Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 5


 

Mein Buch des Monats September

 

Günter Grass: Die Box. Dunkelkammergeschichten Steidl Verlag, Göttingen 2008, 215 Seiten, ISBN 978-3-86521-771-4, 18 €

Buchcover GrassDas autobiographische Buch Beim Häuten der Zwiebel endet mit dem Jahr, in dem die Blechtrommel veröffentlicht wurde und Grass mit seiner Familie von Paris nach Berlin zurückkehrte, wo er „sofort wieder zu zeichnen und zu schreiben“ begann. „So lebte ich fortan“ heißt es am Schluss, „von Seite zu Seite und zwischen Buch und Buch. Dabei blieb ich inwendig reich an Figuren. Doch davon zu erzählen, fehlt es an Zwiebeln und Lust.“ Das „chronologische“ Aufblättern und Aufdecken von Lebensgeschichten, für das das Bild vom „Häuten der Zwiebel“ steht, war an ein Ende gekommen, hatte genügend Skandalumwittertes freigelegt und konnte vom Autor in keiner Weise weiterhin bemüht werden. Jetzt, nur zwei Jahre nach dem Zwiebel-Buch, fand Grass in einem „Ding“, der Agfa-Box, einen neuen Schreibzugang zu seinem Leben, mit dessen Hilfe er einen Blick auf die Jahre nach 1959, dem Erscheinungsjahr der Blechtrommel, wagen konnte. Es entstand ein Erinnerungsbuch der besonderen, der Grassschen, Art.
Die „Agfa“ schaut den Leser vom Einbanddeckel her dunkel, fast bedrohlich an, ist aber in Wirklichkeit ein wahres Wunderwerk, eine „Zauberbox“, die „Wünschdirwasbox“ schlechthin. Und sie wird von einer Meisterin der Zauberfotografie bedient, von Mariechen oder Marie, wie sie heißt, von der „alten Marie“ oder der „ollen Marie“, wie sie auch genannt wird. Durch die Beine knipst sie, ohne hinzuschauen, von oben, von unten, von der Seite: „Hat aber immer nur nach Gefühl geknipst und dabei oft in ne andere Richtung geguckt.“ – Das Buch enthält zehn Zeichnungen, die Marie, schlank, mit Bubikopf, in langem, weit über die Knie reichendem Kleid, mit ihrer Box zeigen, wie sie „in jeder Stellung, aber meistens vom Bauch weg, ohne in den Sucher zu gucken“ Schnappschüsse schießt. Der schwarze Apparat aus der Vorkriegszeit, der bei der Bombardierung des Berliner Hauses, in dem Marie ihr Fotoatelier hatte, wie durch ein Wunder nicht wie alles andere verbrannt ist, ist ein „mysteriöser Kasten“; denn er ist „hintersichtig“ und „allsichtig“: Die Bilder, die Mariechen damit fotografiert, zeigen die Gegenstände und Menschen so, wie sie einmal in der nahen und fernen Vergangenheit waren und in der Zukunft sein werden. Die „olle Marie“ kann Vergangenes wieder lebendig werden lassen und „vorausknipsen“. „`Meine Box ist wie der liebe Gott`“, sagt sie, „´sieht alles, was ist, was war und was sein wird. Die kann keiner beschummeln. Hat einfach den Durchblick. ´“ Marie geistert als Zauber-Knipserin durch die einzelnen Teile des Buches und erhält im Schlusskapitel einen „marienmäßigen“ – so würde es Lara, eine der Erzählerinnen, formulieren – großen Abgang von der Lebensbühne. Grass hat mit ihr eine Romanfigur geschaffen, die man nicht so schnell vergessen kann. Sie ist eine liebenswürdige Erinnerung an Maria Rama, die langjährige Freundin und fotografische Begleiterin von Günter Grass, die 1997 starb. Ihr hat der Autor das Buch gewidmet.
Mit der „mysteriösen Kastenkamera“ hat Günter Grass einen Gegenstand erfunden und „literarisiert“, mit dem er – auf spielerische und humorvolle Art – kindliche Wünsche erfüllen, Ängste vertreiben, Realistisches und Erträumtes, wirklich Erfahrenes und Phantasiertes, Alltägliches und Phantastisches, Dinghaft-Konkretes und Zauberhaft-Leichtes zu grotesken Zusammenhängen verknüpfen und, indem er Zukunft und Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet, die Zeit förmlich anhalten kann. Die „verrückte“ Box schafft jene magischen Momente in den „Dunkelkammergeschichten“, in denen sich Leben, kindliches wie erwachsenes, mit einem Mal, wie auf Knopfdruck, als erfüllt zeigt und ein „normales“ Erlebnis zu einer außergewöhnlichen, zu einer erinnerten und imaginierten Erfahrung wird. Mariechen und ihre „Agfa“ ermöglichen es Grass, einen „Schreibblick“ auf sein literarisches und privates Leben zu werfen mit einem anderen Akzent als in der Biographie Beim Häuten der Zwiebel, mit anderen Bildern und vor allem mit einer anderen Erzählstruktur.
In jedem seiner Romane führt die Frage nach dem Erzähler oder den Erzählern zum Kern des jeweiligen Buches. In der Blechtrommel zum Beispiel, die Grass mit einem Schlage weltberühmt machte, erzählt Oskar Matzerath, Insasse einer „Heil- und Pflegeanstalt“, in der Rückschau von seinem Leben im Vorkriegsdanzig, vom Aufstieg der Nationalsozialisten, vom Überfall Deutschlands auf Polen, vom Krieg und der Niederlage Deutschlands. Oskar hat als Dreijähriger sein Wachstum eingestellt und verfügt über die Fähigkeit, Glas zu zersingen, und spielt immer wieder auf seiner Blechtrommel. Erst mit dem wissenden Blick des kleinwüchsigen Oskar gelingt es Grass, die wirren und kaum erzählbaren Ereignisse der Vorkriegszeit, der Kriegszeit und der Nachkriegszeit zu einem Roman zusammenzuführen. – Die Geschichte von Mahlke, der Hauptfigur in Katz und Maus (1961), dessen „Maus“-Komplex, nämlich sein zu großer Adamsapfel, ihn zu immer sportlicheren Leistungen antreibt und ihm einen Aufstieg in der Wehrmacht eröffnet, der dann ein abruptes „Ende“ im Inneren eines gesunkenen Minensuchboots in der Danziger Bucht findet, wird von Pilenz, seinem ehemaligen Freund, der glaubt, an Mahlkes Verschwinden mitschuldig zu sein, ebenfalls aus der Rückschau mehrerer Jahre erzählt. – Hundejahre, der dritte Teil der so genannten Danziger Trilogie, erschienen 1963, besteht aus drei Teilen mit jeweils eigenen Erzählern: Im ersten Teil erzählt der Besitzer einer Vogelscheuchenfabrik, Brauxel, nicht spannungsfreien Freundschaft zu Walter Matern. Der zweite Teil besteht aus Liebesbriefen, die Hans Liebenau an seine gleichaltrige Cousine Tulla Pokriefke schreibt. Im dritten Teil berichtet Walter Matern von seinen Erlebnissen in der westdeutschen Nachkriegswelt; er liefert eine Art Wirtschaftswundersatire. Immer sind es die ausgefallenen „Erzähler“ wie ein Butt oder eine Rättin oder die konstruierten, gesuchten Erzählsituationen wie im Krebsgang, die Grass erst seine „Geschichten“ über Deutschland von der Vorkriegszeit bis zu unmittelbaren Gegenwart schreiben lassen.
