Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Globalisierung der Verantwortung

von Hans Lenk / Matthias Maring

 

1. Globalisierung – ein multidimensionales Phänomen
2. Die Globalisierungsthese ist kein Naturgesetz
3. Historische Bemerkungen
4. Globalisierungsprozesse
5. Ökonomische Globalisierung
6. Arbeit globalisiert – Produktionsorte und Arbeitsbedingungen
7. Fakten zur globalen Armut
8. Globales Marktversagen – zum Schutz globaler öffentlicher Güter
9. Internationalisierung und Triadisierung
10. Globalisierungsfallen – Ideologie der Globalisierung – Neokolonialismus
11. Globalisierung gestalten – Globalisierung der Verantwortung
12. Literatur

 

1. Globalisierung – ein multidimensionales Phänomen

‚Globalisierung‘ ist ein mehrdeutiger, unscharfer Begriff und meint weltweit verbundene und vernetzte Aktivitäten, die weltumspannende Verbreitung und den Austausch von Waren, Dienstleistungen, Kulturprodukten, Kulturen, politischen Institutionen usw. Globalisierung kann als Zustand oder Prozess bzw. Vielzahl von Prozessen ökonomischer, ökologischer, kultureller und politischer Art verstanden werden. Globalisierung ist multidimensional und hat unterschiedliche Aspekte. Diese verschiedenen interdependenten Aspekte lassen sich – analytisch – jeweils gesondert untersuchen und beurteilen. Globalisierung generell darf nicht mit ökonomischer Globalisierung gleichgesetzt bzw. auf diese reduziert werden. Selbst die so genannte ökonomische Globalisierung umfasst Teilaspekte: Ein- und Ausfuhren, ausländische Direktinvestitionen, Finanzmärkte – losgelöst von realen ökonomischen Prozessen –, transnationale Unternehmen, internationalisierte Produktion und Arbeitsteilung. Man kann also nicht sinnvoll von der durchgängig einheitlichen Globalisierung – und sei es nur in Bezug auf den ökonomischen Aspekt – sprechen. Wenn ‚Globalisierung‘ bzw. die These der Globalisierung mehr als ein Schlagwort sein soll, gilt es, diese mit den Fakten zu vergleichen. Auch kann man Phasen der Internationalisierung, Globalisierung bzw. Triadisierung unterscheiden. – Mit ‚Triadisierung‘ wird die überragende Bedeutung der drei Regionen Nordamerika, Westeuropa und der industrialisierten Länder Süd- und Südostasiens v.a. in wirtschaftlicher Hinsicht bezeichnet. Zu dieser Triade werden in absehbarer Zeit noch Indien und China hinzukommen.

Ulrich Beck beschrieb schon vor einiger Zeit die damalige Situation der Globalisierung – in Worten, die noch heute zutreffen (Frankfurter Rundschau 09.01.1997, Nr. 7, 12): „Denn worauf die neue Rhetorik der Globalisierung (der Wirtschaft, der Märkte, der Arbeitsplatzkonkurrenz, der Produktion, der Waren und Dienstleistungen, der Finanzströme, der Information) auch immer inhaltlich verweisen mag, hervor stechen in jedem Fall die beabsichtigten politischen Nebenfolgen hier und jetzt“: „die Prämissen des Sozialstaats und des Rentensystems, der Sozialhilfe und der Kommunalpolitik, der Infrastrukturpolitik, die organisierte Macht der Gewerkschaften, das überbetriebliche Verhandlungssystem der Tarifautonomie ebenso wie die Staatskosten, das System der Steuern und die ‚Steuergerechtigkeit‘ – alles schmilzt unter der Wüstensonne der Globalisierung in die subpolitische Gestaltbarkeit“. „Die semantische Hegemonie, die öffentlich geschürte Ideologie der Globalisierung“ sei „eine entscheidende Machtquelle, aus der die Unternehmensseite ihr strategisches Potential bezieht und vermehrt“. Die Rolle dieser Ideologie sollte – so auch Beck schon – mit den Fakten verglichen werden. Es gehe „gerade nicht nur um die externen Nebenfolgen, sondern um die internen Nebenfolgen der Nebenfolgen industriegesellschaftlicher Modernisierung“. Den idealen Gesamtkapitalisten (Marx), den Staaten, könne nun jederzeit gekündigt werden, und so entsteht eine Quasi-Zwangslage für die politisch Verantwortlichen.

 

2. Die Globalisierungsthese ist kein Naturgesetz

‚Die‘ Globalisierung erscheint vielen als Schicksal, als Gesetz, geradezu als unabänderliches Naturgesetz und als Sachzwang. Sie ist jedoch kein Naturgesetz. Die Globalisierungsthese beschreibt keinen naturgesetzlichen Zusammenhang. Die Globalisierung als Prozess und Zustand ist von menschengemachten Bedingungen abhängig. Hierzu gehören politische Entscheidungen und Änderungen der rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Notwendig für die heutige so genannte Globalisierung, nämlich die ökonomische Globalisierung waren u.a. Privatisierung von Staatseigentum und öffentlichen Aufgaben, Deregulierung der Märkte, Liberalisierung der Handelsbeziehungen. Es gab und gibt jedoch auch technische bzw. technologische Voraussetzungen der Globalisierung. Die wichtigsten sind die Informations- und Kommunikations-Technologien mit dem Internet, die einen weltweiten elektronischen Informationsaustausch in Sekundenschnelle und fast zum Nulltarif ermöglichen. Ohne diese speziellen technischen Innovationen als Voraussetzungen wäre Globalisierung nicht möglich gewesen.

Die Globalisierungsthese formuliert also schon deswegen kein Naturgesetz, da die Globalisierung von menschgemachten Bedingungen abhängt. Gerade für sozialwissenschaftliche Gesetze bzw. Quasi-Gesetze, mit denen wir Prozesse der Globalisierung beschreiben können, ist noch eine Besonderheit zu beachten. Die sozialwissenschaftlichen, insbesondere ökonomischen Gesetze, z.B. jene von Angebot und Nachfrage, sind von der jeweiligen Rahmenordnung, von der Wirtschafts- und Rechtsordnung, abhängig. Sie haben daher bedingte Geltung und gelten keineswegs in vergleichbarer Allgemeinheit bzw. Unbeschränktheit wie Naturgesetze. Ökonomische Gesetze können zudem wie alle kulturellen Normen im Gegensatz zu Naturgesetzen übertreten werden. Selbst innerhalb institutioneller Rahmenbedingungen sind Abweichungen und Ausnahmen möglich. – So waren Liberalisierung des Handels und Deregulierung in vielen Ländern wichtige Voraussetzungen der Internationalisierung und Globalisierung. Konkret: Dafür dass z.B. ausländische Hegde Fonds in Deutschland zugelassen sind, bedurfte es erst einer Änderung der einschlägigen Gesetze.

Wichtig für die ethische Diskussion und Beurteilung der sog. Globalisierungsprozesse ist: Die scheinbar allgemein gültig aus ‚der‘ Globalisierung und der Wettbewerbslogik abgeleiteten (normativ) betrieblich-ökonomischen Prinzipien sind keine (deskriptiven) Naturgesetze, die wir nicht übertreten könnten. Es gibt auch in Wettbewerbssituationen Handlungsspielräume, welche die Wahrnehmung unterschiedlicher, nicht nur betrieblicher Verantwortlichkeiten ermöglichen. Auf eine weitere Besonderheit sozialwissenschaftlicher Gesetze sei nur noch verwiesen (vgl. unten 10.): Als Prognose einmal veröffentlicht, sind sie reflexiv, können auf „sich selber“, ihre eigene Verbreitung und Verwirklichung zurückwirken. Und zwar als selbst erfüllende bzw. selbst zerstörende Prophezeiungen.

 

3. Historische Bemerkungen

Der Historiker Osterhammel (2005) unterscheidet bei der Globalisierung zunächst zwei Extrempositionen:

– Globalisierung gab es bereits im Mittelalter in einem europäisch-asiatischen Großraum: „Einige Historiker sehen bereits im Mittelalter großräumige Verflechtungen, die sie als eine Art von Ur-Globalisierung bezeichnen möchten: Vor allem die Eroberungen der Mongolen im frühen 13. Jahrhundert schufen einen euro-asiatischen Kontinentalraum, in dem sich Waren und auch Ideen über große Distanzen schnell verbreiten konnten. Freilich war Amerika an diese Ströme noch nicht angeschlossen.“

– Globalisierung gibt es erst, seitdem das Internet schnellst-mögliche weltweite Kommunikation und den ebensolchen Austausch von Information ermöglicht. Und dies fast zum Nulltarif: „Am entgegengesetzten Extrem steht die – viel weiter verbreitete – Ansicht, von Globalisierung könne man erst reden, seit die weltweite Verbreitung des Internet Kommunikation ‚in Echtzeit‘ ermöglicht und damit die Bewegung von Informationen und Finanztransaktionen beschleunigt habe“.

