Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Diskussionsbeitrag zur Rezension der Studie von Hamid Reza Yousefi: „Der Toleranzbegriff im Denken Gustav Menschings. Eine interkulturelle Orientierung“ von Eva Maria Phieler, in: Theologie und Philosophie, 2007, 82. Jahrgang, Heft 4, S. 590-591.

Bei der Lektüre des vierten Heftes der von mir ansonsten sehr geschätzten Zeitschrift  „Theologie und Philosophie“ bin ich auf die Buchbesprechung zur Studie „Der Toleranzbegriff im Denken Gustav Menschings“ von Hamid Reza Yousefi gestoßen, die jede Regel der Rezension in gröbster Form verletzt. Neben einer Reihe handwerklicher Fehler macht die Lektüre der Rezension von Phieler deutlich, daß sie sich weder mit dem Œvre Menschings noch mit den Arbeiten Yousefis ernsthaft auseinandergesetzt hat.

Das zentrale Ziel der Studie Yousefis ist, den methodischen Wandel Menschings und seine Stellung zur Philosophie herauszuarbeiten. Sie stellt das Programm der Angewandten Religionswissenschaft vor und thematisiert in gebotener Kürze Toleranz als umstrittene Tugend im Wandel der Geschichte. Die Notwendigkeit eines Angewandten Religionsverständnisses wird beleuchtet und auf der Grundlage der Toleranzidee Menschings eine neue Konzeption der Toleranzhermeneutik als regulatives Prinzip entwickelt. Ausgehend von zwei Traditionslinien, nämlich der philologisch und der hermeneutisch-phänomenologisch ausgerichteten, untersucht Yousefi die Kategorie des Heiligen in Religion, Philosophie und Religionswissenschaft. Dabei behandelt er auch einige Autoren, wenn auch kurz, wie Richard Swinburne, Franz von Kutschera, John Leslie Mackie und Alvin Plantinga.

Yousefis Studie versteht sich zugleich als philosophiegeschichtliche wie als systematische Abhandlung. Aufgrund der thematischen Zielsetzung ist es selbstverständlich, daß er aufgrund der Fülle der Literatur Philosophen nur auf deren Konzeptionen zur Toleranz hin befragt, soweit diese für das Toleranzpostulat Menschings von Bedeutung sind oder sich mit dieser auseinandersetzen. Ein wichtiges Anliegen seiner Studie besteht darin, auf methodisch-dialogischem Wege jeder Form von Relativismus entgegenzuwirken. Sie weist exklusivistische Absolutheitsansprüche zurück und plädiert in Anlehnung an Mensching und Ernst Troelsch für einen Absolutheitsanspruch nach innen. Die Toleranzkonzeption Menschings, für die auch Yousefi plädiert, ist ausschließlich eine religiöse. Sie bedeutet in ihrer Ausgangsposition, Toleranz ohne die Preisgabe eigener Überzeugung Andersdenkenden gegenüber zu üben.

Yousefi bildet im Rahmen seiner Weiterführung der Toleranzidee Menschings eine Reihe von Begrifflichkeiten, um die geistige Situation der politischen und religiösen Gegenwart im Kontext der Interkulturalität und Interreligiosität zu beschreiben. Es handelt sich zunächst um „Gehäusetoleranz und Gehäusedialog“. Gehäusetoleranz bedeutet für ihn eine Einstellung, die eine verabsolutierte Meinung a priori praktiziert. Deren Vertreter beanspruchen Unfehlbarkeit der eigenen Überzeugung und halten zugleich andere Überzeugungen uneingeschränkt für falsch. Gehäusetoleranz stellt eine Scheintoleranz dar. Sie ist eine intolerante Haltung, die häufig auf Ignoranz und Arroganz beruht. Gehäusedialog ist ein Scheindialog, der mit einer Duldungskonzeption einhergeht. Er führt in letzter Instanz zur Ablehnung Andersdenkender. Yousefi geht auf der Grundlage dieser Begriffsbestimmungen von unterschiedlichen Gehäuseformen aus: von „aktive[r] und passive[r] Gehäusetoleranz sowie [vom] aktive[m] und passive[m] Gehäusedialog“. Diese vier Gehäuseformen lassen sich nach Yousefi auf allen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Ebenen beobachten, die eine theoretische und eine praktische Dimension der Gewalt besitzen.

