Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 2


 

Margit Schreiner: Haus, Friedens, Bruch. Schöffling Verlag, Frankfurt a.M. 2007, ISBN 978-38956-12770, 248 Seiten, 18,90 €

Ein Roman ist Margit Schreiners Buch eigentlich nicht. Es wird keine Geschichte erzählt. Eher reiht das Buch Schilderungen verschiedener Situationen, Erfahrungen und Zustände einer Ich-Sprecherin aneinander, essayistisch, kolportagehaft-journalistisch einmal, wie „hinerzählt“, zu jemandem gesprochen ein anderes Mal. Und dennoch: „Romanhaft“ ist Margit Schreiners Buch auch. Gerade weil es betont, es sei kein Roman, und mitunter den Eindruck eines Tagebuchs oder einer Biographie erweckt und in der Titelung auf jede Genrebezeichnung verzichtet, ist es auf eigenartige Weise Fiktion. Das Buch zerfällt in episodenhafte Teile, die sich wie Gedankenprotokolle oder die Aufzeichnungen einer Selbstanalyse lesen, zusammengehalten vom erzählerischen Duktus einer Frau Anfang fünfzig - alleinerziehende Mutter, Schriftstellerin mit einer Schreibblockade, die sie zu einer Schreibpause zwingt, die sie wiederum – groteskerweise - mit Rückblicken, Selbstreflexionen und Schilderungen ihres Alltags füllt.

So wird aus dem Buch, Roman oder nicht, die spannende Darstellung eines schriftstellerischen Alltags, larmoyant im Ton gelegentlich und sich verlierend in Kleinigkeiten, ironisch dann aber immer wieder und oft genug eine scharfe Abrechnung der Erzählerin mit sich selbst und Offenlegung der eigenen Schwächen und kraftlosen Versuche, das bedrängende „Klein-Klein“ des Alltagslebens zusammen mit dem Schreiben zu bewältigen. Dabei gerät sie vom hundertsten ins tausendste, schreibt darüber, wie ihr ein großer multifunktionaler „Wellness“-Sessel in die Wohnung geschleppt wird – der Sessel taucht an vielen Stellen des Buchs auf und steht vor allem im Schlusskapitel im Mittelpunkt -, schreibt über ihren Kater und die kleine Katze, die Putzfrau, über Krankheiten, Zahnpflege und ihre Angst vor Krebs, über Fitnessgruppen, Hometrainer, über Libido und Libidoverlust, über die Humorlosigkeiten der Deutschen und die Schnoddrigkeit der Berliner und immer wieder über Literatur und den Literaturbetrieb, ihr eigentliches Metier. Sie spricht von ihrer Angst, sich in Roman-Klischees zu verfangen, ihrer Angst, den Leser nicht zu erreichen, sich so weit von ihm zu entfernen, dass er nur noch mit Unverständnis auf das Geschriebene reagiert: „Ich weiß bis heute nicht, was genau mich eigentlich täglich aufs Neue hindert, mich an den Schreibtisch zu setzen.“

Die Erzählerin will Klarheit über ihr Leben erlangen. Bei dieser „Lebenserforschung“ gewährt sie sich keine Schonung, verzeiht sich nichts, schildert offen ihre zuweilen angespannten Beziehungen zur Freundin Amelie und zu ihrem Freund Bruno und denkt nach über ihr Verhältnis zu Julia, ihrer Tochter. Die, eine Heranwachsende, pocht auf ihre Selbstständigkeit, und die Erzählerin versucht ihr Freiräume zu gewähren, fällt aber immer wieder in die strenge Mutter-Rolle zurück, was ihr ein ständiges schlechtes Gewissen bereitet. – Bruno, ihr Freund und Lebenspartner, ist ihre „ganz große Liebe“. Aber auch diese Liebe ist nicht ungetrübt. Die Erzählerin kann nicht verschmerzen, dass Bruno nicht bereit ist, seine Familie zu verlassen. Er lebt deshalb auch nicht zusammen mit ihr in einer Wohnung, sondern in eigenen Zimmern ein Stockwerk unter ihr. – Die Beziehung zu ihrer Freundin ist lange Zeit eng und ungetrübt, löst sich dann aber langsam auf, weil sie Amelie „mit ihrem esoterischen Buddhismus“ nicht mehr länger erträgt.