Für Osterhammel ist „die erste dieser beiden Positionen zu weit gefasst,“ und die zweite „unterschätzt die historischen Voraussetzungen der jüngsten Globalisierungswelle.“ Er selbst vertritt eine mittlere Position und unterscheidet auch noch drei Phasen der Globalisierung:

– die archaische Globalisierung seit dem 16. Jahrhundert mit der Erschließung der Ozeane und geringer Transportgeschwindigkeit: „Von Globalisierung sollte man erst von dem Moment an sprechen, als die Ozeane für den Verkehr erschlossen wurden. Dies geschah im 16. Jahrhundert mit der Gründung amerikanischer Kolonien zuerst durch Spanier und Portugiesen, im folgenden Jahrhundert auch durch Engländer, Franzosen und Niederländer. Im gleichen Zeitalter wurden erste regelmäßige Handelsbeziehungen über den Pazifik hinweg (von Mexiko bis China) geknüpft. Ebenfalls im 17. Jahrhundert verdichteten sich die Fernhandelsnetze im Indischen Ozean. Dazu trugen neben den europäischen ‚Ostindienkompanien‘ [...] auch arabische Seefahrer und Händler maßgeblich bei. Der Fernhandel mit kostbaren Gütern wie Edelmetallen, Gewürzen oder Porzellan wurde bald durch einen Handel mit Massenware ergänzt. [...] Die gesamte ‚Frühe Neuzeit‘ war durch einen Prozess der ‚archaischen‘ Globalisierung (C. A. Bayly) gekennzeichnet. ‚Archaisch‘ daran war, dass die Transport­geschwindigkeit sich während des gesamten Zeitalters kaum veränderte.“

– die moderne Globalisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit Dampfschifffahrt, höherer Transportgeschwindigkeit, Telegrafie und einer freien, aber staatlich regulierten Weltwirtschaft „Eine neue Stufe der Globalisierung wurde erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht. Man könnte hier von moderner Globalisierung sprechen. Sie setzt die Anwendung industrieller Prinzipien auf Verkehr und Nachrichtenübermittlung voraus. Im 19. Jahrhundert machte die Dampfschifffahrt Überseereisen schneller, sicherer und billiger. Dies war eine wichtige Ursache für die Auswanderung von Millionen von Europäern nach Nord- und Südamerika sowie in das neu erschlossene Australien. Ein weltumspannendes Telegrafennetz ermöglichte es nach etwa 1880, innerhalb von Minuten zwischen den Kontinenten zu kommunizieren. Erst jetzt entstand eine Weltwirtschaft, wie wir sie heute noch kennen. Sie setzte relativ freie Märkte voraus, an deren Funktionieren auch viele Regierungen interessiert waren. Ein deutliches Zeichen für einen höheren Verdichtungsgrad war es, dass sich seit den 1880er-Jahren ökonomische Probleme zu Welt-Wirtschaftskrisen ausweiten konnten. Die größte dieser Krisen begann 1929. [...] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit politischen Mitteln ein freier Welthandel wieder hergestellt, dem sich allerdings die kommunistischen Staatshandelsländer nur sehr bedingt anschlossen. Neue technische Entwicklungen ließen die Kontinente näher zusammenrücken, etwa die rasante Ausbreitung der zivilen Luftfahrt und die Abhängigkeit der Volkswirtschaften Europas, Japans und der USA von arabischem Öl. Multinationale Konzerne erlangten nun eine viel größere Bedeutung und Macht“. 

– die postmoderne Globalisierung „mit der geringeren Bedeutung staatlicher Regulierung und Grenzen und einem Bedeutungszuwachs Einzelner und Gruppen. [...] Die neueste Phase der Globalisierung kann man als die postmoderne bezeichnen. ‚Postmodern‘ bedeutet, dass die großen Ordnungsmächte der Vergangenheit, etwa Staaten, Kirchen oder gesellschaftliche Klassen an Bindekraft verlieren. Die Initiativen von kleinen Gruppen und Einzelnen werden hingegen wichtiger. Das lässt sich auch auf internationaler Ebene beobachten. Nationale Wirtschaftssysteme sind weniger geschlossen denn je. Für viele Dienstleistungen spielt es schon keine Rolle mehr, in welchem Land sie verortet sind. Nach dem Ende der Sowjetunion und der Öffnung Chinas entzieht sich kaum eine Gegend der Welt solchen Zusammenhängen.“

Sicherlich – so meinen wir – sind die beiden Extrempositionen, die Osterhammel zunächst darstellt, nicht überzeugend: Die These der „Ur-Globalisierung“ lässt außer Acht, dass zu viele Teile der Welt nicht wirklich erschlossen und verbunden waren. Die These der Internet-Globalisierung ignoriert – wie Osterhammel mit Recht schreibt – die historischen und sozialen Voraussetzungen der Globalisierung. Auch reichen ein zeitlich singuläres Phänomen und Ein-Faktor-Erklärungen – Internet – selten zur Erklärung aus, werden doch alle anderen relevanten Faktoren gesellschaftlicher Art ausgeblendet. Plausibel scheint, wenn man Phasen der Internationalisierung und Globalisierung unterscheidet. Diese Phasen zeigen dann unterschiedliche Grade der Verflechtung der Produktion und der Volkswirtschaften, des Austausches von Waren und Dienstleistungen usw. (Schwerpunkt der Ausführungen Osterhammels sind in dem von uns zitierten Textausschnitt nur die ökonomischen Zusammenhänge.)

 

4. Globalisierungsprozesse

Im Folgenden werden in alphabetischer Auflistung wesentliche Dimensionen der Globalisierung in einer Tabelle zusammengefasst. Es werden auch jeweils Beispiele der Globalisierung und die wichtigsten internationalen Organisation genannt.

 

Dimension

Beispiele

humane bzw. ethische

Menschenrechte, Gerechtigkeit, Verteilung von Armut und Reichtum, Gesundheitsversorgung, Versorgung mit Nahrung und Energie, Ausbeutung des ‚Südens‘, fairer Handel

internationale (‚offizielle‘)

Weltbank, IMF, UN mit Unterorganisationen, Milleniumsziele, ILO, Kernarbeitsnormen, WHO, WTO-Regelsysteme: GATT, GATS, TRIPS [1], OECD, Europäische Union

IuK-Technologien,

Internet, „digital divide“, globale Wissensgesellschaft, Informationsverbreitung und Wissensaustausch, Patentierung bzw. Privatisierung öffentlicher Güter

kulturelle

Möglichkeiten des Austauschs, Vielfalt, McDonaldisierung, Kulturimperialismus, MTV, CNN, Telenovelas, Soaps, Kommerz und Nivellierung

lebensweltliche

Urlaub überall, „frische Erdbeeren das ganze Jahr“, kulturelle Vielfalt, Vereinheitlichung

ökologische

Klimawandel, globale Umweltverschmutzung, Treibhauseffekt, Ozonloch, Nachhaltigkeit, globale öffentliche Güter: Luft, Artenvielfalt, Internet, sauberes Wasser, Mülltourismus: Industrieabfälle und Entsorgung, Industrieverlagerung

ökonomische

Freihandel, regionale bzw. globale Märkte, Wettbewerb, billige Produkte, Wohlstand für alle bzw. möglichst viele, Finanz-, Kapitalmärkte, Fusionen, Übernahmen, „Heuschrecken“, Liberalisierung, Deregulierung, Arbeitsbedingungen, Tobin-Steuer [2], Global Players, Steuerunterbietungswettbewerb, Neokolonialismus, Waffenhandel, Fonds

nicht-offizielle

Attac [3], Weltsozialforum, Greenpeace, amnesty international, Ärzte ohne Grenzen

politische

Bedeutung der Nationalstaaten, Global Governance als System staatlicher und nicht-staatlicher Welt-Ordnungspolitik, Kriege, Korruption

rechtliche

internationale Kriminalität, Terrorismus, Steueroasen/Geldwäscheländer, Menschenhandel

soziale

Arbeitsbedingungen, Arbeitnehmerrechte, Mobilität und der „flexible Mensch“ (R. Sennett), Sozial-, Umweltdumping, Ver- und Überschuldung, Agrarsubventionen, Schutzzölle

technologische, wissenschaftliche

Technowissenschaften (Verzahnung von Technik und Wissenschaft) und beschleunigter technischer Fortschritt

unternehmens-bezogene

Verhaltenskodizes: OECD [4], ILO, UN-Global Compact, Grünbuch der Europäische Union, internationale und nationale Branchen- und Firmenkodizes

 

Wichtig ist bei der Tabelle insbesondere folgendes: Die einzelnen Dimensionen betonen jeweils ganz bestimmte Aspekte und Arten der multidimensionalen Globalisierungsprozesse und -phänomene. Die angegebenen Beispiele erfassen die Dimension nicht vollständig und sind nicht in jedem Fall eindeutig zuordenbar. Die Dimensionen sind überlappend, also eher analytisch-modellhaft zu verwenden. So kann man etwa den Menschenhandel der rechtlichen, politischen und humanen Dimension zuordnen.

 

5. Ökonomische Globalisierung 

Besondere Bedeutung kommt sicherlich den Prozessen der ökonomischen Globalisierung zu, die ja nicht nur ökonomischen Folgen haben. Eine wachsende Dominanz des Ökonomischen finden wir in fast allen Bereichen menschlichen Lebens. Merkmale der ökonomischen Globalisierung sind: Zunahme des Welthandels und der ausländischen Direktinvestitionen, das Transnational-Werden der Konzerne, das Wichtiger-Werden der deregulierten Finanzmärkte, die zu Währungs- und Finanzkrisen führten, mangelnde bzw. fehlende Steuerungsmöglichkeiten durch Politik, Standort-, Subventions- und Steuerwettbewerb, shareholder value. – Alles mit u.a. den mittlerweile wohlbekannten ökologischen Folgen: Treibhauseffekt, Ozonloch, Mülltourismus, Verlagerung umweltschädlicher Produktion in Länder mit geringeren Umweltschutzstandards.

Die Befürworter der ökonomischen Globalisierung begründen die unzweifelhaften Vorteile des Freihandels und der Internationalisierung der Produktion von Gütern, Dienstleistungen und des Warenaustauschs mit folgendem zentralen Argument. Es ist das Argument des komparativen Kostenvorteils nach dem englischen Ökonomen David Ricardo: Die Kosten für die Herstellung von bestimmten Gütern seien in den verschiedenen Ländern unterschiedlich hoch. Produziert werde dann in dem Staat, in dem die Kosten am niedrigsten seien. Dieser Standort habe also einen Kostenvorteil gegenüber allen anderen. Ein allgemeiner Freihandel führe dann zu dem größten Nutzen für alle. Hickel (2006) argumentiert nun mit dem Ökonomen Samuelson, der gezeigt hat, dass das Freihandelstheorem von Ricardo nicht in jedem Fall stimmt. Nicht alle profitieren vom Freihandel. Am Beispiel Wal-Mart hat Samuelson nachgewiesen: Wal-Mart kauft in China extrem billig ein, gibt diese Preise aber an die Konsumenten nicht (voll) weiter. Der Konsument hat als Arbeitnehmer bereits Lohnkürzungen hinnehmen müssen. Und insofern sind seine Verluste als Arbeitnehmer größer als seine Gewinne als Konsument.

