Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Auf der Suche nach dem Glück

Für eine Ethik der Selbsterfahrung

von Ferdinand Fellmann

 

In den letzten Jahren sieht sich die normative Ethik vom kantischen Typus dem Druck einer Rehabilitierung der Lebenskunst  ausgesetzt.[1] Damit gewinnt der Eudämonismus, den Kant kategorisch als moralisches Prinzip ablehnt, wieder an Attraktivität. Unter den deutschsprachigen Philosophen ist besonders Dieter Birnbacher zu nennen, der sich für den Glücksbegriff ausspricht. Seine Position hat er in prägnanter Form in seinem Aufsatz Philosophie des Glücks dargestellt.[2]

Sein Ansatz ist fundamental und radikal.  Er wendet sich gegen den Universalismus rationaler Normenbegründung und plädiert für einen Individualismus, der den Ursprung unserer moralischen Werte im Lebensgefühl sucht. Seine Analysen der psychologischen und sozialen Aspekte des Glücks lassen erkennen, dass Glück ein komplexes Phänomen ist, das sich nicht auf die sinnliche Lust reduzieren lässt.

Gemäß dem geläufigen Sprachgebrauch begreift Birnbacher Glück als subjektiven Zustand und verteidigt den Glückssubjektivismus gegen die Objektivisten, die fremde, nicht aus der Glückserfahrung selbst ableitbare  Werte in den Glücksbegriff projizieren.

So begrüßenswert eine Rehabilitierung des Eudämonismus unter Berücksichtigung psychologischer Aspekte auch ist, Birnbachers Gegenüberstellung von Glückssubjektivismus und Glücksobjektivismus betrachte ich als falsche Alternative, die die spezifisch moralische Dimension des Glücksbegriffs aus dem Auge verliert. Denn auch eine Moralpsychologie kann sich nicht mit Beschreibungen von Gefühlszuständen begnügen. Sie muss deutlich machen, wie aus dem Streben nach Glück moralische Verpflichtung entsteht und wie umgekehrt diese das Erleben von Glück beeinflusst.[3] Ich schlage daher einen dritten Weg vor, der auch vom Standpunkt des Subjekts ausgeht, aber die der Subjektivität inhärenten Objektivierungen herausarbeitet. Dabei gehe ich wie folgt vor: Zunächst rekonstruiere ich die Position Birnbachers (I), sodann entwickele ich im Anschluss an John Stuart Mill einen differenzierten Begriff moralischer Subjektivität (II) und schließlich gebe ich einige Ausblicke auf eine Philosophie der modernen Lebenskunst (III).

 

I: Birnbachers psychologische Analysen des Glücks

Birnbacher geht davon aus, dass bei aller Verschiedenheit, worin die Menschen ihr Glück finden, doch eine gewisse Einheit in der Vorstellung davon herrscht, wonach sie suchen. Der alltagssprachliche Begriff von Glück gibt darüber  Auskunft, welche philosophisch relevanten Aspekte eine Rolle spielen. An erster Stelle steht die Differenz von episodischem und periodischem (gemeint ist länger anhaltendem) Glück. Eng verbunden damit ist der doppelte Subjektivismus des Glücks: Glück als Gefühl, für das es keine objektiven Kriterien gibt, und Glück als Beurteilung von subjektiven Zuständen, die rein individuellen Wertmaßstäben unterliegt. Birnbacher nennt das „Bewertungssouveränität“. Daraus folgert er, dass es keine allgemeine inhaltlich gehaltvolle Glückstheorie geben könne. Die drei gängigen Glückstheorien: Glücksgüter (Aristoteles), Lustgewinn (Freud) und Wunscherfüllung (Ökonomik) hält er angesichts der psychologischen Befunde für defizitär. Statt nun aber wie Kant den Eudämonismus zu verabschieden, schwebt Birnbacher eine Philosophie des Glücks vor, die sich auf eine dichte Beschreibung von Glückserfahrungen verschiedener Zeiten und Kulturen beschränkt und ansonsten es den Menschen überlässt, auf ihre Art glücklich zu werden. Eine sympathische Position, die dem postmodernen Individualismus und Subjektivismus entspricht, der alle normativen Vorgaben als Fesseln empfindet und Moralität emotivistisch aus dem Standpunkt der ersten Person versteht.

