Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Die Unmoral mißglückter Metaphern

Zu Hans Blumenberg: Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. Herausgegeben von Alexander Schmitz und Marcel Lepper. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. ISBN 978-3-518-58483-5. 186 Seiten, 19,80 €

Als der Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) Anfang 1990 unter dem Titel »Ein Apokalyptiker mit Sicherungen. Glossen zur Langlebigkeit« für die Neue Zürcher Zeitung kritische Skizzen zu Ernst Jünger (1895-1998) zusammenstellte, war das Erscheinen der Jünger-Monographie von Martin Meyer nur der äußere Anlaß, - der innere hingegen das Wiedererwachen eines frühen Interesses an Jünger vor dem theoretisch unbewältigten Hintergrund eines Gesprächs mit dem Juristen und Philosophen Carl Schmitt über das Problem der Säkularisierung. Im Nachlaß fanden sich Blumenbergs Texte zu Schmitt und Jünger zusammen in einer Mappe mit der Aufschrift: »Carl Schmitt. Polit. Theol. III. Zitierverbot Okt. 1936. Ernst Jünger. 29.3.1895«.

 

Die Edition des Briefwechsels Blumenberg - Schmitt, 2007 im Suhrkamp Verlag erschienen, enthält nicht nur alle in dieser Mappe aufgefundenen Texte zu Schmitt, sondern auch Auszüge aus den zu Lebzeiten publizierten Schriften der beiden Denker, einen umfangreichen Kommentar, sowie ein ausführliches Nachwort. Auf diese Weise macht das Buch in gründlicher Weise den theoretischen Horizont kenntlich, in den die Korrespondenz sich einzeichnete. Im Vergleich dazu verfährt der Apparat, welcher dem vorliegenden Band beigegeben ist, äußerst sparsam. So entsteht der trügerische Schein, diese zumeist kurzen und teilweise zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Skizzen ließen auch ohne Kenntnis der Konstellation sich bewältigen, auf die die Aufschrift der Nachlaßmappe verbindlich hinweist.

Auch wenn man dieser Fiktion erliegt, kann die Lektüre des Buches aufschlußreich sein; es bietet einen wertvollen Einblick in die Werkstatt des Philosophen. Blumenberg führte nicht nur mit großer Sorgfalt ein Verzeichnis der von ihm gelesenen Bücher und Aufsätze, sondern auch ein umfangreiches Archiv von Lektürenotizen, auf die er bei der Arbeit an seinen zahlreichen Büchern und Zeitschriftenaufsätzen stets zurückgriff. Die langen, kaum durch Absätze unterbrochenen Reflexionsketten, die zu einem Markenzeichen von Blumenbergs philosophischer Prosa geworden sind, verdanken ihre Originalität vor allem der Fähigkeit, aus den verstreuten Erträgen seiner Lektüre einen Theoriezusammenhang entstehen zu lassen, in dem, wenn seine Genese glückt, scheinbar Disparates zur Konstellation eines prägnanten Denkbildes zusammentritt. Blumenbergs Gedanken zu Jünger begegnen dem Leser hier in dem Stadium ihrer ersten, noch unverbindlichen Formung. Man ahnt an zahlreichen Stellen den Abstand, der sie davon trennte, unverwandelt in Blumenbergs Bücher Eingang zu finden. Die philosophischen Hauptwerke legen von der Beschäftigung mit Jünger nur an wenigen Stellen Zeugnis ab.

Daß philosophische Erkenntnis Wahrheit nicht abbildet, sondern allererst herstellt, ist für die Arbeitsweise, die der Band dokumentiert, die selbstverständliche, in Blumenbergs Philosophie gleichwohl auch thematisch gewordene Voraussetzung. Ein Philosophieren, dessen Form zugleich Inhalt ist, richtet bewußt den hohen Anspruch auf, daß Fragen der Darstellung und Gestaltung ihm zu keinem Zeitpunkt nur äußerlich sind. Hans Blumenberg gehört zu den wenigen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts, die die Notwendigkeit einer Auflösung der Grenzen von Kunst und Philosophie eingesehen, aber - und das ist das bedeutsame - nicht zu der undialektischen Konsequenz getrieben haben, die begriffliche Schärfe und das systematische Interesse der Philosophie in den Ästhetizismen subjektivistischer Reflexion zum Verschwinden zu bringen. Was man den Grundnenner von Blumenbergs Gesamtwerk nennen könnte - seine »Theorie der Unbegrifflichkeit«, deren Prinzipien er erstmals 1960 in den »Paradigmen zu einer Metaphorologie« entfaltet hat -, ist im Kern die Suche nach einem gründenden Grund der im Akt des Philosophierens auf reflexiv-spekulative Weise herzustellenden Wahrheit. Dieser Grund könnte von keinem wie immer auch berechtigten »Metaphysikverbot« in der Philosophie betroffen werden, da er allen Versuchen sich entzieht, ihn festzuschreiben auf seinen gleichwohl realen Anteil an Fragestellungen sei es theologischer, psychologischer oder soziologischer Natur. Die metaphysische Frage nach dem Wesen des Menschen kehrt in Blumenbergs Philosophie wieder als auch und gerade unter den Grundbedingungen des nachmetaphysischen Zeitalters zu stellende Frage nach dem Wesen der Bedeutungen, die der Mensch seinem Dasein immer schon und immer neu aufprägt.