  Wirklich „heimgesucht“ wird die Erzählerin aber vor allem von den „Schreckgespenstern“ der Vergangenheit: ihrem „Ex“ und ihrer Mutter, später auch ihrem Psychiater und Brunos Frau. Sie sind die ungebetenen Gäste, die Eindringlinge, die „Hausfriedensbruch“ – und der Titel des Buchs stellt die Wörter wie bedrohliche Blöcke untereinander - begehen, die die Erzählerin nachts in ihren Wachstunden und Träumen bedrängen, sie mit unbewältigten Episoden der Vergangenheit und mit Problemen der Gegenwart konfrontieren, ihr die Ruhe rauben und sie zu schonungslosen Analysen ihrer Situation zwingen. Die Gedanken an diese Menschen bereiten ihr Schuldgefühle. Sie weiß, dass sie Erwartungen  nicht erfüllen konnte und kann. Sie spürt, dass sie gerade auch in Hinblick auf Julia und Bruno Wesentliches versäumt hat und  ihnen immer noch nicht gerecht wird. Ihr Verhältnis zur dominanten Mutter bleibt ungelöst. Erst als sie sich zu einem Kraftakt durchringt und alle Gespenster ihrer Albträume aus ihren Nächten vertreibt, kann sie wieder freier atmen: „Endlich bin ich allein.“

Vor dem Leser breitet sich ein Erwachsenenleben aus Hoffnungen, Erwartungen, Wünschen aus, die sich nie erfüllt haben und auch nicht mehr erfüllen werden. Es ist ein Leben, das aus dem kleinen Chaos, der kleinen Unordnung und der kleinen wie großen Leere nie wirklich herauskommt und gerade darin - das Buch ist auf wundersame Weise eben doch ein Roman - seinen Schreibimpuls findet und im Schreiben Chaos und Unordnung überwindet. „Du bist randvoll mit ungeordneten Ideen, diffusen Antrieben und beklemmend schönen Bildern, die du sowieso niemals in Worte fassen kannst. Du brauchst ein ungeheures Selbstvertrauen, dass du dich da überhaupt hinsetzt und inmitten deines seelischen und gedanklichen Chaos zu schreiben abfängst.“

Haus, Friedens, Bruch. ist das Porträt einer Frau zwischen familiären Pflichten, den Erwartungen von Freunden, eigenen Wünschen nach Freundschaft, Partnerschaft und Liebe und ihren literarischen Ansprüchen, ein Buch voller Leben, in dem das scheinbar Nebensächliche groteske Bedeutungsdimensionen annimmt, ein Buch, das die Geheimnisse der Erzählerin preisgibt und sich heranmacht „an all den Mist, den die anderen verschweigen.“ Dieses Schreiben wird zu einem wahren „Heldenakt“, die Erzählerin zu einer Heldin. Schreiben wird zu einer Selbsttherapie für die Autorin, ist der Versuch, uneingestanden oder nicht, über ihre Wehleidigkeit, ihren Jammer und ihre Klagen hinwegzukommen, indem sie sie benennt und sie, indem sie ihnen einen festen Platz in ihrem Leben zuweist, ein für allemal „bannt“. Darin liegt dann auch eine Art Lebenshilfe für den Leser, ein Trost „inmitten all des alltäglichen Wahns“.  Ob Schreiner dieses große Anliegen, das die Erzählerin als ihr Schreibziel formuliert, erfüllt, bleibt am Ende doch eher fraglich. Die Mischung aus – gelegentlich – kolloquialer, sprunghafter Geschwätzigkeit und tiefschürfenden Gedanken mit der Attitüde des Besserwisserischen übt zweifelsohne einen Sog auf den Leser aus,  wird aber auch – manchmal - zu einer „Masche“, die in „leerem“ Erzählen mündet.

Das Interessante und das Spannende an dem Buch sind die schonungslose Offenheit der Erzählerin sich selbst gegenüber, ihre Selbstironie und – gelegentlich – ihr Sarkasmus -  eine hellsichtige, zuweilen komische, zuweilen ernste Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, mit der eigenen Person wie mit den Freunden und Bekannten und den Eltern, eine Beschreibung eines Lebens voller kleiner und großer Enttäuschungen.

Margit Schreiner wurde 1953 in Linz / Österreich geboren, wo sie nach Aufenthalten in Tokio, Paris, Rom und Berlin auch wieder lebt. Ihre Bücher wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Oberösterreichischen Landeskulturpreis und dem Kunstwürdigungspreis der Stadt Linz.

Herbert Fuchs

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]