B. der Lächerlichkeit, aus.

 

Ekel

Kommen wir zum Ekel, den Sartre später im gleichnamigen Roman in der Person des Antoine Roquentin verewigt. Was hat es mit dem Ekel auf sich? Wovor ekelt uns und weshalb? Arbeiten wir uns wieder an einem Beispiel ab. Wir könnten z.B. Sartres Ekel vor Schalen- und Krustentieren nehmen, den Michel Onfray so schön in seinem Buch „Bauch der Philosophen“ beschreibt, aber ich ziehe etwas vor, was die meisten von Ihnen vermutlich gut nachvollziehen können, nämlich den Ekel vor Spinnen, der vermutlich nur auf Sozialisation beruht. Doch was den Ekel erregt, soll jetzt nebensächlich sein. Was passiert beim Ekel? Wir sehen eine große, behaarte Spinne mit fleischigem Körper und langen tentakelartigen Beinen sich an unserem Bein hochbewegen. In diesem Moment ergreift Sie der Ekel, ein dumpfes, flaues Gefühl im Magen, eine Vorahnung, dass Sie sich gleich übergeben müssen, ein Würgen, das Sie zunächst zu beherrschen oder unterdrücken suchen, was Sie loswerden wollen, um wieder Sie selbst zu sein. Vergeblich. Der Ekel rückt Ihnen ihren Körper, seine Reaktion, die sie nicht kontrollieren können, aber kontrollieren wollen, ins Bewusstsein und erst, wenn Sie, bzw. Ihr Körper sich übergeben hat, sind Sie vom Ekel befreit, haben Sie wieder Kontrolle über sich und Ihren Körper erlangt, haben Sie das Gefühl, wieder Sie selbst zu sein [5].

 

Müdigkeit

Am alltäglichsten erfahren wir den Lastcharakter wohl in der Müdigkeit, z.B. früh morgens. Der Wecker klingelt, es ist 6 Uhr. Sie sind noch müde, würden gerne weiter schlafen, aber Sie müssen aufstehen, sich waschen, anziehen, frühstücken, zur Arbeit fahren, arbeiten, bis Sie wieder müde von der Arbeit nach Hause kommen. Können Sie das wirklich wollen? Mal ehrlich. Würden Sie nicht viel lieber im Bett bleiben? Haben Sie diese Möglichkeit noch nie erwogen, einfach den Wecker auszustellen und sich wieder umzudrehen? Hatten Sie noch nie dieses süße Gefühl, der Wecker klingelt, Sie schrecken hoch, aufstehen – arbeiten und dann der Gedanke, nein, heute ist ja Samstag. Beruhigt und glücklich tun Sie das, was Sie an den übrigen 5 Wochentagen nicht tun können. Sie hauen auf den Wecker und drehen sich wieder um und überlassen sich dem süßen Schlaf, jener Leichtigkeit und Schwerelosigkeit, die so mit dem Alltag kontrastiert. Wovor schrecken Sie eigentlich zurück? Das Aufstehen? Die Arbeit? Das einkaufen? Alles zusammen, nicht wahr? Es sind also nicht diese einzelnen, verschiedenen Tätigkeiten an sich, sondern überhaupt tätig zu sein, tätig zu werden, statt weiter untätig im Bett zu liegen, wovor Sie zurückschrecken. Aber Sie als Subjekt zeichnen sich genau durch Tätigsein aus, durch die Tätigkeit wird aus dem möglichen Subjekt, Agent, Vater etc. ein reales Subjekt, ein wirklicher Mensch. Im Schlaf sind Sie sozusagen ein Subjekt im Standby-Modus. Und genau dieser Standby-Modus ist unser Rückzugsgebiet vor der Last, ein Subjekt zu sein, wir selbst zu sein.

 

mal d’être – Unwohlsein

In den drei beschriebenen Phänomenen versucht Lévinas etwas grundsätzlicheres hervortreten zu lassen, eine condition humaine, das Unwohlsein, das mal d’être, ein Leiden am Dasein selbst, zu sein. So äußerte sich in der Scham ein Bedürfnis, uns selbst, unsere Verletzlichkeit, unseren Körper, an den wir zweifelsohne gebunden sind, zu verbergen. In der Scham wird uns mit einem Male bewusst, wie verletzlich und nackt wir sind, wie sehr wir an unseren Körper und seine Nacktheit gekettet sind, den wir nicht loswerden, aber genau das wünschen wir uns im Augenblick des Sich-Schämens. Wir sind sozusagen allein mit unserer Schande, an uns selbst gekettet, ohne Möglichkeit, uns vor uns selbst zu verbergen, denn es ist weniger die Anwesenheit der anderen, deretwegen wir uns schämen, die Peinlichkeit, sondern dass uns selbst unsere Anwesenheit, unsere Nacktheit und deren Unausweichlichkeit oder Unerbittlichkeit bewusst wird.

