Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 4


 

Boris Wandruszka: Der Traum und sein Ursprung. Eine neue Anthropologie des Unbewussten, Alber Verlag, Freiburg / München 2008, ISBN: 978-3-495-48259-9, 396 Seiten, 39 €

Seit Eduard von Hartmanns 1869 zuerst erschienener, bereits 1890 in zehnter Auflage verbreiteten Philosophie des Unbewußten und natürlich seit Sigmund Freuds Büchern sind über das Unbewußte ganze Bibliotheken zusammengeschrieben worden – selbst für Fachleute ist es unmöglich, diese Literatur zu überblicken. Das Unbewußte gehört zu den Kernthemen des 20. Jahrhunderts, das man schon oft das Zeitalter der Psychoanalyse genannt hat, und es wird nicht viele Autoren geben, die den Mut besitzen, für das eigene Werk den Anspruch auf einen radikalen Neuanfang zu erheben. Der Arzt Boris Wandruszka, der auf ein abgeschlossenes Philosophiestudium verweisen kann, tut dies im Untertitel seines Buches, mit dem er deutlich macht, daß er sich keinesfalls auf den Pfaden der traditionellen Psychoanalyse bewegen wird und auch nicht den großen Abweichlern wie C.G. Jung zu folgen gedenkt, sondern einen eigenen Weg gehen möchte.

Wandruszka beruft sich auf die halb oder ganz vergessenen österreichisch-ungarischen Philosophen Akos von Pauler und dessen Schüler Bela von Brandenstein; besonders die „regressive Analytik“ hat er übernommen, eine von Pauler in seiner Logik. Versuch einer Theorie der Wahrheit (Berlin und Leipzig 1929) beschriebene Methode des Rückschlusses von den Tatsachen auf deren Ursachen. „Können“, fragt Wandruszka, „aus dem phänomenalen Bestand eines Phänomens selbst die für sein Da- und Sosein notwendigen oder wenigstens wahrscheinlichen Seinsbedingungen herausgearbeitet und bestimmt werden, ohne die jenes Phänomen weder seinsmöglich noch erkennbar wäre?“ (S.74; kursiv bei Wandruszka) Man sollte im Auge behalten, daß die Logik den eindeutigen Schluß von der Folge auf den Grund verbietet. Laut Pauler handelt es sich um den „Schluß vom logischen Relativum auf das entsprechende logische Absolutum“ (Pauler, Logik, S.276), wobei dieses Absolutum in seinen Beispielen einen banalen Charakter annimmt, wenn etwa aus der Tatsache, daß es Körper gibt, die „Urtatsache“ geschlossen wird, „daß etwas überhaupt existiert“ (Pauler, Logik, S.272). Mir scheint es sich bei dieser regressiven Analytik eher um die logische Analyse eines Begriffes zu handeln, um die Offenlegung seiner inneren Voraussetzungen.

Um seiner Methode zu genügen, muß Wandruszka zunächst den Phänomenbestand in einer sorgfältigen Analyse klären, und das geschieht auf den Seiten 81 – 180, auf denen die Passivität des Träumers herausgearbeitet, die Zeit- wie die Raumstruktur des Traums selbst genauestens analysiert und seine Dramatik aufgezeigt wird; weitere Aspekte sind neben anderen die „Ichzentriertheit des Traumgeschehens“ und die Plötzlichkeit seines Einsetzens.

