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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 3
Inszenierung: Manfred Gorr a.G. – Ausstattung: Harry
Behlau a.G. – Dramaturgie: Jürgen Sachs
Chor: Christine Reinhardt – Atossa, Königsmutter: Regina
Leitner – Xerxes: Sascha Oliver Bauer – Dareios’ Geist:
Stefan Gille – Bote: Stefan Piskorz
Im Jahre 472 v. Chr. errang Aischylos mit der Triologie „Phineus“, Glaukos Ponieus“ und eben den „Persai“, den „Persern“, im Tragik – Agon den ersten Preis. Würde er diesen noch heute gewinnen?
Geht man danach, was sich auf der Bühne des Marburger Landestheaters am 10. 05. 2008 im wahrsten Sinne des Wortes abgespielt hat, so kann man durchaus mit einem zufriedenen, bejahenden Lächeln antworten.
Sowohl Bühnenbild, als auch Kostüme und vor allem die Leistung der Akteure selbst waren anregend, Aufmerksamkeit heischend, ja sogar bisweilen bannend. Dennoch wirkte das Publikum – Gradmesser sei hier der Beifall – irritiert. Vielleicht, weil die Schauspieler gerade da agierten, wo gewöhnlich das Publikum sich müßig delektiert, nämlich im Zuschauerraum, während dieses selber, auf die vormalige Bühne verbannt, nunmehr unmißverständlich angehalten war, sich über die Absicht dieser Änderung des Gewohnten den Kopf zu zerbrechen, oder weil der moderne Mensch und Theatergänger, obgleich er sich der geistigen Elite zugehörig dünkt, durch überreichen Konsum an Massenmedialem nur noch bedingt in der Lage ist, den weitschweifigen, wortreichen, sprachlich überwältigenden Worten und Bildern der Klassiker zu folgen, welche – und dies sei der einzige Kritikpunkt an der schauspielerischen Leistung – bisweilen sogar die Zungen der Akteure selbst zum Schlagen brachten, so daß manches akustisch unterging.

Konnte sich der Rezipient über Jahrhunderte hinweg auf feste Symbolik verlassen, so gehört es mittlerweile zum guten Ton einer jeden einigermaßen gelungenen Inszenierung, ein neues Set an Zeichen und Hinweisen zu generieren, das den Betrachter aus der Dekadenz bloßen Konsums herausreißen soll und darüber hinaus der Bedeutung des Stückes und seiner Aussage eine neue Richtung weist. Wie unbedacht in Ansicht der Konsequenzen. Ein Großteil der Schauspielzeit ist das Publikum – sofern intellektuell regsam – mit Dechiffrierung des so elegant und eigentlich so wohlgefällig und sinnreich Verschlüsselten beschäftigt – und abgelenkt. Warum also tragen die Chor-Figur, Atossa, die Königsmutter, Xerxes, Darios, ja selbst der ob der Niederlage des persischen Heeres aufgelöste Bote Weiß? Weil die Farbe ihre Schreckensbleiche symbolisieren soll? Oder etwa nur, weil es einfach die kostengünstigste Variante effektiver Ausstattung für den Gewandmeister darstellt? Oder weil – wortspielend eben – ihr Handeln das von Wissenden ist, die endlich begriffen haben, daß sie vor einem Abgrund stehen? Daher also ist die Bühne dunkel? In ihrem Zentrum eine blaue rechteckige Fläche, das Meer, die Ägäis, in dem die persische Flotte unterging. Zugleich ein Wasserbecken im heimischen Palast von Susa, abgeschieden, nur von schmalen Orientteppichen bedeckten Stegen zu erreichen. Zeigt sich so also das Versagen einer Politik, die, im Kabinett geplant, vor der Realität scheitert, oder einfach nur der wohlgefällige Kontrast hell – dunkel, schlicht – verspielt oder handelt es sich etwa ein weiteres Mal um ein „billiges“ Staffagemoment, das nicht den Pfifferling wert ist auch nur eine Sekunde länger mit Interpretation versehen zu werden?