Multi- und transnationale Unternehmen agieren zweifellos global bzw. sind global verflochten. Sie spielen heute sogar die Standorte gegeneinander aus im Hinblick auf Steuern, Löhne usw. Die Hoch-Zeit der Mega-Fusionen und die Entstehung riesiger Global Players liegt schon geraume Zeit zurück; sie begann in den 80er Jahren und ging mit einer ‚Blase‘ an den Börsen einher, die in den 90er Jahren platzte. Danach ebbte auch die (Mode-)Welle der Mega-Fusionen ab. Weltweit und auch national war seitdem ein Rückgang der Zusammenschlüsse festzustellen. Mittlerweise erleben wir jedoch eine gewisse Renaissance der Übernahmen und Fusionen. Und zwar auch von Unternehmen aus Indien (Stahl) und Taiwan (Elektronik), die europäische bzw. deutsche Firmen aufgekauft haben. Bedenken sollte man aber auch, dass nur in einem Drittel der Fälle eine erhebliche Wertsteigerung als angestrebter Erfolg erreicht wird. Ein neueres Phänomen stellt der verstärkte ‚Auftritt’ von Hedge Fonds und Private Equity Fonds dar. Fusionen gibt es zwar immer noch, doch vermehrt werden Unternehmen von solchen Fonds aufgekauft, umstrukturiert und (schnell) weiterverkauft. – Insbesondere das schnelle Weiterverkaufen wird begünstigt durch eine Steuerfreistellung der Veräußerungsgewinne innerhalb von 12 Monaten, d.h. eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen. – Hedge Fonds und Private Equity Fonds sind Beteiligungsgesellschaften und Kapitalsammelstellen, die von Unternehmen, Banken, Versicherungen, Pensionsfonds – alle sind sog. „institutionelle Anleger“ – sowie vermögenden Privatpersonen Geld einsammeln, spekulativ und kurzfristig investieren. Es gibt z. Zt. ca. 8.000 Hedge Fonds weltweit mit ca. 1.500 Mrd. USD Vermögen. Sie haben in Deutschland noch eine relativ geringe Bedeutung.

Auch neuere empirische Untersuchungen der ökonomischen Globalisierung, die sich auf den Grad der Internationalisierung von Unternehmen in einer bzw. mehrerer Dimensionen beziehen, zeigen folgendes Bild (Handelsblatt 2006, Bd. 4, 2177ff.):

– der Anteil des Umsatzes im Ausland am Gesamtumsatz betrug 27,5  % bzw. 40,3  % bei den 100 „umsatzstärksten“ Unternehmen der USA bzw. Europas im Jahr 1981, 26,7  % bei einer Stichprobe großer Unternehmen der USA in den Jahren 1987–1996 [5];

– auch mehrdimensionale Indikatoren (Auslandsumsätze, Tochtergesellschaften und Vermögen im Ausland, Auslandserfahrungen der Spitzenmanager) ergeben kein anderes Bild; und teilweise sind die Entwicklungen – „Globalisierungspfade“ – deutscher Unternehmen in den letzten beiden Jahrzenten nicht etwa gradlinig, d.h. zur Globalisierung hin ausgerichtet, sondern teilweise in ein und demselben Unternehmen gegenläufig.

Und selbst das Handelsblatt-Lexikon (ebd. 2179) kommt zu dem Ergebnis, „dass sich die Debatte über globale Unternehmen eher mit einem rhetorischen als einem realen Phänomen befasst“.

Die folgende Tabelle zeigt z.B. Deutschlands Kunden und Lieferanten – wichtigste Handelspartner – im Jahr 2005. Insgesamt beliefen sich die Einfuhren auf 625,6 Mrd. € und die Ausfuhren auf 786,1 Mrd. €. Dies ergibt einen Saldo – Exportüberschuss – von 160,5 Mrd. € (Daten aus Info-Grafik, Prozentangaben eigene Berechnung):

 

Einfuhr

Mrd. Euro

Anteile in %

Ausfuhr

Mrd. Euro

Anteile in %

Gesamt

625,6

100,0

Gesamt

786,1

100,0

1. Frankreich

79,9

12,8

1. Frankreich

54,6

6,9

2. USA

69,3

11,1

2. Niederlande

53,4

6,8

3. Großbritannien

61,7

9,9

3. USA

41,3

5,6

4. Italien

54,4

8,7

4. China

39,9

5,1

5. Niederlande

47,8

7,6

5. Großbritannien

39,4

5,0

6. Belgien

43,9

7,0

6. Italien

35,6

4,5

7. Österreich

42,5

6,8

7. Belgien

31,1

4,0

8. Spanien

40,4

6,5

8. Österreich

25,3

3,2

9. Schweiz

29,6

4,8

9. Schweiz

23,3

3,0

10. Polen

21,9

3,5

10. Russland

21,6

2,7

11. China

21,3

3,4

11. Japan

21,4

2,7

12. Tschechien

18,8

3,0

12. Spanien

18,0

2,3

13. Russland

17,3

2,8

13. Tschechien

17,6

2,2

14. Schweden

17,2

2,7

14. Polen

16,1

2,0

15. Ungarn

13,6

2,8

15. Irland

15,4

2,0

Summe 1.–15.

579,6

93,4

Summe 1.–15.

454,0

58,0

 

Die Einfuhren aus den 15 wichtigsten Ländern machten also 93,4 % aus, die Ausfuhren immerhin 58,0 %.

Die Zahlen zeigen mehr als deutlich, dass man von einer seit langem bestehenden Internationalisierung der (nicht nur deutschen) Wirtschaftsbeziehungen sprechen kann, nicht aber von (einer echten) Globalisierung. Ebenso plausibel ist die ergänzende These der Triadisierung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Insgesamt (vgl. unten 9.).

Auch ein Blick auf die deutschen Exporte in ausgewählte Länder 2003 und 2004 zeigt und belegt die obige These. (Importe ähnlich.)

Exporte der Bundesrepublik Deutschland nach Ländergruppen (in Mio. €, Quelle: Statistisches Bundesamt):

 

 

2003

Anteil in %

2004

Anteil in %

westl. Industrieländer

550.459

82,8

602.327

82,1

EU-25

426.786

64,2

468.644

63,9

USA/Kanada

66.533

10,0

69.670

9.5

Asien

47.073

7,1

53.303

7,3

China

18.256

2,7

20.996

2,9

Insgesamt

664.454

100,0

733.456

100,0

 

Dies gilt auch für die deutschen Ausländischen Direktinvestitionen (ADI). ADI im Jahr 2002 jeweils in: EU-15 53,4 %, USA 26,6 %, Schweiz 2,8 %, Japan 1,3 %, Reformländer – u.a. Ungarn, Polen, Tschechien – 6,5 %, Schwellenländer – u.a. Singapur, Brasilien, Südkorea – 7,4 % (Quelle: Statistisches Bundesamt; Hans-Böckler-Stiftung 2006).

Joachim Voeller meinte kürzlich (2004, 10ff.) zu der Frage der ökonomistischen Deutung der Globalisierung und der sozialen Marktwirtschaft, dass viele Experten – durch Berufung oder Selbsternennung – ihre Weltsicht unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Analyse, Politik und Interessengruppen anbieten, insbesondere „Ökonomen tragen dabei wie eine Monstranz ihre berufsspezifische Grundüberzeugung vorneweg, dass die verstärkte Durchsetzung ökonomischer Effizienz fast alle gesellschaftlichen Probleme lösen kann“. Es müssten nur noch die richtigen Anreize gefunden werden, welche die Individuen bzw. deren Verhalten steuern. „Was aber in einer Gesellschaft als wünschenswert oder vernünftig oder gar als wohlfahrtssteigernd anzusehen ist, das lässt sich noch lange nicht auf der Ebene effizienzsteigernder Wirtschaftlichkeitsberechnungen entscheiden“. Anders ausgedrückt: „Die Ökonomie ist erst dann gefragt, wenn klar ist, wie die Optimierungsziele aussehen, aber sie darf sich nicht anmaßen, selbst die Ziele vorzugeben“. Wirtschaftlichkeit oder shareholder value allein sind keine Soll-Vorschrift, die sich aus rein ökonomischen Fakten ergeben, und zu Normen führen, die weit darüber hinaus gehen. Voeller sieht die Gefahr, dass die Prinzipien der traditionellen sozialen Marktwirtschaft in einer globalisierten prinzipiellen Entgrenzung dazu führen können, dass die (sozial-)ethische Idee der sozialen Marktwirtschaft im Wesentlichen zu einer rein ökonomistischen Konkurrenz wird. Das „Laufrad“ der Standortkonkurrenz, der Steuerunterbietungswettbewerbe, der Sozial- und Umweltstandards, die Wettbewerbsfähigkeit ganz allgemein wird immer mehr zum Maßstab der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit – gesellschaftlich und industriell. Standortverlagerungen zum jeweilig günstigsten Standort ist dann ein „Drehen“ an der Standortschraube. So entsteht eine Eigendynamik, die zu einer Spirale der Verschärfung des Kampfes um internationale Wettbewerbsfähigkeit führt und umgekehrt für die Verlierer innerhalb dieser Dynamik entsprechende Folgen hat. Voeller folgert (ebd.):

„Entscheidend und folgenreich ist heute die Tatsache, daß der globale Wettbewerb den jeweils relevanten Markt der souveränen Gestaltung durch staatliche Autoritäten immer mehr entzieht. Letztlich kann jede staatliche Rahmenbedingung als Standortvor- oder -nachteil hingestellt werden, so daß im Laufrad des globalen Standortwettbewerbs nur noch diejenigen Steuern, Umweltstandards oder sozialen Leistungen als vertretbar erscheinen, die in den Augen der mobilen Produktionsfaktoren der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Landes dienlich sind. [...] Was ist die Folge? [...] Die Soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung wird mit jeder Drehung der Standortschraube ein wenig wettbewerbsfähiger‘ gemacht, gleichzeitig aber auch immer weniger ‚sozial‘.“ (Vgl. unten 10.)

