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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 2
Wer das Buch von Margit Schreiner mit dem etwas seltsam, im Grunde maniriert anmutenden Titel: "Haus, Friedens, Bruch" (dem allerdings ein ähnlicher vorhergegangenen ist, nämlich "Haus, Frauen, Sex") nicht kannte, wird verwundert auf die Lesung reagiert haben. Schreiner fabuliert nicht, es wird im eigentlichen Sinne keine Geschichte erzählt, vielmehr räsonniert eine Autorin, die sich wohl nicht erheblich von der Verfasserin unterscheidet, über alles und jeden auf der Welt, besonders aber über ihren Exmann, ihre Mutter und über ihre Kolleginnen und Kollegen, sowie die Rezensenten und den Literaturbetrieb. In der üblichen Verlagssprache wird das Unternehmen so beschrieben: "In Margit Schreiners neuem Roman [...] wird nichts und niemand geschont. Unerbittlich, gnadenlos, messerscharf und bitterböse spricht die Erzählerin über die Nachbarn, die Literaturkritiker, die Jugend und die Alten, die Gläubigen und die Sandler und immer wieder über unglückliche und glückliche Paare."

Der Stil ist natürlich ironisch, wie es sich gehört, dabei durchaus nicht abweisend, sondern zugänglich, aber "messerscharf und bitterböse" (selber durch und durch klischeehafte Zuschreibungen) kommen die Sätze nicht daher. In einem Interview sagt Schreiner, es gehe "um eine allein erziehende Mutter [...]. Beruflich ist sie Schriftstellerin. An sie werden Forderungen gestellt, Anforderungen, die sie nicht erfüllen will. Weder beruflich vor dem Literaturbetrieb mit seinen - zum Teil - absurden Forderungen, Vorstellungen und Angepasstheiten, noch vor ihren Schriftstellerkollegen, noch vor Freunden und Familienangehörigen, die alle [!] fixe Lebenskonzepte haben, die [...] alle anderen Lebenskonzepte ausschließen. Die Auseinandersetzungen, zum Teil arten sie in Attacken aus, finden in ihrem Kopf statt. [...] Und wir alle sehen uns einem andauernden Anpassungsdruck ausgesetzt. Dem habe ich mich diesmal radikal entgegengesetzt. Mit allen Konsequenzen."
Ungewollt bezeichnet Schreiner so das Problem ihrer Prosa: Die fixen Lebenskonzepte, die sie überall ausfindig zu machen vermeint, wurden doch längst von dem "andauernden Anpassungsdruck" einer globalisierten Welt außer Kraft gesetzt und durch flexibilisierte ersetzt. Eben darum mutet das Räsonnement einer Zentralfigur, die sich "radikal" und kritisch mit allen möglichen Dingen auseinandersetzt, nur nicht mit den Grundbedingungen und Maßstäben ihrer Kritik, überholt und selber durchaus kontingent an. Wer sich im Literaturbetrieb, so Schreiner, als Einzelgänger geriere, sei in Wirklichkeit "sagenhaft angepasst" - die Gestalt, die in "Haus, Friedens, Bruch" monologisiert, ohne jemals in den Bereich monologischer Monomanie, in dem die Personen der Stücke und Romane Thomas Bernhards sich aufhalten, zu gelangen, ist selber ein bißchen, aber nicht zu viel, einzelgängerisch, also auch ein bißchen an- und ebenso unangepasst. "Ich mache keine Produktwerbung", sagt sie, aber diese Attitüde bleibt kraftlos und unentschieden.