Die Kategorie der Bedeutung, so gefaßt, liegt quer zu dem oberflächlichen Gegensatz von subjektiv und objektiv, mit dem zeitgenössische Theorien wie der Konstruktivismus nachwievor sich aufhalten, und man könnte hinzufügen: fahrlässig sich vom wesentlichen Denken ausschließen. Sie liegt aber auch quer zu einem Gegensatz, in den man Blumenberg selbst aufgrund seiner in »Die Legitimität der Neuzeit« (1966) formulierten Kritik des Säkularisierungsbegriffs als »Unrechtskategorie« bis heute gerne einbettet. Carl Schmitt hat diesem Gegensatz in kritischer Intention die wohl präziseste begriffliche Fassung gegeben. Es ist der Gegensatz von Legalität und Legitimität der Neuzeit, d.h. ihrer gegen die Tradition sich wendenden bzw. sich von ihr unabhängig erklärenden Selbstermächtigung einerseits, sowie einer historischen Legitimierung - unter Wahrung eines Kernbestandes von traditionalen Elementen - andererseits. Da Schmitt die Selbstkonstituierung des neuzeitlichen Bewußtseins nur als Preisgabe der Tradition zu denken vermochte, vermutete er, nicht die Legitimität der Neuzeit, sondern einzig ihre Legalität sei Thema und Anliegen von Blumenbergs Buch.

Blumenberg sah sich zu einer Neufassung seines Buches veranlaßt. Er fühlte sich mißverstanden und verstanden zugleich. Das heißt: Carl Schmitt war ihm auf der Höhe des eigenen Entwurfs begegnet und hatte kraft antithetischer Zuspitzung eine fundamentale Unentschiedenheit am Grund des blumenbergschen Gedankens faßbar gemacht. Indem Schmitt schematisch Legitimität und Legalität gegeneinander abgrenzte, veranlaßte er Blumenberg, in den Prozeß weiterer gedanklicher Klärung zurückzunehmen, was sich in der Erstauflage der »Legitimität der Neuzeit« bereits zu einer dem Schein nach verbindlichen Terminologie auskristallisiert hatte. Wie der im Jahr 2007 publizierte Briefwechsel dokumentiert, ist das Verhältnis von Blumenberg zu Schmitt nicht einfachhin das eines Verfechters der Säkularisierung (der gerade als solcher ihren Begriff ablehnen muß) zu ihrem Gegner (der dem Begriff zu eben jener Popularität verhalf, gegen die Blumenberg anschreibt). Es hätte dann nicht der Neufassung der »Legitimität der Neuzeit« bedurft, die an die Auseinandersetzung mit Schmitt, wenngleich noch immer im Kleid des Gegensatzes, das Postulat eines gemeinsamen Interesses heranträgt.

