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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Mein Buch des Monats November
Unsere Erinnerung sei ein ganzes Leben, hat der Regisseur Luis Bunuel einmal gesagt: „Ohne Gedächtnis sind wir nichts.“ – Von der Macht und der Kraft der Erinnerung handelt Roberto Cotroneos neues Buch Diese Liebe. Es ist ein Roman über den Verlust des Geliebten und – durch die Macht der Erinnerung – über dessen unauslöschbare Gegenwärtigkeit und Nähe. Der Geliebte ist „gegangen“ und ist gleichzeitig, als stärke gerade der Verlust die Liebe, in Gedanken so lebendig, dass die Liebe – diese Liebe – nicht aufhört. Der da weggeht und verschwindet, beherrscht die Gedanken der Zurückbleibenden ausschließlich: Er wird, als sei er anwesend, ein Teil ihres Lebens.
Cotroneo hat eine Liebesgeschichte voller Melancholie und Trauer und gleichzeitig voller Liebesglück und Liebeserfüllung geschrieben: die Geschichte der Liebe zwischen Anna, der Erzählerin, und Edo, ihrem Mann. Ihre Liebe scheint plötzlich, ohne Vorzeichen und Warnsignale, an einem „grauen Morgen“, „jenem rätselhaften Morgen“, zu Ende zu gehen und zu zerbrechen, an dem Edo aus dem Bett aufsteht und sich in seinem Haus nicht mehr zurechtfindet, „weil er sich in seinem Kopf verirrt hatte“. Anna muss erkennen, dass Edo sein Gedächtnis verloren hat, und sie muss damit fertig werden, dass er einige Tage später einfach aus ihrem Leben tritt, in ein Niemandsland verschwindet, an einen Ort – irgendwohin – geht, wo sie ihn nicht mehr finden und wohin sie nicht folgen kann. In ihren Träumen und ihren Erinnerungen aber holt sie ihn mit einer Intensität in ihr Leben zurück, die den Leser gefangen nimmt.
Die Erinnerungsarbeit der Erzählerin könnte leicht in kitschige Sentimentalität abgleiten. Cotroneo entgeht solchen erzählerischen Fallen, indem er seinen Roman in viele einzelne, oft ganz kurze, nur einige Zeilen lange Episoden aufteilt. Die Erzählabschnitte ergeben keine zusammenhängende Geschichte von Anna und Edo, sondern erzählen, so wie das in Erinnerungen und Träumen geschieht, deren Liebe sprunghaft, in Ausschnitten, tagebuchartig manchmal, anekdotenhaft ein anderes Mal. Es sind Bildausschnitte der gemeinsamen Vergangenheit, die sich mosaikartig ineinanderfügen und, von Seite zu Seite stärker, ein Bild des Lebens von Anna und Edo entwerfen.
Anna lernt Edo kennen, als er sie bittet, ihm, dem begnadeten Fußballer, der die Schule längst hinter sich hat, Griechisch- und Lateinstunden zu erteilen, um nachträglich die Abschlussprüfung am Gymnasium abzulegen. Sein Wunsch ist es, einen Buchladen zu betreiben, damit er sich endlich seiner großen Passion, dem Lesen und dem Umgang mit Büchern, hingeben kann. „Wozu brauchen Sie das altsprachliche Abitur?“, fragt ihn Anna einmal am Anfang ihrer Bekanntschaft. Es helfe nicht beim Bücherverkaufen. „Aber“, so Edos Antwort, „es hilft dabei, sie zu lesen.“ Sie verlieben sich ineinander und heiraten. „Die Hochzeit fand an einem Samstag statt. Am Montag eröffneten wir die Buchhandlung, sie war unser Hochzeitsgeschenk.“ Edo wird in Annas Erinnerung als großer Bücherfreund lebendig, als jemand, der Gedichte auswendig aufsagen kann und unermüdlich in Antiquariaten nach ausgefallenen Büchern sucht. „Edo hatte immer viele Leidenschaften. Doch keine wie die Buchhandlung. Keine wie die Poesie.“
Roberto Cotroneo hat schon einmal Literatur und Poesie zum Thema eines Buches gemacht: in Wenn ein Kind an einem Sommermorgen (2002). Sein Untertitel heißt „Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern“. Ein Vater zeigt dem heranwachsenden Sohn, wie er durch Bücher und durch Lesen lernen kann zu leben. „Mit Büchern spielt man, wie in einem Ringelreihen, als wär´s ein Versteckspiel“, heißt ein Ratschlag an den Sohn. „Bücher erzählen Geschichten, damit du andere Geschichten erfinden kannst; und manchmal vermengen sie wahre und erfundene Geschichten so miteinander, dass beide gleich wichtig erscheinen.“