Yousefi zeigt exemplarisch, daß diese Gehäuseformen mit einer „restaurativ-reduktiven Hermeneutik“ einhergehen, die er als eine „apozyklische bzw. autozentrische Hermeneutik“ bezeichnet. Sie beschränkt sich auf Selbsthermeneutik und betrachtet das Fremde ausschließlich aus der eigenen Perspektive. Dabei geht es nur darum, wie ich mich selbst und wie ich das Fremde verstehe. Dieser Verstehensform stellt der Verfasser eine „enzyklische Hermeneutik“ gegenüber, die eine Synthese darstellt, in der Selbst- und Fremdhermeneutik ineinandergreifen. Sie fragt nicht nur danach, wie ich mich selbst und wie ich das Fremde verstehe, sondern zugleich, wie das Fremde sich selbst und wie es mich versteht. Als Beispiel einer apozyklischen Hermeneutik kann die Aussage „Achse des Bösen“ des amerikanischen Präsidenten George W. Bush und als enzyklische Hermeneutik „Achse des Dialogs“ des ehemaligen iranischen Präsidenten Mohammad Khatami, der vor seiner Präsidentschaft im Iran als Professor für Philosophie und später als Kulturminister tätig war, gelten. Yousefi hat diese Gehäuseproblematik auch in seiner neuen Studie erläutert. (Vgl. Yousefi, Hamid Reza: Angewandte Toleranz. Gustav Mensching interkulturell gelesen, Nordhausen 2008, S.122 f. und 128 f.). Das eigentliche Verdienst dieser Studie besteht ferner darin, eine religionswissenschaftliche Fragestellung, wie der Untertitel der Studie zum Ausdruck bringt, interkulturell-philosophisch zu thematisieren.

Die Rezensentin unternimmt in keiner Weise den Versuch, sich inhaltlich mit den zentralen Thesen oder einem Bereich der Studie Yousefis zu befassen, sondern sie greift einige Meinungen auf, die an deren Kern vorbeigehen. Phieler glaubt zu wissen, welche Stellen bei den philosophischen Klassikern „nebensächlich“ bzw. „relevant“ sind. Auch hier unterlaufen ihr sachliche Mängel. Sie lastet, um nur zwei Beispiele zu nennen, Yousefi zwei Aussagen an, die von diesem klar als Fremdmeinung gekennzeichnet sind.

Überdies ist die Rezension in einer sprachlichen Diktion gehalten, welche die Grenze der Diffamierung an einigen Stellen überschreitet. Beispiele hierfür sind Ausdrücke wie „abenteuerlicher Gang durch die Geschichte der Toleranz“, „rhapsodische Aneinanderreihung weltanschaulicher Präferenzen“, „dilettantisches“ Streifen der Klassiker, „Relativismus“, „Banalitäten“, „wie würde Y. mit jemandem umgehen, der [den Philosophen Ram. A.] Mall für nicht relevant hält?“ Ferner verletzt sie die Regeln korrekten Zitierens, die in einer knapp gefaßten Rezension von eminenter Bedeutung sind.

Die Behauptung, Yousefi scheine wichtige Autoren für seine Themenstellung zur Toleranz nicht zu kennen, bildet das Gegenstück zur Auffassung, er stütze sich auf unbedeutende Autoren. Namentlich werden von Phieler hier u.a. John Hick und Perry Schmidt-Leukel, also Vertreter der sogenannten „pluralistischen Theologie“, herausgestellt. Deren Ansätze tangieren jedoch nicht die Fragestellung von Yousefis Studie. Ferner wird moniert, er vernachlässige „wichtige“ Autoren wie z.B. Rainer Forst. Wer sich mit der aktuellen Toleranzforschung beschäftigt, dem dürfte bekannt sein, daß Yousefi bereits in einer früheren Arbeit entsprechende Forschungsergebnisse vorgelegt hat, in der auch Hick, Schmidt-Leukel und Forst kritisch thematisiert sind. (Vgl. u.a. Yousefi, Hamid Reza und Ina Braun: Gustav Mensching. Leben und Werk: Ein Forschungsbericht zur Toleranzkonzeption, Würzburg 2002, S. 311-338). Daß die Rezensentin behauptet, Yousefi kenne Autoren wie Richard Swinburne, Franz von Kutschera, John Leslie Mackie und Alvin Plantinga nicht, unterstreicht, daß Phieler das Buch entweder nicht genau gelesen hat oder sich auf fremde Meinung stützt. Ein Blick in das Namensregister des Buches hätte sie vor dieser Peinlichkeit bewahrt.

