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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 2
Daß alle Wege nach Rom führen, das ewige, das molochartige, das beeindruckende, das weiß jedes Kind. Spätestens leidvolle Qualstunden humanistischen Unterrichtes bleuen dieses Wissen nachhaltig in des Schülers mehr oder weniger williges Gehirn ein. Doch was weiß er anschließend tatsächlich? Was weiß der Pädagoge, der so verzweifelt um die Achtung der antiken Kultur ringt? Vermutlich fast genausowenig wie sein Zögling. Eben, daß Rom neben Alexandria „die“ Stadt der Antike war, in der sich bis zu einer Million Menschen tummelten, amüsiert und fadisiert zugleich im Colosseum und Circus Maximus, das dem räudigen Pöbel kostenlos neben blutiger Zerstreuung auch noch Brotrationen bot. Alsdann denkt man an Pompeji und dessen vulkanösen Untergang im Spätsommer des Jahres 79 n. Chr., die Ausgrabungen, die seit rund 200 Jahren die Herzen so manches klassischen Archäologen, Historikers und beigeisterten Laien höher schlagen lassen, da mit ihnen endlich einmal der Blick durch ein Schlüsselloch getan werden kann, das zeigt, wie man wirklich in dieser Welt gelebt und gehaust hat. Dann ist aber auch schon bald Schluß mit diesem Wissen light. Selbst an der Universität scheint der Trampelpfad auf dem Hannibal und seine Truppen seit Jahrhunderten auf- und abdefilieren von menschlich tieferer Bedeutung als die simple Frage nach dem Leben im alten Rom. Vielleicht hat man noch das Glück und kann an irgendeiner Exkursion teilnehmen und ist im Gefolge dieser Bildungschance vielleicht durch die uns doch so modern anmutenden Straßen Pompejis gewankt, schlendernden Fußes in Richtung Forum, Haus des Fauns, den Tempel der Isis in Blicknähe. Und vielleicht lassen schließlich dann die antiken Toilettenanlagen, die Gärten, die Tavernen, an denen man vor 2000 Jahren schon Pizzaähnliches verkauft wähnt, den interessierten Zeitgenossen ahnen, daß das auf uns durch Bildungsinstitutionen gekommene Wissen doch recht oberflächlich ist.

Mit all diesem Unwissen räumt Christiane Kunst in ihrem Buch „Leben und Wohnen in der römischen Stadt“ endlich auf. Sechs Kapitel nebst einem durch Bettina Kunst verfaßten Anhang, der Beispiele der Domus aus Pompeji erläutert, versuchen all das nachzuholen, was die bislang ereignisorientierte Geschichtswissenschaft tunlichst ignoriert hat. Denn was hatte das tägliche Allerlei eines Lebens dem tiefschürfenden Geist, der sich schlimmstenfalls in die Niederungen eines platonischen Symposions begab, schon zu bieten? Der Frage nachzugehen, in welchen Räumen solcherlei Stelldicheins stattfanden, schien bislang nicht angebracht.
Um so erstaunlicher ist die Welt, die wir nun mit Christiane Kunst betreten. Der Leser erfährt, daß die Domus im Gegensatz zum heutigen Haus keineswegs ein Privatissimum seines Besitzers war, sondern der Grad der Öffentlichkeit dieses Gebäudes direkt proportional zu dem Ansehen seines Bewohners in der Gemeinschaft stand. Das herrschaftliche Haus fungierte also als Schaubühne, deren Vorhänge sich mit dem ersten Hahnenschrei hoben – gegen 7:00 Uhr, der zweiten Stunde -, wenn die ersten Klienten sich näherten, oder der Senator sich auf das Forum begab, um die notwendigen Tagesgeschäfte zu erledigen. In munterem Durchmarsch erfährt der Leser nicht nur was „insulae“, „domus“ und „cenacula“ waren, welche räumliche Struktur vorherrschte, vom wem sie zu welchen Konditionen bewohnt wurden, sondern auch Sozio-Kulturelles – über Sklavenhaltung und -Hierarchien, über Sitten und Gebräuche, die Hochzeiten bereits um 7:00 in der Frühe stattfinden ließen, wie die Herren Senatoren und Magistrate ihre gerichtsfreien Nachmittage im Bad verbrachten, während die „jeunesse dorée“ in den diversen Palästra der Stadt Rom vor sich hin lümmelte, um anschließend in das eigens von Papa Senator angemietete Junggesellenappartement zurückzukehren. Sie wußten nicht, daß der Römer von Welt gar keine Sandalen trug, sondern vielmehr mit soliden Tretern bewehrt durch die Straßen seiner Städte stapfte, gefolgt von einem Sklaven, der die edlen nur für den Hausgebrauch angefertigten Schläppchen bereithielt? Jetzt wissen Sie es. Und Sie erfahren, daß der Weg über farbig ausgewiesene Straßen ging: weißgepflasterte wenn man Fußgänger war, blaugepflastert, sollte man mit Wagen und Roß daherkommen. Damit noch längst nicht genug. Die Autorin referiert über Städteplanung und Durchführung von Bauvorhaben, darüber, daß die Rasterung der Straßen als gemeinschaftliche Pflichtübung aufgefaßt wurde, genauso wie die Errichtung der Gebäude selbst wohlhabenden, einflußreichen Bürgern oblag. Wir erfahren, daß Architekten der öffentlichen Gebäude zumeist Freigelassene oder Sklaven waren, daß es eine Bauaufsicht gab, die für die Einhaltung der Bauordnung sorgte, hören vom „curator aquarum“ und davon, daß der Anschluß der Privathaushalte an die Wasserleitung durch eine Konzession geregelt wurde, daß das hierfür notwendige Leitungssystem durch die Besitzer der Häuser selber zu finanzieren war und diese sich aus finanztechnischen Gründen oftmals zu „consortien“ zusammenschlossen. Entnahmemengen wurden festgelegt, Tarife pauschal festgesetzt. Der moderne Leser ist sprachlos bis überrascht. Vor 2000 Jahren bereits gehörten Normdüsen und deren Kontrolle durch das Eichamt zum städtischen Alltag.
