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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Mit der Übersetzung des Rigveda hat der Insel Verlag bei Suhrkamp unzweifelhaft einen Klassiker der religiösen Literatur des indischen Subkontinents ins Programm genommen. Der vorliegende Band ist der erste von vier angekündigten Bänden, in denen das älteste erhaltene literarische Zeugnis Indiens neu übersetzt wird: der Rigveda (Sanskrit: Ṛgveda) oder das „aus Versen bestehende (heilige) Wissen“, wie die Übersetzer selbst den Werktitel wiedergeben (Rig-Veda. Das heilige Wissen, S. 428). Der Untertitel des Buches, „das heilige Wissen“, stellt lediglich eine verkürzte und interpretierende Wiedergabe des Wortes Veda „Wissen“ dar.
Der erste Band umfaßt die Übersetzung der ersten beiden Liederzyklen des gesamten Textcorpus, das insgesamt aus zehn Liederzyklen mit 1028 Liedern besteht. Es handelt sich bei diesem Übersetzungsprojekt um die dritte vollständige deutsche Übersetzung des Rigveda nach den Übersetzungen von Hermann Grassmann (1876-77), Alfred Ludwig (1876-83) und der von Karl Friedrich Geldner (abgeschlossen 1929, erschienen 1951), die heutzutage meist als Referenz dient. Das Projekt läuft zeitlich parallel mit einer englischen Neuübersetzung, an der die amerikanischen Vedaforscher Stephanie Jamison und Joel Brereton derzeit arbeiten. Die Übersetzung wird von ausgewiesenen Kennern des Veda angefertigt: mit Michael Witzel (Harvard) und Toshifumi Gotō (Tohoku University) hat das Übersetzerteam zwei überaus erfahrene Experten für die vedische Kulturgeschichte einerseits und die vedische Sprache andererseits; außerdem sind Eijirō Dōyama (Universität Osaka) und Mislav Ježić (Universität Zagreb) beteiligt. Witzel hat die Lieder I,1-50 übersetzt und kommentiert, Gotō die Lieder I,94-191 und II,35, Dōyama die Lieder I,51-93 und II,36-43 und Ježić die Lieder II,1-34. Was die Anteile der einzelnen Personen an den übrigen Teilen des Buches sind, wird nicht aufgeschlüsselt.
Im Aufbau folgt der Band der vorgegebenen Struktur der Buchreihe. Die Seiten 9-423 umfassen die Übersetzung. Es folgt der „Kommentar“, beginnend mit einer ausführlichen Einführung in den historischen und kulturellen Kontext, in dem die Lieder des Rigveda entstanden sind (S. 427-483). Auf diesen Seiten wird in klarer und anschaulicher Form der Stand der heutigen Vedaforschung dargeboten: die historischen Entwicklungen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, die materielle Kultur, die sprachlichen Besonderheiten der rigvedischen Dichtung sowie die religiösen Vorstellungen, die Mythologie und die Ritualistik der frühvedischen Epoche. Die Darstellung ist wissenschaftlich fundiert und thematisch ausgewogen, und man wird es den Autoren gern verzeihen, daß in diesem knappen Überblick manche Einzelheiten klarer und weniger umstritten wirken, als es in der Detailarbeit der Forschung der Fall ist. Trotz solch kleiner Vereinfachungen sei diese Einführung jedem empfohlen, der sich einen komprimierten Überblick über die Vedaforschung verschaffen möchte, und sie wird sicher in Zukunft eine Pflichtlektüre für Studierende der Indologie sein, sofern die universitären Sparmaßnahmen und der bildungspolitische Modetrend zur Moderne dem Fach Indologie die Beschäftigung mit der alten und klassischen Kultur Indiens noch erlauben.
Es folgt ein ausführlicher Stellenkommentar (S. 484-824) zu den einzelnen Strophen der übersetzten Lieder, wobei die Übersetzungen und Kommentare früherer Forscher einbezogen und oft auch zitiert werden. Zu Beginn eines jeden Liedes wird die einschlägige Sekundärliteratur genannt. Überaus willkommen sind die in M. Witzels Teil des Kommentars eingefügten kurzen Bemerkungen zu den Dichtern und zum poetischen Charakter der Lieder, einem Gesichtspunkt, der bisher leider allzu oft vernachlässigt wurde und eine genauere Beachtung verdient. Da der Kommentar zu großen Anteilen aus Zitaten besteht, enthält er nicht immer Neues, er erleichtert jedoch dem Indologen die Lektüre des Textes, indem er ihm das zeitraubende Nachschlagen und Vergleichen bei Autoren wie Geldner, Oldenberg und Renou erspart bzw. erleichtert.
