Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 5


 

Panmentalismus -Ein kurzes metaphysisches Spiel mit „unserem“ wissenschaftlichen Weltbild-

von Jörg Neunhäuserer

1. Einleitung

Wir bezeichnen diejenigen metaphysischen Positionen als panmentalistisch, die von der Grundannahme ausgehen, dass es irreduziebel mentale Zustände des Bewusstseins gibt, die eine kausale Wirkung auf die zeitliche Evolution aller physikalischen Systeme haben können. Der Panmentalismus unterscheidet sich also von einer materialistischen Metaphysik durch die Annahme nicht physikalischer Zustände, von einer epiphänomenalistischen Position durch die Annahme deren kausaler Wirksamkeit, vom klassischen Dualismus durch die Annahme der Möglichkeit mentaler Zustände von Unbelebtem und von idealistischen Positionen durch das Zugeständnis der Existenz einer eigenständigen physikalischen Realität [1].
Wir bereiten hier ein panmentalistisches Gericht zu und würzen dieses mit einigen Argumenten. Wir kochen das Gericht zu unserer eigenen Stärkung und versuchen es dem Leser schmackhaft zu machen. Ein Panmentalismus erscheint besonders lecker, wenn man sich den Geschmack anderer metaphysischer Konzeptionen vergegenwärtigt. Die im zeitgenössischen Diskurs dominanten materialistischen und naturalistischen Haltungen sind argumentativ kaum nahrhaft, es handelt sich um die wässrige Einheitssuppe des neuen Jahrtausends [2]. Ein Epiphänomenalismus wiederum befriedigt unser Grundbedürfnis nach Freiheit in der Wahl unsere physikalischen Zutaten nicht, er hat daher den üblen Beigeschmack einer Zwangsernährung. Der rein subjektive Idealismus ist eine einsame Angelegenheit und kann die intersubjektive Qualität der gemeinsam eingenommen physikalischen Mahlzeit nicht reichen. Ein objektiver Idealismus in Bezug auf die Natur vernachlässigt die Vielfalt der natürlichen Zutaten, die wir nutzen können. Und zuletzt ist der klassische Dualismus durch die Beschränkung der Mentalität auf den Menschen nicht durchgegart. Die Darbietung des Gerichts erfolgt in sechs Gängen:
Erst entwerfen wir eine kurze Skizze unserer Konzeption der physikalischen Realität unter Einbeziehung zeitgenössischer Ergebnisse zum Determinismus. Dann stellen wir unseren Begriff der mentalen Realität dar und argumentieren gegen die Behauptung der 
Supervenienze mentaler Vorgänge auf physische Vorgänge. Im dritten Gang erinnern wir den Leser an die Wirksamkeit seines Willens und stellen ein mental-physikalisches Willensgesetz vor. Danach legen wir anhand eines Berges die Vorteile der Annahme des Bewusstseins unbelebter Gegenstände dar. Im sechsten Gang stellen wir zukünftiger Forschung empirische Fragen, die unsere metaphysischen Spekulation stützen oder widerlegen können. Im letzten Gang gehen wir auf die ethischen Konsequenzen des Panmentalismus, im Vergleich zu anderen metaphysischen Auffassungen ein.