Immerhin: Schreiner liest klar und melodiös, die Stimme zeugt, so scheint es, von einem beinahe ungetrübten Selbstbewusstsein. Dann, wenn die vorgetragenen Passagen keinen literarischen Anspruch mehr erheben, sondern, wie in einem gut geschriebenen Feuilleton, einen Moment lang eine bewusst überzeichnete Weltsicht präsentieren, die aber nicht auf sich beharrt, kann man das Gehörte amüsant finden; aber wenn Schreiner sich im Ton vergreift, steht, was sie unternimmt, auf der Kippe: "Auf einmal sollen alle Personen der Weltliteratur fit sein. [...] Und wenn die Juden weg müssen, dann alle [...], und die Hundebesitzer und die Omas und die Schwachköpfe. Wir sind heute so damit beschäftigt, nicht vergast zu werden, wenn es wieder einmal so weit ist [...]." Auf solche Weise kann man den allgegenwärtigen Zwang, fit, mithin im Arbeits- und Erholungssektor gleichermaßen leistungsbereit zu sein, gerade nicht ernsthaft kritisieren, weil eine solche Kritik eine, mit Sicherheit nicht intendierte, Verharmlosung des Holocaust transportiert.
Schreiner arbeitet, um ihrem Stil Schärfe zu verleihen, mit ironisch gebrochenen Allgemeinurteilen - "in Berlin [sind] lauter Rechthaber", es gibt "nichts humorloseres als das deutsche Feuilleton", "am lustigsten ist es, wenn der Österreicher ..." - , die jedoch ihren Zweck nicht mehr erreichen und eben so demonstrieren, dass die Struktur und Weltsicht, mit der sie verbunden sind, nicht mehr in Kraft sind. Interessanter wird die Lesung am Schluss, als die Autorin auf die unterschiedliche Naturdarstellung in älteren und neueren Filmen kommt. In jenen sei die Natur noch krasser, in diesen "sozusagen verkleinert" ins Bild gesetzt. In den älteren Kitschfilmen rieche man noch den Wald, in neueren, etwa auch gesellschaftskritischen Produktionen hingegen sei die Natur ohne Geruch und verharmlost. Die Wiedergabe einer sozialen Idylle beinhalte insofern in dieser Hinsicht mehr Wahrheit, als eine vorgeblich kritische. Allerdings glaubt Schreiner, die frühere Darstellung transportiere mehr Wirklichkeit, als die heutige, deren Naturszenarien eigentlich bloße Zitate seien. Auch hier findet sich der überholte Modus des Räsonnements, bipolare Ordnungen aufzubauen, die nach dem Muster von wahr-falsch- oder gut-böse-Zuordnungen funktionieren. Die Beobachtung aber, dass in alten Filmen zum Beispiel Landschaften dramaturgisch anders eingesetzt wurden, nämlich mit der Konnotation erhöhter, auratisch angereicherter Realität, bringt etwas anderes in den Blick, nämlich dass das Kino jener Jahre die von der Technik erfasste, zur Umwelt gewordene Natur durch eine Kulisse ersetzt, die den Anschein grandioser Unberührtheit vermittelt.
Die in Schwarzweiß oder Farbe abgebildete Natur des Kinos der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewinnt eine völlig neue visuelle Präsenz und geradezu etwas Prangendes. Die verbesserten technischen Mittel schaffen die Illusion einer realen Medienwelt, die schon als solche, nicht erst die handelnden Personen und die in ihr stattfindenden Ereignisse, auratisch aufgeladen ist. Die Filmplakate jener Epoche zeigen, ähnlich wie die Taschenbücher und Groschenromane, einen vulgarisierten Bildausdruck von Spannung oder Leidenschaft, in den entsprechende Elemente von Landschaft hineinkomponiert werden. Es bedürfte einer genauen Untersuchung, um zu erfassen, wie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine, erst heute komplette, Mediatisierung der Gesellschaft beginnt und ästhetische Muster, die die Transformation von Realität in reale Virtualität bewerkstelligen, gebildet werden, durch deren kontinuierliche Wahrnehmung die Menschen in postmoderne Strukturen integriert werden.
An diesen Vorgang, der die Basis der heutigen durchgehenden Ästhetisierung aller gesellschaftlichen Sektoren geschaffen hat, erinnert die Bemerkung Margit Schreiners, obzwar sie seinen Gehalt verfehlt. Die sonntägliche Lesung ist ein Beispiel dafür, dass die Literatur der Gegenwart sich weiter entliterarisiert und auf die Stiftung eines spezifischen, durch eine hohe Innenspannung gekennzeichneten Stilbereichs verzichtet.
Max Lorenzen