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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 3
Bereits zum dritten Mal konnte die Marburger Neue Literarische Gesellschaft Dagmar von Gersdorff zu einer Lesung begrüßen, ein erwartungsvolles Publikum erinnerte sich besonders daran, wie sie aus ihrem Buch über „Goethes Mutter“ vorgelesen hatte.

Dagnar von Gersdorff signiert im Marburger Café Vetter
Diesmal nun stellte die Autorin Goethes Enkel vor – ein Schwerpunkt ergab sich durch Goethes liebevolle Betreuung der Kinder. Als Großvater war er ihre eigentliche Bezugsperson, wie wir heute sagen würden. Daneben wurde die Ehe der Eltern dargestellt und zum Schluß, allerdings nur noch skizzenhaft, das spätere Leben der Kinder.
Zuerst also Goethe als Großvater: vom Augenblick an, da zuerst Walther (1818) und zwei Jahre später Wolfgang (1820) zur Welt kam, nahm er innigen Anteil – das verstärkte sich dann noch, als die Knaben heranwuchsen. Er erlaubte ihnen vieles, was die Umgebung mit Verwunderung sah. So durften sie in sein Arbeitszimmer kommen, und, von ihm freundlich beschäftigt, dort spielen. Er war für ihre Ausbildung zuständig, auch später, als Hauslehrer engagiert wurden, zeigte er ihnen belehrend seine Kupferstiche und Atlanten, nahm sie auf seine kleinen Ausfahrten mit, und als sich ihre besonderen Begabungen herausstellten – Walthers Musikalität und Wolfgangs Freude am Schreiben - wurden beide sorgfältig gefördert. Eine besondere Rolle spielte dabei das Theater: wenn sie nach der Vorstellung heimkamen, so sang Walther nach, was er gehört hatte und Wolfgang schrieb schon früh Rezensionen, die er dann mit dem Großvater besprach. Auch um ihre Spielsachen kümmerte sich Goethe ganz persönlich, so schenkte er den Kindern ein Puppentheater (wie er selbst als Knabe eins besessen hatte), Weihnachten wurde stets besonders festlich begangen: da kam dann auch ein Zauberkasten an, den Marianne von Willemer in Frankfurt besorgt hatte, Kunststücke wurden eingeübt und bei mancherlei Gelegenheiten auch vor Gästen vorgeführt. Auf seiner letzten Reise, die ihn zu seinem Geburtstag 1831 nach Ilmenau führte, begleiteten ihn die Enkel. Die kleine Alma, 1827 geboren, war dem Großvater ein besonderer Schatz, wie weit sie in die Spiele der Großen einbezogen wurde, blieb offen. Goethe selbst notierte sein Zusammensein mit den Enkeln regelmäßig in seinen Tagebüchern – die der Enkel, die Frau von Gersdorff vorgelegen haben, dokumentieren wohl eher die spätere Zeit.
Um die Ehe zwischen August von Goethe und Ottilie von Pogwisch stand es nicht zum Besten: lange hatte ihre Familie sich gegen die Verbindung gewehrt, es mußte erst der Tod Christianes (der Vulpius) abgewartet werden. Ottilie hoffte in Goethe den Vater zu finden, den sie schmerzlich vermißte. 1817 war es soweit und ließ sich zunächst auch gut an. Goethe hatte dem jungen Paar die Mansarden des Hauses am Frauenplan ausbauen lassen, das „Schiffchen“, wie er es nannte. Zwar versuchte Ottlilie, ihren Mann nach ihren Vorstellungen zu verändern, doch mußte das mißlingen: er blieb der Gehemmte, in seinen Pflichten durchaus Gewissenhafte, der ihr allzu unbeweglich schien. Sie flüchtete sich in Affären, eine intensive Beziehung verband sie 1823 mit dem Iren Charles Sterling, der als Besucher Goethes ins Haus gekommen war. Goethe, damals selbst ein Liebender, schrieb ihr milde kritisch aus Marienbad, wo er Ulrike von Levetzow umwarb – Ottilie dagegen hatte kein Verständnis für die Heiratspläne ihres Schwiegervaters und drohte mit dem Umzug der jungen Familie nach Berlin. Ein Skandal sei es… Später verlangte Ottilie die Scheidung, sah aber schließlich davon ab, versöhnte sich mit August – und 1827 kam Alma. Ottilie blieb eine schlechte Haushälterin, die zwar repräsentieren, aber keine Behaglichkeit vermitteln konnte – wohl auch für die Kinder nicht. August konnte seine Liebe für diese erst in den Briefen von seiner späten Italienreise aussprechen – sein früher Tod in Rom (1830) forderte von Goethe in seinen allerletzten Jahren noch einmal die Übernahme der Verantwortung für den Hausstand.
Über die Zukunft der Enkel war bei Goethes Tod nichts entschieden – die Übertragung der Vormundschaft an den Kanzler von Müller erwies sich als Fehlgriff, der zu einem belastenden Rechtsstreit führte. Finanziell hatte Goethe die Erben gesichert, aber Ottilie verstrickte sie in Schulden, lebte in Wien, brachte noch eine Tochter zur Welt, fand aber keinen neuen Ehemann und kehrte nach Weimar zurück. Walther versuchte ein Musikstudium, was fehlschlug trotz einer intensiven Freundschaft mit Robert Schumann, die homoerotische Züge gehabt haben soll. Wolfgang studierte Jura und Philologie, veröffentlichte als Wolfgang von Goethe auch ein Bändchen Gedichte, trat in diplomatische Dienste ein – beide Männer waren nicht gesund und führten ein völlig zurückgezogenes Dasein. Ihr größtes Verdienst der Nachwelt gegenüber ist die Bewahrung des Erbes gewesen – sie hätten es mit hohem Gewinn auch veräußern können. So aber blieb es in Weimar erhalten.
Leider war der Vorlesenden die Zeit davon gelaufen, so daß sie nicht mehr dazu kam, die Tagebücher der erwachsenen Goetheenkel, die doch ihre wichtigste Quelle waren, wie sie anfangs gesagt hatte, für eine genauere Charakterisierung der beiden in der Lesung zur Geltung zu bringen, sodaß deren Persönlichkeit keine rechten Konturen gewann.
Dagmar von Gersdorff hatte aufmerksame Zuhörer und gewiß hätten sich weitere Fragen ergeben, wenn nicht der Andrang derer, die ihre Bücher signiert haben wollten, dies verhindert hätte. Ihr Verdienst ist es, unserem Goethebild wichtige Züge hinzugefügt und zugleich das Andenken an Goethes Enkel vor dem Vergessen gerettet zu haben.
Renate Scharffenberg