2. Physikalische Realität

Physikalische Gegenstände sind durch ihre raum-zeitlichen Eigenschaften individuiert. Insbesondere können sich zwei physikalische Gegenstände der gleichen Art nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort befinden. Materie und Energieverteilungen haben damit a priori raum-zeitliche Eigenschaften. Sie sind in diesem Sinne in der physikalischen Raumzeit. Hieraus folgt, dass auch die Wechselwirkungen von physikalischen Gegenständen  a priori raum-zeitliche Eigenschaften haben. 
Offensichtlich ist das Universum als Menge aller physikalischen Gegenstände nicht statisch, zu unterschiedlichen Zeitpunkten finden wir unterschiedliche Zustände der physikalischen Realität vor. Das Universum unterliegt also einer zeitlichen Evolution. Die Entwicklung der Galaxien, unseres Sonnensystems, der Erde, die Entstehung der biologischen Arten und zuletzt die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und Wirtschaft sind Teil dieser Gesamtevolution.
Die Evolution des Universums respektive seiner Teile gesetzesartig zu beschreiben ist das große Projekt wissenschaftlicher Forschung. Obwohl es sich bei den Wissenschaften um ein kulturgeschichtlich recht neues Phänomen handelt, sind erste Erfolge der Forschung erkennbar. Im naturwissenschaftlichen Diskurs ist dabei die metaphysische Annahme verbreitet, dass die zeitliche  Evolution des Universums deterministisch verläuft. Der Zustand und die Dynamik eines physikalischen Systems sollen aus rein physikalischen Bedingungen heraus festliegen, die kausale Abgeschlossenheit des physikalischen Universums wird vorausgesetzt. Viele Vertreter naturwissenschaftlicher Forschung fühlen sich offenbar dem Naturalismus verpflichtet. Die Natur soll aus rein natürlichen Bedingungen geworden sein, was sie ist. Diese Ideologie bestimmt als „unser“ wissenschaftliches Weltbild auch den gesamtgesellschaftlichen Diskurs in den Industrienationen. 
Ironischerweise zeigen aber gerade die Ergebnisse zeitgenössischer physikalischer Forschung, dass zumindest der Determinismus nicht haltbar ist. Betrachten wir physikalische Systeme auf kleinen Raumskalen, so verhalten sich diese nicht deterministisch. Kennen wir den Zustand solch eines Systems durch eine Messung, so liegt nur eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für ein Spektrum physikalisch möglicher Zustände in unmittelbarer Zukunft unserer Messung fest. Bei hinlänglich komplexen makroskopischen Systemen führt diese Unbestimmtheit auf kleinen Raumskalen zur Unbestimmtheit der Evolution des Systems auf großen Raumskalen, betrachtet man hinlänglich lange Zeiträume. Die Länge des Zeitraums, bis nur noch stochastische Prognosen möglich sind, hängt hierbei von der Komplexität des Systems ab.  Komplexere Systeme haben mehr Entwicklungsmöglichkeiten, die sie in kürzeren Zeiten verwirklichen können [3]. In einem hochkomplexen System, wie dem menschlichen Körper sind auch nach kurzen Zeiten nur Wahrscheinlichkeitsverteilungen für Verhaltensmöglichkeiten vorausbestimmt. Das menschliche Gehirn lässt sich etwa durch gekoppelte Oszillatoren mathematisch modellieren. Ein solches dynamisches System kann bei physikalisch ununterscheidbarer Anregung ein sehr unterschiedliches Verhalten zeigen und erfordert  so eine stochastische Beschreibung.
In relativ einfachen mechanischen Modellen wie etwa demjenigen des Sonnensystems, ist das Verhalten mit gewissen Fehlern über längere Zeiten bestimmt, erst über Jahrmillionen verstärken sich Unbestimmtheiten und machen nur noch eine stochastische Beschreibung möglich.
Die Unbestimmtheit der Evolution des gesamten physikalischen Universums widerlegt alleine die Annahme seiner kausalen Abgeschlossenheit nicht. Wird die Existenz des Zufalls als Teil der physikalischen Realität angenommen, so ist es nicht zwingend, die kausale Abgeschlossenheit des Universums aufzugeben. Die Natur wäre dann zwar zufällig, aber doch aus rein natürlichen Bedingungen geworden, was sie ist. Wird die Existenz von objektiven Zufällen als Teil der physikalischen Realität jedoch abgelehnt, so ist die Annahme von nicht-physikalischen Wirkungen auf die physikalische Realität zwingend.
Wir halten an dieser Stelle nur fest, dass sich Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung gegenüber den philosophischen Fragen nach Zufall, göttlichem Geschick und der kausalen Wirksamkeit des Mentalen, neutral verhalten. Es verbleibt ein großes Maß an logisch argumentativem Spielraum, der durch eine falsche metaphysische Überformung „unseres“ wissenschaftlichen Weltbilds kaum noch sichtbar ist.

