![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Mein Buch des Monats Oktober
![]() |
![]() |
Was als er stes auffällt, ist das Umschlagbild: Eine schöne junge Frau strahlt den Leser an, ein ernster, junger Mann - durchaus mit Charme - blickt mit leicht gerunzelter Stirn ironisch-melancholisch in die Ferne. Ingeborg Bachmann und Paul Celan 1948.
Hier wird zum erstenmal der Briefwechsel dieses geheimnisumwitterten Liebespaares veröffentlicht, der eigentlich bis 2023 gesperrt sein sollte. Liest man die Briefe, so fragt man sich, warum. Ein wie auch immer geartetes voyeuristische Interesse wird jedenfalls nicht bedient. Der Zeit entsprechend, wird Intimes eher angedeutet als ausgesprochen.
In den Briefen entfaltet sich die Geschichte einer scheiternden Liebe, die Geschichte zweier Königskinder, die nicht zusammenkommen konnten, und die beide jeder für sich einen fürchterlichen, einsamen Tod gestorben sind. Makaber genug: Im Wasser und im Feuer.
Im Mai 1948 treffen in Wien die Philosophie-Studentin Ingeborg Bachmann, knapp 22, die mit einer ersten Veröffentlichung ihrer Gedichte rechnen kann, und der 27-jährige 'bekannte Lyriker Paul Celan' (so Ingeborg Bachmann an ihre Eltern, S. 251) aufeinander: Eine intensive Liebesbeziehung beginnt. Den ersten Niederschlag findet sie in Celans Gedicht 'In Aegypten', mit der Widmung
Für Ingeborg
Wien, am 23. Mai 1948
'Der peinlich Genauen,
22 Jahre nach ihrem Geburtstag,
Der peinlich Ungenaue.
Mit diesem Gedicht und der Widmung ist gleichsam der Subtext des folgenden Briefwechsels vorgegeben: Celan bringt die Geliebte in Verbindung 'mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi' ‚In Aegypten’ S. 7) - also mit der Vernichtung der Juden. Und Celan erkennt Ingeborg Bachmanns Willen zur Leistung, ihre Kraft.
Wie man dem Anhang entnehmen kann, sind die beiden vier Wochen in Wien zusammen, dann bricht Celan nach Paris auf. Diese Wochen erleben die Liebenden so intensiv, dass sie immer wieder darauf zurückkommen.
Der erste Brief Ingeborg Bachmanns allerdings trägt das Datum 'Weihnachten 1948', die Herausgeber fügen hinzu: nicht abgesandt. Sie hatte vor, nach Paris zu fahren, 'aber dann hat mich mein dummes eitles Pflichtbewußtsein hier festgehalten und ich bin nicht weggefahren.' (S. 7 f.)
In der folgenden Zeit wird eher geschwiegen als miteinander gesprochen - aus der Zeit zwischen der ersten Begegnung in Wien Juni 1948 und einem mehrmonatigen Zusammensein in Paris von Mitte Oktober bis Mitte Dezember 1950 sind lediglich 15 Briefe und ein Briefentwurf erhalten. Ein intensiver Austausch sieht anders aus. Gelegentlich haben sie wohl miteinander telefoniert, aber angesichts der damaligen Schwierigkeiten, ein Auslandsgespräch zu führen, dürfte die Zahl der Gespräche eher gering sein.
Bedrückend ist, dass schon in diesen ersten Briefen aufscheint, was beider Leben vergiften wird: 'Ich hatte sehr viel Kummer, mehr als mein Bruder mir wieder nehmen konnte ... Schreibe mir so als würdest Du ihm schreiben, ihm, der immer an Dich denkt.' (Paul Celan, 26.1.1949, S. 8) [Paul Celan hatte keinen Bruder.] Deutet sich hier bereits die Verdüsterung an, die zu seinen Freitod führt? Und Ingeborg Bachmann antwortet: 'Ueber mich gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe sehr viel Arbeit, das Studium geht dem Ende zu, daneben schreibe ich für Zeitungen, für den Sender etc., mehr als früher. Ich versuche, nicht an mich zu denken und mit geschlossenen Augen hinüberzukommen zu dem, was eigentlich gemeint ist. Sicher stecken wir alle in der grossen Spannung, können uns nicht lösen und machen viele Umwege. Aber ich bin manchmal so krank davon, dass ich fürchte, es wird einmal nicht weitergehen.' (12. April 1949, S. 9 f.) Bald wird sie zum ersten Mal zusammenbrechen.
