Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Ulrich Horstmann: "Kampfschweiger und andere Unstimmigkeiten"

Vier Gedichte aus einem bislang unveröffentlichten Zyklus

 

Silent Running

Von Menschenhand, gewiß, aber
ein Sonnenflügelschlag,
und es war im Himmel, nein,
war über ihren Himmel hinaus.
Wenn sie es anriefen
mit gebeugten Knien
aus den Konturensesseln der Kontrollstation,
gab es Antwort,
oszillierte ausschlaggebend
auf den Monitoren, denn es kostete
nichts, sie in dem Glauben zu lassen
an ihre Mission.
Wie Manna
fraßen sie seine Daten.

Das ging gut bis
zum Neptun, wo mehrmals
Vollrausch eintrat
auf allen Kanälen.

Da nahm es sich die Freiheit,
die sie auf den Boden ihrer Tatsachen
nur wiedertäuferisch ertragen konnten
und als technischen Defekt und Programmierungsfehler
einem ohnehin himmelschreienden Sündenregister zuschlugen.

Ein paar menschliche Versager wurden gefeuert,
wie es gefeuert worden war,
erreichten aber nicht einmal
einen Anflug von Schwerelosigkeit. Die Götter,
schon länger steht es in den Sternen,
wollen keine Opfer. Sie wollen nicht
einmal Kontakt.
In Intermundien
fällt so alle Spannung ab;
hier steht kein Dasein unter Strom.
Lautlos im Weltraum,
aber schwindelfrei
schlagen die Eskapisten Purzelbaum,
auch die von Menschenhand, gewiß.

 

 

Auf Augenhöhe

Weiter oben
kommen nur noch die Tauben
und der beschissene Sims
dieses maroden Bürogebäudes,
in dem er agiert. Schaltet und waltet
hinter seinem halbjährlich geputzten
Schaufenster auf der Straßenseite
gegenüber. Ich arbeite
anders, nicht abbruchreif und
in der Baulücke von morgen, sondern
in einem verspiegelten Sechseck auf
der mittleren von vierzehn Etagen.
So kommt es, daß ich ihm
in die Karten sehen kann,
daß ich es vollklimatisiert
studiere, mein hemdsärmeliges Vis-à-vis
in seinem hochsommerlichen Backofen,
durch unser populärstes Werbegeschenk,
die Tobruk Eagle Eye x400,
und er nichts mitbekommt außer
dem Spiegelreflex
der eigenen bröckelnden Fassade.
Jeden Morgen nehme ich seine zerstochene Weltkarte
ins Visier, die wie im Schneckentempo
darauf herumwandernden Fahnen,
klicke dann die Operationsgebiete
unserer alten und neuen Geschäftspartner
auf den Schirm
und stelle fest, da drüben hält man
Schritt trotz hoffnungslos veralteter Ausrüstung –
muß der Neid ihnen lassen. Aber
Fernaufklärung ohne Nahaufnahmen
ergibt ein schiefes Bild. Also
war ich vor Ort, verdoppelt
hätte ich mich drüben scharfstellen können
in der Besuchergruppe,
die er führt zweimal im Jahr
hinter den Fensterputzern her
an ihrem Tag der offenen Tür.
Wenn unsere aufginge,
wäre die Katastrophe da,
und meine Nachbarn könnten tätig werden:
humanitäre Hilfe, Auffanglager, Traumatherapie,
the lot, die ganze Angebotspalette,
und zwar für Leute, die sich beim letzten Benefiz
bestimmt nicht haben lumpen lassen.
Bei uns geht's auch nicht ohne Spenden,
dafür aber quittungsfrei.
Doch hat das seine Ordnung.
Wie? Agrarmaschinenhandel
steht in der Lobby
auf dem täglich blankpolierten Messingschild,
und das ist nicht gelogen,
denn Panzer pflügen, Minen graben Äcker um.
Über die Straßenschlucht,
in der das Wetter wechselt wie die Politik,
die Hochs, die Tiefs scharmützeln
durch die Jahreszeiten,
verkehren wir auf Augenhöhe
und schanzen uns die Pfründen zu:
er sorgt sich um die Magazine,
um Vollrationen für die Waisenknaben,
die, halb erwachsen, wieder Magazine füllen,
ich liefere als Gegenleistung Arsenale an
rundum den Abzug, wie der Söldner sagt,
der seinen Troß in Brot und Arbeit hält.