3. Mentale Realität

Ich habe Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Räumlichkeit ist a priori nicht die Form der Existenz dieser Entitäten. Sie sind daher nicht Teil der physikalischen Realität. Mentale Zustände sind a priori in einem Bewusstsein. Die Bewusstheit des Mentalen ist seine charakteristische Eigenschaft, genauso wie Raum-Zeitlichkeit die charakteristische Eigenschaft des Physischen ist. Die Versuche der Naturalisierung der mentalen Realität sind daher zum Scheitern verurteilt. Was bewusst ist, ist nicht räumlich und was nicht räumlich ist, ist nicht physisch.
Kein Modell des menschlichen Körpers, auch wenn es eine noch so ausgefeilte Beschreibung des zentralem Nervensystems und seine Funktionsweise enthält, erklärt warum einem Menschen irgendetwas bewusst ist. Genauso wenig kann eine Theorie der raum-zeitlichen Natur  die eigentümliche Erlebnisqualität von Empfindungen oder die eindeutige Bedeutung von Gedanken erklären oder auch nur beschreiben [4]. Die Bewusstheit des Mentalen schließt seine Reduktion auf Prozesse im physischen Universum aus. Unbestritten bleibt hierbei die Existenz physiologisch-mentaler Korrelationen. Nehme ich eine Kopfschmerztablette wird sich die Schmerzempfindung in meinem Bewusstsein im allgemeinen verändern, vielleicht sogar verschwinden. Trinke ich einige Biere, so wird sich dies merklich auf meine Gefühlslage auswirken. Wie rein physikalische Korrelation können auch mental-physiologische Korrelationen kausal interpretiert werden. Die Schmerztablette oder das Bier bewirken Änderungen in den Prozessen meines Nervensystems und diese Änderungen bewirken Änderungen der mentalen Zustände meines Bewusstsein. Obwohl uns unklar ist was Verursachung, abgesehen von gesetzesartiger Korrelation bedeutet, möchten wir der Einfachheit halber die Rede von Ursache und Wirkung hier übernehmen. 
Alle Naturlisten, egal ob materialistischer oder epiphänomenalistischer Spielart legen sich an dieser Stelle auf die Behauptung der Supervenienz des Mentalen auf das Physische fest: Es gibt keine mentalen ohne physische Veränderungen, die diese verursachen.  Dieser minimale Materialismus kann uns nicht überzeugen. Wir nehmen an, dass der gleiche Gehirnvorgang unter anderen Perspektiven des Bewusstseins andere mentale Episoden hervorrufen kann. Phänomenologisch ist uns der Wechsel der Perspektive des Bewusstseins vertraut. Sehr ähnliche körperliche Zustände fühlen sich unserer Erfahrung nach je nach Perspektive unseres Bewusstseins anders an. Wir behaupten, dass eine Änderung der Perspektive des Bewusstseins eine mentale Veränderung ist, der keine physische Veränderung zugrunde liegt. Dies ist eine Hypothese, die zumindest im Prinzip einer empirischen Prüfung offen steht.
Wir werden zwar keine identischen physiologischen Prozesse bei Individuen beobachten können, sind aber vielleicht dazu in der Lage, sehr ähnliche physiologische Veränderungen festzustellen. Befragen wir nun die Individuen über die erlebten mentalen Episoden, behaupten wir, dass uns in einigen Fällen über ganz andere Empfindungen, Gefühle und Gedanken berichtet werden wird. Insbesondere mag uns von einem Perspektivwechsel berichtet werden,  der im Bewusstsein eines anderen Individuums in ähnlicher physiologischer Situation  nicht vorhanden war. Ein solches Ergebnis würde die Supervenieze Behauptung in erhebliche Schwierigkeiten bringen.  Unserer empirischen Hypothese liegt eine bestimmte dualistische Konzeption des Bewusstseins des Mentalen zugrunde, die wir explizit machen wollen.
Ein Bewusstsein, in unserem Sinne, ist ein monadischer Gegenstand, der sich nicht in der physischen Raum-Zeit befindet. Bewusstsein tritt in eine perspektivischen Relation zu physikalischen Systemen, wie zum Beispiel menschlichen Körpern. Physikalische Vorgänge eines bewussten Systems verursachen damit Gedanken, Gefühle und Empfindungen im Bewusstsein, die von der Perspektive des Bewusstseins und der Beschaffenheit der physikalischen Vorgänge abhängen.  Legen wir diese dualistische Konzeption des Bewusstseins zugrunde, so wird die fragwürdige Annahme der Emergenz des Bewusstseins aus der raum-zeitlichen Natur unnötig. Wie und warum sollte das physikalische Universum in seiner raum-zeitlichen Entwicklung eines schönen sonnigen Tages Bewusstsein auf den Tisch der Natur gelegt haben? Da es keine Antwort auf diese Frage gibt, erscheint die Annahme eines qualitativen Sprungs in der Evolution der Natur von nicht-bewussten zu bewussten Gegenständen ungerechtfertigt.  Bei der Annahme solch ein Sprungs handelt sich hier um einen Akt reiner metaphysischer Willkür ohne theoretische Notwendigkeit und phänomenologischen Rückbezug. Wir ziehen es vor anzunehmen, dass die Welt als Ganzes Bewusstsein wie Energie als Grundbaustein enthält.