Immer wieder vergleicht Wandruszka den Traum mit einem Drama, aber wie gefährlich dieser Vergleich ist, das kann man ganz am Ende seines Buches sehen, wo er schreibt: „Im Grunde unterscheidet sich die träumende Bewusstseinseinstellung nicht von einem Erwachsenen, der einen mitreißenden Kinofilm anschaut, sich mit dem Protagonisten voll identifziert und daher glaubt und fühlt, dass das, was da geschieht, ‚Wirklichkeit’ sei. Wie sonst sollen wir verstehen, dass solch ein Zuschauer mitzittert, mitjubelt, bangt und hofft?“ (325) Dem Autor müssen wir hier entgegenhalten, daß wohl kaum ein Mensch in dieser Weise einen Film oder gar ein Theaterstück anschaut, sondern daß er immer weiß, daß das Geschehen auf der Leinwand oder auf der Bühne nicht wirklich ist – der Rahmen und unser Bewußtsein von ihm ist ein wesentlicher Aspekt unserer ästhetischen Einstellung, der schon oft in einschlägigen Werken beschrieben wurde. Einen Traum erleben wir deshalb ganz, ganz anders als ein Theaterstück – wir sind in unserem Traum gefangen, er füllt uns aus, und wir erleben niemals Langeweile. Diese eigenartige Tatsache – das Unbewußte langweilt sich nicht! – berührt Wandruszka mit keinem Wort, ebensowenig wie den bislang von der Hirnforschung vergebens erforschten Umstand, daß wir unsere Träume in aller Regel schnell wieder vergessen, falls wir uns überhaupt ihrer erinnern.

Wandruszka pflegt, was diese Analysen lebhaft und leicht lesbar macht, eine ausgeprägte Vorliebe für allerlei Aufzählungen; dazu liebt er manchmal sehr lange Selfmade-Komposita wie zum Beispiel „stationäraugenblicksfüllenden“. Im folgenden Zitat, das der phänomenologischen Analyse entnommen ist, wird nicht allein deutlich, worauf Wandruszkas Theorie abzielt, sondern es mag auch seinen Stil veranschaulichen: „Denn im Traum wird gehandelt, geredet, wahrgenommen, interagiert, gedacht, geplant, geahnt, gehofft, gefürchtet, gelitten, genossen, und zwar auf zwei Ebenen: erstens auf der szenischen Ebene, also direkt im gegenständlichen Traumgeschehen, im ‚Traumdrama’,  und zweitens auf der Ebene träumend-wahrnehmend-mitleidend-mitagierenden Traumbewusstseins. Mit einiger Wahrscheinlichkeit dürfen wir von diesem seelisch-geistig-intenionalen Akten auf analoge ‚Tiefenkräfte’ zurückschließen und annehmen, dass in jener Tiefe, aus der der Traum steigt, auch solche Kräfte existieren wie Emotionen, Handlungsimpulse, Gedanken, Phantasien, Vorhaben, Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Ahnungen, Erkenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten usw.“ (118)

Trotz des Respekts vor der Genauigkeit und Akkuratesse dieser Analysen wird man dem Autor einige kritische Fragen stellen dürfen. So benutzt er nicht in jedem Fall wirkliche Träume für die Analyse, sondern Poesie – das gilt in jedem Fall für die mehrfach als Belege herangezogenen Traumdichtungen Jean Pauls, die keinesfalls wirkliche Träume protokollieren, wenngleich sie einmal von solchen ihren Ausgang genommen haben mögen. Auch ein Traumerlebnis von Walter Benjamin, von dem Wandruszka sagt, es sei „Beweis genug“ für seine These, daß „Traumbewusstsein und Traumego nicht identisch sein müssen“ (78), scheint mir nicht hinreichend als wirklicher Traum gesichert zu sein, und so ist die empirische Basis für die eben genannte These mehr als dürftig.

Wandruszka führt ein von ihm „Traumegofigur“ genanntes Abbild des Träumers ein, und Benjamins Traum, in dem er sich selbst als Leiche sieht, dient eben als Beweis, und zwar als einziger Beweis, für die Existenz dieser Figur. Von dieser Figur – wir sehen uns selbst wie in einem Spiegelbild – hängt aber die gesamte These Wandruszkas ab; sehen wir uns nicht selbst, ist seine Theorie hinfällig. In seinem Buch erfahren wir nun nicht, ob uns Benjamin wirklich einen Traum schildert oder vielleicht bloß eine Phantasie im Halbschlaf – diese sehr wesentliche Unterscheidung, die besonders auch die Psychiatrie beschäftigt, taucht in Wandruszkas Argumentation erst ganz am Ende des Buches auf, wenn er die verschiedenen Schlafphasen aufzählt (331f.).

