Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Zum Begriff des Denkens bei Hegel

von Jörg Neugebauer

Die Logik bezieht sich lediglich äußerlich auf das Denken. Sie sagt, wie man richtig denkt. Dabei setzt sie das, was Denken ist, stillschweigend voraus. Das Denken selbst wird nicht thematisiert. Was aber ist es selbst - das Denken?

Denken hat mit Gegenwärtigsein zu tun. Es kann nur in der Gegenwart geschehen. Was es erfaßt, ist die "Wirklichkeit" - und indem es das tut, ist es wirklich. Denken ist somit Präsenz. Dynamische Präsenz in der Gegenwart. Suche nach dem, was sich hinter den scheinbar "allgegenwärtigen" Repräsentationen und Supplementen verbirgt, den Medienidolen, Fetischen, Abbildern. Suche nach dem Nicht-Verfügbaren, das sich dem (Verstandes-) Zugriff der Identifizierung entzieht. Suche nach dem Wirk-lichen im Sinne des selbst Wirkenden, das sich nicht objekthaft einem Subjekt preisgibt. Dieses Suchen geschieht in vielerlei Form. So in der Sprache der Kunst, z.B. als Literatur, als Musik, als Bildende Kunst, Tanz usw. Nicht nur in mehr oder minder "originaler" Schöpfung, auch in produktiver Nachahmung und Ausführung bestehender Werke - bis hin zu dem, was früher "Kunstgenuß" genannt wurde. Allen Formen des Suchens ist gemein, dass sie auf etwas Konkretes hinstreben. Etwas, das an sich selbst einen Umriß hat, der sich vor einem diffusen Hintergrund zeigt: eine "Gestalt", die nur bruchstückhaft und wie aus dichtem Nebel hervortritt.

Eine andere Form des Suchens ist - wie seit Plato bekannt - der Dialog, der, im Hin und Her des Gesprächs, sukzessive einen Sachverhalt sagbar und damit wirklich macht. Das im Dialog sag- und sichtbar Gemachte ist jeweils ein neues Stück Wirklichkeit und gibt den Blick frei auf die Wahrheit. Kurz nur, sogleich wird er wieder verstellt. Und nie auf die "ganze Wahrheit", denn das Wahre ist stets an den Blickwinkel des Betrachters gebunden.

Denken - ob als Kunst im Sinne des traditionellen Kunstbegriffs oder als "Kunst des Dialogs" - ist auf das Konkrete gerichtet. Das Konkrete ist der in die Sicht- und Sagbarkeit gebrachte Sachverhalt. Dieser muss an sich selbst bereits sachhaltig sein - insofern sind Zahlen z.B. durchaus nicht konkret. Dies faßt Hegel (Wissenschaft der Logik I, Suhrkamp-Ausgabe S. 91) in die unmißverständlichen Worte: "die Zahlen sind weder der erste einfache noch der bei sich bleibende, sondern der sich selbst ganz äußerliche Gedanke". Sehr wohl aber sind Empfindungen konkret. Höchst konkret: Die Empfindung der Zärtlichkeit. Sie ist es desto mehr, je weniger sie entwirklicht wird durch (z.B. vergleichende oder moralisierende) Begriffe, die Vergangenes betreffen oder sich auf künftig Mögliches beziehen - sei es im Modus der Hoffnung oder der Sorge. Begriffe, in denen jeweils erstarrtes Vor-Wissen repräsentiert ist, das aus der Vergangenheit stammt. Die Empfindung ist aber auch desto konkreter, je "gegenwärtiger" sie erlebt wird. Zärtlichkeit hat also mehr mit dem Denken zu tun als Zahlen.