4. Wille

Neben dem Vermögen des Denkens, Fühlens und Empfindens hat mein Bewusstsein eine weitere Eigenschaft, es will Handlungen. Die Phänomenologie des Willens  ist leicht zu beschreiben: Von den vielen Handlungen, im Sinne von zeitlichen Entwicklungen unseres Körpers in seiner Umwelt, entscheiden wir uns für eine. Dann bemühen wir unsere Willenskraft, und wenn diese stark genug ist, vollzieht unser Körper eben die gewollte Handlung. Setzen wir keine Willenskraft ein, so würfelt unser Nervensystem im Zusammenspiel mit seiner Umwelt unsere Handlungen aus. Aus physikalischen Bedingungen liegt hierbei, wie oben gesagt, nur die Wahrscheinlichkeit für eine uns mögliche Handlung fest. Welche der vielen möglichen Handlungen wir vollziehen ist unbestimmt. Ein Gehirn ohne den Einfluss unseres Willens ist nichts anderes als ein komplexer Roulettetisch mit vielen Möglichkeiten seiner Entwicklung. Setzen wir nun aber Willenskraft ein, so verändern sich die Wahrscheinlichkeiten für mögliche Handlungen. Neben physikalischen Bedingungen hat die mentale Bedingung des Wollens eines Bewusstseins eine Wirkung auf die physikalische Entwicklung eines Systems. Wir definieren eine Einheit Willenskraft hierbei als die mentale Kraft, die benötigt wird, um eine Handlung, die aus physikalischen Bedingungen mit der Wahrscheinlichkeit ½ eintritt, sicher eintreten zu lassen. Die Willenskraft für eine physikalisch notwendige Handlung ist offenbar null, die für eine physikalisch unmögliche Handlung unendlich. Daraus ergibt sich ein mental-physikalisches Willensgesetz als:
W(P)=1/P-1
wobei P die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Handlung aus physikalischen Bedingungen eintritt und W(P) die nötige Willenskraft bezeichnet, dass diese Handlung sicher eintritt. Die Willenskraft über die verschiede Individuen verfügen, ist beschränkt und  unterliegt erheblichen zeitlichen Fluktuationen, die von vorausgehenden mentalen Episoden abhängig sein können. Daher sind nicht nur physikalisch unmögliche Handlungen, sondern auch physikalisch mögliche Handlungen für Individuen nicht sicher zu erreichen, wenn die zur Verfügung stehende Willenskraft nicht ausreicht. In manchen Situationen müssen wir Glück haben, um so zu handeln wie wir wollen.  
Die Willenskraft des Bewusstseins ist neben den physikalischen Kräften eine der Grundbestimmungen der Evolution des gesamten Universums. Sie kann neben dem Zufall als Erklärungsmodell für das Phänomen dienen, dass von vielen physikalisch möglichen Entwicklungen eines Systems eine bestimmte Entwicklung stattfindet. Dass die Willenskraft von den Naturwissenschaften nicht berücksichtig wird, liegt an unnötigen metaphysischen Vorurteilen.  Bewusstsein ist nicht Teil raum-zeitlicher Natur und darf daher für den zeitgenössischen Naturalisten keine Wirkungen haben. Unsere Wissenschaft tanzt um  das Goldene Kalb des ehernen Kausalitätsgesetzes der Natur. Hierfür sind materielle Interessen bestimmter Gruppen verantwortlich. Würde dies Kalb geschlachtet, entschieden plötzlich Kompetenzen wie Kreativität, Intuition und Mitgefühl über die Vergabe von finanziellen Mitteln. Diese Kompetenzen werden im Wissenschaftsbetrieb kaum geduldet, geschweige denn geschult.
Wir möchten an dieser Stelle denjenigen, die in den Begriff der Natur sehr verliebt sind und an einem Naturalismus festhalten wollen eine metaphysische Wende empfehlen: Die Natur enthält räumliche Vorgänge und Vorgänge im Bewusstsein. An beiden Arten von Vorgängen haben wir Teil und sie konstituieren in ständiger Interaktion unsere Wirklichkeit. Diese Sichtweise schränkt den Bereich wissenschaftlicher Forschung nicht ein, sondern erweitert ihn.