Gemeint ist das Interesse an der Denkfigur der Metapher. Die Brücke, die Blumenberg von hier aus zu Schmitt zu schlagen weiß, zeigt zugleich den Zusammenhang der verschiedenen Phasen von Blumenbergs eigenem Werk auf. Der Aufweis der »Legitimität der Neuzeit« wird in den umfassenderen Horizont jener »Metaphorologie« gestellt, deren »Paradigmen« Blumenberg im Jahr 1960 formuliert hatte. Das Ergebnis dieser Synthese trägt den wohlbekannten Titel »Arbeit am Mythos«. Ohne seine früheren Standpunkte preisgeben zu müssen, wird Blumenberg in den seit der Neufassung der »Legitimität der Neuzeit« entstandenen Arbeiten der von Schmitt geäußerten Kritik gerecht, indem er die Erkenntnisstruktur der Metapher als traditionsbildenden, und das heißt: Legitimität stiftenden Grund kenntlich macht. Wenn jene Theologeme, die Schmitt zufolge der Säkularisierung unterlagen, ihrerseits als Produkte einer Metaphernbildung kenntlich gemacht werden können, in welcher Sprache und Geist des Menschen zutiefst sich selber begegnen, so hat der Begriff der Säkularisierung ihren Sinn verloren, da der metaphorologische Grund dessen, was säkularisiert worden sein soll, von ihr überhaupt nicht könnte berührt werden. Indes kann keine Rede davon sein, daß Blumenberg mit dieser Präzisierung des eigenen Standorts die Einwände Schmitts gegenstandslos gemacht hat. Schmitt hat das gewußt. Mit der ihm eigenen lakonischen Präzision schrieb er in sein Handexemplar von Blumenbergs »Arbeit am Mythos«: »Nachwievor setze ich dieser Arbeit am Mythos meine Arbeit an einem rechtswissenschaftlichen Begriff entgegen«. Mit dieser Feststellung ist der Punkt erreicht, an dem das unvollendete Gespräch der beiden Denker dem gegenwärtigen Diskurs der Philosophie einen Weg weist. Den Ort zu bestimmen, den Blumenbergs Beschäftigung mit Ernst Jünger auf diesem Weg einnimmt, wäre die Aufgabe einer Lektüre, die es unternähme, nachträglich jene Theorie zu konstruieren, die Blumenberg entfaltet hätte, wenn die vorliegenden Notate nicht Akzidentien einer philosophischen Substanz geblieben wären, die in Gestalt der politischen Theologie Carl Schmitts bereits einen konsistenteren Stoff vorgefunden hatte.

Oberflächlich betrachtet, sind Blumenbergs Glossen aus den achtziger und neunziger Jahren die liebevoll-bissigen Bemerkungen eines enttäuschten Lesers, dem Ernst Jünger einmal etwas bedeutet hat. Der den Band einleitende Text von 1949, »Ernst Jünger als geistige Gestalt«, zeigt eine überraschende Intensität der Bewunderung. Und so überraschend wie naheliegend ist, daß Maßstab und Vokabular, die diese Bewunderung Begriff werden lassen, zugleich die Denkmuster produzieren, die für Blumenberg ein Leben lang gültig bleiben werden: es ist für den 29jährigen Blumenberg die »Schärfe der Selbsterfahrung«, die »den Aussagen Jüngers ihre Legitimation« gibt (S.13). Durchgehend ist von »Legitimation« und »Evidenz« die Rede, womit Blumenberg die »überzeugende Gegenwärtigkeit des von neuem Sinn erfüllten Lebensvollzuges« (S.9) meint, der die »Entdeckung der unzerstörbaren Bereiche« (S.19) nicht erkauft mit einer »Unbescholtenheit ... , die sich dadurch bewahrt hat, daß sie sich nicht mit dem Zeitgeist einließ.« (S.9) Diesen in einer »Krise der Glaubwürdigkeit« notwendig gewordenen existentiellen Akt, sieht der junge Blumenberg von Ernst Jünger in vorbildlicher Weise geleistet. Es ist, mit einem Wort gesagt, die »Authentizität« Jüngers, die Blumenberg überzeugt.

Später erinnerte sich Blumenberg, daß es vor allem das als »Widerstandsroman« entzifferte Buch »Auf den Marmorklippen« gewesen war, das ihn und seine Zeitgenossen beeindruckt hatte. »Niemand, der es 1939 las, wird über den Zweifeln am Nachfolgenden aus derselben Feder die Präzision vergessen haben, mit der Ernst Jünger den ›Zeitpunkt‹ traf, der dieser Bilder bedurfte. Wenn einer wie ich 1950 angesichts von Heliopolis erklärte, nie wieder ein Buch dieses Autors in die Hand zu nehmen, geschah es wegen der Unvermeidlichkeit, jedes weitere an der 1939er Erfahrung von Auf den Marmorklippen zu messen.« (S.40)