Der Verstand richtet sich auf das innerhalb eines Systems als richtig Bestimmte - er vergleicht, ordnet, weist zu. Das Denken ermöglicht - wie oben gezeigt - das Erscheinen des Wahren. Eine zärtliche Geste oder Handlung bringt Wahres "zur Sprache" - sofern sie nicht nur "ein Fall von Zärtlichkeit" ist, ein "Dies" in der Diktion Hegels, das ebensogut ein anderes oder eine Zärtlichkeit für jemand anderen sein könnte. In den Sinnen steckt also Vernunft, in ihnen wird das Wahre zugänglich. Im Erleben (und "Zufügen") von Zärtlichkeit artikuliert sich "Wissen" im Hegelschen Sinne - Wissen als das umgreifende Element, in dem Denken sich erst entfalten kann. In der Sinneserfahrung offenbart sich die Wirklichkeit, die als seiend erfahren wird. Diese Erfahrung als Begegnung mit dem Wahren versöhnt den Menschen mit der Wirklichkeit. Im sinnlich-sinnhaften Vollzug seines Daseins erfährt er sich als Wissender, der sich im Medium des Wahren bewegt. Indem er um diese Erfahrung weiß, hat er teil am absoluten, von der Wissenschaft losgelösten Wissen. Da dieses ihm aber niemals verfügbar ist im Sinne eines endgültigen Habens und Besitzens, sondern sich ihm vielmehr in einer Art Wechselspiel immer wieder (wenn nicht gar immerzu) zeigt und entzieht, hat das Denken genug damit zu tun, dies mit sich ins Reine zu bringen.

Wie soll es z.B. das Unendliche denken? Als selbständige Realität ist es undenkbar. Die "Unendlichkeit" des Universums: undenkbar. Der Tod als Zustand: undenkbar. Was nicht denkbar ist, dem kommt auch keine Wirklichkeit zu. Überspitzt gesagt: Den Tod gibt es nicht. Es gibt nur die "Schranke" der Begrenzung von Etwas durch das, was es nicht ist. "Das Unendliche ist nur unendlich in Beziehung auf das Endliche", schreibt Hegel auf S.155. Der Tod ist nur Tod in bezug auf das Leben, an sich ist er nichts. Insofern kann ihn das Denken erfassen, denn es braucht, um dies zu tun, in keinen anderen Seinsbereich vorzudringen. Es kann ganz bei sich bleiben, im Hier und Jetzt - wozu gewiß auch Erinnerungen zählen, die "hier und jetzt" ja präsent sind, wenn man sie zuläßt. Es kann sich - unter Absehung von Repräsentationen und Simulacren, die den Tod objekthaft fixieren, z.B. in der Form des religiösen oder materialistischen Dogmas - auf die Suche begeben, indem es in Dialoge eintritt, als künstlerisches Schaffen und Nachvollziehen oder auch in der Form des Gesprächs. So lassen sich Tod und Unendlichkeit denken, sprich: als wirklich erfahren. Das "Wissen" davon, was Tod und Unendlichkeit sind, ist ja vorab vorhanden. Um seiner teilhaftig zu werden, muss ich es an mich heranlassen, mich in seine Obhut begeben. So wie ich erst lieben kann, wenn ich die Liebe als eine existierende Größe anerkenne (ohne sie dabei mit einer vorgegebenen, objekthaften Vorstellung zu identifizieren, sie damit zu verdecken und als für mich wirkende Macht zu vernichten). Wenn ich sage: "Ach, das gibt es gar nicht!" oder "Ich weiß doch schon längst, was es damit auf sich hat", werde ich nicht nur nie lieben können, mir wird auch das Denken mißlingen. Begebe ich mich hingegen ins Medium der Liebe, als eines Teils, besser: einer Erscheinungsform des großen Wissens, erfahre ich jenen "Progreß ins Unendliche" (S. 155), der mit dem Denken verbunden, ja von dessen Wesen untrennbar ist. In diesem "Progreß" wird manches konkret.

So auch Tod und Unendlichkeit. Sie lassen sich denken. Nicht objekthaft, indem ich "über sie nachdenke" oder sie mir vorzustellen, sie gar zu "bezwingen" suche. Sondern indem ich selbst temporär im Modus des Todes, der Unendlichkeit, meinen Aufenthalt nehme. In selbstvergessener Präsenz "überstehe" ich Zeit und Endlichkeit. Manchem mag dies als "meditativer Zustand" vertraut sein. Doch ob in meditativer Versenkung, im Medium künstlerischen Schaffens und produktiven Genießens, oder ob im Dialog, sofern dieser in voller Präsenz der Dialogpartner erfolgt - stets ist die Zeit mehr oder weniger ausgeschaltet. Nicht umsonst fängt Hans Castorp auf dem Zauberberg das Denken an. Und mag nicht mehr davon lassen. Dabei kommt er auch mit dem Tod in Berührung, in mehr als einer Gestalt.