5. Panmentalismus

Betrachten wir einen Berg. Berge unterliegen über längere Zeiträume einer Entwicklung. In Hunderttausend Jahren mag ein Tal tiefer oder es mag, etwa durch Verschüttungen, kaum noch erkennbar werden.  Habe wir nun alle Informationen über den Berg und seine Umgebung, so wird uns fortgeschrittene naturwissenschaftliche Forschung mitteilen können, wie wahrscheinlich die eine oder die andere Alternative in Hunderttausend Jahren ist. Welche der Alternativen eintritt, steht aber aus rein physikalischen Bedingungen nicht fest.  Das raum-zeitliche Gesamtsystem Berg ist hinlänglich komplex, um langfristig nur stochastisch aus physikalischen Bedingungen bestimmt zu sein. Wie oben bereits gesagt, mag man annehmen, dass es in der Natur Zufälle gibt und unser Berg rein zufällig geworden ist, was er ist. An dieser Stelle möchten wir  einem rein stochastischen Modell der Natur entgegenhalten, dass es den Verzicht auf eine Erklärung  bedeutet. Zustände der Natur treten tatsächlich ein. Wenn wir annehmen, dass sie zufällig eintreten, wissen wir nicht warum gerade dieser und nicht ein anderer physikalisch möglicher Zustand tatsächlich eintritt. Der Verzicht auf eine weitere Erklärung mit dem Hinweis auf die Schranken unserer Erkenntnismöglichkeiten ist gewiss ehrenwert, aber nicht zwingend, wenn wir Erklärungsmöglichkeiten haben.
Über was sich Berge bewusst sein können und was damit ihre Entscheidungen bestimmt, ist gewiss kreative Spekulation. Aufgrund der unterschiedlichen  Beschaffenheit eines Berges und eines Menschen werden sich die Bewusstseinsinhalte von Mensch und Berg kaum ähneln. Auch wir sehen keinen Sinn darin davon auszugehen, dass ein Berg sieht, hört, schmeckt oder riecht. Genauso wenig wird ein Berg, im Sinne von funktionaler Informationsverarbeitung, denken, ihm fehlt hierfür das Gehirn.

Wir vermuten, dass ein Berg eine Empfindung der Rauheit und Zerklüftetheit seiner Oberfläche und eine Empfindung für seine Schwere hat. Beide Vermutungen können als Erklärung für die Entscheidungen eines bestimmten Berges dienen. Fühlt sich unser Berg etwa zu rau und zu schwer, wird er seine Willenskraft einsetzen um diejenigen physikalischen Entwicklungen herbeizuführen, die dem entgegenwirken. Wenn seine Willenskraft ausreicht, treten langfristig dementsprechende physikalische Änderungen der Beschaffenheit des Berges ein. Auf diese Art und Weise ließen sich bestimmte physikalische Entwicklungen der Berge erklären, die in der heutigen Wissenschaft willkürlich erscheinen. Wenn einstmals die bestmöglichen physikalischen Prognosen für die Evolution der Berge vorliegen, wird der Entwurf einer allgemeinen Verhaltenstheorie und einer Individualpsychologie für Berge sinnvoll.
Nach diesem Beispiel ist es angebracht, noch ein allgemeines Argument für den Panmentalismus nachzureichen. Wir wissen nur von unserer eigenen Bewusstheit. Die Vielfalt und eindeutige Struktur unserer Erfahrung führt uns in einem Schluss auf die beste Erklärung zur Annahme der Existenz einer physischen Realität. Treten wir aber nun aus einer solipsistischen Perspektive heraus, so finden wir keine physikalischen Bedingungen für die Existenz von Bewusstsein. Damit wird der klassische Dualismus, der nur Menschen oder Tieren, also Gehirnträgern, Bewusstsein zuspricht, inkonsequent.  In gleichem Sinne wie das Verhalten anderer Menschen auf ihre Bewusstheit hinweist, kann Verhalten von unbelebten Systemen, als Erklärung dessen, was im physikalischen Zufallsspiel tatsächlich geschieht, dienen. Wir werten dies  als Indiz für mentale Zustände von Bergen, wie wir das Verhalten anderer Menschen als Indiz für ihr Bewusstsein werten. Alles hat damit möglicherweise Bewusstsein.

