![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 3
Text und Darstellung: Rolf Michenfelder
Choreographie: Graciela González de la Fuente
Licht- und Tondesign: Jörn Boldt
Musik: Matti Fischer
„Stellen Sie sich vor …“, „Weißt du noch…?“, „Er bittet mich zu glauben…“ – an diesen und ähnlichen Satz- und Wortgebilden setzen Michenfelders Texte immer wieder an mit ihrer Reise in eine zurückliegende Zeit, mit ihrer tief-traurigen Rückschau auf den Punkt in der Vergangenheit, der alles im Leben zweier Menschen verändert hat. Ein Mann erinnert sich an das Leben mit seiner Frau, seiner Geliebten, seiner Freundin, die plötzlich, ohne dass das zu erahnen gewesen wäre, durch eine Gehirnblutung oder was auch immer in eine Art Wachkoma fiel und seit dieser Zeit ansprechbar und dennoch unerreichbar für den Geliebten ist. Das Stück Oooh I need your love babe, das am 15. Mai im Theater im g-werk Premiere hatte, schildert den qualvollen Versuch des Mannes, eine Nähe zu seiner kranken Frau zurückzugewinnen, die unwiederbringlich dahin ist, das schlimme Ereignis, das einen Bruch des Lebens zweier Menschen bedeutet, durch die Beschwörung der gemeinsamen Liebe und der glücklichen gemeinsamen Zeit ungeschehen zu machen, die tragisch-groteske Anstrengung des Mannes, seine Verlassenheit und Einsamkeit durch die immer sich wiederholende Benennung des einstigen gemeinsamen Glücks zu überwinden.

Michenfelder setzt seine Erinnerungstexte, die niemals in ein rührseliges Pathos abrutschen, sondern – im Gegenteil – in bewegenden Worten von Liebe und Schmerz, so als gehörten sie zusammen, sprechen, in ein eindringliches Spiel und in eindrucksvolle Bühnenbilder um. – Die Zuschauer blicken, wenn das Stück beginnt, auf ein leicht erhöhtes Podest aus Holzbrettern, auf dem ein großes Eisenbett steht. Michenfelder liegt wie verloren auf diesem Bett in einem langen dunklen Mantel und spricht leise Worte zu einem traurig-melancholischen Lied aus dem Lautsprecher: „the magic night“ – „my dreams of you“. Das Podest ist vollgepackt mit kleinen Stofftieren, Bären, Löwen, Enten, Seehunden und Pinguinen. Sie umlagern und umstellen das Bett und den Spieler, Versatzstücke einer Vergangenheit, die in den Erinnerungstexten beschworen wird, gleichzeitig aber auch absurd-groteske Figuren, die den Mann „klein“ machen, ihn in seine Erinnerungen einsperren und dort wie einen Gefangenen seines eigenen Lebens halten und fesseln.

Das Bild der zahllosen Plüschtiere, es mögen fünfzig oder mehr sein, drängt sich zwischen die Texte und Lieder und legt einen Schleier der Unwirklichkeit über das gesamte Erinnerungsspiel. Die Ernsthaftigkeit der Texte reibt sich an der Kuscheligkeit und letztlich Unernsthaftigkeit der Spieltiere. Beides, das spürt der Zuschauer, passt nicht zusammen, das eine verzerrt das andere. Die endlose Rückschau auf die Geliebte zwischen den Stofftieren wird mehr und mehr zu einem grotesk-absurden Vorgang. Der Mann bleibt inmitten der Kuscheltiere ein Gefangener seines aus Erinnerungen bestehenden Lebens. Ein Tanz deutet dieses Gefangensein in sich selbst an. Mit weit ausladenden Armbewegungen und Körperdrehungen tanzt sich der Mann in die Freiheit, vielleicht zurück zu seiner Geliebten, vielleicht mit ihr in eine neue Zukunft. Aber der Tanz ist nur eine Scheinbewegung. Der Tanzende kommt nicht vom Fleck, bleibt, so sehr er die Leichtigkeit und Luftigkeit des Tanzes auch vorführt, auf der Stelle, kann den Erinnerungen nicht entfliehen.
Michenfelder zeigt die Doppelbödigkeit der Existenz des Mannes, der sich zurücksehnt, weil er nur in dieser erinnerten Liebe existieren kann, aber in dieser Sehnsucht an die Vergangenheit sich zu verlieren droht, mit großer schauspielerischer Sensibilität für die genaue Balance zwischen echtem Pathos und leisen Tönen. Sein leicht clownesk geschminktes Gesicht drückt eine Traurigkeit, die von innen kommt, aus. Die Melancholie und Vergeblichkeit, der Abschied und die Erinnerung an die große Liebe, die im Gesicht des Mannes, in seinen Gesten und seinen Worten präsent sind und alles durchdringen, werden durch die Musik verstärkt. Immer wieder geht es in den Liedern und Songs um den Verlust des geliebten Menschen, immer wieder um die Einsamkeit des Zurückgebliebenen, immer wieder um das Zurückträumen in eine Zeit des Glücks, die endgültig vorbei ist.

Das Stück nimmt am Ende eine vielleicht überraschende, aber durchaus passende Wendung. Irgendwann im großen Erinnerungsspiel kann, so scheint es, der Mann die Plüschtiere nicht mehr ertragen. Er holt eine Axt und schlägt auf ein Spieltier ein. Dann wischt er langsam, nicht im Affekt, sondern wie geplant, alle Tiere, als seien sie – endlich – überflüssig geworden, von dem Bühnenpodest. Er allein steht jetzt vor dem Mikrofon und redet noch einmal von einer Mainacht vor der Erkrankung der geliebten Frau: Er blickt aus dem Fenster in die Sternennacht hinaus; sie kommt und legt von hinten ihre Arme um ihn; sie reden nichts; ihre Liebe ist – damals – ganz selbstverständlich. Dann geht der Mann – er hat sich nackt ausgezogen – vom Mikrofon zum Eisschrank, öffnet das Kühlfach und holt, als habe er es genau für diesen Moment in seinem Leben aufbewahrt, ein zusammengefaltetes, „tiefgefrorenes“ Kleid seiner Geliebten hervor. Er faltet es auf – die Knistergeräusche des „Eiskleides“ wirken verstörend –, streift sich das grau-weiße Kleid über, geht zum Bett, zieht einen schwarzen Mantel an, streift sich langsam eine schwarze Kapuze mit Augenlöchern über das Gesicht und – erst jetzt ahnt der Zuschauer, was auf der Bühne geschieht, – setzt sich ein riesengroße, rote Nase auf: Aus dem Mann wird ein Pinguin, der langsam über die Bühne tappt, vom Podest herunter hopst und hinter einem Sternenvorhang davon watschelt. Der Mann macht seine Träume vom magisch-zauberhaften Leben zusammen mit seiner Geliebten, die so unerreichbar geworden ist, auf seine Weise wahr: Er verschwindet in ein fernes Märchenland, wo seine Geliebte, das ist im Märchen möglich, längst auf ihn wartet.
Herbert Fuchs