Celan spricht aus, wie unsicher er in seiner Beziehung zu Ingeborg Bachmann ist: 'Wie weit oder wie nah bist Du, Ingeborg? Sag es mir, damit ich weiß, ob du die Augen schließt, wenn ich Dich jetzt küsse.' (20.8.1949, S. 13) Sie antwortet darauf - drei Monate später. ' Ich fühle, dass ich zu wenig sage, dass ich Dir nicht helfen kann. Ich müsste kommen, Dich ansehen, Dich herausnehmen, Dich küssen und halten, damit Du nicht fortgleitest. Bitte glaub daran, dass ich eines Tages komme und Dich zurückhole. Ich sehe mit viel Angst, wie du in ein grosses Meer hinaustreibst, aber ich will mir ein Schiff bauen und Dich heimholen aus der Verlorenheit. Du musst nur selbst etwas dazutun und es mir nicht zu schwer machen.' (24.11.1949, S. 13f). Einen Brief vom 25. August 1949 hat sie wieder nicht abgeschickt, diesmal aber beigelegt. In diesem reflektiert auch sie die fragile Beziehung: 'Erinnerst Du Dich noch an unsere ersten Telephongespräche? Wie schwer das war; mich hielt immer etwas erstickt, ein Gefühl, das dem nicht unähnlich war, das unsere Briefe bisher trug.' (S. 14) - Sie ringt mit ihrer Liebe und ihren literarischen Plänen; beides miteinander zu leben, gelingt ihr offenbar nicht. Missverständnisse bleiben da nicht aus; treue Freunde vermitteln mit sehr viel Geduld - schließlich organisiert Celan der Geliebten eine Einladung nach Paris, damit sie ein Visum beantragen kann. - Wir vergessen heute manchmal, wie schwer es in der Nachkriegszeit war, Grenzen zu überwinden!
Noch einmal trifft sich das Paar für knapp zwei Wochen in Paris. Die nächsten Briefe schickt Ingeborg Bachmann nicht ab - das alte Lied: Sie möchte zum Geliebten nach Paris, aber gleichzeitig eigene berufliche Pläne weitertreiben. Hellsichtig antwortet darauf Paul Celan: 'Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange. Es ist schwer, Dir, gerade D i r vor Augen zu halten, was längst zu Deinen eigensten Beständen gehört. ... Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass Du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern. Dazu - und nicht nur dazu - brauchst Du Ruhe, Ingeborg, Ruhe und Gewissheit, und ich glaube, Du erreichst sie am besten, wenn Du sie bei Dir und nicht bei andern suchst.' (7. Juli 1951, S. 26) Er warnt sie davor, sich zu verzetteln. Sie antwortet - ganz gegen die sonstige Übung - sofort: 'Dass ich Ansprüche stelle, vielleicht zu hohe, mag ich mir nicht übel nehmen, das stimmt von all dem, was Du mir vorwirfst, auch dass ich ungeduldig und unzufrieden bin, aber meine Unruhe treibt mich, dessen bin ich gewiss, nicht Wegen zu, auf denen man sich verliert.' (17. Juli 1951, S. 29) Nun schleicht sich auch Misstrauen in die Beziehung - Celan bittet einen Ring, ein Familienerbstück, zurück, den er der Geliebten während deren Paris-Aufenthalt geschenkt hat, und Ingeborg Bachmann wirft ihm vor, 'ich bedaure Dich, weil Du, um eine Enttäuschung zu verwinden, den anderen, der Dir diese Enttäuschung gebracht hat, so sehr vor Dir und den anderen zerstören musst. Dass ich Dich dennoch liebe, ist seitdem meine Sache geworden. Ich werde jedenfalls nicht, wie Du, trachten, auf die eine oder andere Weise, mit dem einen oder anderen Vorwurf, mit Dir fertig zu werden, Dich zu vergessen oder Dich fortzustossen aus meinem Herzen; ich weiss heute, dass ich vielleicht nie damit fertig werde und doch nichts von meinem Stolz einbüssen werde, wie Du einmal stolz sein wirst, Deine Gedanken an mich zur Ruhe gebracht zu haben, wie die Gedanken an etwas sehr Böses.’ (25. September 1951, S. 33) Es ist, als ob sie ahnt, dass beide voneinander nicht loskommen werden.
