Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 1


 

Amüsement und Gegenteiliges - aber auch als Amüsement. Herbert Rosendorfer liest im Café Vetter (10 2. 2008)

Rosendorfer wird gerne und viel gelesen - diesen Sonntagvormittag ist das Café Vetter bis auf den letzten Platz besetzt. Ludwig Legge, der Vorsitzende der Neuen Literarischen Gesellschaft, erwähnt in seiner Einführung, dass der Autor Staatsanwalt und Richter war, dann aber auch Professor für Literaturwissenschaft in München, und dass er in seiner Freizeit gern Cello und Klavier spielt - demnächst wird ein Band mit dem Titel „ Wagner für Fortgeschrittene" erscheinen.

 

Ludwig Legge, Vorsitzender der Neuen Literarischen Gesellschaft Marburg, stellt Herbert Rosensdorfer vor

Die Lesung beginnt mit "Der Totbeter". Rosendorfer liest mit klangvoller, ruhiger Stimme, aber an den entsprechenden Stellen doch auch mit Verve. Manchmal könnte man meinen, er lese gar nicht, sondern erzähle. Dann ist es, als lausche man einem Fabulierkünstler alter Schule, der, durchaus ohne Pathos, aber mit Nachdruck, schon in sein Timbre etwas wie die gemütliche Schärfe (man braucht hier den Widerspruch) einer konservativ-sarkastischen Weltsicht einfließen lässt. Sie unterscheidet sich etwa von derjenigen Franzobels, der vor kurzem Gast der Marburger Neuen Literarischen Gesellschaft war, schon dadurch, dass hier jede Äußerung schwarzen Humors von einer klaren Wertstruktur unterfüttert scheint.

Der Totbeter also ist jemand, der, wie der Name bereits sagt, Personen durch mysteriöse Einwirkung vom Leben zum Tod befördern kann. Ein Bundesbahnbeamter und Kleingärtner namens Harnisch berichtet einem Staatsanwalt, dass er diesen reichlich dämonischen Künstler engagiert habe, um jemanden, der in seiner Kleingartenkolonie Unheil angerichtet habe - er habe seine Parzelle verwahrlosen lassen, redete man ihm aber von Unkraut, das als "botanischen Rassismus" bezeichnet - beseitigen zu lassen. Das Publikum freut sich über Sätze wie: "Nein, mach dich nicht unglücklich, sagt meine Frau, du musst es feiner machen." Denn zunächst hatte Harnisch den Hobbygärtner mit einer Hacke erschlagen wollen. Kurz darauf fällt leider auch der Auftraggeber dem von ihm Gedungenen zum Opfer. Nach einigen Verwicklungen engagiert dann der Staatsanwalt diesen Mann mit den bemerkenswerten Fähigkeiten, der ihm schließlich anbietet, ihm für die einmalige Zahlung von 40.000 € seinen "Trick" zu verraten. Rosendorfer: "Das führt natürlich zu einer Katastrophe, das müssen Sie bitte im Buch weiterlesen." Denn die Erzählung sei zu lang, um sie zu Ende zu bringen. Aber der Mann hätte uns doch wenigstens noch den "Trick" verraten können. Welche - klug eingesetzte - Gemeinheit, ausgerechnet an dieser Stelle aufzuhören.

Herbert Rosendorfer liest im Marburger Café Vetter

Inzwischen hat man begriffen, die Pointen der vorgetragenen Sätze sind gut plaziert. Die Geschichte baut gekonnt eine skurrile Welt auf, in der Unmögliches, jedenfalls immer wieder Überraschendes geschieht. Das Ganze ist durchaus witzig, und der Witz zündet um so eher, als er sich von einer festen, verlässlichen Basis abstoßen kann, dem schon erwähnten konservativen Grundgefühl des Autors. Dieses tritt besonders deutlich im letzten Stück, das Rosendorfer liest, zu Tage, dem "Monolog des Kunstprofessors". Der Prospekt der Neuen Literarischen Gesellschaft spricht von "Seitenhieben auf die moderne Kunst mit ihrer Eventkultur", aber der Text lässt keinen Zweifel daran, dass hier an erster Stelle und hauptsächlich die moderne Kunst selbst ins Visier genommen wird, etwa wenn davon gehandelt wird, dass der Kunstprofessor Filzanzüge, in deren Taschen sich Fett - Butter und Margarine - befinde, in der Ausstellung zeige (gemeint ist deutlich genug der doch schon länger verstorbene Josef Beuys). Der Professor skizziert sodann in aller Kürze eine Gesamtgeschichte der Kunst: Früher habe man nur Gott gemalt und die Heiligen, dann Landschaften, Pferde und Kühe, Sonnenauf- und -untergänge, hierauf abstraktes Geschmiere, immer nur alles blau (Yves Klein?) und schließlich sei einer darauf gekommen, dass das Malen nicht zweidimensional sein müsse ... wozu brauche man dann noch Leinwand? Aus einem Kunstwerk, einer Tonne Humus auf dem Boden, seien dann Bohnen gewachsen usw. Der Schlusssatz lautet: "Alles ist Kunst, nur das, was Kunst ist, ist nicht Kunst."

Die Satire entlarvt sich vor allem selbst, sie lässt krass eine nicht nur konservative, sondern genuin: in altem Sinn, kleinbürgerliche Ästhetik hervortreten, zudem zielen die Pointen hier gänzlich unverhohlen auf Zuhörer, mit denen sich der Verfasser scheinbar in einer Phalanx gegen die Moderne überhaupt, und nicht nur ihre Kunst, weiß.

Das ist schade. Warum nur schleppt ein gewisser Witz immer eine ganze Nachgeburt von faden Bedeutungen und Beurteilungskriterien hinter sich her? Ohne sie wäre er doch freier, und man gönnte ihm und sich unbeschwerter das Vergnügen, das er produziert.

Denn Rosendorfer kann etwas, nämlich eine Atmosphäre entwickeln, die im traditionellen Sinn eine durchaus humane Idee von Gemeinschaftlichkeit, eines Auditoriums und ihres Vorlesers, beinhaltet, etwas quasi Paternalistisches, dem ein Geschmack von Kultur und Bildung beigegeben ist. Aber eine solche Idee geht unter, wenn sie sich, und sei es selbst nur andeutungsweise, eben mit dem gemein macht, das sie doch satirisch bloßstellen möchte.

Max Lorenzen

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