"Aus dem Begriff Gottes kann ich nicht seine Existenz ’herausklauben’“, schreibt Hegel, einen schwäbischen Ausdruck verwendend, auf S. 92. Doch, ich kann es. Namhafte Philosophen haben es schon getan. Aber das ist nicht Denken. Dieses "Herausklauben" ist eine pure Verstandeshandlung. Gott denken kann ich nur, wenn ich zwischen ihm und mir keine Scheidewand stehenlasse. Wenn ich, wie Rilke im "Stundenbuch", einen Gott andichte, an den ich außerhalb des "Dichtens" gar nicht glaube. Wenn ich "Gott höre" in der Musik von Bruckner und Bach. Oder in den Liedern Paul Gerhardts. Wenn ich - wobei auch immer - das Wechselspiel von sich Zeigen und sich Verbergen als die wahre Erscheinungsform Gottes hinnehme. Mag ich auch in den  Augenblicken seines Verborgenseins sagen: "Er ist nicht". Anstatt diese Aussage mit "Atheismus" zu identifizieren und "meinen Atheismus" selbstzufrieden im bereitliegenden Weltanschauungsordner abzuheften, tue ich gut daran, zuzusehen, was dieses "Nicht" mit mir macht. Indem ich mich heimsuchen lasse von diesem Nicht, solange bis etwas draus wird. Darauf muss das Denken sich einlassen, sofern es Denken sein will. Muss selbst hervortretendes und wieder verschwindendes Denken sein - keine stets betriebsbereite Denkmaschine. Jedes stimmige Gedicht lebt vom Wechselspiel des sich Zeigens und sich Verbergens. Wie je der Liebreiz der Frauen.

In diesem Wechselspiel erst sind sie wahr: Die Stimmigkeit, der Liebreiz, das Göttliche. Dieses Wechselspiel ist der Rhythmus des Denkens. Alles andere bloßes "Herausklauben". Wer sich dem Wechselspiel anvertraut, bewegt sich im Medium des Wissens. Das Wissen ist kein Besitz, ebensowenig wie man einen Sonnenstrahl oder einen soeben sich werfenden Schatten besitzen kann. Aber man kann sich dazu in Bezug setzen (um einen Begriff Rilkes aufzugreifen). Über diesen Bezug entscheidet die jeweilige Gegenwart neu. Das Sich-in-Bezug-Setzen ist Denken. Den rechten Bezug wählen. Im Bezug bleiben. Aber nicht daran kleben. Ich denke nicht, solange ich klebe. An Identifizierungen gemäß der Formel "Das ist wie...". An Supplementen, die mir die Sache selbst verstellen. Oder indem ich an einem fixen Bild von mir festhalte und so zum Roboter meines Verstandes und meiner Neurosen werde. Denken heißt losgelöst sein. Den Dingen keine Bedeutungen zuweisen. Und wenn sie bereits welche haben, diese wie falsche Aufkleber von ihnen lösen. Die Dinge in ihrem Fürsichsein gelten lassen, ihnen die "Rückkehr in sich" selbst (S. 175) zugestehen. Diese Rückkehr zulassen, die Dinge darin unterstützen. So wird auch die Unendlichkeit denkbar. Denn die Dinge, indem sie in sich selbst zurückkehren, zeigen sich ja als unendliche.

