Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Freiheit als Farce.
Zur Premiere von Jean-Paul Sartres: Die Fliegen. Neuübersetzung von Traugott König, Das Hessische Landestheater Marburg, am Sonntag, 18. Mai 2008, Theater Am Schwanhof

 

Jupiter: Jochen Nötzelmann a.G.
Orest: Florian Federl
Ägist: Jürgen Helmut Keuchel
Elektra: Franziska Endres
Klytämnestra: Uta Eisold
Volk, Erinnyen, Wachen: Nicolas Deutscher, Ulrike Knoblauch, Bastian Michael

 

Das Theaterstück "Die Fliegen" erscheint, ebenso wie Sartres erstes philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts", 1943, die Uraufführung findet im besetzten Paris statt. Sein Autor sucht an keiner Stelle zu verbergen, dass er die Hauptfigur, Orest, zum Träger seiner philosophischen Überzeugung gemacht hat, ja dass eigentlich die gesamte Handlung eine literarische Umsetzung seiner existenzialistischen Grundthesen darstellt. Trotzdem sind "Die Fliegen" an keiner Stelle, in keiner Szene, ein bloßes, einer abstrakten Theorie entstammendes, Konstrukt. Offenbar ist Sartre eine Verbindung von Philosophie und Literatur gelungen, wie sie bislang nicht vorkam.

Aus dieser Verbindung resultiert die innere Lebendigkeit des Stücks, sein energetischer Strom, der den Leser auch heute noch erfasst. Orests Einsicht: "Ich bin frei, Elektra! Die Freiheiten hat mich getroffen wie der Blitz. [...] Ich habe meine Tat getan, Elektra, und diese Tat war gut. [...] Und je schwerer sie zu tragen ist, um so mehr werde ich mich freuen, denn meine Freiheit, das ist diese Tat" ist von vornherein mehr, als ein bloßes Reflexionsprodukt; sie ergreift den ganzen Menschen und formt ihn um. Erkenntnis und Selbstwerdung verschmelzen in einem Akt. Die erste enthält unmittelbar eine moralische Forderung: Schaffe dich selbst - begreife, dass nichts in dieser Welt dir einen Grund für deine Handlung gibt, den du nicht erst zu deinem machen müsstest.

Jochen Nötzelmann als Jupiter

Der Einwand, der dem Existenzialismus von Anfang an entgegengehalten wurde, er leugne die Situationsabhängigkeit des Menschen, ist falsch, falsch also auch, was Ekkehard Dennewitz mutmaßt: "ist es eine extreme Drucksituation, die ihn [Orest] in die Tat treibt?" (Programmheft) Selbstverständlich, sagt Sartre etwa in seinem berühmten Vortrag: "Ist der Existenzialismus ein Humanismus?", sind wir alle durch und durch von unseren allgemeinen und individuellen Bedingungen geprägt - und haben dennoch die Kraft, ihnen in einem existenziellen Augenblick zuzustimmen oder uns gegen sie zu entscheiden. "Wenn wiederum Gott nicht existiert, so finden wir uns keinen Werten, keinen Geboten gegenüber, die unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns [...] Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Wir sind allein, ohne Entschuldigungen. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will: Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, andererseits aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut" ("Ist der Existenzialismus ein Humanismus?").

Uta Eisold als Klytämnestra

Sartres radikale Erkenntnis scheint immer noch, wenn auch unter veränderten Voraussetzungen, zu gelten, ob man das wahrhaben will oder nicht. Sie meint keineswegs, man könne sich in jeder Situation für etwas Beliebiges entscheiden, wohl aber, dass wir aus einem Kernpunkt unserer Existenz heraus dem zustimmen, oder es negieren, was wir sind. Gerade in unserem individuellsten Sein erschaffen wir uns selbst und sind solchermaßen für uns verantwortlich. Nicht von ungefähr entstand diese Philosophie zu einem Zeitpunkt, da den Franzosen von den deutschen Besatzern jede Freiheit genommen war. Sartre selbst hat sich zu dieser geschichtlichen Konstellation, in der seine Theorie entstand, geäußert: eben die extreme, auch politische, Unfreiheit habe das Bewusstsein der Freiheit geschärft.

Der Ernst des Engagements (neben Wahl und Situation einer der Grundbegriffe des Existenzialismus), der sich in dem Stück "Die Fliegen" bekundet, resultiert mithin aus dem Ergreifen eines geschichtlichen Augenblicks und ist folglich nicht nur sein Produkt. Im Schauspiel kommen philosophische Erkenntnis, politische und persönliche Entscheidung zu einer Synthese, die das Aussprechen jener zu einem dramatischen Akt macht. Soll man sich dem Widerstand anschließen, oder nicht? Dieses von Sartre in seinem Vortrag abgehandelte Beispiel macht deutlich: jeder einzelne hat diese Entscheidung zu fällen und stellt sich damit dem Gewissen seiner Freiheit.

