Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 5


 

»Wie anders Paris!« 35. Tagung der Internationalen Rilke-Gesellschaft Ein Bericht

von Arne Grafe

Rainer Maria Rilke selbst hatte ausdrücklich davor gewarnt: »…Diese Quartier-latin-Abende sind abscheulich in diesen kleinen Studenten-Hotels…« – das war 1902, während seines ersten Aufenthalts in Paris. Zumindest zu dieser Zeit zeigte sich Rilke eher abgestoßen von der Großstadt und gleichzeitig – in einem unheimlichen Sinn – überwältigt von ihr: Die Metropole an der Seine sei, so meinte er, »eine fremde, fremde Stadt«, voll von »Hast und Jagd« und überhaupt »sehr groß und bis an den Rand voll Traurigkeit«. Ein Wagnis also, die diesjährige Tagung der Internationalen Rilke-Gesellschaft ausgerechnet in Paris anzuberaumen? Davon kann keine Rede sein: über Hundert Interessierte waren der gemeinsamen Einladung der Université Sorbonne Nouvelle Paris III und der Internationalen Rilke-Gesellschaft gefolgt und hatten sich vom 17. bis 21. September 2008 in Paris eingefunden.

Rilketagung

Rilkes Paris-Wahrnehmung – das werden die Teilnehmer des Colloquiums gewußt, geahnt oder zumindest gehofft haben – hatte sich mit den Jahren genauso verändert wie die Hotel-Standards im Umkreis der Sorbonne. Die Tristesse erster Eindrücke war mit den Jahren abgeklungen und das anfangs noch Fremde der Stadt war bei dem Dichter längst weitaus Vertrautem gewichen. Noch einmal sechs Tage an der Seine, im Oktober 1920, gereichten Rilke bereits dazu, versöhnlichere Töne über die Stadt anzuschlagen: »Wie anders Paris! … Es war Herbst, von jener pariser Pracht der Himmel und des Lichts, die diese Jahreszeit der Natur steigert und um die Jahreszeit einer längst Natur gewordenen Stadt.« Die Tagung verhieß demnach mit Ihrem Motto »›Vivre n’est qu’un écho‹ – Rilke à Paris 1920/1925« eine Vergegenwärtigung dieser von Rilke zuletzt beschworenen Pariser Herrlichkeit.

Und in der Tat prachtvoll sollte die Tagung losgehen, mit einem abendlichen Empfang der aus aller Welt Angereisten. In der Mairie des V. Pariser Arrondissements, begrüßten die Präsidentin der Sorbonne, Marie-Christine Lemardeley (Paris) sowie August Stahl (Merzig), Präsident der Rilke-Gesellschaft, die Tagungsteilnehmer. Anschließend, als Programmauftakt, trug der in Straßburg geborene und Wien ansässige Schauspieler Florian Staffelmayr (Wien) im Hochzeitssaal des Rathauses eine Auswahl Rilke-Texte vor – teils österreichisch, teils französisch akzentuiert. Hauptsächlich waren es Paris-Texte aus Rilkes späten Lebensjahren, daneben aber auch frühere, wie der einprägsame Beginn der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) sowie die Gedichte »Herbsttag« und »Der Panther« (1902). Und wer nach den literarischen Häppchen und den Hors d’œuvre am Empfangs-Buffet auf den Geschmack gekommen war, hätte bei »Captain Croc«, 11, Rue Toullier noch eben prüfen können, ob es nach wie vor so roch wie an jenem 11. September der Aufzeichnungen, »nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst«. Schließlich liegt das Haus in dem Rilke und auch Malte einst in Paris wohnten – heute mit besagtem Bistro im Erdgeschoß – von der Mairie lediglich einen Katzensprung entfernt.