Das Denken ist also auf das Unendliche gerichtet. Nicht im Sinne eines verschwommenen "Jenseits", das objekthaft zu fixieren wäre. Ein solches ist kein Gegenstand des Denkens, also kein Gegenstand, ist gar kein Ding. Das Jenseits ist ein Jenseits des Denkens. Im Jenseits des Denkens gebe ich mein Menschsein auf. Werde Maschine, Materie, Hund. Was ich denkend vermag, ist "das Hinausgehen über das Endliche" (S. 157). In diesem Hinausgehen besteht es, das Denken, und im wieder Zurückkehren ins Endliche. Alles andere als dies, im Endlichen das Unendliche zu erkennen und im Unendlichen das Endliche, bleibt  bloßes Fest-Stellen. Das "Hinausgehen" ist aber kein subjektiver Vorgang, derart, dass ein Irgendwer es sich vornähme, über das "bloß Endliche" ins "Reich des Unendlichen" vorzudringen, als ein metaphysischer Kolumbus sozusagen. Gegen derlei Verselbstung bezieht Hegel in für heutige Ohren fast ungehöriger Schärfe Stellung: "Die Selbständigkeit, auf die Spitze des fürsichseienden Eins getrieben, ist die abstrakte, formelle Selbständigkeit, die sich selbst zerstört, der höchste, hartnäckigste Irrtum, der sich für die höchste Wahrheit nimmt" (S.192).  Das Wesen des Endlichen sei vielmehr "nur dies, selbst durch seine Natur dazu [d.i. zum Unendlichen, J.N] zu werden" (S. 150). Ich muss mich also vorerst ganz dem Endlichen anvertrauen, darf und soll in ihm wühlen. Es wird, sofern ich es mit nichts identifiziere und für etwas anderes halte oder damit gleichsetze, von selbst zum Unendlichen. Ich muss nur lange genug hinsehen, lange genug "dasein", es lange genug als das was es ist benützen. Vielleicht auch mit ihm sprechen und auf es hören. Ich muss seine Wirklichkeit zulassen, anstatt mich vor ihm zu fürchten. Sein temporäres Verschwinden ertragen und darauf vertrauen, dass es sich wieder zeigt. All dies ist Denken. Solcherart denkend, bewege ich mich im Wissen. Dies Wissen ist keine "Erleuchtung", kein "Heil". Und es ist keine Sache des Verstandes. Diesem ist das Wissen fremd, er ist regelrecht blind für das Wissen, wie Hegel es meint:

"Es muß aus diesem Grunde gesagt werden, daß nichts gewußt wird, was nicht in der Erfahrung ist, oder wie dasselbe auch ausgedrückt wird, was nicht als gefühlte Wahrheit, als innerlich geoffenbartes Ewiges, als geglaubtes Heiliges, oder welche Ausdrücke sonst gebraucht werden, - vorhanden ist." (Phänomenologie des Geistes, Erstausgabe 1807, S. 757).

 

Anhang: Poesie und Dialektik

Zum Wesen der Dialektik gehört, dass ein Seiendes nichts Statisches ist, sondern etwas, das sich entwickelt. Dabei zeigt es mal die eine, mal die andere Seite. Jede Sache hat verschiedene Seiten, die sich - der Einfachheit halber - als Gegensätze fassen lassen. Es kommt also nicht bloß darauf an, eine Sache "von zwei Seiten zu sehen" (obwohl das auch schon besser ist als die eine, die man selbst gleich sieht, überhaupt für das Ganze zu halten). Vielmehr muss man auch die Geduld aufbringen und es ertragen, zuzusehen, wie die Sache nach und nach ihre andere Seite zeigt. Ihre dunkle oder helle, je nachdem welche einem zuerst erschien.  

Ein gutes Gedicht gibt eine Momentaufnahme. Doch in ihr sollte mit durchschimmern, was diesem Moment vorausging - die "andere Seite der Sache". Verleugnet ein Gedicht die Dynamik, die dem eingefangenen Augenblick innewohnt - zeitlich nach hinten ebenso wie nach vorn, verleugnet es zugleich dessen Geschichte. Oder es weiß nichts von ihr, nimmt die Dinge als das, was sie zu sein scheinen. Es tut so, als blieben sie stets gleich oder wären nie anders gewesen - verleugnet ihr Gewordensein. Ein schlechtes Gedicht verwendet nur die Seite der Sache, die ihm in den Kram paßt. Benutzt sie, als ob es die andern nicht gäbe. Vielleicht weiß es davon auch gar nichts, ist dafür blind. Das sind dann die Gedichte, die schon während ihres Geschriebenwerdens nach dem zustimmenden Nicken des Lesers schielen. Blind oder schielend - indem es den Einzelaspekt verabsolutiert, behauptet das weniger gelungene Gedicht dessen Wahrsein.