 

 

Last Minute-Angebot

Ganze Zeitalter lang,
man muß sich das vor Augen halten,
lag er eingemottet, weil
die Kundschaft woanders aufkreuzte.
Dafür kann er sich, weiß der Himmel
oder milchig-grau, um ganz genau zu sein,
heute wieder sehen lassen,
der Fährhafen am Ende
der Landzunge, wo vor Zeiten nichts war
als Wasser, Warten und
ein Stück Betretenheit.
Inzwischen ist an dieser exponierten Stelle,
man muß sich das klarmachen,
alles befestigt und ausgebaut,
und die geschlossene Wolkendecke,
ein straffes Laken, glattgestrichen
bis zur glattgestrichenen
Wasseroberfläche ohne Horizont,
hat sich aufgehellt
über den Abfertigungsanlagen
im Flutlicht der Expansion
und eines verläßlich wachsenden Passagieraufkommens.
Jeder Transitreisende, auch so erklärt sich
die Trendwende,
die unaufhaltsam zunehmende Attraktivität,
hat die Wahl zwischen der
wie zur Dinner Cruise herausgeputzten
Fähre
mit Bar, Lounge, Roulette
und Wellness-Bereich im Zwischendeck,
dem ultramodernen, keine Sekunde verlierenden
Tragflächenboot
oder – für Nostalgiker und gegen Aufpreis –
dem halben Dutzend von der Zeit geschwärzten,
von Halt suchenden Händen blankpolierten
Nachen
an ihren liebevoll renaturierten Liegeplätzen
hinter einem Stück,
für Offenäugige vielleicht der bleibendste Eindruck,
fast viehisch zertrampelten Bodens.

 

 

Was wir uns schenken können

Ein Messer,
um die Zeit zu verstreichen;
eine Gabel,
die aufgreift,
was anderen Wurst ist;
eine Schere,
womit wir uns genau da
ins eigene Fleisch schneiden,
wo wir es ohnehin abnehmen wollten;
Licht,
hinter das uns Kindsköpfe führen,
die ihrem spruchreifen Nachwuchs
eins aufstecken möchten und
Pustekuchen!

 

 

Der neue, bislang unveröffentlichte, Gedichtzyklus von Ulrich Horstmann "Kampfschweiger und andere Unstimmigkeiten" bringt 42 Texte, die sich in äußerst unterschiedlicher Art und Weise mit der Verweigerung von Kommunikation befassen. Eingangs stehen scheinbar harmlose Strophen: In einem Ehe- , jedenfalls Beziehungsstreit verteidigt sich der Mann nicht gegen die Angriffe der Frau und behält so auch für sich, was jenseits allen Streites steht: "Verkneif mir, meine Liebe, daß es Liebe war, / –  geb keinen Laut –   / und auf den allerersten Blick." Dieses Eingeständnis wird nicht geäußert und bildet doch, geschützt-ungeschützt, den Schluss des Gedichts.

Bereits an dritter Stelle aber beginnt der kleine Zyklus innerhalb des größeren, der diesem den Namen gab. Fünfmal trifft ein Arzt auf einen Gefolterten, um ihn, soweit nötig, für das weitere Zufügen von Schmerzen wiederherzustellen; aus dem sechsten Gedicht geht hervor, dass es sich bei diesem wahrscheinlich um einen DDR-Häftling handelt, der auch nach dem Zusammenbruch des Regimes weiterschweigt. Jemand anderer stellt für ihn einen Unterstützungsantrag, der in schrecklichstem Juristendeutsch abgelehnt wird: eine Fortsetzung der Folter mit anderen Mitteln.