Birnbachers Grundunterscheidung von episodischem und periodischem Glück ist psychologisch gut nachvollziehbar, muss aber spezifiziert werden, wenn man zur moralischen Dimension vorstoßen will. Episodisches Glück ist identisch mit dem Gefühl der Lust, das kriterienlos ist. Das entspricht aber kaum unserem Glücksideal, wie das Märchen von „Hans im Glück“ lehrt. Birnbacher interpretiert das Märchen als Beleg für einen auf Spontaneität und Unverdrossenheit beruhenden Glücksbegriff, doch dürfte das nur die halbe Moral der Geschichte sein. Die andere Hälfte verweist auf die Unbedarftheit eines Menschen, der den Preis nicht reflektiert, den er für sein Glückserleben in dieser Welt bezahlen muss. Momentanes Glücksempfinden ist daher nicht identisch mit dem Glück, das der Eudämonismus als Grundlage der Moral betrachtet. Moralisch qualifiziertes Glück ist ein Zustand, der mit dem Bewusstsein der Folgen verbunden ist, wobei es sich nicht nur um äußere, sondern auch um innere Folgen handelt. Hans  im Glück befindet sich im Zustand der Halbentfremdung von der Lebenswirklichkeit, die ihn dann einholen würde, wenn er wirklich nichts mehr zu beißen hätte. Jean Paul hat in seinem Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auental einen  Menschen beschrieben, der die seltene Kunst besaß, stets glücklich zu sein. Aber es handelt sich eben um eine Idylle, die zusammenbricht, wenn die Verhältnisse so hart werden, dass man mit dem Prinzip des billigen Vergnügens nicht mehr überleben kann.

Anders als beim Glück im Augenblick genügt es beim Glück als moralischem Zustand nicht, dass man ihn empfindet, man muss auch die Bedingungen reflektieren, unter denen man ihn erreicht. Es geht also um die von Birnbacher selbst herausgestellte kognitive Dimension des Erlebens, um die Bewertung des eigenen Zustands, die meist erst im Nachhinein erfolgt. Wenn jemand am Ende seines Lebens davon spricht, es sei glücklich verlaufen, so hat Glück hier die Qualität von Zufriedenheit. Solange der Mensch noch mitten im Leben steht, ist es mit der „Bewertungssouveränität“ nicht so weit her, wie Birnbacher glauben machen will. In seiner Ballade Der Ring des Polykrates schildert Friedrich Schiller einen Tyrannen, der von äußeren Glücksumständen überhäuft ist. Damit aber gibt er sich nicht zufrieden. Er will seinem Besucher das Geständnis abpressen, er sei glücklich („gestehe, dass ich glücklich bin“), was der Besucher ihm verweigert. Die Ballade zeigt die doppelte Unsicherheit des Glücks: Glück ist immer von äußeren Umständen bedroht, aber selbst wenn diese optimal sind, garantieren sie kein inneres Glück. Zum Glück gehört das Gefühl der Sicherheit, die nur das moralische Bewusstsein  bieten kann.

Natürlich sind inhaltlich viele Wege zum Glück denkbar, aber es gibt eine formale Bedingung, die für alle Menschen zutrifft, gleich, in welchem Gut sie  ihr Glück suchen und finden: Die Mittel des Glückserwerbs müssen für andere zustimmungsfähig sein. Insofern ist die „Bewertungssouveränität“ keineswegs unbeschränkt. Im Subjektiven gibt es ein Objektives, das der Erfahrung des Glücks immanent ist und nicht von außen aufgezwungen werden braucht. Die „Objektivität aus subjektiver Leistung“, die übrigens Edmund Husserl zum Gegenstand seiner „transzendentalen Logik“ gemacht hat, entspricht einem holistischen Verständnis der Person[4] Es bricht mit der dualistischen Anthropologie der Aufklärung und insbesondere Kants, die den Menschen in ein Sinnen- und ein Vernunftwesen spaltet und damit den Zusammenhang von Genesis und Geltung zerreißt. 