Wandruszka geht es um eine moralische Bedeutung des Traums; uns „wird im Traum ein Spiegel vorgehalten“ (166), und der Sinn der Spiegelung liegt natürlich darin, unser Leben zu korrigieren. Der Autor zeigt sehr schön, daß die Freudsche Traumdeutung einen Gesamtsinn des Traums von vornherein abwehrt, indem sie ihn in seine Einzelteile zerlegt, ohne ihm als Ganzen Aufmerksamkeit zu zollen. Auf die Einzelteile reduziert sich dann die im Grunde willkürliche und, worauf Wandruszkas Kritik sich besonders konzentriert, prinzipiell unendliche, in jedem Fall ausufernde Assoziationsmethode der Psychoanalyse. Diese kritischen Passagen sind auch dank ihrer Sachlichkeit absolut plausibel.

Wandruska zielt auf den Traum als ein symbolisches Geschehen, das er als Ganzes, als Drama ausdeutet. Für ihn ist der Traum eine moralische Selbstbespiegelung, und der Kern seiner Traumtheorie besteht in der Annahme einer zweifachen Spaltung unseres Ich. In der ersten Spaltung stehe das Bewußtsein unser selbst unserem Abbild, der Traumegofigur, gegenüber, in der zweiten „anthropologischen“ Spaltung aber kommt er zu der Annahme eines „Tiefen-Ich meiner selbst“ (279). Besonders dieser Teil seiner Traumphilosophie beruft sich auf Brandenstein und den 3. Band seines Werkes Grundlegung der Philosophie (1966), in der die Wirklichkeitslehre / Metaphysik abgehandelt wird.

Wandruszkas Argumentation zielt also auf den Traum als eine moralische Instanz, in welcher sich der Träumende mit seinem eigenen Leben kritisch auseinandersetzt. Muß er dafür wirklich eine Tiefeninstanz, eine Spaltung seines Ich, ein anderes, ein zweites, also ein metaphysisches, nur erschließbares Wesen annehmen? Braucht seine Theorie dafür ein Tiefen-Ich, oder läßt sich das Phänomen eines sinnhaften und bedeutungsvollen Traums auch anders erklären? Und wäre eine andere Erklärung, die ohne die Spaltung eines Ichs auskäme, nicht vorzuziehen?

Vielleicht hängen diese Probleme und Widersprüche mit dem nicht hinreichend geklärten Begriff des Unbewußten zusammen, das Wandruszka an einer merkwürdigen Stelle mit dem Unbekannten identifiziert. Er beschreibt die Rezeption eines Schattenspiels, und wieder weiß er von einer „völligen Identifikation“ des Zuschauers mit dem Geschehen zu berichten – eine ganz falsche Annahme, die hier, bei dem artifiziellen Charakter eines Puppenspiels, bei dem selbst die kindlichen Zuschauer den Rahmen niemals vergessen oder übersehen können, noch viel deutlicher hervortritt als bei einem konventionellen Theaterstück. Die Akteure, schreibt Wandruszka, „sind völlig verhüllt und unbekannt, den Zuschauern also unbewusst.“ (282) An einer anderen Stelle schreibt er, das Unbewußte sei in einem „relationalen Sinne unbewusst“ (352), aber es sei in sich bewußt, ja, es sei (mit einem Ausdruck Brandensteins) ein „unterbewusstes Vollbewusstsein“, also faktisch ein zweites, wenngleich verborgenes Ich. Wandruszka geht mit Brandenstein von dem „selbstverständlichen Dialog zwischen erfahrbarem Welt-Ich und unerfahrenem Tiefen-Ich“ (359) aus (gemeint ist sicher: „unerfahrbarem“), so daß wir alle über ein „Doppel-Ich“ (360) verfügen. Die „Existenz eines autonom-geistigen Unbewussten“ (347) ist nach der Überzeugung des Rezensenten ebenso eine Absurdität wie ein Doppel-Ich.

Trotz dieser Einwände gilt, daß Wandruszkas Buch wertvoll und wichtig ist: es ist in einem anschaulichen und flüssigen Stil geschrieben, konkurrierende Theorien werden offen, sachlich und unpolemisch kritisiert, und die Phänomenologie des Traums führt zu einer Fülle von Einsichten.

Stefan Diebitz

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