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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 1
Das Hessische Landestheater zeigt vier zeitgenössische Theaterstücke deutschsprachiger Autoren – ein risikoreiches Unterfangen für ein kleines Theater, das um seine Zuschauer, die – so hat es gelegentlich den Anschein – eher die bekannten als die unbekannten Stücke sehen wollen, kämpfen muss. Dass das HLTH Texte von Lukas Bärfuss, Martin Heckmanns, Marius von Mayenburg und Theresia Walser auf die Bühne des TASCH bringt, verdient Anerkennung und Zuschauerinteresse. Längst gehören diese Autoren zu den arrivierten Theaterschreibern, deren Stücke auf den großen und mittleren Bühnen aufgeführt werden. Und auch in Marburg müssten sie jetzt nach dem langen Premierenabend mit vier gelungenen Inszenierungen „angekommen“ sein. Der Abend mit dem eigenartigen Titel „2 CK“ – das Geheimnisvolle des Namens soll hier unaufgelöst bleiben – zeigt, wie vielschichtig moderne Dramen sein können und welche Inszenierungsmöglichkeiten sie enthalten.
Erika
Regina Leitner
Hermann
Nicolas Deutscher
Jasmin
Ulrike Knobloch
Die Dicke Anne
Berg
Karl
Peter Meyer
Anton
Daniel Sempf
Inszenierung und Ausstattung Karl Georg
Kayser
Dramaturgie
Annelene Scherbaum
Noch bevor die Scheinwerfer aufleuchten, hört man die Geräusche eines fahrenden Busses, in die sich der grölende Gesang des Schlagers „Hier ist ein Mensch, / schick ihn nicht fort, / gib ihm die Hand …“ mischt. Dann, wenn die Lampen angeschaltet werden, sieht man ein Podest vor der dunklen Bühnenrückwand, die von einem helleren blauen Streifen – einer Kirchenfensterwand nicht unähnlich – durchzogen wird. Eine junge Frau, Erika, wird vom Busfahrer Hermann grob auf die Bühne gestoßen. Sie schreit ihn an: „Wenn ich morgen früh nicht in Tschenstochau bin, gibt es ein Unglück.“

Höchst dramatisch also beginnt Bärfuss´ Stück. Religiöse Überzeugung und religiöser Übereifer treffen auf Unverständnis und Ablehnung beim Busfahrer und den anderen Fahrgästen, und es entsteht ein gefährliches Gebräu aus unvereinbaren Überzeugungen, das zu Drohungen, Einschüchterungsversuchen, Gewaltübergriffen, Unglück und schließlich Tod führt.
Erika behauptet, sie sei versehentlich, aus Übermüdung, in den falschen Bus gestiegen, nicht in den Pilgerbus, sondern einen Bus, der Erholungssuchende in ein Kurhotel in den Bergen bringen soll. Als der Busfahrer, recht spät erst, den Irrtum bemerkt, verlangt er, dass die Polen-Pilgerin aussteigt und zurückbleibt. Erika wehrt sich und besteht darauf weiterzufahren, nach Tschenstochau gebracht zu werden. Wie eine unzeitgemäße Heilige ist sie von ihrer göttlichen Sendung, die keine Widerstände gelten lässt, erfüllt. Auch als ihr Hermann in seiner Grobheit und Brutalität die Hand bricht, lässt sie sich von ihrem Pilgerauftrag nicht abbringen.
Das Stück – und die Inszenierung von Karl Georg Kayser unterstreicht das – bewegt sich zwischen Ernst und Komik, grotesker Übertreibung und Überzeichnung der Situationen und Figuren. Der Bus, so zeigt sich, ist ein Todesbus voller „Mühseliger“ und „Beladener“: Kranker, Debiler, Randfiguren der Gesellschaft. Und der Busfahrer selbst ist jemand, der zwischen seinem alltäglichen Fahrerverhalten und seinen wahnwitzigen Ideen voller Gewalt und religiöser Wunschvorstellungen und einer heimlichen Sehnsucht nach irgendeiner Erlösung hin- und herschwankt. Die Busfahrt wird zu einer Metapher für eine Fahrt aus einem Leben jenseits des Glück irgendwohin, und die Pilgerin zu einem Schicksals-Zufall für die Businsassen. „Ich muss unbedingt zur Schwarzen Madonna, sonst gibt es ein Unglück“ enthüllt sich bald als der dunkel-prophetische Satz einer Frau, die in ihrer fanatischen „Heiligkeit“ Gewalttaten auslöst und alle aus der Bahn wirft.