Vor diesem Hintergrund steht es mit den von Birnbacher angeführten drei Glückstheorien so schlecht nicht, wie er meint. Die Glücksgütertheorien beruhen keineswegs auf einer „schlichten Verwechselung“ der Ursachen mit der subjektiven Wirkung. So naiv war selbst Aristoteles nicht, auch wenn seine Psychologie noch nicht die Subtilität eines Nietzsche oder Freud erreicht. Umgekehrt verkennt der Hedonismus keineswegs den kognitiven Aspekt des Glücks, er weiß aber, dass die Bewertung sich nicht über die Empfindungen hinwegsetzen kann. Dass jemand sich noch glücklich schätzt, wenn er am lebendigen Leibe geröstet wird, kam selbst den Stoikern unwahrscheinlich vor. Schließlich ist die Wunscherfüllungstheorie mit der Glückserfahrung so unvereinbar nicht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Sicherlich bringt die Erfüllung von Wünschen nicht immer das erwartete Glück. Daraus hat schon Schopenhauer  den voreiligen Schluss gezogen, dass der Mensch zum Leiden geboren ist. Aber das ändert sich, wenn man das Glück von der Erfüllung in den Weg verlegt, auf dem wir unsere Wünsche erfüllen. Das führt zurück zur Subjektivität als Selbstwertgefühl, das als dauernder Prozess von Intention und Erfüllung erfahren wird. Theoretisch leben wir immer im Übergang vom Zustand des Zweifels in den der Überzeugung, praktisch im Übergang von Erwartung und Befriedigung. Wie erotische Lust besteht Glück mehr in der Erwartung als in der Erfüllung. 

Birnbacher sieht hier eine spezifisch westliche Auffassung von Glück, die anderen Kulturen fremd ist, in denen das In-Ruhe-gelassen-Werden als höchstes Lebensziel gilt. Das klingt in den Ohren des gestressten und zivilisationsmüden Europäers natürlich verlockend, bleibt aber ein wenn auch unvermeidlicher Traum, dessen Realisierung niemand wirklich wollen kann. Denn das Resultat wäre eine Gesellschaft von passiven Aussteigern, in der die Arbeit die anderen machen müssten. Hinzu kommt, dass auch die Ruhe erkämpft werden muss gegen die Anforderungen der Dynamik der modernen Gesellschaft, die keineswegs rein zufällig entstanden ist. So kann man in der Bindung des Glücks an Erfolge in der Bewältigung von Aufgaben eine anthropologische Konstante sehen. Sie folgt aus der exzentrischen Positionalität des Menschen, die das Glück der Erwartung mindestens ebenso hoch einschätzt wie das der Erfüllung. 

 

II: Die Paradoxie des moralischen Subjekts

Der heute gängige Glückssubjektivismus krankt an einem ungeklärten Subjektbegriff. Birnbachers Ausführungen erwecken den Eindruck, als sei Glück ein Zustand, den ein Subjekt haben kann  oder auch nicht. Das aber genügt für die moralische Dimension des Glücks nicht. Sie ergibt sich daraus, dass Subjektivität ein praktisches Selbstverhältnis ist, das sich mit der solipsistischen Reflexionstheorie nicht angemessen beschreiben lässt. Der späte Husserl hat die menschliche Subjektivität als Paradoxie bezeichnet, die darin besteht, dass der Mensch als Handelnder ein Teil der Natur ist und als Betrachter zugleich darüber steht (Krisis-Abhandlung § 54). Damit kommt eine Spannung in die Subjektivität, die das Glück der Menschen von dem der Tiere unterscheidet, die ganz in der Umwelt aufgehen, in der sie sich befinden. Der Mensch dagegen lebt immer in Distanz zur Welt und damit auch in Distanz zu sich selbst. Diese unaufhebbare Distanz bildet den logischen Raum, in dem subjektive Befindlichkeit und objektive Forderung, Glück und Moral sich verbinden.