Noch reiner tritt dieses Gefühl des Daseins, an sein Sein gekettet, gefesselt zu sein, im Ekel hervor. Wie bereits erwähnt rückt Ihnen der Ekel Ihren Körper, seine Reaktion und dessen Unkontrollierbarkeit, Ihre Ohnmächtigkeit ins Bewusstsein, Ihr Gekettetsein an diesen Körper, Ihr Ausgeliefertsein an den Ekel und den vergeblichen Wunsch, da heraus zu kommen, dieses Sein, an das Sie gekettet sind, loszuwerden. Dieses Sein, das das Dasein in der Scham und im Ekel loswerden will, vor diesem Sein schreckt das Dasein in der Müdigkeit zurück, es will nämlich diese Last des Daseins nicht übernehmen, sondern lieber im Zustand der Schwerelosigkeit verbleiben.

In all’ diesen Phänomenen kündigt sich ein Unwohlsein des Daseins an, das aus seinem Sein heraus will, das einen Ausweg sucht aus seinem Angekettetsein, seinem Ausgeliefertsein oder seiner Ohnmächtigkeit gegenüber seinem Sein, ohne genau zu wissen, wohin dieser Ausweg führt [6]. Dieses Bedürfnis nach Ausweg, Ausflucht beruht nicht auf einem Mangel wie andere Bedürfnisse, z.B. das Bedürfnis seinen Hunger zu stillen, sondern ist ein Bedürfnis, das gerade nicht auf einem Mangel, sondern auf der Anwesenheit, der Präsenz unserer selbst beruht, der Notwendigkeit für uns, als Dasein, unser Sein zu übernehmen. Nicht ein Mangel, sondern die Fülle des Seins lastet auf uns. Im Unwohlsein kündigt sich das Bedürfnis nach einem „Aus-sich-herausgehen“, Exzendenz, an [7].

 

3) Il y a – das Rauschen des Seins

Heidegger hat versucht, uns mit Sein und Zeit für die Verbalität des Seins im Unterschied zum Substanzbegriff zu sensibilisieren, d.h. das Sein zunächst nicht als Seiendes, Vor- oder Zuhandenes west, als Gegenstand oder Substanz, sondern als bestimmte Weise, sein Sein zu sein. Doch was genau ist dieses „Sein“, an dem wir in der Weise des „Wesens“ teilhaben, bzw. das wir in der Weise, wie wir unser Sein sind, übernehmen?

