Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 2


 

Rhetorik des Sublimen?
Dietmar Till rekonstruiert zwei Gestalten des Erhabenen

Dietmar Till: Das doppelte Erhabene. Eine Argumentationsfigur von der Antike bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006, 413 Seiten, ISBN 3-484-18175-3, 78,00 €

Erst 1972 sprach das Historische Wörterbuch der Philosophie (Bd. 2, S. 635) von der „Entaktualisierung des Erhabenen“ seit dem späten 19. Jahrhundert. Als einen der hauptsächlichen Gründe für diese Entwertung der Idee des Erhabenen machte Renate Homann damals die „Insuffizienz der Metaphysik seit Marx, Kierkegaard und Nietzsche“ namhaft.

 

In der Tat: Die prominenteste und bis heute wirkmächtigste moderne Bestimmung des Erhabenen entstammt der Kritik der Urteilskraft, die es im Gefolge Edmund Burkes (A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful, 1757) vom Schönen unterschied. Kant verstand das Erhabene als etwas in der Natur, das „über alle Vergleichung groß ist“ und in uns das vom höchsten Wesen eingegebene Gefühl der Überlegenheit der menschlichen Vernunft über die innere wie über die äußere Natur anschaulich macht.

Freilich war das so verstandene Erhabene pure Metaphysik und hatte mit ihr unterzugehen. Urplötzlich jedoch stand es dann in den 1980ern in postmodernistischem Modegewande wieder auf, als Jean-François Lyotard seinen Aufsatz Das Erhabene und die Avantgarde herausbrachte. Die ausschweifende Diskussion, die sich daran entzündete, führte schließlich zu einer völligen Dekonturierung des Begriffs, so daß am Ende Konsens lediglich darüber bestand, daß sich selbst in Zeiten postmetaphysischer Transzendenzlosigkeit doch noch irgendwie über das Erhabene sprechen lasse.

„Das vorliegende Buch knüpft“, so der Autor Dietmar Till entschieden, „an diese Debatten nicht an.“ (S. 4) Vielmehr geht es dem Tübinger Germanisten um die Erkundung „der Geschichte des Erhabenen vor Burke und Kant“, um „die Neuvermessung dieses unübersichtlichen Terrains“. (S. 5) – Ein fürwahr schwieriges Gelände! Ein nichtflurbereinigter Flickenteppich aus ästhetiktheoretischen, schulrhetorischen sowie philosophischen und nicht zuletzt theologischen Feldern, die – abhängig von der jeweiligen diskursiven Situation – ohne weiteres ineinander übergehen können, zumal die Grenzverläufe höchst durchlässig gezogen sind.

Bei näherem Hinsehen gibt es indes zwei konstante Geländemarken, die Orientierung versprechen und auch zum Sinn des änigmatischen Buchtitels (genau genommen handelt es sich allerdings um ein zweifaches, nicht um ein „doppeltes“ Erhabenes) hinführen: Da sind einerseits der Korpus der antiken Rhetoriken (Aristoteles, Horaz, Cicero und Quintilian mit ihrer Lehre von den drei Stilarten (genera dicendi) und die hellenistische Schule (Ps.-Demetrius und die „Ideenlehre“ des Hermogenes) sowie andererseits die Schrift Perí hýpsus (Über die Höhe / das Erhabene) eines Anonymus wohl aus dem 1. Jh. n. Chr., der unter dem Namen „Pseudo-Longinos“ (im folgenden mit D. Till „Longin“) firmiert.

Und nun untersucht unser Autor, ein ungeheuer belesener Experte für Rhetorikgeschichte mit delikatester Spezialistendiktion, das spannungsreiche Verhältnis dieser zwei Pole, die den Existenzraum des Erhabenen vom Renaissance-Humanismus bis zur Spätaufklärung maßgeblich markierten, auf langen und schweren 372 Seiten. Fraglos handelt sich bei diesem Buch um eine Lektüre für Fachleute: für einige wenige Bürger der „Gelehrtenrepublik der Universität“ (S. 211), die es gewohnt sind, Belegstellen unübersetzt und ausführlich im lateinischen, englischen oder französischen Original präsentiert zu bekommen.