Damit ist der frühe Wendepunkt im Verhältnis des Lesers Blumenberg zu »seinem« Autor bezeichnet. In einem 1950 gehaltenen Vortrag zum »Problem des Nihilismus in der deutschen Literatur der Gegenwart« kritisiert Blumenberg Jüngers Hinwendung »zu einem immer bestimmteren, subtilen, zuweilen unangenehm raffinierten Platonismus«. »Der letzte Versuch, diese in ihrem Kern zweifellos echte Wendung dichterisch zu gestalten, eine neue Form des Romans hierfür zu finden, ist mit dem Buch Heliopolis in einer geradezu peinlichen Weise mißlungen.« (S.23) Mit diesem vernichtenden Urteil über den Roman, mit dem Jünger sich im Nachkriegsdeutschland literarisch zu positionieren und zu etablieren versuchte, stand Blumenberg nicht alleine da. »Heliopolis« ist ein mit geschichtsphilosophischen Reflexionen durchsetztes, schwer zu kategorisierendes Monstrum von Roman, dessen Gestalten unter dem Übermaß von Theorie, das sie zu repräsentieren haben, schier erdrückt zu werden scheinen. Selbst enge Freunde Jüngers versagten hier die Gefolgschaft und zeigten sich entsetzt über das Ausmaß, in dem Jünger an seiner Konzeption gescheitert war. Blumenberg macht hierfür in höchst aufschlußreicher Weise Jüngers »Platonismus« verantwortlich. Die Feststellung, dieser Platonismus sei »zweifellos echt«, ist eine Reminiszenz an jene Authentizität, die Blumenberg bislang als so vorbildlich erschienen war. Das Ausweichen ins Ästhetische, mit dem er Jüngers Scheitern als künstlerisches deutet, das den »echten Kern« seiner Wandlungen nicht unmittelbar betreffe, kann aber nicht verhindern, daß die weitere gedankliche Klärung dieser rettenden Konstruktion dahin gelangen wird, das künstlerische Scheitern als Signum eines Schwundes auch und gerade von Authentizität zu entziffern. Der 1955 zu Jüngers 60. Geburtstag in den Düsseldorfer Nachrichten publizierte Text »Ernst Jünger - ein Fazit« steht am vorläufigen Ende dieser gedanklichen Klärung. »Jünger ist Platoniker« (S.25), lautet die Formel, die Blumenberg hier für sein Mißbehagen findet, und die er wiederverwenden wird, als er dreißig Jahre später neu mit Jüngers Werk sich beschäftigt.

Die Feststellung, mit der Blumenberg angesichts der Katastrophe von »Heliopolis« Jüngers Authentizität zu retten suchte: Jüngers Platonismus sei »zweifellos echt«, braucht nicht zurückgenommen zu werden, denn dem »echten« Platonismus - Blumenbergs philosophischem Feindbild - entspricht folgerichtig die »Gefährdung des gelebten Lebens durch den metaphysischen Kitsch« (S.56). Dessen Vehikel ist die mißglückte Metapher. Blumenberg kennzeichnet Jünger als »phantasiearmen Autor« (S.123), dessen »Kunstgriff der Herstellung von Intensität« (S.138) die Metapher ist, die nicht glücken kann, weil Jüngers Platonismus die »Erscheinung nur als Symptom« (S.25) nehmen kann - also verfehlen muß. Die Funktion, die den Ausdruck zur »Begleiterscheinung« degradiert (S.33), bedarf am Ende keines Ausdrucks mehr, da es ihr genügt, betrügerisch jene Bedeutung zu fingieren, deren authentische Herstellung und Repräsentation mißlingen muß. Auf diese Weise wird die mißglückte Metapher - Gegenstand jeder einzelnen der kleinen Skizzen, die Blumenberg in den achtziger und neunziger Jahren über Jünger verfaßte - zum moralischen Defekt: die sprachlich nicht eingeholte, in der künstlerischen Form nicht repräsentierte Bedeutung verdeckt ihre geschichtliche Unwirksamkeit, ihren Umschlag zur Phantasmagorie.

»Jüngers Schwäche ist, daß er die Metapher liebt, ohne zu ihr die Kraft zu besitzen« (S.123) - das ist der in einer Grundthese zusammengefaßte Leitfaden von Blumenbergs Jünger-Lektüre. Daß hier allerdings der gesamte im Begriff der Metapher aufgespeicherte Gehalt des Gesprächs zwischen Blumenberg und Schmitt in die flüchtige Skizze einschießt und die mitzudenkende theoretische Konstellation stiftet, in deren Zusammenhang Blumenberg sich hier ständig bewegt, erfährt der Leser nicht, da der Kommentar es ihm nicht sagt. Das lesenswerte Buch verschweigt seinen besten Gehalt: jenen, den Blumenberg der Beschäftigung mit Jünger gerade entzogen hatte.

Timo Kölling

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]