Das Buch enthält im Schlußteil ein nützliches Glossar vedischer Ausdrücke, ein Verzeichnis der verwendeten grammatischen und rhetorischen Termini und eine schöne Sammlung von Abbildungen, die vermutlich aus bindetechnischen Gründen innerhalb des Stellenkommentars zwischen den Seiten 800 und 801 eingeschoben ist. Das Literaturverzeichnis ist im großen und ganzen ausgewogen und gibt einen guten Überblick über die einschlägige wissenschaftliche Literatur, und es wäre kleinlich, hier das Fehlen von Einzeltiteln (wie der Arbeiten von Heesterman oder Staal oder von Falks Überblicksartikeln zum Vajra und zum Soma) zu bemängeln. Es fällt auf, daß praktisch alle Titel fehlen, die sich mit der in den vergangenen zwanzig Jahren heftig und z.T. leider auch ideologisch geführten Debatte um die arische Einwanderung auf den indischen Subkontinent beschäftigen (vgl. hierzu Rig-Veda S. 469), wie beispielsweise Mallory’s In Search of the Indo-Europeans (1989), Thomas Trautman’s The Indo-Aryan Debate (2005) und Edwin Bryant’s Bände zu diesem Thema (The Quest for the Origins of Vedic Culture, 2001 und The Indo-Aryan Controversy, 2005).
Abschließend komme ich zum Hauptteil des Buches: der Übersetzung selbst. Der Text des Rigveda ist in einfachen Strophenformen verfaßt, enthält jedoch aufgrund verschlüsselter Ausdrucksweisen, altertümlicher Wörter und Formen und wegen unserer mangelnden Kenntnis der materiellen Kultur manch ungelöstes Problem. So ist es überaus begrüßenswert, daß nun eine neue deutschsprachige Übersetzung vorgelegt wird, die den aktuellen Forschungsstand berücksichtigt und für den Leser erschließt. Dies ist mit großem Sachverstand durchgeführt worden. Neuere Interpretationsansätze sind im Kommentar vermerkt, wenn auch die Übersetzung im großen und ganzen dem Textverständnis Geldners folgt (vgl. hierzu auch Rig-Veda S. 481).
Ein anderes Ziel ist jedoch m.E. nur eingeschränkt erreicht worden: eine Übersetzung „in modernem Deutsch“ zu bieten, die „einen möglichst genauen Eindruck des Originals“ vermittelt (Rig-Veda S. 480). Das Original ist nämlich eine Sammlung von Gedichten, von denen zwar manche in mehr oder weniger stereotypen Formulierungen gedichtet sind, viele aber durchaus poetische Schönheit und Ausdruckskraft besitzen. Diese poetische Qualität geht durch eine oft allzu genaue Wort-für-Wort-Wiedergabe verloren. Zudem erlaubt die Sprachstruktur des Sanskrit Satzstellungen, die im Original keine Schwierigkeiten bereiten, bei einer Nachahmung in der deutschen Sprache jedoch befremden und daher eher einen verzerrten Eindruck des Stils vermitteln.
Geldners Übersetzung des Rigveda ist für ihren sperrigen und altertümelnden Stil bekannt; die hier vorliegende Übersetzung ist zwar in der Wortwahl moderner, aber im Stil ebenso eigenwillig. Wenn der Klappentext ankündigt, daß „in der neuen Übersetzung ... sowohl das Fremde, Geheimnisvolle der Veden als auch ihre bis heute wirksame Unmittelbarkeit“ zum Ausdruck komme, so verbirgt sich hinter dieser Formulierung, daß die Übersetzung in der Tat „fremd“ klingt, aber nicht immer, weil der indische Originaltext so fremdartig wäre, sondern weil der Stil der Übersetzung so eigenwillig ist, daß man zuweilen regelrecht in die Irre geleitet wird.