In „Ausweg aus dem Sein“ spricht Lévinas von der elementaren Wahrheit, „daß es Sein überhaupt gibt – Sein, das kostet und lastet“. Im französischen Text steht „qu’il y a de l’être“. Auf diese 3 Worte möchte ich das Augenmerk richten, insofern sie etwas antizipieren, was zu diesem Zeitpunkt so bei Lévinas noch nicht begrifflich vorhanden war, nämlich das Sein als „il y a“ zu verstehen, jedoch nicht als „es gibt“, d.h. als Vorhandenheit, als Seiendes, sondern als das „Wesen“ des Seins selbst, das „es west“. In Vom Sein zum Seienden sucht Lévinas nach einer Erfahrung, die uns einen Zugang zu diesem „es west“ schafft. Diesen phänomenologischen Zugang findet er in dem Phänomen der Schlaflosigkeit, die nicht nur ihn, sondern auch andere Denker wie z.B. Cioran stark beschäftigt. Das Interessante an dieser Erfahrung ist jener Zustand zwischen Bewusstlosigkeit und Bewusstsein, eine Art Halbbewusstsein, wie Sie es alle sicherlich schon mal selbst erfahren haben, wenn Sie für wenige Augenblicke eingenickt sind, aber trotzdem alles um sich herum mitbekommen, Geräusche, Stimmen, ohne dass Sie tatsächlich etwas bestimmtes oder genaues wahrnähmen, sondern es fließt oder rauscht über Sie hinweg. Vielleicht wollen Sie sogar etwas sagen oder tun, aber Sie sind nicht dazu in der Lage. Auch das Zeitempfinden ist in diesem Zustand ein ganz besonderes, 10 Minuten kommen einem leicht wie eine Stunde vor. In diesem Zustand eines Halbwachens sind weder Objekte noch Subjekte, keine Seienden, kein Dasein, das sein Sein übernommen hat. In diesem Zustand haben wir an der anonymen, entpersönlichten Gewalt des Seins teil, an seiner reinen Verbalität, das Sein rauscht sozusagen person- und weltlos an uns vorbei, bzw. reißt uns in seinem Strom mit, ohne dass wir uns dagegen wehren, auflehnen, diesen Strom oder dieses Rauschen aufhalten oder unterbrechen könnten. Dies geschieht erst in dem Augenblick, in dem wir zu Bewusstsein gelangen, d.h. eben in dem Augenblick, da wir dieses Sein auf uns nehmen, darüber Herr zu werden versuchen: wir lösen uns von jedem Objekt, jedem Inhalt, aber etwas west an. Diese Anwesenheit, die hinter dem Nichts auftaucht, ist weder ein Wesen, noch das Funktionieren des Bewusstseins, das sich sozusagen im Leerlauf  befindet, sondern das allgegenwärtige Anwesen des „il y a“, das sowohl die Dinge als auch das Bewusstsein umfasst. Es gibt kein Außen noch ein Innen mehr. An anderer Stelle [8] spricht Lévinas auch vom „anonymen Rauschen“. Diesem Rauschen des „il y a“, dieses wesenlosen Wesens ist das Zu-Seiende, d.h. also das Dasein noch bevor es sein Sein auf sich genommen hat, welches es „zu sein“ hat, ausgeliefert in aller seiner Nacktheit, wie sie uns bereits in den o.a. Phänomenen begegnet ist, nachdem das Dasein dort bereits sein Sein übernommen hatte, für das es sich schämte oder wovor ihm ekelte, bzw. vor deren Übernahme es in der Müdigkeit zurückschreckte. Dieses entpersönlichte, wesenlose Rauschen des il y a, diese entpersönlichende, anonyme Gewalt versucht das Zu-seiende zu fliehen [9]. Welche Fluchtmöglichkeit bietet sich?

 

4) Hypostase

Das Bedürfnis nach Flucht, von dem ich hier spreche, ist nicht identisch mit dem Bedürfnis nach Ausweg, Evasion, von dem ich zu Beginn sprach. Das Bedürfnis nach Evasion als Ausweg aus dem Sein siedelt sich später an. Dazu gleich mehr.

Vergegenwärtigen wir uns jenen Menschen zwischen Bewusstheit und Bewusstlosigkeit im Zustande des Halbwachens, der Schlaflosigkeit. Ab irgendeinem Zeitpunkt wird das Rauschen, das wesenlose Wesen des reinen Seins selbst, darin weder ein Subjekt noch unterscheidbare Dinge sind, unerträglich, unser Herzschlag beschleunigt sich und eine gewisse Beklemmung macht sich bemerkbar, eventuell auch Schweiß, und mit einem Schreck fahren wir hoch, kommen zu Bewusstsein und sind zunächst erleichtert. Was passiert hier? Wir haben diesen Schrecken eines wesenlosen Wesens, eines Seins ohne Welt nicht länger ertragen und taten das scheinbar einzig Mögliche, um diesem „Zustand“ zu entkommen, diesem Schrecken ein Ende zu bereiten, wir kamen zu Bewusstsein, d.h. als Zu-seiende haben wir in einer Initiative, in einem Akt unser Sein wieder auf uns genommen, jene Last, die leichter zu ertragen ist als das wesenlose Wesen. Dies nennt Lévinas die „Hypostase“. Die „Hypostase“ ist die Basis, davon ausgehend das Bewusstsein den anonymen Seinsstrom unterbricht und wodurch ein Seiendes ins Sein gelangt, sich im Sein engagiert, im Augenblick der Hypostase zu sich kommt. Der Augenblick unterbricht das Dauern, die Kontinuität des Stroms. Denken wir an Heraklit. Wir steigen in denselben Strom und doch nicht. Auch wenn der Strom weitergeht, wird er doch an der Stelle, an der ich in ihn hineintreten unterbrochen. Gleichzeitig wird damit noch etwas deutlich. Angesichts des gewaltigen Stroms muss das Dasein, das in diesen Strom hineintritt, um sein Sein zu sein, enorme Kräfte aufbringen, um dieser Last, Gewalt standzuhalten. Das Ende des Schreckens erkauft sich das Dasein mit einer ungeheuren Last, mit Einsamkeit und Versklavung, unauflösbarem Gekettetsein an sein Sein, das es im Augenblick der Hypostase, d.h. als es in den Strom hineintritt, um ihn zu unterbrechen, auf sich nimmt.