 

6. Arbeit globalisiert – Produktionsorte und Arbeitsbedingungen

Das „Toyota-Produktionssystem“ (Frankfurter Rundschau 29.04.2003, Nr. 99, 25) hat sich in allen Autowerkstätten standardisiert. Bei Opel in Rüsselsheim genauso wie bei DaimlerChrysler in Stuttgart und Rastatt und auch international. Die Arbeit ist monotoner geworden, der Zeitdruck steigt. Die Freiräume für die Menschen sind geschrumpft. „Auf den Punkt brachte es ein Film aus der Montage, der bei der Betriebsversammlung [in Rastatt] gezeigt wurde, dabei wurde deutlich: kurze Takte, hoher Zeitdruck und eintönige Handgriffe bestimmen die Fließbandarbeit. Das Unternehmen fährt mit Volldampf zurück in die Steinzeit“, so der Betriebsratsvorsitzende „und etwas moderater: die neuen Montageanlagen seien auf das Niveau der Fließbandtechnik der 80er Jahre zurückgefahren worden. Job-Rotation [...] findet in der Praxis viel seltener statt. Der schöne Traum von einer „Humanisierung der Montagearbeit“ sei „zerplatzt“. „In den 90er Jahren war in der Automobilindustrie fast flächendeckend Gruppenarbeit eingeführt worden.“ Diese war damals mit hohen Erwartungen, aber auch mit Befürchtungen verbunden. Diese neue Gruppenarbeit bedeutete einerseits mehr Verantwortung für die Belegschaften, andererseits aber auch einen damit verbundenen Druck; der Abschied vom Taylorismus schien gekommen. „[P]rofitiert haben von der Gruppenarbeit zweifellos die Unternehmen. Mit der größeren Motivation der Beschäftigten, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit einzubringen wuchs die Produktivität, aber auch die Beschäftigten waren zufrieden [...]. Als Symbol für humanere Arbeit diente das 1992 eröffnete DaimlerChrysler Werk in Rastatt. Überkopfarbeit wurde abgeschafft, installiert wurden Mitlaufbänder. Den großen Sprung weg von der Fließbandarbeit symbolisierten die Montageboxen, in denen vier bis fünf Arbeiter an der stehenden Karosse im Zyklus von 20 bis 30 Minuten Teile einbauten. Ganz neu: Die Gruppe bestimmte selbst, wann der neue Wagen anrollen sollte. Eben dieses Werk ist auch zum Symbol für das Roll-Back und die Rückkehr zum Fließband geworden. Die Montageboxen wurden fünf Jahre später verschrottet. Die Beschäftigten mussten teilweise wieder über Kopf arbeiten. Viele Mitfahrbänder wurden ausrangiert, der Takt schnurrte für die A-Klasse auf 1,3 Minuten und die Aufgaben der Gruppenmitglieder wurden drastisch beschnitten.“ Es findet jeweils für Teile der Produktionsabläufe ein „‚Benchmarking‘“ statt – und die Weltspitze wird zum Standard. Neben der Konkurrenz der verschiedenen Automobilfirmen herrscht auch betriebsintern ein scharfer Wettbewerb. „Die Standardisierung brachte den Beschäftigten Vor- und Nachteile. Weil unnötige Wege und Bewegungen aus Kostengründen eingespart wurden, profitieren sie von ergonomischen Verbesserungen. Körperliche Belastungen werden weniger. Dafür steigen die psychischen. Zeit und Verantwortungsdruck, Stress und Monotonie nehmen zu.“ Viele Mitarbeiter meinen: „die anspruchslosen Tätigkeiten führen dazu, dass man geistig abbaue“. Im Extrem führt die neue Arbeitsorganisation dazu, dass – so ein Beschäftigter aus Rüsselsheim – der Einzelne „‚[o]hne Ablösung […] nicht mal auf die Toilette gehen [...] kann‘“.

Weitere Beispiele für teilweise menschenunwürdige Arbeitsbedingungen sind:

– Bei der Kinderarbeit. Nach Schätzungen der ILO (2004) gehen weltweit mehr als 350 Millionen Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahre arbeiten, darunter 211 Millionen unter 15 Jahre, in Lateinamerika jedes sechste, in Asien jedes fünfte und im südlichen Afrika sogar jedes dritte Kind.

– Bei der Spielzeugherstellung z.B. in China: Minilöhne, Überstunden, Verbot von Gewerkschaften, gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen usw. sind die Regel.

– In den Export Processing Zones, Exportförderzonen, die ein spezielleres Problem darstellen. Hierin arbeiten weltweit ca. Mio. 50 Menschen – insbesondere Frauen – (World Commission 2004, 499); in solchen Zonen werden v.a. Bekleidung, Sportartikel und Spielzeug hergestellt. Bei ihnen gibt es steuerliche und andere Anreize bzw. Vorteile für Investoren, und die ArbeitnehmerInnen sind fast ohne Rechte der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt. Auch gibt es hier keine Gewerkschaften und die Minilöhne – in Vietnam z.B. ca. 2 USD pro Tag usw. reichen zum Leben kaum aus.

– Bei vielen Zulieferfirmen – auch in der Computerindustrie. Es gibt diskriminierende Einstellungspraktiken und Löhne, die den Lebensunterhalt nicht decken. Dass es keine Gewerkschaften gibt, versteht sich fast von selbst.

All diese Arbeitsbedingungen verstoßen gegen die Kernarbeitsnormen der ILO; diese haben zum Ziel, weltweit „angemessene Arbeit“ zu schaffen. Elemente eines solchen Konzepts sind: freie Berufswahl, ausreichendes Einkommen für Grundbedürfnisse – auch der Familie, Vereinigungsfreiheit, Recht auf Kollektivverhandlungen, grundlegende soziale Sicherungssysteme, adäquate Arbeitsbedingungen, Ausschluss der Kinderarbeit, Abschaffung der Zwangsarbeit, Verbot der Diskriminierung sowie der geschlechterspezifischen Lohndiskriminierung. Bei diesen Kernarbeitsnormen der ILO handelt sich um Menschenrechte. Die ILO verfügt nun – und das ist entscheidend – über keine Zwangsmaßnahmen bzw. Mechanismen zur Durchsetzung dieser Rechte, im Gegensatz zur WTO, die Zwangsmaßnahmen beschließen kann, deren Mitglieder solche aber in Bezug auf die Einhaltung der Kernarbeitsnormen der ILO aus den unterschiedlichsten Gründen ablehnen.

Die ILO hat auch eine Konvention zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit verabschiedet. Sollte aber Kinderarbeit rigoros und sofort abgeschafft werden, wenn sich das überhaupt realisieren ließe? Kinder gelten als billige und leicht zu beherrschende Arbeitskräfte. Von Erwachsenen werden sie häufig benutzt und ausgenutzt, ja ausgebeutet. Aber: Arbeit für Kinder ist oft deren einzige Chance sicher zu stellen, dass ihre Familien überhaupt überleben können. Insofern sollte u.E. Kinderarbeit nicht generell verboten werden, sondern schrittweise human­ver­träglich abgebaut werden: Erst müssten die schlimmsten Formen gestoppt werden, d.h. die am meisten gefährlichen und anstrengenden sowie die Arbeit der Jüngsten usw. Die betreffenden Arbeitsplätze müssten dann von Erwachsenen besetzt werden. Damit einhergehen müssten bessere und umfangreichere Möglichkeiten der Schul- und Ausbildung für Kinder.

 

7. Fakten zur globalen Armut

Armut ist neben Klimaänderung und Umweltverschmutzung das wahrscheinlich einzige echte globalisierte Phänomen mit umfassenden negativen sozialen Auswirkungen. Und von dem auch menschengemachten Klimawandel und von der Umweltverschmutzung sind wiederum v.a. die Armen betroffen. Man denke bei Letzterer auch an den Mülltourismus nach Afrika z.B. mit dem jüngsten (2006) und spektakulären Beispiel der Müllentsorgung in der Elfenbeinküste mit Tausenden von Betroffenen – Armen!

Zur Bestimmung von Armut lässt sich noch anfügen: Armut kommt nicht nur als Einkommensarmut vor, sie hat noch weitere Dimensionen: z.B. fehlende Arbeit und Bildung, Mangelernährung, Zugang zu (sauberem) Wasser, schlechte Wohnverhältnisse und Gesundheit. Die Armut ist also nicht nur ein globalisiertes Phänomen, sondern auch ein multidimensionales Phänomen (vgl. Weltbank: www.worldbank.-org/poverty). 

Bei der Einkommensarmut lassen sich zwei Formen unterscheiden: Als „absolut arm“ gilt, wer von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben muss. Als „relativ arm“ gilt, wer weniger als 50 % des durchschnittlichen Einkommens in einem Land hat. Bei aller globalen – sowohl der absoluten als auch der relativen – Armut sollte man jedoch gerade auch die Armut in den so genannten reichen Staaten nicht vergessen. So nahm in den letzten Jahren insbesondere die Kinderarmut in Deutschland zu. Alleinerziehend zu sein und Kinder zu haben gilt in Deutschland mittlerweile als das Armutsrisiko Nummer Eins! Auch ist der Frauenanteil unter der relativen Einkommensarmutsgrenze deutlich überproportional. – Weltweit nahmen in den letzten Jahren absolute Armut und Hunger ab (insbesondere in Indien und China, nicht jedoch in Afrika). Die Gegensätze zwischen Reich und Arm verschärfen sich aber weltweit und auch innerhalb der jeweiligen Länder.