Nicolas Deutscher, Ulrike Knoblauch, Bastian Michael als Volk oder Wachen

Wir leben nicht mehr in einer politischen Situation, die solche, lebensbedrohlichen, Entscheidungen erfordert. Unser Alltagsdasein lässt uns weder unsere Freiheit noch ihr Gegenteil deutlich empfinden. Deswegen haben wir heute große Schwierigkeiten, was den Existenzialismus ausmacht, zureichend zu begreifen. Eine Gegenwartsinszenierung der "Fliegen" findet in einem völlig veränderten gesellschaftlichen Umfeld statt. Lässt sie nun, was vielleicht nicht zu vermeiden ist, den inneren Ernst des Stücks, gleichsam seine dramatische Haltung, beiseite, so treten seine philosophischen Einsichten wie dürre Lehrsätze auf. Versuchten die Schauspieler sie wie aus Überzeugung zu sprechen, so gerieten sie höchstwahrscheinlich ins Deklamatorisch-Komische. Will man dem entgehen, bleibt nur, sie gegen ihren Gehalt zu intonieren. Wenn folglich Florian Federl "ich bin frei" sagt, klingt das, soll es klingen, wie der Jargon eines Jugendlichen des 21. Jahrhunderts, der sich selbst nicht so ganz abnimmt, was er da von sich gibt.

Eisold und Keuchel in den beeindruckenden Kostümen von Marlies Knoblauch

Federl und Endres sprechen auf diese Weise - wobei Endres meistens schreit und stampft - , um den Ernst des Sartreschen Ansatzes, dem es ums Ganze geht, zu desavouieren. Das gelingt ihnen ausgezeichnet. Zu wohl keinem Zeitpunkt "glaubt" ihnen der Zuschauer, was sie spielen (wobei in den Hochphasen des Theaters eben dieser Glaube sich mit dem entgegengesetzten Bewusstsein, einer Aufführung beizuwohnen, amalgamierte). Da nun die Gefahr entsteht, in Langeweile zu münden, begegnet man ihr durch Turbulenz, durch viel Gerenne und ähnlichem, sowie der Einführung eines Hanswurst-Faktors: das Volk, hat man bei Shakespeare gelernt, ist in seiner burlesken Art immer für derbe Späße gut. Leider nehmen diese so viel Zeit in Anspruch, dass Partien des Stückes, die für den Zusammenhang wichtig sind, gestrichen werden mussten; weshalb es manchen Zuschauern schwer gefallen sein dürfte, den Gesinnungswechsel Orests nachzuvollziehen.

Florian Federl als Orest und Franziska Endres als Elektra

Übrigens spricht die ältere Generation der Schauspieler, Nötzelmann (wieder mit nackter Brust, wie gewöhnlich), Keuchel und Eisold, in anderer Diktion und dokumentiert so den Bruch zwischen den herrschenden Erwachsenen und ihren Kindern. Zumindest ist es wohltuend, nicht nur für die Ohren, auch einmal solchen ruhigen Sequenzen folgen zu können. Vor längerer Zeit hat Dennewitz die "Troerinnen" des Euripides (in der Bearbeitung Sartres') inszeniert und damit dem Marburger Theater Abende beschert, die lange nachwirkten und sich bis heute im Gedächtnis halten. Dieses Mal setzt er auf etwas anderes: die von Sartre so hochgehaltene Freiheit ist, sagt er uns, zur Farce verkommen, der muttermordende Orest gebärdet sich eher wie einer der Gewinner von "Deutschland sucht den Superstar": selbst blutbeschmiert sieht er noch nett aus und scheint um Beifall zu bitten. Die Marburger haben ihn denn auch am Schluss freundlich gespendet, aber begeistert waren sie nicht.

Orest, umgeben von den Fliegen

Ist es wirklich so, dass das heutige Publikum mit dem Gehalt selbst der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts geschriebenen Stücke nichts mehr anfangen kann? Oder hat das Theater seine den damaligen Zeitumständen, in Deutschland denjenigen der unmittelbaren Nachkriegsphase, angemessene Sprache verloren, eben dieses äußerst wichtige Ereignis, die Entfremdung von dem, was bisher als Substanz galt, im Regietheater ausgedrückt, eine neue aber noch nicht gefunden? Die alte Haltung des Ernstes und Engagements ist schon, weil sie autoritär strukturiert war, nicht mehr möglich - wie aber sollen dann Sartre oder Camus und Anouilh heute gespielt werden? Jedenfalls nicht als Posse, mit einer kleinen Beimischung von Ernsthaftigkeit. - Man lese das Folgende als keineswegs feindliche, aber doch als Provokation. Es ist kein Angriff auf einen durchaus bedeutenden Theatermann, sondern der zugegebenermaßen aggressive Ausdruck einer Sorge: Dennewitz' Fähigkeiten überragen das gestern Gebotene bei weitem. Vielleicht hat das Marburger Schauspiel die Richtung verloren - oder ist dabei, sie zu verlieren - , die ihm zu Beginn und in der Mitte der Dennewitzschen Intendanz steigendes Zuschauerinteresse eingebracht hat, manches fehlgeschlagene Experiment, wie etwa die Doppelpremieren, spricht dafür. Man darf und sollte mehr von ihm verlangen, als Gags und Slapstick. Die Besucher sollten sich der Gefahr eines sinkenden Pegels bewusst werden und ihr opponieren. Freiheit als Farce ist bedeutungslos. Und von Sartre, seinem Verständnis von Autonomie und Selbstwahl, lässt sich immer noch lernen, dass wir uns nicht mit den unernsten Zeitverhältnissen herausreden können.

Max Lorenzen

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