Die anderen Fahrgäste sehen in Erika, von Regina Leitner als glühend-überzeugte Christin beeindruckend gespielt, eine Störenfriedin, die „ausgemerzt“, umgebracht werden soll. Im letzten Augenblick kann sie entkommen, flieht zu einem etwas komischen, „schrägen“ Tankstellenwart, erkennt bei einem deftigen Saufgelage, als sie seine wohltuende körperliche Nähe spürt, die Verschrobenheit ihrer Tschenstochau-Pläne, gibt sie auf und beschließt, bei dem Tankstellenbesitzer zu bleiben.
Noch einmal wird sie von dem Busfahrer „heimgesucht“. Er hat den Bus, vielleicht aus religiösen Wahnvorstellungen heraus, in eine Bergschlucht gelenkt: Alle sind umgekommen, er allein konnte sich schwer verletzt retten. Er, der vorher die junge Frau mit Gewalt von der Polenreise abgehalten hat, will jetzt im Angesicht des eigenen Todes selbst nach Tschenstochau pilgern: eine verrückte Verkehrung der Verhältnisse des Anfangs.

Aber Tschenstochau, so zeigt die absurd-groteske Schlussszene der Aufführung, kann niemandem Rettung oder Hilfe oder Heil bringen. Alle Figuren sind mit Holzkreuzen vor einem Altar in der Pilgerstadt aufgereiht. Zu einer Andachtsszene kommt es allerdings nicht. Im Gegenteil: Ein Wortgefecht entsteht, bald prügeln sich alle und schreien durcheinander: Ruhe und Frieden wie im Himmel gibt es auf Erden, und sei der Ort noch so heilig, nicht. Tschenstochau ist nichts als eine Worthülse, eine Metapher der Leere und des falschen Scheins, das Ende einer Pilgerfahrt in die Vergeblichkeit und die falsche Utopie.
Kaysers Inszenierung transportiert durch ihre grotesken Momente eine unüberhörbare Botschaft: Heilige schüren mit ihren Totalitätsansprüchen Konflikte, Heiligkeit mit ihrem zynischen und egozentrischen Fanatismus führt zu Tod und Unglück. Die Alternative – ob Erika das mit dem Tankwart gelingt, lässt die Aufführung mehr als offen – könnte eine Hinwendung zum Du sein. „Für die Menschen“, so Bärfuss in einem Interview, „ist nicht Gott die Herausforderung, sondern die anderen Menschen.“ Möglicherweise enthalten diese Worte allerdings ähnlich viel an nicht erfüllbarer Utopie wie der Satz: „Ich muss nach Tschenstochau, sonst gibt es ein Unglück.“
Lukas Bärfuss, 1971 in Thun / Schweiz geboren, wurde für dieses Stück, das im Jahre 2004 am Thalia-Theater in Hamburg uraufgeführt wurde, mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis 2005 ausgezeichnet.
Helen
Christine Reinhardt
Pia
Franziska Knetsch
Giorgina
Juliane Nowak
Inszenierung und Ausstattung Anna-Lena
Kühner
Dramaturgie
Jürgen Sachs
Zwischen Bärfuss´ Anti-Utopietext und Walsers „Warten-auf-Godot“-ähnlichem Stück gibt es Parallelen. Wie dort eine Frau als „Heilige“ sich selbst und die anderen erlösen will, wollen sich auch hier zwei Frauen, Pia und Helen, erlösen, sich selbst und die Welt von ihnen erlösen. Die Welt soll durch sie als hell lodernde Fackeln auf zwei Scheiterhaufen aus ihrer Lethargie aufgerüttelt, gemahnt und gebessert werden.

Auf der Bühne stehen zwei Leitern, ihre Scheiterhaufen: eine ist mit Helens rotem Band geschmückt, an der anderen hängt Pias grauer Rucksack. Helen sieht ihrem Tod enthusiastisch entgegen, kann ihr Abbrennen nicht erwarten, drängt immer wieder zur Tat. Pia dagegen zögert, hat Einwände, ist skeptisch, kennt eine „Liste letzter Dinge“, die noch bedacht werden müssen: Ist der Abstand zwischen den Scheiterhaufen richtig? Stört die Flugasche des einen Scheiterhaufens auch nicht die Freundin? Werden sie beide gleich gut brennen?
Christine Reinhardt und Franziska Knetsch verkörpern die beiden Frauen überzeugend, die unterschiedlich in ihrem Wesen und doch „Schwestern im Geiste“ durch ihren grotesk-absurden Scheiterhaufen-Plan sind. Christine Reinhardt, in einem rot, später grün geblümten Kleid, spielt Helen als exaltierte, „aufgedrehte“ Frau, die ständig in ihrem Kleiderkoffer herumkramt, um sich fürs Sterben aufzutakeln. Franziska Knetsch, in braunem Pullover und grauem Rockkleid, ist ihr Gegenpart, verheiratet mit einem lebenslänglich Inhaftierten, vereint mit Helen offensichtlich schon seit vielen Jahren in einer Art Hassliebe: Knetsch und Reinhardt – ein „starkes Paar“ auf der Bühne des TASCH.