6. Empirische Fragen

Zitieren wir noch einmal einen Roulettetisch herbei. Weichen die Ergebnisse einer Reihe von Spielen signifikant von den Erwartungswerten eines Roulettspiels ab, wird der Betreiber des Spielsalons den Tisch auswechseln. Physikalisch lassen sich solche Abweichungen durch Abweichungen im physikalischen Zustand des Roulettetisches erklären. Es mag eine kleine Unwucht, eine Schräge oder gewisse ungleichmäßige Abnutzung vorliegen. Untersuchen wir den Tisch und seine Umgebung aber nun so genau wie physikalisch möglich und stellen fest, dass es in den vorliegenden Bedingungen keine Abweichung gibt, so könnten wir geneigt sein anzunehmen, dass unser Roulettetisch eigenwilliges Verhalten zeigt. Je länger die Versuchsreihe und je signifikanter die Abweichung, je mehr werden wir geneigt eine nicht physikalische Erklärung des Phänomens heranzuziehen. Wir behaupten hier nicht, dass physikalisch normale aber eigenwillige Roulettetische tatsächlich existieren, wir behaupten nur, dass dies möglich ist, also eine empirische Frage darstellt. Sollten wir nun tatsächlich einen eigenwilligen Roulettetisch vorfinden, ergeben sich im wesentlichen drei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten des Phänomens. Wir können dabei bleiben das es sich um bloßen Zufall handelt: Über lange Zeiträume passiert auch das Unwahrscheinlichste. Ein solcher Stochastizismus lässt sich nicht widerlegen, da er den Verzicht auf eine Erklärung darstellt. Zweitens könnten wir ein Wunder, also die Wirkung der Götter, konstatieren. Da uns aus eigener Anschauung Götter nicht vertraut sind, scheint uns diese Möglichkeit wenig attraktiv. Drittens könnten wir in Projektion eigener Willenserfahrung behaupten, dass unser Roulette es just so wollte, wie es sich ergab. In weitergehender Projektion mögen wir auch rein stochastischen Systemen Motive unterstellen. Die identische Verteilung wird selbst einen Roulettetisch eines Tages langweilen und er wird sich bemühen originelleres Verhalten zu zeigen. Wir bekennen uns an dieser Stelle zu der letzten Interpretation eines eigenwilligen Roulettetisches und würden somit die Existenz eines solchen als einen eindeutigen Hinweis auf den Willen und die Mentalität unbelebter Gegenstände werten. Empirische Daten diesbezüglich werden gern entgegengenommen.
Betrachten wir nun noch einmal komplexere Roulettetische, etwa Menschen wie in Abschnitt drei und vier oder Berge wie in Abschnitt fünf. Lägen uns statistische Untersuchungen von allen Individuen dieser Gegenstandsklassen vor, die in keinem Falle signifikant von Wahrscheinlichkeitsverteilungen für Verhaltensmöglichkeiten, die aus rein physikalischen Bedingungen bestimmt sind, abweichen, so zögen wir unsere These  von der Wirksamkeit des Willens zurück. Wir ließen uns zu einen stochastischen Determinismus der Natur und Epiphänomenalismus des Mentalen bekehren. Der Stand der Forschung ist aber ein anderer. Für komplexe Systeme reichen weder unsere naturwissenschaftlichen Modelle noch unsere mathematischen Werkzeuge, um ernst zunehmende Prognosen für die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungen angeben zu können. Liegen solche Prognosen eines Tages tatsächlich vor, vermuten wir, dass empirische Befunde auf die Existenz eines Willens von Mensch und Berg hinweisen werden.