Die Tagung war überhaupt – nicht nur, was die Rilke-Orte anbetraf – eine Veranstaltung der kurzen Wege. Die Hauptprogrammpunkte spielten sich größtenteils »rive gauche« ab – also auf dem linken Ufer der Seine, was Rilke sicher gefallen hätte, weil er selbst sich vornehmlich dort aufgehalten hatte. Mit Metro oder RER kam man ebenso schnell wie großstädtisch von hier nach dort. Und wer sich nicht so oder so schon, aus nostalgischen oder anderen Gründen, in einem der oben erwähnten »kleinen Studenten-Hotels« direkt gegenüber der Sorbonne eingemietet hatte, dem war der Luxembourg (und die gleichnamige Haltestelle) bald ähnlich vertraut wie seinerzeit dem Dichter, denn von dort aus waren es nur wenige Meter zum Tagungsort.

Rilketagung

Der Amphi Liard, repräsentativer Saal der Sorbonne und zugleich eine Kapelle des Geistes, lockte die Rilke-Enthusiasten mit ganz eigenen Reizen. Ringsherum an den Wänden überlebensgroße Portraits französischer Dichter, Denker und Lenker: Molière, Pascal, Descartes und zentral im Blickfeld, hinter dem Podium, Kardinal Richelieu, – purpurn, überlegen dreinschauend und in Gold gerahmt. Dazu als Fackeln geschwungene Leuchter und roter Teppich. Einzig die Holzbänke gemahnten unweigerlich zur Askese. Man saß darauf wie etwa im Unterdeck einer römischen Galeere und verstand vielleicht erst dadurch das an der reich verzierten Decke des Saals verzeichnete Motto der Stadt: »Fluctuat Nec Mergitur« (»Von den Wogen geschüttelt, wird es doch nicht untergeh’n«). So feudal sei die Rilke-Gesellschaft noch niemals beherbergt worden, lobte August Stahl die Auswahl des Ortes durch die Tagungskoordinatoren – auf universitärer Seite Gerald Stieg und Stéphane Michaux (Paris), auf der Seite der Rilke-Gesellschaft Erich Unglaub (Braunschweig).

Unter den Wissenschaftlern bereits traditionell die Reihe an Beiträgen eröffnend, führte auch in diesem Jahr Joachim W. Storck (Freiburg) mit seinem Vortrag über Rilkes letzten Paris-Aufenthalt (1925) unter dem Titel »›Ich lebe recht als Jonas im Bauch des Wal’s Paris‹« in das Tagungsthema ein. Dem ausgewiesenen Kenner von Rilkes Leben und Werk, gelang es, die vielen offensichtlichen oder versteckten Aussagen Rilkes über Paris so klug zu bündeln, wie es der Anlaß erforderte. Storck folgten unter anderem Vorträge von Curdin Ebneter (Sierre), der über die Beziehung Rilkes zu Catherine Pozzi und Paul Valéry sprach, von Rita Rios (Frankfurt am Main), die den Versuch wagte, über das »Unsagbare« bei Rilke zu sprechen sowie von Rätus Luck (Bern), der über ein seltenes »authentisches Interview« berichtete, das Rilke seinerzeit in Paris dem Publizisten Frédéric Lefèvre gegeben hatte. Für die erkrankte Dorothea Lauterbach, die über »Maurice Betz’ Aufzeichnungen über Rilke« zu sprechen beabsichtigt hatte, war Erich Unglaub mit einem Kurzvortrag über den »Temple de l’Amitié« eingesprungen. Das spontan Vorgetragene machte Lust, mehr über das seltsam anmutende Gebäude zu erfahren. Der kleine Tempel – irgendwo fast unsichtbar, auf einem verwinkelten Hinterhof zwischen 20, Rue Jacob und 15, Rue Visconti gelegen – hatte Natalie Clifford Barney (die »Amazone«) zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Herberge ihres legendären literarischen Salon gedient. Zu den noblen Empfängen der Tempel-Herrin – »Menschenfresserin und Fee« zugleich, wie Rilkes französischer Übersetzer Maurice Betz über sie urteilte – waren Gäste wie Joyce, Proust, Apollinaire und sogar die Spionin Mata Hari gekommen. Auch Rilke zog es damals nach Saint-Germain-des-Prés in die Rue Jacob, jedoch wurde er, wie seine Briefe belegen, mit der dortigen Abendgesellschaft nicht recht warm. So erfuhr er vermutlich auch nichts vom Keller des Tempels, der – wie man munkelt – Eingang zu einem weitläufigen Tunnelsystem gewesen sein soll. Dies nachzuvollziehen oder nachzufragen blieb den Tagungsteilnehmern verwehrt. Obwohl ursprünglich noch eine Besichtigung des »Temple de l’Amitié« auf dem Veranstaltungsprogramm gestanden hatte, schien der Besitzer desselben letztlich unerreichbar, so dass das Grundstück leider unzugänglich blieb.