Walsers Stück ist eine „schwarze“ Komödie, die eine eigene künstliche Bühnenwirklichkeit schafft, und bei der den Zuschauern das Lächeln auf den Lippen gefriert. „Wenn alle Erlöser die Welt von sich erlösen würden, wäre es eine andere Welt“. Es sind solche absurden, sprachwitzigen Formulierungen und die überdeutlichen Anleihen bei Beckett, die dem Stück eine besondere Qualität geben. – Die beiden Frauen warten auf den Inquisitor, der alles erklären und lösen könnte. Aber er erscheint nicht. Stattdessen tritt zweimal – wie der Knabe bei Beckett – eine geheimnisvolle Giorgina auf. Helens und Pias Erlösungsdrang findet in ihr schließlich ein Opfer. Ihr Wahn schlägt in blinde Gewalt um. Sie glauben, Giorgina gehöre zu einem Fernsehteam, das sie ausspionieren und ihren Tod filmen will, fallen über sie her und erdrosseln sie. Das Schlussbild zeigt zwei Frauen mit verklärten, seligen Gesichtern, die eine Tote in ihrem Schoß halten. – Mit Walsers Stück hat das Hessische Landestheater Marburg eine interessante Aufführung in seinem Programm.
Theresia Walser wurde 1967 geboren. Ihre vielen Theaterstücke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Liste der letzten Dinge wurde 2006 am Bayerischen Staatsschauspiel in München uraufgeführt.
Ein junger
Mann
Sascha Oliver Bauer
Pianist
Oliver Blüthgen
Inszenierung und Ausstattung David
Gerlach
Dramaturgie
Mareike Götza
Heckmanns Stück wurde vor zwei Jahren im Rahmen der „Kinder- und Jugendtheaterwoche“ in Marburg in einer Inszenierung des Saarbrücker „theater überzwerg“ aufgeführt, in der eine Mischung aus Film und Theater die Zuschauer beeindruckte. Regisseur David Gerlach geht in seiner Inszenierung am HLTH einen anderen Weg. Er setzt ganz auf das facettenreiche Spiel von Sascha Oliver Bauer, der einen jungen Mann verkörpert, der an sich selbst ein Paket geschickt hat, um die Postbotin zu treffen, in die er verliebt ist. Es ist der armselige Versuch einer Kontaktaufnahme, um dem Alleinsein und der Einsamkeit zu entfliehen. Ein kleines Fenster in seinem Zimmer, hoch oben an der Wand, symbolisiert den Raum der Abgeschlossenheit und des Eingeschlossenseins, in dem der junge Mann mit seinen Hoffnungen und Sehnsüchten lebt.

Er wartet auf den Klingelton, der die Postbotin ankündigt. Die Zeit bis dahin füllt er mit einem Spiel um erste Worte und Sätze, um sie kennenzulernen. Das reicht vom einfachen „Hallo“ über Namen, ein Gespräch über das Wetter und die Kindheit bis zu tiefschürfenderen Themen und immer – das ist der Albtraum des schüchternen jungen Mannes – weiß er bereits, wie alles ausgehen wird, warum es nicht klappen wird, was die Postbotin antworten könnte, welche Fehler er machen und wie das erste Zusammentreffen im grauen Alltagsnichts enden wird. Heckmanns führt in komischen und sprachwitzigen Szenen vor, wie der Einsame um sich selbst kreist und sich so aus dem Bann seiner Einsamkeit nicht lösen kann. Der Titel des Stücks ist auch als Sprachspiel zu verstehen: Jemanden ansprechen ist für den jungen Mann wie Finnisch sprechen, das er natürlich nicht beherrscht. Außerdem erweckt der Titel Assoziationen zum englischen Wort finish. – Das Ende des Stücks lässt die Fragen, die der Text aufwirft, unbeantwortet. Denn als es wirklich klingelt, „fällt der Vorhang“.