Das ist falsche Abstraktion, Scheinpoesie. Die poetische Darstellung ist immer konkret. Und das heißt: Sie weiß um (und zeigt, ohne drauf hinzuzeigen) die anderen Seiten - vereinfacht gesagt: Zur positiven zeigt sie die negative, läßt diese mindestens ahnen. Zum Jetzt und Hier zeigt sie das Frühere, das Ferne, das Künftige. Das "Schöne" wird durch sie deutlich als die andere Seite des "Häßlichen", das "Wirkliche" erscheint als das was es ist: Eine seltene Sonderform des bloß "Möglichen" usw. Insofern hat Poesie etwas mit Wahrheit zu tun. Das wahre Gedicht tendiert dazu, auch das bessere zu sein. Was aber heißt das: "das wahre"? Die Wahrheit steht nicht schon von vornherein fest. Sie ergibt sich erst im Prozess des Schreibens. Was Hegel von der Logik sagt, nämlich dass sie, als "begreifendes Denken", sich erst "in ihrem Verlaufe erzeugt", darf ebensogut für die Poesie gelten, die auch ihre Logik besitzt. Hier wie dort kann nichts einfach "vorausgeschickt werden".

Anders gesagt: Ein gutes Gedicht öffnet, ein weniger gutes verschließt. Dieses will nichts zeigen als sich selbst - in seiner "Schönheit", in seinem "dichterischen Gelungensein", in seiner "Zeitgemäßheit" usw. Ein gutes deutet stets auf anderes hin als auf sich selbst (oder seinen Verfasser). Ein gutes ist wesenhaft Wink oder Andeutung - was nicht eine bloß "andeutende" Diktion voraussetzt oder erfordert, im Gegenteil: Die leisetreterischen Gedichte sind meist die verkappt auf sich selbst bezogenen. Ein gutes ist ein "Dialogangebot" an den Leser. Als solches darf es ruhig winseln und brüllen. Ein schlechtes bleibt lediglich Selbstgespräch oder Rhetorik.

Das Dialogangebot setzt einen dialektischen Prozess in Gang. Statt ihn zu unterbinden, indem es dem Leser eine bestimmte Rezeptionshaltung aufnötigt. Es ist dabei aber mehr als nur Provokation. Wer provoziert, bildet sich ja schon ein, selbst Bescheid zu wissen. Er will nur erreichen, dass der andere, dem die Provokation gilt, sich durch seine Reaktion selber entlarvt. Diesem Zweck dient die Provokation. Das Dialogangebot nimmt den Leser ernst. Wer es - in Form eines poetischen Textes - unterbreitet, hat nicht schon "die Lösung im Kopf". Poesie ist keine Überredungskunst, ist eben nicht Rhetorik, die zielgerichtet Sprache als "Mittel" einsetzt. Sie weiß um die Weisheit der sokratischen Formel "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Auch sie will einen Dialog in Gang setzen - dessen Ergebnis nicht bereits feststeht, sondern in der Auseinandersetzung entsteht. An dieser Stelle ist aber nicht Schluß, zur Ruhe kommt dieser Prozess nie. Der Leser wird dieses Gedicht morgen - oder nach zwanzig Jahren - vielleicht ganz anders ansehen, wird anders dabei empfinden, auf andere Gedanken und Einfälle kommen. Das Gedicht wird ihm vielleicht etwas ganz anderes sagen. Und er wird anders zu anderen darüber sprechen - zu einer Leserin vielleicht, die das Ganze wiederum anders sieht.

Dennoch ist "Ruhe" ein wichtiges Stichwort. Wer Dialektik mit Hektik verwechselt, tut ihr Gewalt an. Gewiß ist das Denken - und ein gutes Gedicht lädt zum Denken ein - stets unterwegs: vom Positiven zum Negativen, und von diesem wieder zu seiner Negation, der Position auf höherer Reflexionsstufe. Man sollte diesen Vorgang aber nicht nur von seinen Extremen her betrachten, nicht nur von den Wendepunkten, die sich am besten "fassen", benennen, beschreiben - und damit auch verfälschen - lassen. Damit werden diese ja schon wieder verdinglicht, objektiviert, dem lebendigen Reflexionsprozess entzogen. Das Unterwegssein des Denkens von der einen Seite zur anderen ist vielmehr das Entscheidende. Wie Denken überhaupt Unterwegssein bedeutet, nicht Urteilen von festen Standpunkten aus. Unterwegssein freilich ist nicht Umherirren, sondern Unterwegssein vom einen Ende zum andern.