Es ist diese Last, dieses unerbittliche an sich selbst, sein Sein, Gekettetsein, diese ungeheure Einsamkeit, die uns verzweifeln lässt und jenes Bedürfnis, von dem zu Beginn die Rede war, das Bedürfnis nach Evasion, nach Ausweg aus dem Sein, bzw. jenes Phänomen des Unwohlseins, des Ekels hervorbringt, darin wir dieser Last entgehen, uns von dieser Verkettung, Versklavung befreien wollen und nach Auswegen suchen. Aber wo?

 

5) Barbarei

Eine Alternative zum Ausweg, zur Evasion, diskutiert Lévinas intensiv in einem Artikel, der prophetisch die historischen Ereignisse in Deutschland nach 1933 antizipiert. Erzeugt das unausweichliche An-sich-selbst-gekettet-sein, jene Versklavung und Unfreiheit das Bedürfnis nach Freiheit, ein Aufbegehren gegen solche Verkettung des Ich mit dem Sich, des Daseins mit seinem Sein, so besteht auch die Möglichkeit, solche Verkettung zu akzeptieren, sie als Schicksal hinzunehmen, sich darin einzurichten, es sich darin „gemütlich“ zu machen. Obwohl Lévinas diesen Begriff nicht verwendet, scheint er mir doch genau das Phänomen zu treffen, welches er vor Augen hatte. Eine unwirtliche Landschaft und klimatische Zone, ein Dasein, gebeugt von Sorge und Last, schlaflose Nächte, Depressionen, Melancholie, mit einem Wort: die deutsche Romantik schlechthin. Statt sich zu empören, zu rebellieren, macht sie sich die Verklärung zur Aufgabe. Nicht jedoch wie das Apollinische [10] nur, um das Dasein, seinen dunklen Grund zu ertragen, sondern um sich in dieser Unwirtlichkeit des Seins, in seinem Dasein einzurichten, es sich darin gemütlich zu machen. Es ist kein Zufall, dass das deutsche Wort „gemütlich“ zu jenen Begrifflichkeiten gehört, die sich in keiner anderen Sprache adäquat wiedergeben lassen. Damit allein ist nicht nur das Komfortable oder Bequeme angesprochen, sondern das Gemüt selbst. Was ist das so angesprochene Gemüt? Wie ist es ihm im Sein, dass man füglich von „gemütlich“ reden kann, ohne es abwertend zu meinen? „Gemütlich“ ist wohl jene Lage, in der einen nichts treffen kann, was auf das Gemüt schlägt, es niederdrückt, bedrückt. In der „Gemütlichkeit“ ist das Dasein in einer Lage, bzw. hat es sich in eine Lage gebracht, da es nichts bedrücken, auf es schlagen kann. Diese Lage hat sich das Dasein in der Heimlichkeit seines Hauses eingerichtet, in seinem „Daheim“. Dieses „Daheim“ des Daseins hat seine Befindlichkeit in der „Gemütlichkeit“. Es ist die private, persönliche, heimliche Sphäre der ausgeschlossenen Öffentlichkeit, des ausgeschlossenen Dritten, darin ein anderer, Fremder keinen Platz hat, stört, auf’s Gemüt schlägt. Auf nichts freut sich das gemütliche Dasein so sehr, wie darauf „Heim“ zu kommen. Dieses „Heimkommen“ entlastet das Dasein von der Last, aller Bedrückung und erlaubt es ihm so, sich im Dasein ein „Daheim“ zu schaffen, das ihm das Sein erträglich, „gemütlich“ macht. Das es diesen Begriff nur im Deutschen gibt, bedeutet nicht, dass dieses Phänomen des „Daheims“ und der Befindlichkeit der „Gemütlichkeit“ auf Deutschland beschränkt sind. Eine Trennung der Privatsphäre von der öffentlichen ist ein normaler Prozess der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung. Auch dass diese Privatsphäre ein geschützter Rückzugsraum ist, trifft für alle Gesellschaften, in denen eine derartige Ausdifferenzierung stattgefunden hat, zu. Aber als spezifisch deutsch kann wohl die „Innerlichkeit“ bezeichnet werden, in der diese Befindlichkeit verankert ist, im Gemüt selbst. Diese Innerlichkeit ist es auch, die eine Infragestellung der „Gemütlichkeit“, bzw. des Daseins selbst verhindert. Sie ist uns zur zweiten Natur geworden, bzw., wie Pascal es ausdrücken würde, inzwischen zur ersten Natur. Damit aber auch die Exklusivität der Beziehungen, die eine solche Gemütlichkeit zulässt. In ihr empfangen wir keine Fremden, die als Eindringlinge, Störenfriede unheimlich und unwillkommen sind. Eintritt wird nur Vertrauten, Heimischen gewährt, die die  Heimlichkeit teilen. Mit diesen verbindet eine Komplizität, ein Geheimnis, das es zu wahren gilt. Nichts ist schlimmer als ein Verräter dieser Heimlichkeit, ein „Nestbeschmutzer“, jener, dem als Heimischer Einlass in die Heimlichkeit des „Daheims“ gewährt wurde und sich im Verrat des Geheimnisses als Eindringling, unwillkommener Gast erwies. Da kann „man“ dann schon „ungemütlich“ werden, d.h. die Heimlichkeit wird verlassen und der Krieg beginnt. Dieser wird dann umso unerbittlicher. Wer die „Gemütlichkeit“ des „Daheims“ infrage stellt, ihr Geheimnis verrät, wird zum Fremden, Eindringling, der ausgetrieben werden muss, nämlich dorthin, wo er herkommt.