Zurück zur absoluten Armut: 2004 musste weltweit jede(r) Fünfte – ca. 1,2 Mrd. Menschen – von weniger als einem, jede(r) Zweite – ca. 2,8 Mrd. Menschen – mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag leben (Weltbevölkerung ca. 6,2 Mrd. Menschen). Die folgende Grafik zeigt die absolute Armut weltweit:

In den 12 ärmsten Ländern der Welt haben die Menschen weniger als 230 US-Dollar jährlich zur Verfügung, in den 12 reichsten Ländern der Welt sind es zwischen 25.120 und 42.060 US-Dollar. Und die reichen Länder verfügen über 78,3 % des Welteinkommens bei 15 % der Weltbevölkerung. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen besitzen die drei reichsten Menschen weltweit ein Vermögen, das größer ist als das Bruttoinlandsprodukt „der am wenigsten entwickelten Länder, die zusammen 600 Millionen Einwohner“ haben; das „reichste Fünftel der Erdbevölkerung“ verfügt über 86 % des „globalen“ Bruttoinlandsprodukts und das ärmste Fünftel „lediglich über ein Prozent“. Die Food and Agricultural Organization der UN ermittelte für den November 2003 insgesamt 842 Mio. unterernährte Menschen; allein im südlichen Afrika hungern 13,5 Mio. Weltweit müssen ca. 1,1 Mrd. ohne sauberes und bezahlbares Wasser, ca. 1,6 Mrd. ohne Strom und ca. 2,4 Mrd. ohne Sanitäranlagen auskommen.

Eine besondere Schwierigkeit bezüglich der internationalen und nationalen Armut und der Hungerproblematik in der Welt ergibt sich aus deren Kollektivgutproblematik. Kollektivgutprobleme sind von einzelnen Individuen allein nicht zu lösen. Sie können nur kollektiv gelöst werden. Wir alle – Einzelne und Organisationen der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Staaten sowie der Staatengemeinschaft – haben für diese Kollektivgut-Entwicklungen eine Mitverantwortung von außerordentlicher Wichtigkeit. Zweifellos gibt es eine größere Verantwortung der reichen Industrieländer für die Bekämpfung der Armut. Die bloße Konstatierung der Mitverantwortung reicht allerdings nicht aus; es bedarf auch praktizierbarer Vorschläge, wie z.B.: Abschaffung der Agrarsubventionen und Schutzzölle in Europa und Nordamerika, Erhöhung der Entwicklungshilfe, faire Preise, Einhaltung der Kernarbeitsnormen der ILO, Einführung der Tobin-Steuer zur Bekämpfung der Armut (s. auch unten 11.).

 

8. Globales Marktversagen – zum Schutz globaler öffentlicher Güter

Öffentliche bzw. kollektive Güter sind z.B. Gewässer, Grund- und Trinkwasser, Küstenschutz, öffentliche Straßen, Parkanlagen, Leuchttürme, soziale Sicherungssysteme, Wissen, Moral, Recht, soziale Normen, institutionalisierte (Handlungs-)Er­war­tungen usw.

Zur Bereitstellung solcher Güter sind erforderlich:

1. Handlungen „einiger oder aller Mitglieder der Gruppe“ sind „notwendig und hinreichend, um das Gut bereitzustellen“; das Handeln eines Gruppenmitglieds oder weniger Gruppenmitglieder ist jedoch nicht hinreichend.
2. Ist das Gut einmal bereitgestellt, ist es für jeden verfügbar bzw. nutzbar – auch für Nichtbeitragende („Verbundenheit des Angebots“).
3. Es gibt keine (praktisch durchführbare) Möglichkeit Nichtbeitragende von der Nutzung des Gutes auszuschließen („Nichtausschließbarkeit“).
4. Der individuelle Beitrag ist mit Kosten verbunden (Buchanan 1985, 22).

Meistens handelt es sich um einen überindividuellen Verantwortungsinhalt, der von einem Einzelnen nicht bereitgestellt wird bzw. werden kann, sehr wohl aber geschädigt werden kann, und an dem jeder – den privaten Nutzen maximierend bzw. optimierend – teilhaben möchte – und zwar oftmals nach Motto: Alle sollen kooperieren, d.h. zu dem Gemeinschaftsgut beitragen bzw. es nicht schädigen, nur ich nicht (Trittbrettfahrer-Devise: Trittbrettfahrer – „free rider“ – erlangen Vorteile ohne Kosten). – Es ist jedoch im Interesse eines jeden, dass alle anderen kooperieren.

Globale öffentliche Güter, für die die gleiche Problematik von sog. sozialen bzw. hier ökologischen Fallen gilt, sind u.a.: die Biodiversität bzw. Artenvielfalt, das Weltklima bzw. der Klimawandel, die globale Umweltverschmutzung, der Treibhauseffekt, das Ozonloch, das Internet, sauberes Wasser und saubere Luft, der weltweite Mülltourismus, die gerechte Teilhabe aller Menschen am Weltsozialprodukt, die Nicht-Exklusion wegen Armut.

Filipovic (2006, 423), der sich auf eine UN Development Programme-Studie bezieht, unterscheidet drei Kategorien Globaler Öffentlicher Güter (Global Public Goods, GPG):

1. „globale ökologische Systeme“,
2. „anthropogene Systeme als universelle kulturelle Güter (darunter: universelles Wissen, Kommunikationsnetze, Bildung)“ und
3. „globale Politikergebnisse (Finanzstabilität, Gerechtigkeit, Frieden)“.

Im sog. Stern-Report [6] (Die Zeit 02.11.2006, Nr. 45, 26) wird nun zu Recht der weltweite Klimawandel als „Folge des größten Marktversagens, welche die Völkergemeinschaft je in Kauf genommen hat“, dargestellt. Interessant ist v.a. der Vergleich der Kosten und Schäden, die in Deutschland heute bzw. im Jahr 2025 entstehen, wenn wir radikal in Klimaschutz investieren (Angaben in Mrd. USD; ebd.):

 

Wenn Maßnahme sofort

2050

2100

Wenn Maßnnahme 2025

2050

2100

Kosten

5,8

40,3

Kosten

6,4

44,9

Klimaschäden

17,7

45,3

Klimaschäden

50,7

205,9

 

Wenn man den Stern-Report nur ansatzweise ernst nehmen würde, dann müsste der radikale Klimaschutz sofort beginnen, und jede Verzögerung ließe sich schwerlich rechtfertigen.

Eine besondere Schwierigkeit resultiert auch bei Umweltschädigungen – genauso wie bei der Armut (vgl. oben 7.) – aus der Kollektivgutproblematik, die mit kennzeichnend für die angesprochenen Probleme ist. So sind auch die Erhaltung einer intakten Umwelt wie die Hungerproblematik in der Welt von Einzelnen nicht lösbar (vgl. May 1990, 269). Die Probleme können nur gemeinschaftlich angegangen werden, dennoch sind einzelne aufgrund von Unterlassungen mitverantwortlich, auch wenn sie sich aufgrund ihrer allenfalls marginalen Hilfemöglichkeiten nicht verantwortlich fühlen.

 

9. Internationalisierung und Triadisierung

Dass Internationalisierung und Triadisierung – insbesondere für die sog. ökonomische Globalisierung – kennzeichnend sind, soll im Folgenden gezeigt werden (vgl. schon oben 5.). Die Tabelle „Globale Handelsströme“ zeigt für das Jahr 2004, dass sich der weltweite Handel – kann man von einem solchen überhaupt sprechen? – nicht gleichmäßig auf alle Staaten, Regionen und Wirtschaftssektoren verteilt, sondern sich in erster Linie auf die bestimmte Regionen konzentriert:

Gesamt-Handelsvolumen innerhalb der Weltregionen (2004, in Mrd. USD):

Nordamerika 1.324; Lateinamerika 276; EU-25 3.714; Russland/GUS 266; Nahost 390; Afrika 232; Südostasien/Japan 2.388; die größten Handelsströmen zwischen den Weltregionen:

1. Asien → Nordamerika       533            10. EU-25 → Afrika                  92
2. Asien → EU-25                   390            11. EU-25 → Nahost               92
3. EU-25 → Nordamerika      336            12. Afrika → EU-25                  91
4. EU-25 → SO-Aasien          283            13. EU-25 → GUS                    81
5. Nordamerika → SOAsien  249            14. Südostasien → Nahost   75
6. Nordamerika → EU-25      197            15. Nord- → Lateinamerika    71
7. Nahost → Südostasien     193            16. Nahost → EU-25               58
8. Russland/GUS → EU-25  103            17. Nahost → Nordamerika    55
9. Latein- → Nordamerika       93            18. Lateinamerika → EU-25   55

Angaben in Mrd. USD; Quelle: Frankfurter Rundschau 09.12.2005, 24f.

Die Summe des Gesamt-Handelsvolumen innerhalb der Weltregionen beträgt 8.590 Mrd. USD und zwischen den Weltregionen 3.047 Mrd. USD (für das Jahr 2004). Bezogen auf die Summe beider Größen (= 11.637 Mrd. USD) ergeben sich folgende prozentualen Anteile: innerhalb der Regionen werden 74 % und zwischen ihnen 26 % des Gesamthandels abgewickelt.

 

10. Globalisierungsfallen – Ideologie der Globalisierung – Neokolonialismus

Bei ‚der‘ Globalisierung lassen sich zwei wesentliche Deutungen bzw. Thesen unterscheiden: eine empirische Behauptung und eine ideologische Verwendung. Erstere lässt sich auch als empirische These auffassen. So wird behauptet, dass die insbesondere ökonomische Globalisierung Fakt sei: Die ökonomischen Produktions- und Tauschprozesse würden auf dem ganzen Globus stattfinden. Diese These hält jedoch einer empirischen Überprüfung nicht stand (vgl. z.B. 9.). Es gibt allerdings – wie gezeigt – Prozesse der Internationalisierung bzw. Triadisierung. Die zweite Deutung, die bloß behauptete, ideologisch verwendete These der Globalisierung, erzeugt spezifische Dilemmasituationen und soziale Fallen. Diese Situationen sind ja aus dem Bereich der Umweltschädigungen hinreichend bekannt. Die Globalisierungsfalle ist ein Spezialfall des allgemeinen sozialen Fallentyps dar: Aus vermeintlichen Nachteilen in Bezug auf den jeweiligen Wirtschaftsstandort wird eine echte Falle auf Grund der Wahrnehmungstrübung und des Handelns bestimmter, beteiligter Akteure – namentlich der Global Players (vgl. auch oben 5. „Laufrad“). Die Ideologie der Globalisierung führt zu einem Druck auf den Sozialstaat, auf die Arbeitnehmer, auf die Arbeitslosen usw. und generell zu einem Druck ‚nach unten‘. Und zwar nach dem Motto: Im Ausland sind die Löhne niedriger, die Umweltstandards geringer, die Arbeitszeiten länger usw. Und bei ‚uns‘ müsse das auch so sein (sonst „sind wir nicht wettbewerbsfähig“). – Zur mangelnden Wettbewerbsfähigkeit und dem Standortgejammere lässt sich im Übrigen fragen, wie sich diese mit der wiederholten Exportweltmeisterschaft Deutschlands vertragen.