Getragen wird Sascha Oliver Bauers lebendiges Spiel auch vom Pianisten Oliver Blüthgen, der in Stummfilmbegleitmanier den einzelnen Situationen kongeniale Töne und Melodien unterlegt. Durch das Klavierspiel enthält das Stück etwas Leichtes. Wenigstens auf der Ebene der Kunst, so scheint es, werden die kleinen Hoffnungen und Wünsche des jungen Mannes erfüllt.
Martin Heckmanns wurde 1971 in Mönchengladbach geboren. 2002 wurde er in der Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsautor des Jahres gewählt. Für Finnisch erhielt er den Kulturförderpreis des Kreises Herford.
Lette, der
Hässliche
Matthias Zeeb
Fanny, seine Frau, u. a. Rollen
Franziska Endres
Karlmann, Lettes Assistent, u. a.
Rollen
Florian Federl
Scheffler. Lettes Chef, u. a.
Rollen
Bastian Michael
Inszenierung und
Ausstattung
Uta Eisold
Dramaturgie
Michael Pietsch
Wer bin ich? Bin ich mein Gesicht? Wie wichtig ist das Aussehen eines Menschen? Woran macht sich Identität fest? – Diese und ähnliche Fragen nach dem, was einen Menschen ausmacht, stellt das Stück mit dem etwas plakativen Titel Der Hässliche. Lette wird mit einem Male – alles bricht wie aus heiterem Himmel über ihn herein – im Beruf wie zu Hause mit dem Vorwurf, ein „Hässlicher“ zu sein, konfrontiert. Er erkennt sofort, dass das seiner Karriere maßlos schadet. Wie also geht ein selbstbewusster junger Mann damit um? Welche Rolle soll und darf das Äußere in seinem beruflichen wie privaten Leben spielen?

Die Ereignisse überschlagen sich: Er unterzieht sich einer Schönheitsoperation, erhält ein völlig neues Gesicht, wird zum bestaussehenden Mann überhaupt, reißt für sich und seinen Betrieb alle Türen und Tore auf, so dass die Aufträge und Verkaufszahlen nur so in die Höhe schnellen, wird selbst zum Verkaufsschlager schlechthin. Aber es ist wie immer: Ruhm und Erfolg haben ihre Kehrseite. Andere kommen auf die gleiche Idee und bald laufen ihm immer mehr gesichtsidentische Männer über den Weg. Seine Frau ist „verwirrt“, weiß nicht mehr, mit wem sie verheiratet ist und wendet sich seinem schärfsten Konkurrenten zu, der mittlerweile auch durch eine Operation zu dem schönen Lette-Gesicht gekommen ist.
Als die Situation um Lette immer unübersichtlicher und chaotischer wird, weiß er nicht mehr ein noch aus. Es bleibt ihm nur eins: Er steigt ins 25. Stockwerk eines Hochhauses, um von dort hinunterzuspringen und seinem Allerweltsgesicht, zu dem es mittlerweile geworden ist, für immer zu entkommen. – Die Marburger Aufführung endet mit einem spannungsreichen Bild: Auf dem Dach des Hochhauses steht Lette, unten stehen Lette-Imitationen; alle tragen Lettemasken und sprechen mit sich selbst, als beschwörten sie falsche, leere Zauberformeln: ich, mich, und ich, oder wie, ich.

Uta Eisold hat aus von Mayenburgs origineller Sprach- und Spielvorlage eine temporeiche, oft komische, gelegentlich auch nachdenkliche, immer kurzweilige Aufführung gemacht, die den Schönheitsmassenkult unserer Tage vorführt und entlarvt. Sie führt den Text zu wahrhaft grotesken Höhen und scheut nicht davor zurück, Slapstick als Slapstick vorzuführen. Das Ensemble, dem ein Lob zu zollen ist, folgt ihr bedingungslos. Die Schauspieler spielen überdreht, verknäulen sich in aberwitzigen Verrenkungen – die Liebesszenen sind besonders komisch-absurde Nummern, die sportliche Höchstnoten verdienten, – schlüpfen in mehrere Rollen und machen dennoch oder gerade durch ihr verrücktes Spiel die Bodenlosigkeit und Identitätslosigkeit der Figuren, die ihr Gesicht dem Karrierestreben opfern, deutlich. Je grotesker und verwirrter alles wird, desto makabrer wird es. Die Schlussszene des Sprungs vom Hochhausdach ist da nur das konsequente Ende des absurden Spiels um Ich und Nicht-Ich, Hässlichkeit und Schönheit.
Marius von Mayenburg wurde 1972 in München geboren. Mehrere seiner Stücke wurden mit Preisen ausgezeichnet. Von Mayenburg arbeitet seit 1999 als Dramaturg und Hausautor an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, wo im Januar 2007 auch Der Hässliche uraufgeführt wurde.
Herbert Fuchs