Solche „Gemütlichkeit“ des „Daheim“ bezeichnet Lévinas als Barbarei, da sie alle Fremden, anderen ausschließt, als unwillkommene Eindringlinge betrachtet, die die Heimlichkeit infrage stellen, die Art und Weise, wie das Dasein es sich in seinem Sein eingerichtet hat und darin nur Platz für Einheimische ist. Es ist das Aufgeben der Idee der Freiheit, das Akzeptieren der Versklavung, Verkettung an das Sein, die Lévinas auch das „mal élémental“ nennt, das elementale Böse in Anlehnung an das radikale Böse bei Kant, nämlich sich in der Unfreiheit in seinem Element zu fühlen.

 

6) Freiheit

Kommen wir aber zum Idealismus und zur Freiheit zurück. Die Erfahrungen des Unwohlseins, der Scham, des Ekels zeigen eben das im Dasein selbst angelegte Aufbegehren (révolte) gegen das Sein, gegen seine Übernahme, d.h. ein ebenso ursprüngliches, noch ursprünglicheres Verlangen entgehen? nach dem Anderen des Seins, anders als Sein, einem Ausweg aus diesem. Dieses Verlangen hat seinen philosophischen Ausdruck im Idealismus als Versuch, über das Sein hinauszugehen zu dem, was nicht mehr Sein wäre, auch wenn diese Versuche nach Lévinas gescheitert sind, insofern der Idealismus darum bemüht sei, dem Idealen eben Wirklichkeit, Sein zu verleihen. Aber gerade diesem Anspruch des Idealismus will Lévinas gerecht werden, einen neuen, anderen Ausweg eröffnen, der nicht wieder beim Sein ankommt. Was ist möglich? Welche Auswege versucht das Dasein, um am Ende doch noch glücklich zu werden, der Einsamkeit und Verzweiflung zu

 

a) Lust

Da wäre zunächst die Lust, die sinnliche, besonders sexuelle Lust (plaisir). Wir befinden uns philosophiegeschichtlich sozusagen am Horizont des Hedonismus. Ich glaube, dieses Phänomen ist Ihnen allen so bekannt, dass ich mir hier eine genauere Beschreibung sparen kann. Aber vielleicht einige Worte Lévinas’ [11].