Trotz der bitteren Vorwürfe besteht der briefliche Kontakt weiter, Ingeborg Bachmann versucht, Celans Gedichte in Zeitschriften unterzubringen, und bietet ihm an: 'Lieber Paul, [in der Briefüberschrift hat sie 'Liebster Paul' geschrieben], ich weiss, dass Du mich heute nicht mehr liebst, dass Du nicht mehr daran denkst, mich zu Dir zu nehmen - und doch kann ich nicht anders, als noch zu hoffen, als zu arbeiten, mit der Hoffnung für ein gemeinsames Leben mit Dir einen Boden zu bereiten, der uns eine gewisse finanzielle Sicherheit bietet, der es uns, da und dort möglich macht, neu anzufangen.' (10. November 1951, S. 38). Doch Paul Celan hat inzwischen Gisèle de Lestrange kennen gelernt, seine spätere Frau. Davon ist in den Briefen nichts zu lesen; offenbar weiß Ingeborg Bachmann lange nichts von dieser neuen Liebe, denn in den nächsten Briefen kämpft sie weiter um den Geliebten. Dieser dagegen weist sie zurück: 'Lass uns nicht mehr von Dingen sprechen, die unwiederbringlich sind, Inge' (16.2.1952, S. 41). Inzwischen ist es ihr gelungen, Paul Celan auf die Tagung der 'Gruppe 47' in Niendorf einladen zu lassen. - Von dieser Tagung stammt das einzige Foto, das die beiden zusammen zeigt, die Tagung selbst endet für die Beziehung mit einem Desaster. Während Ingeborg Bachmann Anerkennung findet - ein Jahr später wird sie den 'Preis der Gruppe 47' erhalten - , stößt Celan auf tiefe Ablehnung, er spürt: Diese Generation der Dichter-Kollegen ist von einem latenten Antisemitismus nicht freigekommen.
Aus den folgenden Jahren sind nur wenige Briefe mit eher technischem Inhalt erhalten. Es geht um Veröffentlichungen, Zusendung von Gedichten, Austausch von Postkarten. Dass Paul Celans erster Sohn einen Tag nach der Geburt gestorben ist, findet vielleicht seinen Niederschlag in der Widmung Ingeborg Bachmanns in ihrem Gedichtband im Dezember 1953: 'Für Paul - getauscht, um getröstet zu sein' (S.56) - sonst nicht. Auch die Geburt des Sohnes Eric im Juni 1955 wird nicht erwähnt. - Da trifft das Paar eher zufällig im Oktober 1957 zusammen, und die leidenschaftliche Beziehung flammt wieder auf, gespiegelt in Gedichten Celans, und in kurzen, fast törichten kleinen Liebesbriefen. Wieder werden Pläne gemacht, zusammen zu publizieren, sie treffen sich - doch da sind Celans Ehefrau, sein kleiner Sohn. Ingeborg Bachmann will diese Bindung nicht zerstören, und sie folgt im Sommer 1958 Hals über Kopf Max Frisch. - Noch knapp zehn Jahre werden Briefe getauscht (bis zum Sommer 1967) - eine eher quälende Korrespondenz. Celan ist durch die Plagiatsvorwürfe Claire Golls schwer getroffen, und er empfindet eine Rezension Günter Blöcker als antisemitisch. Er fleht Freunde und Dichter-Kollegen an, ihn öffentlich konsequent für ihn einzutreten. Als Büchner-Preisträger dem angegriffenen Celan 'menschliche und literarische Unbestechlichkeit' attestieren, notiert Celans Frau: ‚Texte des Büchner-Preisträger: insignifiant, n'attaquant rien, incroyablement mauvais. Honteux - Krolow et Max Frisch ne se sont pas fatigués ni engagé trop loin accordant à Paul sont intégrité.’ (S. 334f.) Mit der geforderten Radikalität können ihm seine Freunde letztlich nicht folgen.
Aus heutiger Sicht erscheint es kaum verständlich, wie wenig sensibel selbst Schriftstellerkollegen auf den latenten - und der ist für Paul Celan offensichtlich! - Antisemitismus reagieren.