Alsdann verweilt die Autorin bei den Thermen, klärt allen wüsten Hollywoodfantasien zum Trotz darüber auf, daß Männer und Frauen hübsch getrennt voneinander badeten, letztere aber nicht nur schlechtere Öffnungszeiten sondern auch erhöhte Eintrittsgelder in Kauf nehmen mußten. Hygeniefragen werden diskutiert, die Auswirkung auf die Lebenserwartung, die Versorgung der Stadt mit Waren. Nicht in Wohn- Arbeits– und Einkaufsbezirke waren römische Städte eingeteilt, sie glichen vielmehr einem überdimensionierten Jahrmarkt, im dem fliegende Händler ihre Ware feil boten, und die Läden ihre Ware bis auf die Straße hinaus zur Schau stellten. Auf der Straße wurde gelebt, gegessen und geschlafen. Daneben gab es Wirtshäuser, manche noble Dauerabsteigen für Senatoren und Ritter, manche die mit Bordellen verbunden waren. Man konnte in Lokalen speisen, die neben Wein auch Eßbares anboten – in springbrunnenbestückten Gärtlein. Und wir erfahren von der für uns heutige schier irrwitzigen Verschmelzung von Wohn- und Gewerberäumen – auch bei hochherrschaftlichen Häusern, daß nämlich die prächtige Domus des Publius Africanus Scipio nicht nur diverse Kaufläden beherbergte sondern auch eine Metzgerei, oder daß im Haus des Labyrinths in Pompeji genügend Platz war, um eine Bäckerei mit vier Mühlen aufzunehmen. Ökonomische Aktivität galt in der auf „odium“, Müßiggang herabblickenden römischen Gesellschaft als angemessenes Aushängeschild für die Regsamkeit und das Prosperieren der „gens“. Zuletzt widmet sich das Buch dem „Wohnen nach dem Tod“. Auch hier weiß Bettina Kunst höchst Interessantes zu berichten, über Hierarchien, die bis in den Tod bewahrt blieben, über den Aufwand, den die Zurückgebliebenen betrieben, ihre Einstellung gegenüber den Grabstätten.
Langer Rede kurzer Sinn – es gibt keine Seite in diesem Buch, auf der man nicht Überraschendes, Interessantes, Neues erfährt. Eine Lektüre die wie im Flug vergeht.
Und doch. Die Bilder. Leider illustrieren sie das Beschriebene nur unzureichend. Außer einem Stadtplan von Rom wird weder auf das vielzitierte Pompeji verwiesen, geschweige denn auf Ostia oder Herculaneum. Schwierig wird es auch dann, wenn die Autorin von Häusern spricht, deren Anlage sich nur der vor Augen führen kann, der schon mal vor Ort gewesen ist. Auch stört es, wenn Abgebildetes unscharf daherkommt. Bettina Kunst räumt wunderbar mit Halbwissen auf, brilliert mit ihrer Kenntnis über römische Kultur, warum akzeptiert sie dann eine Zeichnung, in der Römer allesamt nach bester Asterixmanier in Hosen dargestellt werden? Aber genug des Gemeckers. Tatsächlich sollte das auch dem Wert und der Qualität dieses Buches keinen Abbruch tun. Seine Lektüre hat sich allemal rentiert. Sie sei einemjeden wärmstens ans Herz gelegt.
Tanja v. Werner