So muss auch das Gedicht wissen, wovon es spricht, wenn es konkret sein will. Das Gedicht, nicht zugleich der Dichter. Dieser soll lediglich den Bildern Raum geben, sie gebärmuttergleich hegen und aus sich entlassen. "Kopfgeburten" tendieren dazu, Totgeburten zu sein, die nicht atmen können noch laufen. Das poetische Bild trägt das Dynamische in sich, es braucht nicht vom besserwisserischen Verstand in Stellung gebracht zu werden, um irgendwo hinlaufen zu können. Dieses Laufen hier ist zugleich ein Ruhen. Denn - wie gesagt - die Bewegung ist nicht identisch mit ihrem vermeintlichen "Ziel". Sie ist das was sie ist: Bewegung. Und darin hält das Gedicht sie fest. "Momentaufnahme" sei ein gutes Gedicht, ist gesagt worden. Momentaufnahme innerhalb einer Bewegung. Das gute Gedicht zeigt und ist beides: Es ist ganz erfüllt von dem einen Moment, den es zeigt, darstellt, beschwört. Und dieses Erfülltsein von dem einen Moment hat die Valenz, auf den Leser überzugehen. Er fühlt sich "da", "angekommen", "zuhause". Aber nicht in einer falschen, weil statischen Idylle, die jede Bewegung, jede Veränderung, allen Verfall aussondert - etwa weil sonst "die Schönheit" des Gedichts gestört würde. Sondern in der Unendlichkeit des einen Augenblicks, der nur Augenblick ist, weil gleich der nächste folgt - unendlich klein also, unmeßbar, nicht "feststellbar" - außer in einem Gedicht. Und in diesem Augenblick-Sein des Gedichts ist zugleich die Bewegung enthalten: Was Augenblick ist, kann nicht anders als in einer Folge von Augenblicken gedacht und empfunden werden. In der Ruhe des Augenblicks ist die ganze Bewegung vermittelt.

Das in diesem Sinn "ruhige" Gedicht ist dann auch schön. Jenseits aller "hergestellten" Schönheit. Schönheit ist eher etwas Hinzugekommenes. Sie ist das, "für das ein Bett bereitet wird", wie Rilke in seinem Rodin-Vortrag von 1905 sagt. Dass Künstler glauben, Schönheit "machen" zu können, hält er für einen "Irrtum", einen "alten Wahnsinn".

“Man kann nicht Schönheit machen und Niemand hat je Schönheit gemacht; - man kann nur freundliche oder erhabene Umstände schaffen für Das was manchmal bei uns verweilen mag -: einen Altar und Früchte und eine Flamme - das Andere steht nicht in unserer Macht".

Die Schönheit bzw. das Schöne kann also nur von selber kommen. Der Künstler kann es schon allein deshalb nicht "machen", weil er "ebenso wenig wie die Anderen (weiß); worin sie besteht." Allerdings weiß er, "daß es gewisse Bedingungen giebt, unter denen sie vielleicht zu seinem Dinge zu kommen geruht" - zu dem "Dinge", das er "um der Schönheit willen" formt. "Sein Beruf" ist es, "diese Bedingungen kennen zu lernen und die Fähigkeit zu erwerben, sie herzustellen."

Dem Schönen ein "Lager" zu bereiten, dazu, so Rilke, ist der Künstler da. Es ist so wie mit den Priestern und ihrem Gott: Anstatt diesen zu "machen", sollten sie "immer wieder in den Tempeln und auf den Gipfeln der Berge (...) zeigen, daß es nur eine Frömmigkeit giebt, die: Lager zu sein und zu dunkeln und zu duften für den (vielleicht) kommenden Gott."

So wie der Künstler, der das Schöne zu "machen" versuche, falle auch der Priester der "menschlichen Ungeduld" anheim, "das Geheimnis endlich zu halten, das, was sich immer wieder zurückzieht, zu umarmen".