Mit einer feinen Wendung des Autors möchte man hier von der „Diskursdominanz“ des Fachwissenschaftlichen sprechen; mit ebensolcher Wertneutralität notabene, mit der Till von der „Diskursdominanz der Rhetorik“ (S. 37) spricht, was besagen will, daß Longins Traktat Über das Erhabene nach seiner Wiederentdeckung im Jahr 1554 mehr als ein Jahrhundet lang fast ausschließlich als ein Beitrag zur tradierten Rhetorik rezipiert wurde; – so, als ob Longin diejenige Schreib- oder Redeweise hätte befördern wollen, die man gemeinhin mit dem Terminus des „hohen Stils“ bezeichnete. Zur Erläuterung des Dreiersystems der genera dicendi führt Till (S. 52f.) etwa aus:

„Quintilian übernimmt in seiner ›Institutio oratoria‹ (um 95 n. Chr.) die Zuordnung der einzelnen genera zu den oratorischen Wirkabsichten. Im einzelnen unterscheidet er zunächst: 1. genus subtile (›dünn‹, ›zart‹; charaktér ischnós); 2. genus grande atque robustum (›kräftig‹, ›eichern‹; charaktér hadrós, also ›dick‹, ›geschwollen‹); 3. schließlich ein dazwischenliegendes genus medium (manchmal auch floridum, d. h. ›geschmückt‹, ›blumig‹; griechisch mit derselben Bedeutung: charaktér antherós), das eigentlich »ästhetisch Schöne«.“

Man sieht, daß eine derartige Typologie „ciceronianischer“ (i. e. lateinischer) Prägung mit einer Begrifflichkeit operiert, die auf „Körpermetaphern“ (S. 88) („dünn“ oder „kräftig“) setzt und nicht auf die Sprachbildlichkeit des „Hohen“/der „Höhe“ wie Longin im Traktat Über das Erhabene (Perí hýpsus). Und weil Longins Abhandlung zwar auch Fragen der Rhetorik (des „hohen“ Stils) berührt, seine Hauptintention jedoch eher darin liegt, das Erhabene nicht so sehr als Technik denn – allgemeiner – als „Ausdruck von Seelengröße (megalopsychía)“ (S. 90) zu fassen, ergaben sich zwei Überschneidungen mit der klassischen Rhetoriktradition, aber es traten eben auch – je nach Rezeptionslage – die Differenzen zutage. Sofern Perí hýpsus als Stillehre verstanden wurde, läßt sich von der „Rhetorisierung“ Longins sprechen, wie sie von den Gelehrten bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts betrieben wurde. Dann aber vollzieht sich ein bemerkenswerter Umschlag: „Die Identifizierung von hýpsos und hohem Stil bzw. mégethos der Ideenlehre [des Hermogenes] kippt um die Mitte des 17. Jahrhunderts in die Feststellung der Differenz um. Das Erhabene Longins wird damit entrhetorisiert.“ (S. 129)

Diese „Emanzipation“ des Erhabenen als einer nicht länger rhetorischen, sondern genuin ästhetischen Kategorie vollendet sich mit der von Nicolas Boileau 1674 in seiner französischen Neuausgabe von Perí hýpsus vorgenommenen Unterscheidung zwischen „stile sublime“ und „le sublime“. Auf der Basis dieser Distinktion, welche die „Denkfigur des ›doppelten Erhabenen‹“ (S. 200) im Diskurs über das Sublime endgültig etablierte, konnte Boileau auch jene Passage aus Longin verteidigen, in welcher der pagane Autor das Fiat lux der jüdischen Weltschöpfungserzählung als erhaben qualifiziert hatte, wenngleich sie von äußerster sprachlicher Schlichtheit (simplicitas) ist und daher im Gegensatz zum Stilideal des genus grande steht, das ja eine grandiose rhetorische Ausschmückung verlangte. Es gehe eben, so Boileau, dem Autor der Genesis ebensowenig wie Longins Perí hýpsus um stilistische Größe, sondern um die „Erhabenheit der Gedanken“ (S. 199); und die könne sich durchaus in aller Einfachheit und Schlichtheit vortragen lassen.

Simplicitas als Erhabenheitsideal! Man ist damit in unmittelbarer gedanklicher Nähe zum ästhetischen Klassizismus Winckelmanns, dessen Begriffspaar „edle Einfalt“ und „stille Größe“ ein Epochenideal intonierte.

Dietmar Tills Das doppelte Erhabene ist ein höchst anspruchsvolles und gelehrtes Fachbuch, dessen Gebrauchswert durch ein bündiges Schlußwort und ein praktikables Register gewiß zu heben gewesen wäre. Aber auch das hätte letztlich den interessierten Leser nicht der Mühe des geduldigen Studiums enthoben.

Franz Siepe

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