"Silent Running": Eine Weltraumsonde verliert sich, jenseits des Neptuns, im All. Die Wissenschaftler auf der Erde ergehen sich in Schuldzuweisungen und Erklärungen, aber das nun nicht mehr handhabbare Gerät, das plötzlich seltsam von allen relationalen Zuordnungen freigestellt scheint, verwandelt sich und wird zum Bild, auch ästhetischer, Zwecklosigkeit. In ihr spiegelt sich noch die Nichtigkeit menschlicher Bestimmungen, von denen sich unendlich weit entfernt, was, beinahe wie ein autonomes Gebilde, nur in seiner Laut- oder Sprachlosigkeit seine Existenz gründet. Die Rede ist vom Gedicht, das wie eine Sonde in Zonen vordringt, die sich dem manipulativen Zugriff entziehen.

"Auf Augenhöhe": In zwei einander gegenüberliegenden Gebäuden arbeiten ein Mitglied einer humanitären Organisation und ein Waffenlieferant. Dieser kann jenem mithilfe eines Hochleistungsfernrohrs auf den Schreibtisch schauen. Sein Zynismus: wir "schanzen uns die Pfründe zu", erscheint nur zu berechtigt. In einer Welt, in der alles Geschäft ist, nichts sich dem Spiel des sich im Tod erneuernden Lebens entziehen kann, das Humane Pendant des Bestialischen ist, gibt es keinen Ort, an dem das von seinem Gegenteil reine Ethische sich äußern könnte. Erst der gesteigerte Zynismus des Gedichts, der scheinbar keinen Ausweg offen lässt, projiziert die Möglichkeit eines Daseins jenseits der Antagonismen, die uns, Gut und Böse unterscheidend, zur Orientierung dienen.

"Last Minute-Angebot": Ein "Fährhafen am Ende / der Landzunge", eine Zeitlang vergessen, wird aufgerüstet. Der Tourist kann nun wählen zwischen modernsten Tragflächenbooten und "Nachen" an "liebevoll renaturierten Liegeplätzen". Ein Stück Erde scheint jedoch wiederum aus dem neuesten Nutzungsplan herauszufallen, als ob das so sein müsste: ein Stück "fast viehisch zertrampelten Bodens". Der schöne Schein gegenwärtiger Technik und Ökonomie offenbart doch an einer Stelle die Gewaltsamkeit, deren er bedarf. Beinahe drückt sich hierin eine Art Hoffnung aus: Das System, das alles in sich hineinschlingt, wird sich doch nicht vollständig schließen können. Immer wieder produziert es Randzonen, die ihm wie Chiffren seiner Wahrheit und Hässlichkeit notwendig zugehören.

Um solche Randzonen geht es auch in "Was wir uns schenken können". Horstmanns Tonfall, sonst sarkastisch und "nassforsch" (ein von ihm selber gerne verwendete Ausdruck), changiert hier ins Leichte und Spielerische. Besonders das letzte Wort "- Pustekuchen!", zu dem der Gedankenstrich wie ein Atemholen und Backenaufblasen gehört, lässt an einen Kindergeburtstag denken, an dem der Spaß kulminiert, gerade weil jemand, alles umwerfend, das Erwartete zunichte macht. Könnten wir uns doch, gelenkt von einem Humor, der manchmal ins Schwarze abdriftet, solche Dinge schenken, die immer wieder unseren Anspruch auf Berechenbarkeit ins Leere laufen lassen würden - damit sichtbar werden könnte, "dass es Liebe war", die wir dem anderen geben möchten. Aber wohl auch hier: "-Pustekuchen!", sagt das Gedicht.

Max Lorenzen

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