Die Erzähler und Erzählerinnen in der Box führen direkt zu einer Familiengeschichte typisch Grassscher Provenienz: Der Autor lässt – natürlich fingiert und erfunden, aber das gehört zum Reiz des Spiels mit seinen Erzählern und Erzählerinnen – die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts von seinen Kindern erzählen, von den vier Kindern aus der ersten Ehe, von Pat und Jorsch, „die in Wirklichkeit anders heißen“, von Lara und Thaddäus, der von allen „Taddel“ genannt wird, von Lena und von Nana, deren Mütter einmal Geliebte des Autors waren, und von den beiden Söhnen, die seine zweite Frau mit in die Ehe brachte, von Jasper und Paul. Ihre Stimmen, obgleich jedes Kapitel einem Erzähler-Kind zugeordnet ist, bleiben weitgehend ununterscheidbar, sorgen zwar für individuelle Zwischentöne, führen aber nicht zu charakteristischen Bildern, die sich der Leser von den Erzählern und Erzählerinnen machen könnte.
Aber die Kinder als Erzählerinnen und Erzähler lassen die Familiengeschichte niemals aus dem Blick des Lesers verschwinden. Enthüllender kann eine Biographie, wenn man das Buch denn überhaupt so bezeichnen will, nicht angelegt sein: Acht Kinder treffen an verschiedenen Plätzen zusammen und reden über ihren Vater. Da müssen eigentlich unbequeme Wahrheiten ausgeplaudert, Familientratsch, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, ans Tageslicht gezerrt, Kritisches preisgegeben werden. Davon aber ist in dem Buch wenig zu spüren. Ein Enthüllungsbuch irgendwelcher Art war, so darf man nach den Zwiebel-Autobiographie-Querelen vermuten, nicht geplant, konnte und sollte die Box nicht werden. Der Autor weicht– oder ist es gar kein Ausweichen? – auf das sichere Terrain jugendlich-kindlicher Erinnerungen aus, wobei der „ÜberErzähler“ Grass die erwachsenen Erzähler Pat, Jorsch und die anderen tatsächlich zu Jugendlichen und Kindern mit, was doch eher aufgesetzt und gelegentlich übertrieben wirkt, kindlich-jugendlichen Gemütern, Blickweisen und Spracheigentümlichkeiten macht. Kinder sollen ja, wie es im Volksmund heißt, die Wahrheit sagen. Mit den Wahrheiten aus den „Kindermündern“ in diesem Buch kann der Schreiber, der sowieso, wie immer in seinen Romanen, alle Erzählfäden fest in der Hand hält und nichts, keine Winzigkeit, nur einfach so oder gar von anderen als von ihm selbst zu Papier bringen lässt, gut leben. Fast geht es, wenn die Kinder ihre Anekdoten über Hündchen und Meerschweinchen, Kuheuter mit Aalen an den Zitzen, Kirchenbesuche und Karussellfahrten, Schiffstaufen, ausgebrannte Nachkriegshäuser und gut eingerichtete Vorkriegswohnungen und den Platz in Telgte mit „Libuschka, genannt Courage,“ vor dem Brückenhof im 17. Jahrhundert zum besten geben, märchenhaft und „familienharmoniesüchtig“ zu, auch ein wenig kleinbürgerlich und so gewöhnlich wie beim Nachbarn nebenan. Das „Väterchen“ kommt dabei insgesamt – ein Anflug von Kritik der Kinder an seinem Paschaverhalten gehört dazu – gut weg.
Dass nichts eigentlich die gute Stimmung stört, passt zum Erzählton schon des ersten Satzes des Buches: „Es war einmal ein Vater, der rief, weil alt geworden, seine Söhne und Töchter zusammen – vier, fünf, sechs, acht an der Zahl –, bis sie sich nach längerem Zögern seinem Wunsch fügten.“ Das Buch kommt als Märchen daher und Grass gelingt es „leichthändig“, sich in seinem Text als „Vati“, „Väterchen“ und „Papa“ zu porträtieren und dabei aus den Jahrzehnten nach 1960 eine heitere, gelegentlich provozierend „nette“ Familiengeschichte entstehen zu lassen mit – stellenweise – fabuliergewaltigen Wortgemengen aus halb-realistischen Beschreibungen, Anspielungen und Andeutungen mit den bekannten Grassschen „Pünktchen-Sätzen“ und grotesken Darstellungen. Seinem verspielten und fabulier- und anekdotenhaften Erzählen haftet dabei – und mögen noch so viele Berliner Straßennamen genannt, Ortsangaben in Schleswig-Holstein gemacht, Jahreszahlen angedeutet werden – etwas eigentümlich Unwirkliches, Ungreifbares, Schwebend-Leichtes, Märchenhaftes, Ver- und Bezauberndes an, etwas, das Grass´ Leben zwar bunt ausleuchtet, aber auch vieles der letzten Jahrzehnte nicht so hell macht, als dass es für den Leser sichtbar würde. Die „Zauberbox“ verhindert jede allzu „realistische“ Darstellung. Das Buch wird, und vielleicht ist das die eigentliche literarische Leistung, zu einer abgeklärt altersweisen, auch melancholischen Lebenserinnerung, in der sich – so haben es Erinnerungen älterer, weise gewordener Menschen an sich – wirkliche Vorfälle mit erträumten Ereignissen mischen und am Ende nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Wirkliches Leben vermengt sich mit erfundenem und erzähltem. Immer wieder lässt der Autor seine Kinder auf die Romane, die nach der Blechtrommel entstanden, anspielen. Der echte Grass verschwindet hinter seinen „Lügengeschichten“ und den fiktiven Gestalten und Begebenheiten, von denen er in seinen Romanen erzählt. An keiner Stelle lässt der Fabulierer und Dichter Grass den nüchternen Berichter über sein Leben die Oberhand gewinnen. Realität, „Lügengeschichten“ und literarische Fiktion verschmelzen zu einer eigenen Wirklichkeit jenseits aufzählbarer Fakten. Alles wird dem Autor unter der Hand zu einem Märchen. Und als die Söhne und Töchter gegen Ende einmal lautstrak protestieren, die Geschichten, an die sie sich erinnerten oder – besser – erinnern „dürften“ und „sollten“, seien alles nur Märchen, hält er „leise“ dagegen: „´Stimmt, […] doch sind es eure, die ich erzählen ließ. ´“