Ein fiktives – von Einzelheiten wie Grenzsteuer-, Durchschnittssteuersatz, Bemessungsgrundlage wird hier abgesehen – Beispiel zur Ideologie der Globalisierung und zur Globalisierungsfalle ist der Wettbewerb zur Unterbietung der Steuersätze weltweit und in der Europäischen Union. – Letzterer wurde durch den Beitritt weiterer Länder zur EU im Jahr 2004 nochmals verschärft. – Mit dem Verweis auf das Land X – Steuersatz für Unternehmen 20 % – werden im Land Y – Steuersatz für Unternehmen 30 % – niedrigere Steuern gefordert bzw. gedroht, Firmen zu verlagern. Werden die Steuern nun in Y auf z.B. 18 % gesenkt, beginnt das gleiche ‚Spiel‘ jetzt in X. Die Drohung mit Verlagerung betrifft nicht nur Staaten, sondern auch Kommunen, Arbeitnehmer; Bürger usw. Staaten und die ihnen lebenden Bürger werden unter Druck gesetzt. Es findet eine Erosion der Steuerhoheit der Nationalstaaten statt. Und es gilt: Wer sein Geld, Gewinn, Kapital usw. mobil in Niedrigsteuerländer verschieben kann, profitiert von einem solchen System. Der Fiskus holt sich das Geld über die immobilen Faktoren, d.h. beim Arbeitnehmer und beim im Inland bleibenden Arbeitgeber. Aus dem steuerpolitischen staatlichen Handeln und dem Ausnutzen dieses Sachverhalts durch Unternehmen, d.h. aus der Verlagerung von Gewinnen in die Orte mit der geringsten Steuerbelastung, resultiert also ein Dilemma. Eine Steuerharmonisierung in der Europäischen Union ist deshalb dringend geboten. Wesentliches ist bisher nicht passiert.

Die Globalisierungsfalle ist ein Spezialfall einer reflexiven Prophezeiung. Diese Rückkopplungsprozesse im sozialen Bereich stellen – wie erwähnt – keine rein naturgesetzlichen Wirkungszusammenhänge dar, wie sie die technischen Rückkopplungsprozesse bilden. Denn soziale Wirkungen sind kulturell konventionalisierte, durch Deutungen erst zustande kommende bzw. sich aufschaukelnde Folgeerscheinungen. Beispiele für Rückkopplungsprozesse im Bereich des Sozialen sind die „self-fulfilling prophecy“ und die „self-destroying prophecy“. Beispielhafte Fälle der self-fulfilling prophecy sind klassische Fälle wie das Illiquid-Werden einer Bank infolge der Aussage, sie sei illiquide; der Ausverkauf von bestimmten Waren infolge des Gerüchts, es gäbe kaum noch solche; das Absinken der Kurse einer Investmentgesellschaft infolge der Vermutung, sie seien zu hoch bewertet worden; das Entstehen bzw. die Verschärfung einer wirtschaftlichen Rezession infolge negativer Einstellungen der Bevölkerung hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung. Und eben auch die Globalisierungsfalle, die erzeugt wird, wenn z.B. Aussagen folgender Art gemacht werden: „Globalisierung ist ein Faktum.“ „Globalisierung ist unausweislich.“ „Deutschland ist nicht wettbewerbsfähig.“ „Die Löhne, Steuern, Umweltstandard sind zu hoch.“ Und die Falle entsteht auch, wenn Menschen daran glauben, auch wenn die Aussagen falsch sind, bzw. unabhängig davon, ob die Aussagen wahr oder falsch sind. – Einschlägig ist hier das „Thomas-Theorem“ des amerikanischen Soziologen Robert K. Merton: „Wenn Menschen eine Situation als real definieren, dann ist sie real in ihren Konsequenzen.“

Die Ideologie der Globalisierung erzeugt neben vorhandenen noch weitere – quasi sekundäre, soziale Dilemmata, die Spezialfälle des allgemeinen Typs sozialer Fallen darstellen: Aus vermeintlichen Nachteilen in Bezug auf den jeweiligen Wirtschaftsstandort beispielsweise wird eine echte Falle auf Grund der Wahrnehmungstrübung und des Handelns bestimmter, beteiligter Akteure – namentlich der Global Players. Die Ideologie der Globalisierung führt zu einem Druck auf den Sozialstaat, auf die Arbeitnehmer, auf die Arbeitslosen usw. und generell zu einem Druck nach unten. Diese Rückkopplungsprozesse im sozialen Bereich stellen keine rein naturgesetzlichen Wirkungszusammenhänge dar, wie sie die technischen Rückkopplungsprozesse bilden. Denn soziale Wirkungen sind kulturell konventionalisierte, unter Umständen durch semantische Deutungen erst zustande kommende oder hochstilisierte bzw. sich aufschaukelnde Folgeerscheinungen, aber zum guten Teil nicht bloße Kausalfolgen i.e.S. der Naturwissenschaften. – Systeme in den Naturwissenschaften sind im übrigen häufig und typischerweise geschlossene Systeme; die Systeme in den Sozialwissenschaften sind hingegen offene bzw. prinzipiell offene Systeme. Auch die Globalisierungsfalle ist eine solche Rückkopplungsfalle: Die Globalisierungsideologie erzeugt eine Globalisierungsfalle.

Es gibt aber auch echte, primäre Fallen auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen – z.B. in Bezug auf den Umweltschutz für einzelne Unternehmen. Eine weitere soziale Falle resultiert aus der strukturellen Verantwortungslosigkeit (Hengsbach), indem jeder versucht, sich auf Kosten anderer zu entlasten. Mit der Ideologie der Globalisierung aufs engste verbunden ist das Dogma der wirtschaftspolitischen Angebotspolitik – die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen –, das zusammen mit der Ideologie von den automatischen Selbstheilungskräfte der Märkte – die angeblich „alles zum Besten aller regeln“ – in der Wirtschaft und weiten Teilen der Politik dominiert; und die (Binnen-)Nachfrage wird völlig außer Acht gelassen.

Auch aus einem anderen Grund sollte man nicht (mehr) generell von ‚der Globalisierung‘ sprechen, sondern eher von einem System der Globalisierungsprozesse und -phänomene und -rhetoriken, die geradezu zum Generaltrend einer Neokolonialisierung führen, wobei die Akteure keine politischen Akteure i.e.S. sind. Die neuen Hauptakteure sind überwiegend ökonomische Akteure, insbesondere multi- und transnationale Konzerne. In den postkolonialen Gesellschaften gibt es durch die Konzerne v.a. wirtschaftliche Ausbeutung und weniger politische Unterdrückung, wenngleich es diese auch gibt. Dieser „Neokolonialismus“ in formal-politisch unabhängigen Staaten kann auch als eine Form des Imperialismus angesehen werden; verbunden ist er oftmals mit einer angemaßten ideologischen Überlegenheit gegenüber den einheimischen Kulturen. Ein Senegalese drückte dies überdeutlich folgendermaßen aus: Es fand und findet „die Rekolonisation unserer Länder [statt]. Die Globalisierung war nicht gewünscht, fremdbestimmt und erzwungen für Afrika“. Und – so konnten man auch in einem Zeit-Artikel (14.09.2006, Nr. 38, 33) über die wirtschaftlichen Aktivitäten der Chinesen in Afrika lesen: Sie sind die „neuen Kolonialherren“. Und: „Aus der Sicht der Afrikaner hat sich nichts verändert. Sie bleiben die ewigen Knechte. Nur die Herren sind neu.“

 

11. Globalisierung gestalten – Globalisierung der Verantwortung

Im Hinblick auf die zahlreichen Prozesse der Internationalisierung und Globalisierung wird entscheidend sein, ob es gelingt diese nachhaltig, menschen- und umweltgerecht zu gestalten. Wir brauchen einen Primat der demokratisch legitimierten Politik, um diese Prozesse v.a. gerecht zu gestalten. Die folgenden Millennium-Ent­wick­lungs­ziele der Vereinten Nationen (beschlossen 2000), die bis 2015 erreicht sein sollen, sind als Vorschläge hierfür sehr gut geeignet, wenn die erforderliche Maßnahmen wirklich konkretisiert werden.

1. Extreme Armut und Hunger beseitigen.
2. Grundschulbildung für alle Kinder.
3. Gleichstellung und größerer Einfluss von Frauen.
4. Kindersterblichkeit senken.
5. Gesundheit der Mütter verbessern.
6. Aids, Malaria und andere Krankheiten bekämpfen.
7. Eine nachhaltige Umwelt gewährleisten.
8. Globale Partnerschaft für Entwicklung.

Freilich zeigt sich, dass die angestrebten Ziele bis zur Zielzeit 2015 nur im geringen Maße erreicht werden bzw. – weitgehend auch mangels hinreichender Kooperation der Industrieländer – mindestens die doppelten Zeiträume dafür nötig sind (vgl. Le Monde diplomatique 2006, 104ff.).

