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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 3
Auf Einladung der kam der Autor nach sieben Jahren zum zweiten Mal ins Café Vetter, wo ihn ein zahlreiches Publikum erwartete. Ludwig Legge begrüßte die Gäste, darunter auch einige, die eigens in die Stadt gekommen waren: aus Kassel, aus Jena, Weimar, Göttingen und sogar aus Linz an der Donau. Den Autor selbst, dessen wirklichen Namen auch er nicht aussprechen konnte, begrüßte er mit der Nennung der Ehrungen, die ihm inzwischen zuteil geworden sind, darunter das Bundesverdienstkreuz, das freilich vor allem dem Universitätslehrer verliehen wurde, durch dessen Unterricht 35000 Mongolen deutsch gelernt haben. Und auch die andere große Tat Tschinags wurde hervorgehoben: im Jahr 1996 gelang ihm die Rückführung seines Stammes, dessen Häuptling und Schamane er ist, mit einer von ihm geführten Karawane aus der Verbannung in Sibirien.

Galsan Tschinag im Marburger Café Vetter
Tschinag führte selbst in seine Lesung ein. Er begründete zunächst, warum er auf Deutsch schreibt: es ist dies die Sprache, die ihm die Schrift zur Verfügung stellte, die ihn zum schreibenden Dichter machte, während er zuvor in der schriftlosen Sprache der Tuwa ein Sänger und Erzähler war. Zu seinem Roman „Die neun Träume des Dschingis Khan“ wies er darauf hin, dass diesen die Überlieferung seines Landes zu einem tadellosen Helden umgeformt habe, während die „Geheime Geschichte der Mongolen“ ihn so beschreibt, dass alle Züge seines Wesens – auch die grausamen – zur Wirkung kommen. Und auf diese, in der Schriftlosigkeit durch immer neues Erzählen lebendige Tradition beziehe er sich. Tatsächlich sei Dchingis Khan in einer letzten Schlacht vom Pferd gestürzt und in ein Fieber verfallen. Davon handelt das letzte Kapitel seines Buches, aus dem Tschinag nun zu lesen begann.
Der Herrscher ist krank, müde und alt: eindrucksvoll ist dargestellt, wie die quälenden Veränderungen des Körpers den einst so mächtig über ihn verfügenden Khan krisenhaft beschäftigen, ihn zum Bettler machen, der auf Hilfe angewiesen ist, obgleich er sich im Geist unverändert fühlt, der nun jedoch den siechen Fürsten seine völlige Einsamkeit erkennen läßt. Sterben wäre eine Befreiung. Aber selbst dazu bedürfte er des Beistandes. Hier kommt eine Kunstfigur des Verfassers ins Spiel, der Zwerg Olgoi, der als Abgesandter eines vom Herrscher gemordeten Schamanen fungiert. Zuerst fragt er den Khan nach den Träumen der letzten Nacht, die er ihm deutet: in Wahrheit habe jener auf den vergehenden Körper gelauscht und sei sich gewiss, dass alle auf seinen Tod warten. Nun wird Olgoi ihn auf seinem letzten Weg begleiten – der Khan kann wählen, entweder todkrank am Leben festzuhalten, bis es endlich endet, oder schnell in einen selbst gewählten Tod zu gehen. Dschingis Khan kann diesen schnellen Tod nur wählen, wenn er dazu verurteilt wird – urteilen aber kann er nur selbst und er findet für ein Todesurteil genügend Gründe in seinem Leben. So kann er den Letzten Befehl aussprechen: Der Führer seiner Leibgarde soll ihn und zuvor Olgoi ersticken…
Dem archaisch anmutenden Geschehen entspricht die direkte, vom mündlichen Erzählen geprägte Sprache, die doch nicht bewusst altertümlich anmutet, auch wenn der Zuhörer über Wörter wie ‚Recke’ stutzt, wenn es sich um den Vollzieher des Todesurteil handelt, der doch so gar nicht aus den nordischen Sagen stammt. Und so ist es auch der Ton des Erzählens, von dem die Wirkung dieser Lesung ausgeht. Das Publikum jedenfalls hörte gebannt zu.
In der folgenden Gesprächsrunde zeigte sich ein weiterer Zug im Wesen Tschinags: jeder Schamane, so sagte er, sei auch ein Unterhalter – wir würden wohl sagen: ein Selbstdarsteller. Und als solcher bewies er sich durchaus, ob er nun von sich als einem ‚tollen Kerl’ sprach oder seine Bücher als Schlafmittel ‚ohne Nebenwirkungen’ anpries. Aber immer wieder zeigte sich auch hier die andere, die ernsthafte Seite, so wenn er eine Probe aus der Sprache seines Volkes eher sang als sprach oder eigene Gedichte las. Die Zuhörer dankten ihm mit lebhaftem Beifall.
Renate Scharffenberg