Doch haben wir nicht alle die frustrierende Erfahrung nach der Befriedigung der körperlichen Lust gemacht, dass wir wieder zu uns selbst zurückkommen, uns erschöpft, entleert zur Seite drehen, vielleicht noch der Griff zur Zigarette, dass aus der scheinbaren Auflösung, Verschmelzung wieder zwei hervorgehen, wir wieder zur Besinnung kommen, zu uns, wie aus einem Rausch? An dieser Stelle könnte man auch sicherlich die Wirkung von Drogen anführen, die eine ganz ähnlich Flucht bewirken sollen und ebenso scheitern. Der Hedonismus ist zum Scheitern verurteilt, weil er nur einen momentanen Ausweg, eher wohl eine Ablenkung von uns bewirkt, keinesfalls aber eine Befreiung von der Versklavung an  das anonyme Sein, das wir auf uns geladen haben. Aber dennoch ist hier etwas wichtiges passiert. Zum ersten Mal begegnen wir dem Anderen, wenn auch noch nicht in hervorgehobener, herausragender Position. Dies deutet sich erst mit der Publikation der vier Vorlesungen an, die 1947 entstanden sind und unter dem Titel „Die Zeit und der Andere“ veröffentlicht wurden, d.h. also dass die Kriegsjahre in gewisser Weise eine Zäsur im Denken Lévnias darstellen, bzw. eine Neuorientierung derselben Suche, die mit Totalität und Unendliches zu einem radikaleren Perspektivwechsel führt. In Die Zeit und der Andere verbleibt Lévinas noch am Fragehorizont Heideggers, nämlich eines Daseins, das sich sorgt, jedoch nicht mehr um sein Sen, sondern darum, wie es aus diesem Sein herauskommt, d.h. um Freiheit und Glück sorgt, denn die Erfahrungen des Unwohlseins, Ekels etc. sind allesamt Unglückserfahrungen, und ebenso wie Heidegger steht Lévinas auch in einem eudaimonistischen Horizont, d.h. es ist ihm wesentlich um die Glückseligkeit des Daseins zu tun.

 

b) Weiblichkeit

Bereits mit der Lust deutete sich der Andere zaghaft als Richtung eines Auswegs an. In Die Zeit und der Andere wird aus Lust Liebe (eros) und der Ausweg in der Weiblichkeit gesucht. Im Gegensatz zu den Dingen der Welt, dem innerweltlichen Zeug etc., das wir uns in der Arbeit, in unserem Engagement aneignen können, stellt die Weiblichkeit eine unüberwindbare Andersheit dar und zumindest die männlichen Zuhörer wissen, wovon ich rede. Es ist insbesondere die weibliche Schamhaftigkeit (pudeur), nicht zu verwechseln mit der Scham (honte), die sich einem Zugriff, einer Aneignung entzieht und die Andersheit bewahrt. In ihr entfremdet sich das Subjekt als Männlichkeit (virilité), ohne sich im anderen wiederzufinden und so seine Andersheit aufzuheben. Diese Beziehung ist wesentlich asymmetrisch und beruht nicht auf der Präsenz des Anderen, sondern seiner Absenz. Allerdings bietet diese Beziehung zur Weiblichkeit dem ‘Ich’ nicht die Möglichkeit ‘Ich’ zu bleiben.

 

c) Vaterschaft

Eine derartige Beziehung zur Andersheit stellt erst die Vaterschaft (paternité) dar, die Beziehung des Vaters zum Sohn. Der Sohn ist sein eigenes, nicht Werk seines Vaters. Dennoch verbindet den Vater eine Nähe (proximité) mit dem Sohn, die dessen Andersheit nicht aufhebt, aber dem Vater ermöglicht, er selbst zu bleiben. Die Vaterschaft zeichnet sich hier also als die existenziale Möglichkeit einer geschichtlichen Gemeinschaft ab, darin nicht die Symmetrie, Identität, verbindend wirkt, sondern die Asymmetrie, die Nicht-Identität, die so die Andersheit des Anderen respektiert, wahrt, in ihr ihren Ursprung erkennt. Dabei bedeuten Männlichkeit, Weiblichkeit und Vaterschaft für Lévinas keine geschlechtsspezifischen Zuschreibungen, die so Andersheit in ein dialektisches Spiel verwickeln, sondern eine phänomenale Annäherung an existenziale Grundmöglichkeiten in der Beziehung zur Andersheit, deren ultimer Horizont die Beziehung zum Ganz-Anderen, zu Gott ist, die je nur Nähe, nie Teilhabe sein kann, weil diese immer innerweltlich ist. Diesen Ansatz hat Derrida als „androzentrisch“ kritisiert, d.h. Lévinas scheint an vielen Stellen dem Männlichen einen ontologischen Vorrang einzuräumen (darauf deutet der dahingehende Gebrauch der Begriffe il und  paternité) [12].