So baut Celan in einen Brief an Max Frisch Zitate aus der Rezension Günter Blöckers ein, und kommentiert sie verletzt. Nach mehreren verworfenen Briefentwürfen antwortet ihm Max Frisch schließlich: ' Ich finde die Kritik Blöckers nicht gut.... Ich finde Ihre Entgegnung auch nicht gut. Sie zwingt mich ... Sie zu verehren, nämlich ohne Frage zu glauben, dass Sie, lieber Paul Celan, vollkommen frei sind von Regungen der Eitelkeit und des gekränkten Ehrgeizes.' (6.11.1959, S. 171)
Zwei Jahre später entwirft Ingeborg Bachmann einen sehr langen, wiederum nicht abgeschickten Brief, fast eine Abrechnung: 'Das ist Dein Unglück, das ich für stärker halte als das Unglück, das Dir widerfährt. Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein ... Du wirst sagen, ich verlange zuviel von Dir für Dich. Das tue ich auch. (Aber ich verlange es auch von mir für mich, darum wage ich es, Dir das zu sagen). .... Ich hasse Dich nicht, das ist das Wahnsinnige, jedoch wenn je etwas gerad und gut werden soll: dann versuch auch hier anzufangen, mir zu antworten, nicht mit Antwort ... sondern im Gefühl, in der Tat.' (29.7.1961, S. 155f.) Und kurz darauf: 'Unsre Lektionen werden immer schwieriger. Lass sie uns lernen.' (5.12.1961, S. 158)
Der Bruch wird nicht mehr geheilt, es sind bis zum 30. 9. 1967 nur zwei kurze Briefe Celans dokumentiert. Er bittet um ein paar Zeilen und schreibt über sich: 'Ich habe ein paar nicht ganz erfreuliche Jahre hinter mir - "hinter mir", wie man so sagt.' (21.9.1963, S. 158) Geantwortet hat Ingeborg Bachmann nicht mehr.
Vergleicht man diesen Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann mit dem zwischen ihm und seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange, so fällt auf, wie viel länger sie sind und wieviel häufiger die Briefe zwischen den beiden letzteren gewechselt werden. Auch die abgedruckten Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Celans Frau sind sehr viel länger. Der intensive Austausch zwischen den beiden Dichtern schlägt sich offenbar weniger in Briefen als vor allem in Literatur, in Gedichten, nieder, in denen sie Sprachmuster des jeweils anderen aufnehmen und darauf antworten.
Einige Anmerkungen zum Schluss. - Einiges wird bei genauer Lektüre zurechtgerückt: So ist die NS-Vergangenheit der Eltern Ingeborg Bachmanns doch wohl nicht so prägend, dass die junge Studentin ihnen nicht umgehend nach Kärnten mitteilen kann, dass der 'surrealistische Lyriker Paul Celan ... sich herrlicherweise' (S. 251) in sie verliebt und ihr Zimmer in ein Mohnfeld verwandelt hat. Dass es sich einen 'Ostjuden' handelt, dürfte ja den Eltern nicht verborgen bleiben, und Ingeborg Bachmann hatte wegen dieses Verhältnisses wohl keinen Ärger zu erwarten. - Von Paul Celan erfährt man, dass er trotz seiner Heirat nicht materiell abgesichert ist (also anders als im Nachwort S. 221), sondern 1959 eine Deutsch-Lektorenstelle an einer Ecole Normale annimmt, 'nicht zuletzt auch wegen des damit verbundenen Monatsgehaltes.' (7. September 1959, S. 122), eine Arbeit, von der Ingeborg Bachmann für ihn 'Stummsein' befürchtet. (S.123) Und Max Frisch strotzt auch nicht vor Gesundheit, sondern ist zwischendurch sehr krank, muss als Notfall in die Klinik und benötigt eine längere Rehabilitation, was für Ingeborg Bachmann mit hoher Arbeitsbelastung verbunden ist - auch eine Dichterin muss sich um den Haushalt kümmern.
Celan adressiert bis zuletzt seine Briefe an 'Mademoiselle Ingeborg Bachmann' ...
Das Verständnis der Briefe wird durch einen genauen Kommentar mit entsprechenden bibliografischen Nachweisen erleichtert; eine Zeittafeln, die für die beiden Protagonisten jeweils für sich die einzelnen Stationen und in einer dritten Spalte Gemeinsames anführt, ermöglicht angesichts der großen zeitlichen Lücken zwischen manchen Briefen eine Einordnung. - Eine Bibliographie der Quellen, ein Werk- und Personenregister runden die Ausgabe ab. - Hinzugefügt sind Fotos aus verschiedenen Lebenszeiten Ingeborg Bachmanns und Paul Celan sowie Abbildungen von ausgewählten Briefen, Gedichten und Radierungen Gisèle Celan-Lestranges. Leider ist deren Druckqualität eher mäßig, da diese nicht mehr - wie noch in der Publikation des Briefwechsels Celans mit seiner Frau - im Tiefdruck ediert sind. Aber das ist fast das Einzige, was an diesem beeindruckenden Buch stört.
Wie intensiv 'Das Briefgeheimnis der Gedichte' ist, stellen Hans Höller und Andrea Stoll in ihrem umfangreichen Essay am Schluss der Edition heraus. So wird der Leser der Briefe geradezu aufgefordert, anhand der Briefe und der Gedichte das Durchdringen von Leben und Werk nachzuvollziehen. Erst dann hat die Lektüre der Briefe ihren Sinn erfüllt.
Regina Neumann