Zweifel an der philosophischen Kompetenz der Rezensentin explizieren sich auch daran, daß sie nicht weiß, „was es zur Toleranzdiskussion beitragen soll, daß Spinoza einem Mordanschlag ausgesetzt war.“ Mit dem Kommentar hierzu dokumentiert sie, nicht begriffen zu haben, worum es dem Autor ging und worin die eigentliche Intention der Studie besteht. Selbst den Philosophiestudierenden der unteren Semester dürfte bekannt sein, daß der Anschlag auf Spinoza exemplarisch für die möglichen Konsequenzen von Intoleranz steht. Spinozas Beispiel zeigt, wie diejenigen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, ohne Unrechtbewußtsein Andersdenkende denunzieren, verfolgen und ermorden können. Diese Methode ist vielerorts anzutreffen. Aus Phielers Vorwürfen gegen den angeblichen Relativismus des Verfassers könnte man zwanglos schließen, daß sie der Meinung ist, „die Wahrheit“ zu kennen. Daß diese problematische Einstellung in der Studie Yousefis im Kreuzfeuer steht, nimmt sie nicht zur Kenntnis.

Ein weiterer Punkt ist, daß die Rezensentin sicher zu wissen glaubt, welche zitierte Literatur als Autorität und eigentliche Quelle gelten sollte. Sie schätzt offenbar andere Autoren als Yousefi und wirft ihm unter anderem explizit vor, er stütze sich auf unbedeutende Wissenschaftler. Namentlich führt sie den letzten Schüler Menschings, Professor Udo Tworuschka, und den interkulturellen Philosophen, Professor Ram Adhar Mall an. Diese ausgewiesenen und international geschätzten Forscher der Religionswissenschaft und der interkulturellen Philosophie als „unbedeutende Verfasser“ zu bezeichnen, ist eine Anmaßung.

Bei der Lektüre der Rezension war man gespannt, wie Phieler den religionsphilosophischen Ansatz Menschings sieht und wie sie diesen von Yousefi abgrenzt. Dies wäre z.B. in bezug auf die unterschiedliche Bewertung des Islam von Interesse gewesen. Doch findet sich hierzu keine einzige Bemerkung. Dieses Schweigen über Yousefis Analyse der Position Menschings, die gut ein Viertel bis knapp ein Drittel des Buches ausmacht, reiht sich ein in die altbekannten Versuche aus den Reihen der äußerst konservativen Kreise beider Konfessionen, Mensching zu diffamieren oder zu ignorieren. Wie sich dokumentieren läßt, bezeugte hingegen der junge Bonner Fundamentaltheologe Professor Dr. Joseph Ratzinger hohen Respekt vor Mensching als Wissenschaftler. Ratzinger hatte in den Bonner Jahren noch niemanden promoviert und keinen Schülerkreis gebildet. Auf Betreiben Menschings übernahm er jedoch das Korreferat für eine religionswissenschaftliche Dissertation.

Man muß nicht alle Positionen Yousefis teilen, wie z.B. seinen spezifischen Wahrheitsbegriff, um seinem Buch eine große Verbreitung über den Kreis der Religionsphilosophen hinaus zu wünschen. Insbesondere für Theologen und Religionswissenschaftler, die Toleranz und Religionsdialog nicht als bloße Floskel begreifen, ist die Lektüre eine Bereicherung. Mein Urteil über die „Rezension“ von Phieler fällt negativ und hart aus: sie ist ein Beispiel für gezielte Desinformation, gepaart mit Ignoranz und Anmaßung. Offensichtlich ist es hier einer nachweislich fachfremden Wissenschaftlerin gelungen, ein ‚Kuckucksei’ in einer ansonsten renommierten Zeitschrift zu platzieren. Meine Recherchen haben ergeben, daß die Studie von Yousefi im Institut Philosophie der Universität Trier, wo sie eingereicht worden ist, zur Bildung zweier Fraktionen geführt hat: Gegner und Befürworter. Die Rezensentin, die mit einem Vertreter der gegnerischen Fraktion in Trier in Verbindung steht, bleibt uns die Antwort schuldig, warum sie sich auf ein solches Spiel eingelassen hat.

Hermann-Josef Scheidgen

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