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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 2
Max Lorenzen, Vorsitzender des Marburger Vereins philosophia und Herausgeber des Internet-Magazins Marburger Forum, war Gast bei „Literatur um 11“. Er las Ausschnitte aus seiner Erzählung Kälte, die er 2007 im Erzählband Krankheit – Kälte – Unsterblichkeit veröffentlichte. Die Lesung wurde zu einem eindrucksvollen Hörerlebnis für die vielen Gäste im Café Vetter.

Max Lorenzen im Marburger Café Vetter
Die ersten Sätze der Erzählung setzen den Ton für das, was folgt: „Heute morgen hat mir meine Frau gesagt, dass sie sich scheiden lassen will. Ich habe nicht reagiert.“ Das Unerhörte der Nachricht scheint den Erzähler nicht zu berühren, erreicht ihn nicht. Die Worte seiner Frau prallen an ihm ab wie an einem Panzer. Und in den nächsten Sätzen wird die innere Distanz und Fremdheit des Sprechers noch deutlicher. Statt etwas zu antworten, umkreist er seine Frau, nimmt ihren Körpergeruch wahr, legt seine Hand auf ihren „Hintern“ und verschwindet, als sie seinen Arm ruckartig wegschiebt, in seinem Arbeitszimmer und beginnt am Computer zu schreiben. Nicht das Ende ihrer Beziehung ist ihm wichtig; er denkt allein darüber nach, dass seine Frau eine „Abmachung“ gebrochen hat: „Man lässt sich nicht scheiden. Eine Ehe ist unauflöslich. Diese Überzeugung hatte ich immer gehabt. Man wird sehen.“
Die Erzählung entwirft in nüchternen Worten ein Bild des Ich-Erzählers, das verstörender nicht sein könnte. Gregor Hauschild, Pfarrer einer evangelischen Gemeinde, ist mit Sibylle verheiratet. Ihre fünfzehnjährige Tochter ist magersüchtig. Mutter und Tochter beschließen, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen.
Gregor lernt Gerda Buchkamp – „Ich schätzte sie auf Anfang vierzig, also ungefähr mein Alter.“ – über das Seelsorge-Telefon kennen. Sie hat eine Trennung von ihrem Mann hinter sich, hat Alkohol- und Tablettenprobleme und bittet Gregor als Pastor ihrer Gemeinde um Rat und seelischen Beistand. Gregor gefällt die Frau; er ist von ihr angezogen: „Ich hatte vielleicht so etwas wie eine verwandte Seele gefunden, die meine Einsamkeit und Depression verstehen würde.“ Schon am nächsten Tag wird aus der Zufallsbekanntschaft eine intime Beziehung. Gerda klammert sich an Gregor und sucht in ihm den Halt, den sie schon lange in ihrem Leben vermisst. „Du glaubst tatsächlich, dass wir eine Chance haben?“ fragt sie ihn, ängstlich fast und die richtige Antwort erflehend. „Ja“, beruhigt er sie, „so seltsam es mir vorkommt. Du ziehst mich an.“
In den Tagen und Wochen, die auf diese „Verlobung“ – so ist das Kapitel, in dem dieses Gespräch steht, überschrieben – folgen, wird zunehmend klar, dass Gregor nicht willens und nicht in der Lage ist, eine feste oder gar dauerhafte Beziehung zu Gerda einzugehen. Er spürt, dass er Gerdas Anhänglichkeit nicht erträgt, aber er hält sie hin, weil es für ihn so bequemer ist, versucht den Kontaktlangsam zu lösen, lässt sich dann aber – Gerda droht mit Selbstmord -- zu einer letzten Begegnung mit ihr überreden. Er trifft sie nachts auf einer einsamen Brücke, die über einen Fluss führt. Noch einmal erfleht sie von ihm Zuwendung und Beistand. Gregor geht auf sie, die schon über die Brüstung geklettert ist, zu. „Einen Schritt vor ihr blieb ich stehen. Wie sahen uns in die Augen, und als sie begriff, dass ich nicht herangekommen war, um sie festzuhalten, zeigte sich ein jämmerliches Entsetzen in ihrem Blick. Ihre Lippen begannen zu zucken. Mit einem kaum hörbaren Laut, der mich an das Geräusch erinnerte, mit dem eines unserer Telefongespräche endete, ließ sie sich fallen.“