Es ist John Stuart Mill zu verdanken, dass er auf der Grundlage eines differenzierten Begriffs von Subjektivität eine Glücksmoral entwickelt, die Glückserleben und Geltungsanspruch miteinander verbindet. Der entscheidende Schritt, der Mill über den hellenistischen Hedonimus  hinausführt, besteht darin, dass er anders als Epikur zwischen zwei Arten von Lust, nämlich sinnlicher und geistiger, unterscheidet. Geistige Lust ist nicht durch den Gegenstand definiert (etwa Lesen des berühmten ‚guten Buchs’), sondern bezeichnet einen Bewusstseinszustand, der durch innere Spannung zwischen  Erlebnis und Reflexion gekennzeichnet ist. Durch diese Spannung wird aus Selbstgefühl Selbstwertgefühl, das den Menschen vor dem Tier auszeichnet. Mill hat diesen Tatbestand mit dem bekannten Satz formuliert, es sei besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein. Den Unterschied kommentiert er folgendermaßen: „Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen. Die andere Partei hingegen kennt beide Seiten“ (Der Utilitarismus, 2. Kapitel). Hier geht es nicht um ‚Lustexperten’, wie manche Interpreten unterstellen, sondern um die Erfahrung der anthropologischen Differenz. Der Mensch ist das Wesen, welches auf Distanz gegenüber der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung gehen kann. Das macht ihn nicht von Bedürfnissen frei, verschiebt diese aber auf eine höhere Ebene, nämlich auf die der Reflexionslust. Hier erfährt sich der Mensch überhaupt erst als moralisches Wesen. Es spricht für den psychologischen Scharfsinn Mills, dass er Moralität mit dem Gefühl des Stolzes und dem Streben nach Macht in Verbindung bringt. Die geistige Lust ist nichts Geringeres  als das Selbstwertgefühl, das auch der scharfe Kritiker des Utilitarismus, John Rawls, zu den wichtigsten „Grundgütern“ der Gerechtigkeit zählt[5] Aus utilitaristischer Sicht ist Selbstwertgefühl das höchste Gut, von dem alle anderen individuellen und gesellschaftlichen Grundgüter wie Selbstsorge oder Solidarität abhängen.

Glück im moralischen Sinn ist ein Zustand, der mit dem Subjekt- oder Menschsein selbst zusammenfällt. Das hat Mill mit seinem Vergleich zwischen einem „zufriedenen Schwein“ und dem „unzufriedenen Sokrates“ gemeint, und seine Unterscheidung von zwei Arten von Lust, der unmittelbaren Augenblickslust und der durch Erfahrung erworbenen Reflexionslust ist mehr als ein „verzweifelter Versuch“, wie Birnbacher meint. Die Objektivierung des Subjektiven durch Reflexion auf den eigenen Zustand hat auch nichts mit Ideologie  zu tun, die Birnbacher den Objektivisten unterstellt. Im Gegenteil: Wenn Ideologie auf falschem Bewusstsein basiert, so ist Glück die einzige Form, Bewusstsein vor Selbsttäuschung zu bewahren, vor der Täuschung nämlich, dass uns die wenn auch nicht wirkliche, so doch gedachte Zustimmung der anderen gleichgültig sein könnte. Selbst Egoisten sind nicht einfach wie Tiere auf Trieberfüllung programmiert. Menschliches Verhalten ist immer mit einem allgemeinen Geltungsanspruch verbunden, der die unhintergehbare Bedingung des Personseins darstellt.