Die Schönheit kann nicht umarmt, das gute Gedicht nicht "gemacht" werden. Ebenso kann auch die Wirklichkeit nicht "erfaßt" werden. Die Wirklichkeit ist keine objektive Größe, sondern das, als was wir sie wahrnehmen. Und dieses Wahrnehmen erfolgt auf besondere Weise im literarischen Schreiben, das also nicht Wirklichkeit abbildet, sondern diese erst "namengebend" erschafft - oder besser: sie in ihrer "Unfaßbarkeit" (Annette Gerok-Reiter) ausspricht. "Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt" heißt ein berühmter Vers in Rilkes "Sonetten an Orpheus": Es geht also nicht darum, Erfahrungen zu betiteln, um sie auf diese Weise zu "erledigen" oder damit Macht auszuüben - und sei es nur Macht über sich selbst und die eigenen “inneren Wunden”. Das poetische "Sagen" erst schafft Raum für das zweckfreie, "nur" beobachtende und erlebende Bewußsein - hier endlich darf es sich zeigen. Es muss nicht begründen und werten, nur vergegenwärtigen, was es beobachtet und erlebt.

Diese Vergegenwärtigung ermöglicht Poesie. Das Vergegenwärtigen selbst ist bereits - wortlose - Poesie, nicht umsonst spricht man von "poetischen Momenten", von der "Poesie eines Bildes" usw. Tritt das Wort hinzu, kann literarische Poesie entstehen. An der wiederum Leser und Hörer teilhaben können. Auch hier findet dann eine Vergegenwärtigung statt. Auch der Leser und Hörer begründet und wertet jetzt nicht. Er gibt sich ganz der Dynamik des Augenblicks hin, der bzw. die in den Versen Sprache geworden ist. In den Ambivalenzen, im Davor und Danach, das im Jetzt des Gedichts aufgehoben ist. Und in dieser Hingabe wird er zum Mitschöpfer, denn er muss, soll, darf ja die jeweils andere Seite dazudenken, diejenige, die der Vers gerade nicht offenbart. Es zeigt sich aber, wie produktiv Hingabe ist. Durch sie erst wird das Gedicht vollendet. Nicht in Form eines "Produkts", das Objektcharakter besäße. Der Zustand des Vollendetseins ist ein dynamischer, auch subjektiver. Aber einer, über den man sprechen, sich mit anderen austauschen kann. Insofern gibt es kein "Geheimnis", das verraten, allenfalls einen "Zauber", der weitergegeben werden kann. Auch meint "Vollendetsein" nicht etwa Perfektion. Vielmehr so etwas wie Ganzheit, wie Da-Sein, wie Angekommensein. Und es ist auch nicht gleichbedeutend mit dem, was sonst "Verstehen" genannt wird. Es ist ein Verstehen, aber eher ein "blindes", das keiner Rechtfertigung bedarf. Ein Einverstandensein - mit sich selbst, denn man selbst als Leser und Hörer hat es ja mitgeschaffen, dieses Gedicht.

So ist auch der Bezug zwischen "Text" und "Rezipient" ein dialektischer: Der Rezipient hört ebenso auf, bloßer Rezipient des Gedichts zu sein, wie der Autor aufgehört hat, bloß dessen Autor zu sein. Denn er ist, indem er sein eigenes Werk neu liest und indem er erlebt, wie Leser und Hörer es aufnehmen, selbst auch Rezipient, selbst auch Leser, den sein "eigenes" Gedicht auf Gedanken bringt. Das kann aber nur dann gelingen, wenn er es nicht extra "schön" hat machen oder eine zuvor erdachte "Aussage" in es hat hineinlegen wollen. Nur wenn er vorher "demütig", also nicht auf Wirkung (und damit Zweck) aus war, kann er erneut zum Schöpfer werden.

Vielleicht besteht die höchste Kunst des Gedichts darin, das, was es zeigt, zugleich zu verbergen. Das Poetische wäre dann dieses Ungefähr, welches die Positivisten so hassen. Das Wesen, der Reiz und das Wunder der Poesie wäre genau jene Schwingung der Seele, oder sagen wir bescheidener: des Gemüts, das mit dem Verstand nach etwas greift, das sich ihm im Moment des Ergriffenwerdens auch schon entzieht. Der Mythos weiß darum.

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]