Die Handlung der Erzählung ist dramatisch genug. Aber nicht sie ist das, was den literarischen Rang dieses Texts ausmacht. Was den Text auszeichnet und heraushebt, ist – und man konnte das bei der Lesung an der Gespanntheit der Zuhörer spüren – die Darstellung der „Kälte“ des Erzählers, seiner inneren Entfremdung von seinem Leben wie dem der anderen, seiner Fremdheit sich selbst und allen und allem in seiner Umgebung gegenüber. Der Leser begegnet einem Ich, das aus sich selbst herauszusteigen scheint und sich, als spiegle es sich selbst, analysiert, beschreibt, charakterisiert, gefühllos und leer, als komme es aus einer anderen Welt. Ob Gerda weint, ob Hanne, seine Tochter, an Essstörungen leidet, seine Frau sich von ihm benutzt fühlt - nichts rührt ihn wirklich an, nichts dringt in das Innere dieses Gregor Hauschild ein. Alles, Menschen wie Dinge, bleiben im wahren Sinne außen und sind gleich wichtig oder gleich unwichtig für ihn. Ob er eine Kaffetasse wegstellt oder mit Gerda Sex hat oder den Fernseher anschaltet – nichts macht für ihn einen Unterschied. Und indem alles „außen“ bleibt, werden jeder Vorgang und jede Handlung und jede Begegnung zu einem Etwas, das mit dem Ich-Erzähler kaum etwas zu tun zu haben scheint, zu einer fremden Sache. „Nach einem Augenblick öffnete sie den Mund, in den ich meine Zunge steckte.“ – so schildert der Erzähler das Küssen. Und Sex reduziert sich bei ihm auf „das-Glied-in-die-Scheide-stecken.“ Den Leser verunsichert und verstört diese innere Fremdheit des Erzählers, zumal in der Gestalt eines Pfarrers.
Die Außensicht eines sich selbst gegenüberstehenden Erzählers wird in der Geschichte in einem Kapitel regelrecht vorgeführt. Der Erzähler trifft einen Freund aus älteren Tagen. Die Begegnung wird aber nicht, wie die übrige Geschichte, von Gregor erzählt. Jetzt ist Ulrich der Ich-Sprecher, der Gregor in Gedanken abschätzt und analysiert, wie es sonst der Leser mit Gregor tut: „Er spürt nichts, das ist mir nun ganz gewiss. Er weiß mit dem Leid, überhaupt den Emotionen anderer Menschen, nichts anzufangen. Wenn er aber nicht versteht, was in anderen vorgeht, hat es dann Zugang zu sich selber?“
Man würde Max Lorenzens Text missverstehen, wenn man Kälte als das Psychogramm eines gestörten Menschen etwa oder eines Sonderlings läse. Der Autor will den Text als „nachmoderne Erzählung“ verstanden wissen und meint damit eine Erzählung, in der die Personen keine psychischen Verhaltensmuster vorweisen, deren Abläufe vorgegeben sind und bekannten Stereotypen und Regeln folgen. Lorenzens Charaktere – vielleicht ist dieses Wort bereits falsch – sind keine Personen, die überhaupt analysiert oder im herkömmlichen Sinn verstanden werden können. Sie verkörpern einen Zustand, in dem die Kälte der Welt zu Hause ist. Sie reagieren nicht mehr auf diese Kälte, sie sind die Kälte.
Eine zentrale Stelle im Text, die das deutlich macht, ist die Predigt, die Gregor im Sonntagsgottesdienst hält. Seine Ansprache handelt – grotesk genug – von der „Gotteskälte“: Gott lösche den einzelnen aus, bevor er ihn wieder zu sich erhebe. „Während ich diese Sätze vorlas, wurde mir einen Moment lang völlig deutlich und gewiss, dass die Leere in mir eben die Gotteskälte war.“ Und nach Gerdas Todessprung von der Brücke verspürt der Erzähler ein „unbeschreibliches Glücksgefühl“. „Es füllte mich ganz aus und schien dann weit über mich hinauszuwachsen. Ich konnte nicht anders, als zum nächtlichen, mit einem diffusen Licht erfüllten Himmel emporzublicken. Aus der Dunkelheit und Kälte des Weltraums kommunizierte etwas Unsichtbares mit mir – wir spiegelten uns ineinander und bildeten eine Einheit.“ Der Erzähler wird eins mit der kosmischen Kälte, die ihn umgibt. Seine „depressive Leere“ ist die Leere der Welt.
Herbert Fuchs