Abendfüllender Programmpunkt des zweiten Tagungstages war nach den Vorträgen schließlich das Rilke-Foyer. Dieses fand auf dem Gelände der Cité Universitaire im Maison Heinrich Heine statt und bot interessierten Tagungsteilnehmern nach Voranmeldung die Gelegenheit eigene Projekte – von Forschung über Kunst bis zur Rilke-Liebhaberei – vorzustellen. Von Gesang bis zur Rilke-Map im World Wide Web war alles dabei. Franziska Kolp (Bern) stellte beispielsweise das neue Online-Inventar der Rilke-Sammlung des Schweizerischen Literaturarchivs vor, Rosemarie Moor (Arlesheim) regte mit der exklusiven Darbietung eines Rilke-Briefes an Olga Quaas-Eisenstein zu Mutmaßungen über die Beziehung zwischen dem Dichter und der Señora an, Silke Schauder und Michel Itty (Paris) luden zu einer interdisziplinären Rilke-Tagung im August 2009 nach Cerisy und Klaus Hirsch (Zell u. A.) zur Rilke-Tagung »zwischen den Jahren« nach Bad Boll ein. Stellvertretend für ein noch junges, international besetztes Team demonstrierten Thilo von Pape (Metz) und Raoul Walisch (Heidelberg) zudem, wie gewinnbringend und in fortschrittlicher Verbundenheit Zusammenarbeit zwischen Nachwuchsforschern heute funktionieren kann. Unter dem Label »Rilke-WG« präsentierten sie den status quo einer mittels Google Maps gestalteten Karte, in der bereits verschiedene Rilke-Orte (Wohnadressen, Handlungsorte aus Rilkes Texten etc.) verzeichnet sind. Interaktive Mitarbeit ist dabei durchaus weiterhin gefragt (http://www.rilke.ch/Karte), denn zukünftig soll Rilkes geographischer Lebenslauf anhand dieser Karte von jedem weltweiten Rechner aus nachvollziehbar sein. So jedenfalls lautet die Vision.

Höhepunkt des dritten Tagungstages war zweifellos der Vortrag des 1917 geborenen Stéphane Hessel (Paris). Eigentlich waren es ganz persönliche Erinnerungen, die Hessel erzählte. Als Sohn berühmter Eltern (Franz Hessel und dessen erste Frau Helen Grund, denen der französische Regisseur François Truffault durch seinen Film »Jules et Jim« (1961) ein Denkmal gesetzt hatte), Überlebender der Konzentrationslager Buchenwald und Dora sowie französischer Diplomat, hätte Hessel sicher ausgiebig und lang über sein bewegtes Leben sprechen können, doch beschränkte sich der über 90jährige – dem Rahmen ganz entsprechend – auf die Beziehung seiner Familie zu Rilke. Hessel sprach von den Begegnungen seiner Eltern mit Bekannten Rilkes in Paris und später in Sanary-sur-Mer und rezitierte schließlich vollständig aus dem Gedächtnis zwei längere Rilke-Gedichte. Er hatte sie einst auswendig gelernt und noch im KZ hatten sie ihm als »Über-Lebensmittel« gedient. Überaus beeindruckend und unvergeßlich, wie Hessel auf diese ganz eigene, einfühlsame Art vor dem Vergessen warnte.
Weitere Vorträge hielten u. a. Bernhard Böschenstein (Genf) und August Stahl. Während Böschenstein mit ungewöhnlich viel Pathos über Rilkes »Kreative Negativität« beziehungsweise über »Rilkes französische Gedichte außerhalb der Gedichtsammlungen« referierte, stellte Stahl auch in diesem Jahr wieder mit kritischen Charme eine illustre Auswahl der neuesten Rilke-Literatur vor.
Am Abend, nach Vorträgen und der obligatorischen Mitgliederversammlung, hatte die Österreichische Botschafterin eine Einladung in die Landesvertretung ausgesprochen. Als Ehrengäste anwesend waren auch die in Paris und Weimar lebenden Urenkel Rilkes. In prominent besetzter Runde durfte am Kalten Buffet entspannt diskutiert werden, ob Rilke nun ein österreichischer Dichter sei, oder nicht. Letztlich gab man sich bestenfalls diplomatisch unentschlossen.