Vor dem Hintergrund der modernen Auffassung von der exzentrischen Positionalität des Menschen erscheint der Utilitarismus von Mill in einem günstigeren Licht. Sicherlich spielen typisch viktorianische Werte historisch eine Rolle, aber das entwertet seinen objektiven Glücksbegriff nicht. Mills „allgemeines Glück“ ist ein Gut, das niemals auf Kosten des individuellen Glücks erworben werden kann. Das macht aus dem Gut einen Wert, der formal als derjenige Zustand einer Gemeinschaft definiert werden kann, der jedem einzelnen die größtmögliche Freiheit bietet, seine eigene Lebensform zu verwirklichen, ohne den anderen dadurch über Gebühr zu beeinträchtigen. Die Grenzen werden durch die ehrwürdige „Goldene Regel“ gezogen, die anders als Kants Kategorischer Imperativ für moralischen Fortschritt offen ist, der auf mehr Respekt vor der individuellen Lage hinausläuft. Die Goldene Regel  fordert die Menschen auf, in ihrem Streben nach Glück anspruchsvoll zu sein. Denn nur derjenige, der nicht alles hinzunehmen bereit ist, weiß, was er den anderen schuldig ist.

Hier eröffnet die Ethik eine Perspektive der moralischen Erziehung, die ähnlich wie Schillers ästhetische Erziehung nicht „von oben“ erfolgen kann, sondern mit dem Zivilisationsprozess selbst zusammenfällt. Sie erlaubt es, zwischen Stufen ethischer Entwicklung zu unterscheiden. Eine Kultur wie die klassische Antike, in der Sklaverei theoretisch gerechtfertigt wird, darf nicht als einer Kultur moralisch gleichwertig angesehen werden, in der allen Menschen der Status gleicher Rechtssubjekte zuerkannt wird. In diesem Punkt kann eine Philosophie, welche die Subjektivität des Glücks zum Ausgangpunkt ihrer Überlegungen macht, auf Objektivierungen nicht verzichten. Wenn es gelingt, durch eine genetische Phänomenologie der Werte die Opposition von Glückssubjektivismus und Glücksobjektivismus zu überwinden, hat eine Rehabilitierung des Eudämonismus als Selbsterfahrung eine Chance auf Erfolg[6]

 

III: Eigenes und fremdes Glück

Moralisches Selbstverständnis nimmt immer Bezug auf andere Menschen, seien sie nun real oder bloß gedacht. Denn der Mensch ist infolge der Grundlosigkeit seiner Existenz ein rechtfertigungsbedürftiges Wesen. Und gerechtfertigt fühlen wir uns dann, wenn wir uns so verhalten, dass andere Menschen unseren Maximen  zustimmen können. In der freien Zustimmung aber liegt das Glück, das sich durch Machtmittel  nicht erzwingen lässt. Ein Beispiel ist die Liebe. Wir zollen Anerkennung auch unseren Konkurrenten, wenn sie überragende Leistungen erbringen. Dagegen richtet sich die Liebe auf den ganzen Menschen in seinem Sosein, und das macht Liebe unkalkulierbar. Darin unterscheidet sich der Mensch vom Tier, das andere Tiere frisst, um selbst zu überleben. Auch der Mensch kämpft seit seiner Vertreibung aus dem Paradies um sein Leben, aber seine Selbsterhaltung ist an ein Selbstwertgefühl gebunden, das  seinen Maßstab in der Freiheit der Zustimmung zu konkreten Lebensformen hat.

Diese Einschränkung erfahren wir als Sollen oder moralische Verpflichtung, die eine besondere Art von Zwang ist. Auch Sucht ist ein Zwang, dem wir uns oft wider besseres Wissen beugen. Moralischer Zwang aber findet unsere Zustimmung, denn wir sehen ein, dass wir um unserer Selbstachtung willen so und nicht anders handeln müssen, obwohl es häufig gegen unsere Neigung geht. Hier wird der Ursprung des moralischen Sollens deutlich: Das Sollen ist eine Funktion des menschlichen Wollens[7]  Anders als die tierische Triebhaftigkeit wird der Wille zum Leben von der Reflexion auf die Bedingungen gebrochen, unter denen wir mit unserer Triebhaftigkeit als Mensch unter Menschen leben können. Der richtig verstandene Glücksbegriff verbindet eigenes Glück intrinsisch mit fremdem Glück und kann so einer modernen Wertethik als Fundament dienen.

