Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Buch des Monats Mai 2008

Jean de La Bruyère: Die Charaktere. Aus dem Französischen von Otto Flake, mit einem Nachwort von Ralph-Rainer Wuthenow, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2007, 480 Seiten, ISBN 978-3458173397, 48 €

Die französische Moralistik darf als das Goldene Zeitalter des Aphorismus und der ihn einfassenden literarischen Kurzformen angesehen werden. Das Werk der sie prägenden Autoren umfaßt selten mehr als ein Buch, welches ihren Ruhm weiterträgt. Was für Pascal die "Gedanken", für La Rochefoucauld die "Maximen und Reflexionen" und für Chamfort die "Früchte der vollendeten Zivilisation",  sind für La Bruyère (1645 - 1696) die aus seiner Übersetzung des Theophrast hervorgegangenen „Die Charaktere Oder die Sitten des Jahrhunderts“, die 1688 erstmals erschienen und bis zur 8. Auflage im Jahre 1694 regelmäßig erweitert wurden.

Der Insel Verlag hat das berühmte Buch in einer eleganten Neuausgabe im Schuber wieder  zugänglich gemacht, und dabei auf die Übersetzung von Otto Flake von 1918 zurückgegriffen, welche 2002 die "Bibliothek des skeptischen Denkens" nachdruckte. In ihr findet sich Flakes Vorwort, aus dem hervorgeht, daß er übersetzt hat, "um das Vergnügen mitzuteilen, das durch die Einkleidung ewiger Werte in historisch bedingte Form erzeugt wird." Nach Auskunft der editorischen Notiz ist Flakes Übersetzung von Fehlern befreit worden, unverständliche Formulierungen und störende Wiederholungen wurden stillschweigend beseitigt. Leider nicht immer mit der notwendigen Sorgfalt. So liest man im Kapitel "Von den Werken des Geistes", daß La Bruyère es ablehnt, wenn - unter dem Vorwand der Natürlichkeit - auf der Bühne unziemliche Handlungen gezeigt werden. Er befürchtet, daß man womöglich sogar einen Beamten zu sehen bekommen wird, "der sich auf einen geheimen Ort zurückzieht“. (S. 37) Die alternative Übersetzung der "Charaktere" - von Gerhard Hess in der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig veröffentlicht, 4. Auflage 1970 - hingegen spricht von einem "Kranken mit seinem Nachtstuhl", was dem französischen Original entspricht. Auch wenn Hess "copist" mit "Nachahmer" überträgt, trifft er das Richtige, während Flake der Wortähnlichkeit folgt. Bedenklicher als die Übernahme der - in ihren Rechten freien - Fassung Flakes  wirkt jedoch, daß die Insel-Ausgabe zwar ein informatives Nachwort von Ralph-Rainer Wuthenow, der mit Übersetzungen La Rochefoucaulds und Chamforts sowie mit Forschungen zur Moralistik hervorgetreten ist, bietet, aber die bei Flake und Hess zu findenden Anmerkungen auf ein Minimum verringert. Auch wenn man La Bruyère nicht zuletzt mit dem Vergnügen dessen liest, der seine Zeitgenossen - und sich - in den die Zeiten überdauernden menschlichen Schwächen wiedererkennt, die wachsende historische Distanz und die Kenntnis der französischen Literatur, die er voraussetzt wie die im 17. Jahrhundert selbstverständliche Vertrautheit mit antiken Autoren, machen Erklärungen notwendig.

Hier bleibt die Ausgabe des Insel-Verlags hinter ihren Vorgängerinnen zurück, die sie leicht hätte überbieten können, hätte sie sich auf die Kommentierung bezogen, die in der Pléiade Ausgabe der sämtlichen Werke geleistet wurde. Wichtig wären zumal historische Erläuterungen zu La Bruyères Menschen- und Gesellschaftsbild, zu den Normen, die hinter seinen Bemerkungen stehen. Zwar weist er es in seinem Vorwort explizit ab, moralische Vorschriften zu machen, denn es mangelt ihm seines Erachtens an der Kraft für die "Rolle des Gesetzgebers", doch wird auch das bloße Beobachten und Wiedergeben der Wirklichkeit von Prämissen geleitet.  Die gedankliche Bühne, auf welcher La Bruyère das Menschliche - Allzumenschliche auftreten läßt, ist wissenschaftlich ausgeleuchtet. Kürzlich erst hat Robert Zimmer ihn kenntnisreich als "Kartographen der Urbanität" porträtiert. (www.aphorismus.net) La Bruyère, der die Tugend der Bescheidenheit preist, hält sich an seine Wertskala und betont im ersten Satz des Vorwortes, daß er mit seinem Buch dem Publikum zurückgebe, was er von ihm bekommen habe. Dies kann nicht für den heutigen Leser gelten - die Gelegenheit, ihm ein Werk, das ein Spiegel der Sitten sein will, ohne blinde Stellen vorzulegen, wurde leider nicht genutzt.

La Bruyère gilt als skeptischer Philosoph, dessen pessimistisches Bild vom Menschen, trotz der Einsichten in die gesellschaftliche Bedingtheit allen Handelns, ihn daran hinderte, sich gegen die Feudalstruktur der Epoche zu stellen.

In seinen Anekdoten, Skizzen, kleinen Porträts, in seinen Kommentaren und Überlegungen fehlt der Impetus einer auf Umsturz gerichteten Kritik. Der Pfau des Fortschritts schlägt noch nicht sein großes Rad. Nicht nur vom Publikum,  sondern von Pascal, Montaigne, Erasmus und La Rochefoucauld über die conditio humana belehrt, bekennt La Bruyère im berühmten ersten Satz der "Charaktere": "Tout est dit, et l'on vient trop tard depuis plus de sept mille ans..." Das Bekenntnis ist ein ehrwürdiger Topos und doch mehr als eine Bescheidenheitsformel: Wenn alles über den Menschen gesagt ist, dann deshalb, weil er sich in allem wiederholt, weil alles schon einmal da gewesen ist. Alain, die französische Tradition der Moralistik im 20. Jahrhundert fortsetzend, hielt diese Einsicht nicht für niederdrückend, sondern für stärkend. Man kann die ewige Wiederkehr des Gleichen als Variante der Unvergänglichkeit wertschätzen. Eine Folge wäre es dann vielleicht, daß der hohe terminologische Aufwand, den Psychologie, Psychoanalyse und ihre geistesverwandten Disziplinen in Gang gesetzt haben, um sich des Menschen wissenschaftlich zu versichern, als des Kaisers neue Kleider erscheinen. La Bruyère schrieb, um den Leser zu belehren: Selbsterkenntnis als Therapieersatz. Ob es ein Gewinn ist, wenn statt der Narretei die Neurose diagnostiziert wird? Jedenfalls ist es ein Gewinn, La Bruyère in einer Ausgabe in Händen zu halten, die seine Klassizität dokumentiert.

Michael Rumpf

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