Zwei Vorträge hatten Stéphane Michaux und Gerald Stieg noch für den Folgetag vorbereitet. Und während im Park der Cité Universitaire eifrige Studenten und Anwohner am Samstagvormittag bereits ihre überzähligen Jogging-Runden drehten, ging auch der Rilke-Tagungs-Marathon im Maison Heinrich Heine allmählich zuende. Michaux sprach über Ives Bonnefoys etwas gespaltenes Verhältnis zu Rilke und Gerald Stieg verriet zu guter Letzt noch, welche interessanten Schätze im Nachlaß von Maurice Betz in Colmar erhalten geblieben sind. Von teils recht amüsanten Anmerkungen Rilkes zur französischen Übersetzung der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge war die Rede und von peinlichen Übersetzungsfehlern, die sich trotz allem bis heute durch die Ausgaben ziehen.
Am Nachmittag gab’s schließlich ausreichend Gelegenheit, »Maltes Paris« kennenzulernen oder die berühmten Teppiche der dame à la licorne im Musée Cluny zu bewundern. Wen hingegen die Domizile Auguste Rodins (Musée Rodin und das Anwesen des Bildhauers in Meudon) eher interessierten, hatte am Sonntag noch Gelegenheit, unter der Führung von J. A. Schmoll gen. Eisenwerth diese Orte kennen zu lernen.

Das (inoffizielle) Ende der Tagung war ein gemeinsames Essen im edlen »Boullion Racine«. Leider hatte das im Art-Nouveau-Stil eingerichtete Restaurant nicht ausreichend Stühle für die inzwischen immer stärker angewachsene Rilke-Gesellschaft, so daß an die Bar ausweichen mußte, wer nicht mehr auf eine der schmalen Bänke gequetscht werden konnte. Es blieb für alle zu hoffen, das die gehobene Gastronomie in Berlin, Bern oder Breslau – so lauten die Ortsvorschläge für die kommende »große Tagung« im Jahr 2010 – in einem solchen Fall besser zu organisieren oder wenigstens improvisieren weiß.

Das Gepäck für die Rückreise hatte sich in den wenigen Tagen des Beisammenseins erheblich vermehrt. Mindestens war die Tagungsbroschüre hinzugekommen, die Rätus Luck zusammengestellt hatte und die vom Insel Verlag produziert und kostenfrei an die Tagungsteilnehmer verteilt worden war. Zudem lag das Gewicht des dieser Tage über den Dichter Erfahrenen im Koffer und mancher mußte wohl noch irgendwie Rilkes nach wie vor gültiges Fazit über Paris dazulegen: »Aber das Leben ist anders geworden auch dort, teurer und weniger selbstverständlich, die absurde Gefahr der Straßenübergänge verändert die freie und eben auch irgendwie ländliche Beweglichkeit, in der man sich sonst gehen lassen durfte, man ist wirklich zwanzig bis hundert Mal täglich, so wie man das Trottroir verläßt, ein zum Tode Verurteilter, der dann immer im letzten Moment durch einen agent de ville seine vorläufige Begnadigung erfährt.«

Arne Grafe, Bielefeld, Oktober 2008

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