 

7) Resümee und Ausblick

Fassen wir kurz zusammen. Aus Heideggers Sorge um das eigene Sein wird die Sorge um den Ausweg aus eben diesem Sein, weil es eine erdrückende Last, Verantwortung ist. Der Lastcharakter gründet zuletzt in der Anonymität, Unpersönlichkeit und Omnipräsenz des Seins, dem wir zunächst nur dadurch entgehen, dass wir es auf uns laden, es übernehmen. Aber auch diese Übernahme erweist sich als Last, die uns erdrückt und vor der uns ekelt. Die Suche nach einem Ausweg führt über Konsum, Aneignung der Welt, die uns wesentlich einsam lässt, hin zur Lust und dann zur Weiblichkeit als erster Gestalt der Andersheit, d.h. einer radikal asymmetrischen Andersheit, die nicht zum „Nächsten“, „Gleichen“ werden kann, sondern sich solcher „Gleichmacherei“ ebenso entzieht wie dem Versuch einer Aneignung. Allerdings erweist sich auch diese Beziehung zur Andersheit als Misserfolg, da sich das Ich hier entfremdet. Eine Beziehung zum Anderen ohne Entfremdung ist erst in der Vater-Sohn-Beziehung möglich. Diese wäre der Horizont des Glücks, der Ausweg aus dem Sein, dem Leiden und der Einsamkeit. Dennoch bleibt hier ein Rest von Sorge um das eigene Sein und sei es nur als Sorge um den Ausweg aus dem Sein.

Erst das Trauma des Übriggebliebenen nach dem Holocaust bewirkt letztendlich eine radikale Wendung im Ansatz Lévinas’ [13]. Die eudaimonistische Perspektive weicht einer Schuld-Perspektive, nämlich einer nicht wieder gut zu machenden Schuld, derjenige überlebt zu haben. In dieser Schuld, gegenüber dem anderen, stehen wir und wir müssen ihr antworten, Verantwortung übernehmen, nicht mehr für das Sein unseres Daseins, sondern den Anderen. Diese Wende vollzieht sich mit Totalität und Unendliches. Der Schuldbegriff sowie der Verantwortungsbegriff rücken hier zunehmend ins Zentrum.

 

Anmerkungen:

[1] Chassidismus kommt vom hebräischen Wort chassidim, „Fromme“ und bezeichnet verschiedene, voneinander unabhängige Bewegungen im Judentum. Gemeinsam ist diesen Bewegungen der hohe Standard religiöser Observanz und Moral sowie eine besondere Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung gefunden hat. Zugleich handelte es sich um eine bedeutende Bewegung vornehmlich in Osteuropa begründet von Israel Ben Elieser (1700-1760, genannt Baal Schem Tow), die zu Frömmigkeit und Mystik (Kabbala) neigte und gegen die sich Lévinas stets wandte.
[2] Quelques Réflexions sur la philosophie de l’hitlérisme, Paris 1934, dt. 2006 ; De l’évasion, Paris 1935, dt. 2005 ; Le Temps et l’autre, Paris 1947, dt. 1984 ; De l’existence à l’existant, Paris 1947, dt. 1997.
[3] „Die oft anhaltende, ebenmäßige und fahle Ungestimmtheit, die nicht mit Verstimmung verwechselt werden darf, ist so wenig nichts, daß gerade in ihr das Dasein ihm selbst überdrüssig wird. Das Sein des Da ist in solcher Verstimmung als Last offenbar geworden. […] …Lastcharakter des Daseins.“ Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen, 16. Aufl., 1986, S.134.
[4] „Die Scham tritt immer in den Augenblicken auf, in denen es uns nicht gelingt, unsere Nacktheit zu vergessen. Sie steht in Bezug zu allem, was wir gerne verstecken würden und was sich nicht verbergen läßt. Der schüchterne Mensch, der nicht weiß, wohin mit seinen Armen und Beinen, ist letztlich nur unfähig, die Nacktheit seiner physischen Anwesenheit durch seine moralische Person zu verdecken. […] So äußert sich in der Scham eben genau diese radikale Unmöglichkeit, vor sich zu fliehen, um sich vor sich selbst zu verbergen, daß wir an uns selbst gekettet sind, daß das Ich der Anwesenheit seiner selbst gnadenlos ausgesetzt ist. Die Nacktheit ist beschämend als Bloßstellung unseres Seins, seiner tiefsten Intimität.“ Emmanuel Lévinas,  Ausweg aus dem Sein, Hamburg 2005, S. 39-41
[5] „Und diese Verzweiflung, dieses Gekettet-Sein bildet die ganze Angst des Ekels. Im Ekel, der eine Unmöglichkeit bedeutet zu sein, was man ist, ist man zugleich an sich selbst gekettet, eingeschlossen in einem engen Kreis, der erstickt. Man ist da und kann nichts mehr machen, noch etwas der Tatsache hinzufügen, daß wir gänzlich ausgeliefert sind, daß alles aufgebraucht ist: es ist die Erfahrung des reinen Seins selbst, die wir seit dem Beginn dieser Arbeit angekündigt haben. […] Die Erfahrung des reinen Seins ist zugleich die Erfahrung seines inneren Antagonismus und der Evasion, die sich aufdrängt.“ Ibid., S.49
[6] „Das Unwohlsein tritt als Weigerung zu verbleiben auf, als Anstrengung, aus einer unerträglichen Lage einen Ausweg zu finden. Was jedoch den eigentümlichen Charakter ausmacht, ist die Unbestimmtheit des Ziels dieses Auswegs, die als positive Eigentümlichkeit hervorgehoben werden muß. Es ist der Versuch einen Ausweg zu finden, ohne daß man weiß, wohin dieser führt und dieses Unwissen bestimmt das Wesen selbst dieses Versuchs.“ Ibid., S.27
[7] „Den Grundton dieses Themas bildet ein Verlangen – man möge diesen Neologismus nachsehen - nach Exzendenz. Dem Verlangen nach Evasion erscheint das Sein nicht nur als Hindernis, das ein freies Denken zu überwinden hätte, noch als Starrheit, die zur Routine einlädt und nach einer Anstrengung der Originalität verlangt, sondern als Gefängnis, dem es zu entkommen gilt.“ Ibid., S.15.
[8] Emmanuel Lévinas, De l’existence à l’existant, Vrin 1990, S.48.
[9] „Die Unpersönlichkeit ist das ganze Gegenteil der Bewusstlosigkeit; sie beruht auf der Abwesenheit des Meisters, darauf, dass Sein ist, ohne dass bereits jemand dieses Sein auf sich genommen hätte.“ Ibid., S.111-112
[10] Das Apollinische hat bei Nietzsche die Funktion als schöner Schein den dionysischen Grund der Dinge, den rauschhaften Grund, erträglich zu machen. Vgl. Die Geburt der Tragödie, I., S. 29 ff. in Sämtliche Werke, Band 1, 1980 Berlin/New York.
[11] „Die fortschreitende Bewegung bildet eines der charakteristischen Merkmale dieses Phänomens, das nichts weniger als ein simpler Zustand ist. Diese Bewegung strebt nicht auf ein Ziel hin, weil sie kein Ziel, kein Ende hat. Es ist gänzlich in einer Erweiterung seiner Amplitude, die wie die Verflüchtigung, die Erstarrung unseres Seins ist. Auf dem Grunde der beginnenden Lust öffnen sich gleichsam immer tiefer reichende Abgründe, in die sich unser Sein, das keinen Halt mehr hat, besinnungslos hinabstürzt. Im Werden der Lust ist etwas Schwindelerregendes. Leichtigkeit oder Feigheit. Wie in Trunkenheit hat das Sein das Gefühl, sich seiner Substanz zu entleeren, sich zu erleichtern und zu zerstreuen. [...] Wir können also in der Lust eine Aufgabe, einen Verlust des Selbst, einen Ausweg aus sich selbst, eine Extase feststellen, alles Merkmale, die das Versprechen nach Evasion beschreiben, das das Wesen der Lust enthält.“ Ausweg aus dem Sein, op. Cit., S.33
[12] In : Jacques Derrida, „Violence et métaphysique – Essai sur la pensée d’Emmanuel Levinas“ in ders.: L’écriture et la différence, Seuil 1967.
[13] „Dem Andenken derjenigen unter den 6 Millionen von den Nationalsozialisten Ermordeten, die mir am nächsten standen neben jenen Abermillionen Menschen aller Konfessionen und Nationen, die Opfer desselben Antisemitismus, desselben Hasses des Anderen wurden.“
Widmung in Emmanuel Lévinas, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg 1992.

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