In einem Gespräch, das Günter Grass im Herbst 2007 mit Martin Scholz in der FR führte, antwortete Grass auf die Frage, was die „größte Fehleinschätzung seiner Peron“ sei: „Dass ich humorlos bin.“ Und er fuhr fort: „Das kommt wohl daher, dass man meint, deutschsprachige Literatur sei per se humorfrei, weil immer tiefgründig.“ – Vielleicht ist „Humor“ das Stichwort, das das Spielerisch-Leichte der „Dunkelkammergeschichten, das Abgeklärt-Weise, Verschmitzt-Augenzwinkernde und Selbstkritisch-Selbstbewusste des bald 81jährigen Autors, der Biographisches halb preisgibt und gleichzeitig erfindungsreich verschleiert, am ehesten in den Blick des Lesers rückt. Humor ist bekanntlich eine Haltung, in der Gelassenheit, die auch das rechte Wissen um Leben und Welt einschließt, über die „Kleinheit“ des Alltags und dessen erschreckende Verirrungen triumphiert. Schmäh und Spott können dem Humorvollen nur wenig anhaben. Der schreibt, ungestört vom Kritikerlärm, „Boxmäßiges“. Und für die vielen Grass-Leser enthält der Schlusssatz etwas Tröstliches: dass nämlich „immer noch was in ihm tickt, das abgearbeitet werden muß, solang er noch da ist…“

Herbert Fuchs

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]