Auch auf dem Umweltgipfel in Johannesburg im Jahr 2002 wurden u.a. folgende – wohlfeile (?) – Absichtserklärungen gemacht:

– zur Entwicklungshilfe: sie soll auf 0,7 % des Bruttoinlandsprodukts erhöht werden (dies war bereits in einer UN-Erklärung von 1970 erklärt worden); in Deutschland lag der Anteil 2001 bei 0,27 %,
– zur Artenvielfalt: das Artensterben soll „deutlich reduziert“ werden bis 2010,
– zur Energie: „bedeutende Steigerung“ der erneuerbaren Energien sei „dringend“,
– zum Trinkwasser und zu sanitären Anlagen: Halbierung des Anteils derjenigen ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser und Kanalisation sei das Ziel bis 2015,
– zu den natürlichen Ressourcen: deren Zerstörung soll „sobald wie möglich“ beendet werden,
– zur Fischerei: Bestände sollen erhalten bleiben, und bis 2015 sollen geschädigte Bestände „wo dies möglich ist“ auf das alte Niveau gebracht werden und
– zum Handel und zur Globalisierung: Subventionen, welche die Umwelt schädigen, sollen reduziert werden, aber nicht solche, die den Wettbewerb verzerren z.B. Agrarsubventionen.

Auch der „Globale Pakt“ („Global Compact“) des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, vorgeschlagen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Februar 1999, zielt in die gleiche Richtung und dem Ziel der Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen UNO, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Gruppen und zur Verwirklichung der Ziele der UNO. (Das 10. Prinzip wurde beim 1. Globalen Pakt „Leaders Summit“ 2004 ergänzt.) Adressaten des Globalen Pakts sind alle gesellschaftlich maßgeblichen Akteure: Regierungen, Unternehmen, Arbeitnehmer, zivilgesellschaftliche Organisationen, die Vereinten Nationen. Weltweit ließen viele namhafte Unternehmen verlauten, sie würden diese Ziele akzeptieren und unterstützen. Auch die deutsche Bundesregierung unterstützt diese Ziele. – In Deutschland dient dabei die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) als Ansprechpartner für deutsche Firmen und indirekt für die UNO. – Auch sollen Verhaltenskodizes von Unternehmen den genannten Zielen dienen, indem sie beispielsweise Kinderarbeit – auch bei Lieferanten und Subunternehmen – verbieten.

Menschenrechte
1. Die Wirtschaft soll die international verkündeten Menschenrechte in ihrem Einflussbereich unterstützen und achten und
2. sicherstellen, dass sie nicht zum Komplizen von Menchenrechtsverletzungen wird.
Arbeitsbeziehungen
3. Die Wirtschaft soll die Vereinigungsfreiheit wahren und die wirksame Anerkennung des Rechts auf Tarifverhandlungen gewährleisten sowie ferner auf
4. die Beseitigung aller Formen der Zwangs- oder Pflichtarbeit,
5. die tatsächliche Abschaffung der Kinderarbeit und
6. die Beseitigung von Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf hinwirken.
Umwelt
7. Die Wirtschaft soll umsichtig an ökologische Herausforderungen herangehen,
8. Initiativen zur Förderung eines verantwortlicheren Umgangs mit der Umwelt durchführen und
9. sich für die Entwicklung und Verbreitung umweltfreundlicher Energien einsetzen.
Korruptionsbekämpfung
10. Die Wirtschaft soll gegen alle Arten der Korruption eintreten, einschließlich Erpressung und Bestechung.

Wesentlicher Inhalt des Globalen Pakts sind also: die Einhaltung der Menschenrechte und Mindeststandards in der Behandlung der Arbeitnehmer, der Schutz der Umwelt und die Absage an jegliche Form der Korruption. – Nach dem Frankfurter Staatsanwalt Schaupensteiner gibt es im Übrigen ein „strukturelles, globales Korruptionsproblem“ (Frankfurter Rundschau 28.11.2006, Nr. 277, 9).

Deutlich konkreter sind die zentralen Forderungen von Attac:

– Einführung einer Tobin-Steuer
– Verbot hochspekulativer Fonds und Regulierung von Derivaten – mit dem Ziel:
– Stabilisierung von Finanzmärkten und Wechselkursen
– Schließung von Steuerparadiesen und „Off-Shore-Zentren“
– Strengere Banken- und Börsenaufsicht, Vermögenssteuer? mit dem Ziel:
– Gerechte Besteuerung von Kapitaleinkünften und großen Vermögen
– Ende der neoliberalen Strukturanpassung, faire Insolvenzverfahren
– Welthandelsordnung, die den Interessen der Entwicklungsländer, sozial Benachteiligten und der Umwelt Vorrang einräumt
– Internationale Institutionen, die diesen Zielen dienen – mit dem Ziel;
– Lösung der Schuldenkrise und nachhaltige Entwicklung
– Einschränkung der Macht transnationaler Konzerne,
– Keine Privatisierung öffentlicher Güter und Dienste (Wasserversorgung, Gesundheitssystem, Alterssicherung, …)? – mit dem Ziel:
– Demokratisches und soziales Europa – solidarisch mit allen Teilen der Welt
– Ablehnung einer Militarisierung der Außenpolitik.

Weitere Forderungen von Attac sind u.a.:

Armutsbekämpfung; Erhöhung der Entwicklungshilfe auf 0,7% des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2010 und weitergehender Schuldenerlass für die ärmsten hochverschuldeten Länder.
Soziale Gestaltung des Welthandels: Aufhebung von Handelshemmnissen gegenüber Entwicklungsländern (z.B. Exportsubventionen in der Landwirtschaft, Zolleskalationen, Einfuhrbeschränkungen, Antidumping), Integration grundlegender Arbeitnehmer- und Menschenrechte (Kernarbeitsnormen) und Stärkung der Internationalen Arbeitsorganisation.
Nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz: ökologischer Mindeststandards, weltweit einheitliche Entgelte für die Nutzung globaler öffentlicher Güter wie der Luft und der Meere, Ausbau erneuerbarer Energien und Anerkennung der Atomenergie als nicht als nachhaltige Form der Energiegewinnung.
Regeln für transnationale Unternehmen: Umsetzung und Anwendung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen in allen ihren gesellschaftlichen Aktivitäten, einschließlich der Zusammenarbeit mit Zulieferbetrieben, Abkehr vom unlauteren internationalen Steuerwettbewerb bei den Unternehmenssteuern und Mindestbesteuerung der Unternehmen.
Demokratisierung des Globalisierungsprozesses: Unterstützung der Demokratisierungsprozesse in Entwicklungsländern und Einsatz sowohl auf der nationalen, wie auch auf der europäischen und internationalen Ebene für zeitgerechte Information und Teilhabe aller gesellschaftlichen Interessengruppen – insbesondere für eine gleichberechtigte Beteiligung der Entwicklungsländer in den Entscheidungsgremien der internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen (WTO, IWF und der Weltbank, politische Teilhabemöglichkeiten für zivilgesellschaftliche Akteure aus allen Ländern.

Wie sind nun die Möglichkeiten der Politik zur Gestaltung der Globalisierung mittels der Vorschläge von Annan und Attac zu beurteilen? In Bezug auf diese Frage bieten sich zunächst zwei extreme Antworten an: Die Vorschläge sind hehre Appelle, die nichts bewirken. Die Vorschläge sind erste Schritte auf dem richtigen Weg, die Globalisierung menschen- und umweltgerecht zu gestalten. Beide Antworten enthalten aber ein Körnchen Wahrheit: Sicherlich sind die Vorschläge wichtig und deuten richtige Wege an. Aber Appelle allein reichen beispielsweise zur Beeinflussung unternehmerischen Handelns nicht aus. Firmen könnten ihre Reputation mit dem (bloßen) Bekenntnis zum Globalen Pakt sogar steigern, ohne dass sich auch nur irgendwelche konkreten Folgen im Sinne des bloßen Einhaltens der Forderungen ergeben würden. Wichtig wären aber gerade hier wirksame Kontrollen – auch vor Ort – und zumal die Androhung von Sanktionen, die z.B. im Verlust von Aufträgen bestehen könnten. Ebenfalls bedarf es eines „Drucks“ auf Firmen, beispielsweise durch NGOs [8], kritische Verbraucher usw. – und statt des unverbindlichen Global Compact ein rechtlich bindendes und sanktionsbewehrtes Regelwerk für die transnationalen Konzerne. Hinsichtlich der Verwirklichung der Vorschläge und Forderungen von Attac ist wohl auch eine gewisse Skepsis angemessen: So sehr die Vorschläge überzeugen, ist eine Verwirklichung – wegen des zu geringen Einflusses der NGOs allgemein und von Attac speziell – nicht sehr wahrscheinlich. Trotzdem ist es nicht sinnlos, solche Vorschläge zu machen, Einfluss zu gewinnen und für die Realisierung einzutreten. Überdies: Im Gegensatz zu den Vorschlägen Annans sind die von Attac konkret und – falls verbindlich gemacht bzw. umgesetzt – kontrollierbar und sanktionierbar.