Birnbachers Philosophie des Glücks bewegt sich auf dieser Linie, und daher habe ich sie hier zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen gemacht. Die Defizite sehe ich darin, dass sie wie der hedonistische Eudämonismus zu individualistisch und subjektivistisch bleibt. Das entspricht zwar dem Selbstverständnis des flexiblen Menschen in der postmodernen Erlebnisgesellschaft, der sich in seinem Lebensgefühl wie Hans im Glück am Rande des Wahns bewegt. Daher auch der derzeitige Boom der Philosophie der Lebenskunst nach dem hellenistischen Muster der Verinnerlichung des Glücks als privater Angelegenheit. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass diese Tendenz einem emotivistischen Individualismus Vorschub leistet. Die populäre Wohlsfühlpsychologie, die Glück auf „Spaß haben“, Fun oder Wellness reduziert, erzeugt in sich selbst verliebte Subjekte, die der Instrumentalisierung durch den Markt und die Moden schutzlos ausgesetzt sind. Modische Lebenskunst  wird zur Kunst der Trennung von gemeinsamen Lebensaufgaben und Sorgen in „Das ist dein Problem“ und „Das ist mein Problem“.

Dagegen hat Philosophie des Glücks in der Moderne nach meiner Auffassung die Aufgabe, die monströse Verherrlichung des Ego in der Ethik der Selbstsorge zu überwinden. Da ich den Menschen infolge der Polarität der Geschlechter basisanthropologisch als Paarwesen definiere, schwebt mir eine Philosophie der Lebenskunst zu zweit vor. Die Kunst zu Leben und die Kunst zu Lieben gehören infolge der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen zusammen[8] Dieses Menschenbild, das ich in meinen jüngsten Büchern entworfen habe, in moralischer Hinsicht zu entfalten, würde einen neuen Aufsatz erfordern, den ich mir für zukünftige Gelegenheiten vorgenommen habe.

 

Anmerkungen

[1] Der prominenteste Vertreter einer neuen Philosophie der Lebenskunst ist im deutschen Sprachraum Wilhelm Schmid. Kritische Stellungnahmen dazu in W. Kersting und C. Langbehn (Hg.): Kritik der Lebenskunst, Frankfurt a. M. 2007.
[2] 2005 in: e-Journal Philosophie der Psychologie unter: www.jp.philo.at und als gekürzte Druckfassung in: Information Philosophie 2006/1/7-22.
[3] Vgl. die prägnante Darstellung der Unaufhebbarkeit des Konflikts zwischen Glück und Moral von Martin Seel: Gück, in: H. Hastedt, E. Martens (Hg.): Ethik. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1994, 145-163.
[4] Formale und transzendentale Logik, § 8: Die Doppelseitigkeit der Logik; die subjektive und die objektive Richtung ihrer Thematik, 2. Aufl., Tübingen 1981, 29-31.
[5] Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 1979, 112.
[6] Die verschiedenen Wege der Selbsterfahrung in moralischer Absicht habe ich dargestellt in meinem Reclam-Bändchen Die Angst des Ethiklehrers vor der Klasse. Ist Moral lehrbar?, Stuttgart 2000.
[7]Ferdinand Fellmann: Wie das Sollen in die Welt kommt. Ein Plädoyer für Moralpsychologie, in: DZPhil, Berlin 51 (2003) 3, 491-501.
[8] Ferdinand Fellmann: Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen, Berlin 2005. Eine kritische Anwendung meiner Anthropologie des Paares auf hervorstechende Trends der derzeitigen Gesellschaft enthält mein Buch: Der Liebes-Code. Schlüssel zur Polarität der Geschlechter, Berlin 2007.

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