7. Ethische Konsequenzen

Wie schon in der Einleitung angedeutet, bleiben metaphysische Fragen immer auch Geschmacksfragen. Durch hinlänglich starke Annahmen und Anpassungen im eigenen Meinungsnetz lässt sich jede Metaphysik konsistent vertreten. Begriffliche Argumente und empirische Befunde können alleine keine Position endgültig widerlegen, sie geben uns nur Hinweise für die Rechtfertigung von Annahmen. Neben der Suche nach Wahrheit ist aber auch die Sehnsucht nach dem Gutem philosophische Motivation.  Eine Metaphysik misst sich daher nicht nur an ihrer epistemischen Rechtfertigung, sondern auch an ihren ethischen Konsequenzen.
Der metaphysische Materialismus fördert eine Beschränkung  auf materielle Werte.  In Allianz mit einem Determinismus ist diese Beschränkung das Ende jeder Ethik. Wenn wir mit unserem Egoismus und unserer Konkurrenz gegeneinander wüten, so wäre dies entschuldigt, es bliebe unsere kausale Bestimmung. Wenn wir mit unserem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum den Planeten verwüsten, so wäre auch dies entschuldigt. Es wäre unsere Natur als biologische Art. Ein Epiphänomenalismus des Mentalen und Stochastizismus des Physischen bietet aus diesen ethischen Konsequenzen keinerlei Ausweg.
Der klassische Dualismus fördert die Hybris des Menschen durch die Auffassung, dass gerade wir mit unserer vielfältigen Mentalität „die Krone der Schöpfung“ seien. Eine solche Auffassung kann das respektlose Verhalten der Menschheit in ihrer natürlichen Umwelt bedingen. Auch dies ist mit Sicherheit ethisch nicht wünschenswert.
Der Panmentalimus gibt uns die Vorstellung unserer Freiheit und Verantwortlichkeit, im Rahmen der Stärke unserer Willenskraft im physischen Universum zurück. Er stellt uns mit allen hinlänglich komplexen Systemen im Universum, in Bezug auf die Möglichkeiten Entscheidungen zu fällen, gleich und untergräbt so jeden Antropozentrismus. Er ermöglicht Mitempfinden, nicht nur mit Artgenossen und Tieren, sondern mit Pflanzen, Bergen, Häusern, Meeren und selbst mit dem ganzen Sonnensystem. Dass solch ein umfassendes Mitgefühl ethisch wünschenswert ist, steht außer Frage.

Anmerkungen

[1] In der Literatur findet sich zumeist der Begriff Panpsychismus. Wir verwenden diesen Begriff nicht, da „Psyche“ in der ursprünglichen Bedeutung Belebtes bezeichnet, was unserer Intention zuwiderlauft. Der Begriff des Geistes im Deutschen ist wiederum historisch zu stark an Gedanken und nicht an Gefühle und Empfindungen gebunden. Aus diesen Gründen ziehen wir den Begriff  „Panmentalismus“ der „All-Geistigkeit“ vor. Wir nehmen uns diese Freiheit, da wir hier keinen philosophiehistorischen oder exegetischen Interessen nachgehen. Einen Leser mit solchen Interessen verweisen wir auf die Bibliographie zum Panpsychismus von Chamers und Bourget unter  http://consc.net/mindpapers/1.4g.
[2] Unsere Materialismuskritik ist im Marburger Forum erschienen: http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2007-4/neu_wid.htm
[3] Die Literatur zu diesem Thema füllt Bände; vergleiche erneut die umfassende Bibliographie von Chamers und Bourget unter http://consc.net/mindpapers/
[4] Diese Interpretation ist nicht Konsens unter Physikern und Mathematikern sondern unsere persönliche Position nach mehr als zehnjähriger Forschungstätigkeit in der stochastischen Analyse komplexer Systeme. Die Aufgabe diese Position ausführlich zu begründen,  werden wir anderweitig nachholen.

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