Tatsache bleibt aber auch, dem Zuschauer wird eine Denk- und Empfindungsweise diktiert. Denn was weiß das Gros der Rezipienten heute noch von den antiken Klassikern? Wer hat jemals eine Aufführung gesehen mit Chor und Maskenträgern in klassischen Kostümen, eben so, wie sie einst vom Dichter selbst ersonnen war? Wer ist heute noch in der Lage zu erkennen, was vom Originaltextkorpus weggelassen, hinzugefügt, schließlich gar umgestellt wurde? Eine beunruhigende Feststellung, irritierend, wenn sie dem Publikum im Verlauf einer Aufführung heraufdämmert. Warum also ergehen sich zu anfangs zwei Unbekannte in neckischen Wasserspielereien am königlichen Pool, zanken sich schließlich? Erst spät wird klar, hier agieren Dareios und Xerxes, Vater und Sohn – und man erkennt (sofern man sich noch ausreichend dieser Szene zu entsinnen vermag), daß hier wohl das im Folgenden Dargestellte pantomimisch vorweggenommen werden sollte. War dieser Brechtsche Habitus tatsächlich notwendig?
Die Parodos ist längst schon kein Einzugslied mehr. Der Chor reduziert auf eine Person ist zur Hauptfigur geworden, kritisch, hinterfragend, kontinuierlich installiert auf der Bühne, am Pool. Die Königin hingegen kommt und geht, geschmückt oder in Sack und Asche, das Lied „Wer hat die schönsten Schäfchen“ auf den Lippen. Das heißt also, die Mächtigen kommen und gehen, allein die Frage bleibt? Fraglos überzeugen Christine Reinhard als Chor und Regine Leitner als Königsmutter Atossa. Diese Schauspielerinnen haben Substanz. Ohne jemals im Publikum irgendwelche Zweifel aufkommen zu lassen, erfüllen sie die archaische Statik der Szenenfolge mit greifbarem Zweifel und fühlbarer Sorge, mit Kritik und Frage, fügen sich und gehorchen doch nicht diesem Diktat klassisch – unklassischer Strenge, das aber noch mehr von ihren männlichen Pendants durchbrochen wird. Hinweis darauf also, daß Frauen doch die Standfesteren sind? In diese Spannung der Inszenierung hinein trug der Bote (Stefan Piskorz) seinen lebendig – verzweifelten Bericht über die vernichtende Niederlage, drohte Dareios – aus dem Jenseits herabgiftender Übervater Stefan Gille, die Hybris seines Sohnes unnachgiebig verurteilend, die Sascha Oliver Bauer als gescheiterter Xerxes zwar beklagte, als Schauspieler jedoch nonchalant zu handhaben wußte.
Bei all der Symbolträchtigkeit stellt sich schließlich die Frage, warum ausgerechnet diese Tragödie ihren Platz auf dem Spielplan des Marburger Landestheaters gefunden hat. Man stelle sich vor: Ein Grieche, seine Heimat nur knappest der Invasion entronnen, bringt dieses Thema – das Scheitern einer Großmacht und die Frage nach dem warum – auf die Bühne. Der Sieger schreibt also über den Besiegten, weiß ganz genau dessen Herz und Beweggründe auszuloten und ihm die Ursache für sein erbärmliches Versagen auf den Kopf zuzusagen. Das ist nicht nur frech, das ist Anmaßung, Chauvinismus. Und doch: Sofort erkennen wir die Parallelen, sie zwingen sich regelrecht auf. Oder ist nicht etwa auch die Supermacht USA aufgebrochen, ein kleines Land zur Raison zu bringen? Und hat sich mittlerweile nicht doch das Versagen ihrer vermeintlichen „Über – Macht“ herausgestellt? Oder sollte die Tragödie um Xerxes noch ganz anders zu verstehen sein? Als poetischer Hinweis an den Orient: „Laßt die Finger von Europa. Andernfalls droht Euch der Untergang.“
Über diese Deutungsmöglichkeiten zu entscheiden sei jedem selbst überlassen. In die Welt der Andeutung, Anspielungen und Symbole, vor allem hervorragenden Schauspiels einzutauchen, sei aber allemal empfohlen.
Tanja v. Werner