Auch in Diese Liebe vermengen sich verschiedene Geschichten über Anna und Edo zu einem einzigen großen Liebespanorama. „Es gibt dich, Edo. Es gibt dich so sehr, dass du zu fehlen scheinst.“ An diesen Gedanken klammert sich Anna und lässt ihn niemals los. Von niemandem und von nichts lässt sie sich in ihrer erinnernden Liebe erschüttern, auch viele Jahre nach Edos Verschwinden nicht. Edo ist „anwesend“ als zärtlicher Liebhaber, liebevoller Vater der beiden Töchter Laura und Margherita, als einstiger Fußballer „mit viel Kampfgeist“, als Schwarz-Weiß-Photograph und immer wieder natürlich als Buchhändler aus Leidenschaft und Gedichte-Leser und Literatur-Liebhaber. Anna hört nicht auf daran zu glauben, dass er lebt und eines Tages zu ihr zurückkommen werde. Ihr Leben wird von der Vergangenheit mit Edo bestimmt und geht ganz in ihren Träumen auf. Aber sie lebt auch durch diese Träume. „Edos Hände und Augen. Davon habe ich in all diesen Jahren am meisten geträumt. Die verborgene Zeit des Traums ist die einzige Zeit, die mir noch gewährt wird. Meine einzige Zeit.“ Wie eine Dichterin dringt sie in ihre Vergangenheit mit Edo ein und wie eine Dichterin fügt sie die Erinnerungsstücke über all die mehr als zwanzig Jahre zu einem mächtigen Bild ihrer beider Liebe zusammen.
Ihre Erinnerung ist wie ein Warten auf den Geliebten. „Das Warten war ein Ort in mir, der nach einem Ort suchte, um nicht zu vergehen.“ Sie findet solche Orte, an denen sie ihre Erinnerungen festmachen kann, überall: in Rom, Paris, San Remo und Athen, wohin sie Reisen mit Edo führten. Auch alte Photographien werden zu solchen markanten Punkten, die ihre Erinnerungsphantasie lebendig machen, Kassenzettel und alte Rechnungen, die sie aufgehoben hat, Restaurantquittungen und Briefe, Filme, die sie sich zusammen angesehen haben. Ihr Warten überwindet jede Distanz und jedes Hindernis.
Annas Liebe ist eine absurde Liebe, getragen von einer sinnwidrigen Hoffnung auf Edos Rückkehr. Ihre Liebe ist wie ein „Zeichen im Sand“ am Strand des Meeres: Das Zeichen gibt es wirklich, aber es wird immer wieder von den Wellen weggespült und muss – eine wahre Sisyphusliebe – jeden Tag, stündlich neu in den Sand hineingeschrieben werden. Es ist eine Liebe, die jeder Lebensregel und Lebenserfahrung hohnspricht, ein Liebe gegen den Rat der Töchter, der Freunde, aller anderen, die Edo längst aufgegeben haben, für die er von einem gewaltigen „Erdrutsch“ zugeschüttet wurde. Gegen alle Vernunft und alle Erfahrung lässt Anna Edo nicht los: „Für mich ist Edo an einem Ort unserer Erinnerung – meiner und seiner – und versucht, mich wiederzufinden. So wie ich ihn gern wiederfinden möchte.“
Cotroneos Buch lebt von der Suggestivkraft, die Annas sich erinnernde Liebe entfaltet.
Für diese Liebe erfindet der Autor sprachmächtige Bilder, Sätze voller Poesie und Assoziationskraft. Nie gleitet das Buch ins Gefühlsschwelgerische ab. Immer bleibt die Melancholie der Verlassenen präsent, die am Ende von sich sagt: „Ich habe dich die ganze Zeit über auf eine unmögliche Art geliebt.“ Cotroneo gelingt es, diese Unmöglichkeit einer Liebe in Sprache zu übersetzen, die den Leser in ihren Bann schlägt.
Das Ende des Buches hält eine überraschende Wende bereit. Es hätte dieses konstruierten „Erzähl-Umschlags“ nicht bedurft. Annas Erinnerungsgeschichte ist überzeugend genug. Die Schlussseiten sind eher überflüssig, vielleicht sogar störend.
Roberto Cotroneo wurde 1961 in Alessandria, Italien, geboren und arbeitet als Journalist, Schriftsteller und Kritiker. Mehrere seiner Bücher liegen in deutschen Übersetzungen vor. Im Marburger Forum erschienen Besprechungen von Das vollkommene Alter und Wenn ein Kind an einem Sommermorgen.
Herbert Fuchs