Vielfältige Maßnahmen werden als Lösung(smöglichkeit)en für Globalisierungsprobleme diskutiert. Der Präsident der Gruppe von Lissabon, Riccardo Petrella, schlug in einem Vortrag einen „Vertrag für eine andere Globalisierung“ vor (z.n. Frankfurter Rundschau 26.11.1998, Nr. 275, 8): „Die eigentliche Fragestellung für die Weltwirtschaft“ bestehe „nicht in der Integration der lokalen Wirtschaften in die Weltwirtschaft“, sondern „darin, in Erfahrung zu bringen, welche Prinzipien, Regeln und Institutionen innerhalb der nächsten fünfundzwanzig Jahre definiert und geschaffen werden müssen, damit es [den dann] 8 Milliarden Menschen möglich sein wird, ihre Grundbedürfnisse – Trinkwasser, Unterkunft, Ernährung, Energie, Gesundheit, Bildung, Information, Transport, Kommunikation, künstlerischer Ausdruck, Beteiligung an der Gestaltung der Allgemeinheit – zu befriedigen“. Hierzu müssten (u.a.) 1. „die Grundprinzipien und die Prioritäten der herrschenden Wirtschaftsweisen in Frage gestellt werden“ – z.B. die „Privatisierung von Allgemeingütern und -dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit, Wasser, der grundlegenden Infrastruktur“ müsse gestoppt werden, denn diese bedeute, „unsere Gesellschaft aller Prinzipien der sozialen Staatsbürgerschaft, der Solidarität, der Gleichheit, der Brüderlichkeit unter den Menschen und der Weltbevölkerung zu berauben“. 2. müsste „der Einfluß der Kapitalmärkte begrenzt werden“ – mittels politischer Kontrolle der Europäischen Zentralbank durch das Europäische Parlament und mittels einer 0,5 prozentigen Tobin-Steuer „auf die weltweiten Finanztransaktionen“ zur Finanzierung von Allgemeingütern weltweit; weiter „Beseitigung von Steuerparadiesen“ (Vorrang der Realwirtschaft vor der Finanzwelt), ferner „Abschaffung des Bankgeheimnisses“ und „Schaffung eines Weltrates für wirtschaftliche und finanzielle Sicherheit“ zur Bestimmung und Kontrolle von Maßnahmen „zum Wohl der gesamten Weltbevölkerung“. 3. „Die Rolle, die Wissenschaft und Technik heute spielen, [müsse] verändert werden“ zum Wohl der Allgemeinheit und nicht im alleinigen (Wett­be­werbs-)Interesse von Unternehmen. 4. Nötig sei „die Reorganisation und Redistribution des Reichtums“ mittels „Umverteilung der Gewinne zwischen Kapital und Arbeit zugunsten der Menschen (der Bürger)“. Wenn die Vorschläge Petrellas auch sicherlich teilweise utopisch sind – u.a. wegen der vorherrschenden Machtverhältnisse –, so ist ihnen doch in der Tendenz zuzustimmen; es gilt sie weiter auszuarbeiten, insbesondere im Hinblick auf ihre Operationalisierung. Aber auch hier steckt der Teufel im Detail. Vallender (1998, 576f.) schreibt zur Globalisierungsdiskussion: „Rechtlich abgesichert“ sei der „Weg zum ‚Weltbinnenmarkt‘ namentlich durch das GATT/WTO-Vertragswerk“. Der „‚Globalisierung der Wirtschaftsfreiheit‘“ müsse „die ‚Globalisierung der Verantwortung‘“ „zum Schutz der ‚Global Commons‘“ folgen – institutionell sei hierfür „die Errichtung einer neuen ‚World Sustainability Organisation‘ (WSO)“ geeignet und „eine streng am Subsidiaritätsprinzip orientierte Welt-Umweltpolitik“ (ebd.). Diese WSO müsste allerdings eine machtvolle Organisation sein.

Auf folgende Schwierigkeit beim Schutz der Umwelt, bei Maßnahmen für bessere Arbeitsbedingungen usw. soll hier noch kurz eingegangen werden: Auch im Jahr 2006 nahm der Umweltschutz bei den Deutschen den zweiten Rang auf der Sorgenskala ein – nach dem Arbeitsmarkt (Frankfurter Rundschau 06.12.2006, Nr. 284, 1), aber beim eigenen Handeln zeigt diese Sorge nicht die entsprechende Wirkung. Ähnliches gilt auch beim Kauf von Waren und beim Freizeitverhalten: Als Kunden jagen wir Schnäppchen hinterher – ganz nach dem Motto „Geiz ist geil“. Wir versuchen, unseren Nutzen zu maximieren. So suchen wir z.B. im Internet nach bestimmten Produkten und den günstigsten Preisen. Wie und wo diese Produkte hergestellt werden, interessiert uns nicht. Auch ob unser Einkaufs- und Freizeitverhalten negative Auswirkungen auf die Umwelt hat, ist uns ziemlich ‚schnuppe‘. Fliegen fast zum Nulltarif ist einfach „cool“. Hauptsache es macht Spaß. – Wir leben schließlich in einer „Spaß-“ und „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze). – Als sozial gebildete Bürger gehen wir vielleicht in Dritte-Welt-Läden und kaufen Transfair-Produkte, um unser Gewissen zu beruhigen. Oder unterstützen Greenpeace und andere Gruppen, die für uns aktiv sind. Zumindest verbal sind wir für Umweltschutz, artgerechte Tierhaltung oder gar Vegetarier. Wir sind halt gute Menschen!

Wir müssen unser Verhalten ändern – und v.a. auch die Bedingungen unseres Verhaltens –, das ist entscheidend. Änderungen im individuelles Handeln und auch der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind nötig, damit wir unsere Ziele, Interessen und Bedürfnisse als Kunden und mitverantwortliche Bürger in Einklang bringen können. Ein zentraler Punkt hier wie fast überall ist im Übrigen der sog. „double standard“ bzw. die Doppelmoral: ‚Wir predigen Wasser und trinken Wein.‘ D.h., hehre Absichten werden verkündet, nur ein Mindestmaß an Moral wird praktiziert, wenn überhaupt. Mit dieser Einstellung werden wir freilich unserer aller Mitverantwortung für die globale und lokale Welt nicht gerecht. Doch schon der Entwurf von Konzepten einer Globalisierung einer konkreten Verantwortung stellt uns offenbar vor nicht zu unterschätzende Probleme. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass wir den Entwurf solcher Konzepte nicht wagen sollten!

 

12. Literatur

Buchanan, A. (1985): Ethics, Efficiency, and the Market. Totowa, NJ 1985.
Chattopadhyaya, D. – Hintikka, J. – Lenk, H. (Hg.) (2006): Ethics Facing Globalization. Berlin – Münster 2006.
Filipovic, A. (2006): Güter und Kapital als Begriffe in der bildungsethischen Debatte. S. 419–446 in Ethica 14 (2006).
Hengsbach, F. (1997): ‚Globalisierung‘ aus wirtschaftsethischer Sicht. S. 3–12 in Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament. 16. Mai 1997.
Handelsblatt (2006): Wirtschaftslexikon. Das Wissen der Betriebswirtschaftslehre. 12 Bde. Stuttgart 2006.
Hickel, R. (2006): Kassensturz. Sieben Gründe für eine andere Wirtschaftspolitik. Reinbek 2006.
Le Monde diplomatique (2006): Atlas der Globalisierung. Berlin 2006.
Lenk, H. (1975): Pragmatische Philosophie. Hamburg 1975.
Lenk, H. (1979): Pragmatische Vernunft. Stuttgart 1979.
Lenk, H. (1998): Konkrete Humanität. Vorlesungen über Verantwortung und Menschlichkeit. Frankfurt a.M. 1998.
Lenk, H. (1999): Praxisnahes Philosophieren. Stuttgart 1999.
Lenk, H. – Maring, M. (2003): Natur – Umwelt – Ethik. Münster u.a. 2003.
Lenk, H. – Maring, M. (2005): „Option für die Armen“ in philosophischer Sicht. S. 147–166 in Sedmak, C. (Hg.): „Option für die Armen“. Freiburg 2005.
Maring, M. (2001): Kollektive und korporative Verantwortung. Münster 2001.
Maring, M. (2005): Globalisierung – von Kosten und menschlicher Würde. S. 240–252 in Maring, M. (Hg.): Ethisch-Philosophisches Grundlagenstudium 2. Ein Projektbuch. Münster 2005.
May, L. (1990): Collective Inaction and Shared Responsibility. S. 269–278 in Nous 24 (1990).
Merton, R.K. (1976): Die Eigendynamik gesellschaftlicher Voraussagen. S. 144–161 in Topitsch, E. (Hg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln 1976.
Osterhammel, J. (2005): Die Globalisierung ist postmodern. S. 11 in Das Parlament 21.11.2005, Nr. 47.
Vallender, K.A. (1998): ‚Weltbinnenmarkt‘ und Umweltschutz. S. 553–577 in Ruch, A. u.a. (Hg.): Das Recht in Raum und Zeit. Festschrift Lendi. Zürich 1998.
Voeller, J. (2004): Im Laufrad des Standortwettbewerbs. Soziale Marktwirtschaft trotz Globalisierung? S. 10–13 in uni ulm intern. März 2004.
World Commission (2004): The World Commission on the Social Dimension of Globalization: A Fair Globalization. Creating Opportunities for All. Genf 2004.

 

Anmerkungen

[1] IMF: International Monetary Fund, ILO: International Labor Organization, WHO: World Health Organization, WTO: World Trade Organization, GATT: General Agreement on Tariffs and Trade, GATS: General Agreement on Trade in Services, TRIPS: Trade Related Aspects on Intellectual Property – Regelsystem für geistiges Eigentum.
[2] Tobin-Steuer: Vom amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler James Tobin 1972 vorgeschlagene Steuer auf weltweite spekulativer Devisentransfers mit dem Ziel diese durch Verteuerung einzudämmen. Die Einnahmen sollten z.B. dem Umweltschutz und den Entwicklungsländer zugutekommen.
[3] Attac ist die „Association pour la taxation de transaction financières à l’aide aux citoyens“, eine 1998 in Frankreich gegründete Organisation, die ‚globalisierungskritisch‘ eingestellt ist.
[4] OECD-Leitsätze: nicht-verbindliche Leitsätze der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für multinationale Unternehmen (vgl. http://www.oecd.org).
[5] So gilt beispielsweise für die Siemens AG: Bei einem Gesamtumsatz von 75,4 Mrd. € und weltweit 461.000 Mitarbeiter beträgt der Umsatz- und Mitarbeiteranteil über 50 % in Europa und über 80 % in Europa und Amerika. Detailliertere Angaben sind nachfolgender Tabelle zu entnehmen (Angaben in Prozent; Die Zeit 28.12.2006 = Nr. 1, 2007,  20):

 

Deutschland

andere

Asien/Pazifik

Amerika

Europa ohne D

Umsatz

21

8

13

25

33

Mitarbeiter

36

2

13

22

27

[6] Vgl. http://www.hm-treasury.gov.uk/independent_reviews/stern_review_economics_climate_change/stern_review_report.cfm.
[7] Aus: www.attac.de: „Wer sind die Globalisierungskritiker? – Und was wollen sie?“ (September 2006) und „Globalisierung gerecht gestalten“ (Dezember 2002).
[8] Non governmental organizations – meist humanitäre Nicht-Regierungsorganisationen.

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