Einige Beispiele sollen dies illustrieren. Wenn der unbefangene Leser liest: „Der Milchkessel ist angebrannt“ (Rig-Veda I,164,26, S. 299), wird er da nicht meinen, daß eben die Milch im Kessel angebrannt sei? Erst der Kommentar, sofern er ihn zu Rate zieht, wird ihn belehren, daß hier lediglich vom Anheizen des Kessels die Rede ist („angebrannt“ im Sinne von „direkt angeglüht“, Rig-Veda S. 741). Manche im Original gar nicht so schwierigen Strophen klingen in der Übersetzung rätselhaft, wie beispielsweise: „Die lautere Sarasvatī, die an Rennpreisen preisreiche, soll unser Opfer begehren, die durch Eingebung Güter besitzt.“ (Rig-Veda I,3,10, S. 14.) Der Kommentar erklärt nicht, was es mit den „Rennpreisen“ auf sich hat, und ob die Bezeichnung „preisreich“ sich auf den Reichtum an „Rennpreisen“ oder vielleicht an „Lobpreisen“ bezieht, muß der Leser selbst erraten. Es handelt sich bei „die an Rennpreisen preisreiche“ um eine allzu wörtliche Nachbildung des Wortspiels vâjebhir vājínīvatī, das sinngemäß nicht viel mehr bedeuten dürfte als „die an Gewinn reiche“. Beispiele für eine solche übermäßig wortgetreue Wiedergabe ließen sich in großer Zahl anführen. An anderen Stellen haben sich Unklarheiten eingeschlichen. In Strophe I,1,7 ist es z.B. eine einfache Kommasetzung, die den Sinn verschleiert:
„Zu dir, Agni, (kommen) wir Tag für Tag,
du Dunkel-Erheller, mit dichterischer Einsicht,
kommen wir, Verehrung darbringend.“
Worauf bezieht sich „mit dichterischer Einsicht“? Auf das „wir“ des Textes, also die Dichter des Liedes, oder auf Agni, das Opferfeuer, das im Rigveda oft als Dichter bezeichnet wird und daher ebenfalls als Referent in Frage kommt? Erst ein Blick in den Originaltext zeigt, daß es die Dichter („wir“) sind, die über die dichterische Einsicht verfügen. Das Komma am Ende der zweiten Zeile muß also getilgt werden. Gelegentlich treten regelrechte syntaktische Fehler auf, wie beispielsweise:
„Ohne welchen großen Indra gibt es nichts,
in dem sind alle Heldenkräfte gesammelt, ...“ (Rig-Veda II,16,2, S. 376)
Zwar stilistisch unschön, aber wenigstens grammatisch korrekt wäre der Relativsatz gewesen: „Ohne welchen großen Indra es nichts gibt, ...“. Und wie soll man beispielsweise den Satz verstehen:
„Tausend deine Hilfen sind für uns,
tausend willkommenste Nahrungen, du Falbenlenker.“ (Rig-Veda I,167,1, S. 310)
Augenscheinlich sind weder den Übersetzern, noch den Lektoren des Verlags solche Sprachmonstren aufgefallen.
So muß das Fazit zwiespältig ausfallen. Den Fachkollegen ist ein immens großer Dienst erwiesen worden, indem eine philologisch genaue und sachlich kompetente Übersetzung mit vielen nützlichen Hilfsmaterialien zusammengestellt worden ist. Der einführende vedakundliche Teil des Kommentars bietet eine gute kompakte Zusammenfassung des Forschungsstandes, und auch das Glossar und die Bibliographie leisten gute Dienste. Die Übersetzung des Textes jedoch hinterläßt leider eher den Eindruck des „Fremden“, als daß sie es ermöglicht, die Lieder des Rigveda in guter Übersetzungssprache zu genießen und ihren Sprachfluß nachzuempfinden.
Der „Verlag der Weltreligionen“ ist mit dem Ziel angetreten, „die religionsgeschichtlichen Quellenwerke und Darstellungen der Religionen der Welt zum erstenmal in umfassender Weise in deutschen Übersetzungen zugänglich [zu] machen“ und so einen Beitrag zu leisten „zur Verständigung zwischen den Völkern, zur gegenseitigen Achtung, zum Erkennen der Unterschiede ebenso wie der Übereinstimmungen ...“. Jürgen Hanneder hat in seiner Besprechung der Bhagavadgītā-Übersetzung im Marburger Forum 9,4 (2008) die Gefahr angesprochen, daß die Auswahl der Texte für den „Verlag der Weltreligionen“ u.U. eher eine in der westlichen Rezeptionsgeschichte begründete selektive Wahrnehmung der indischen Literatur widerspiegelt, als daß sie das Spektrum der religiösen Literatur Indiens ausgewogen repräsentiert. Bei dem hier vorliegenden Band tritt das m.E. noch fundamentalere Problem hinzu, daß die religiöse Literatur einer anderen Kultur durch eine unzugängliche Übersetzungssprache dem Leser nicht näherkommt, sondern eher in das Abseits des Fremden und Unverständlichen gerückt wird. Sollte dies in der Tat der Effekt sein, so wäre hier eine wichtige Chance vertan worden, die indischen Quellentexte außerhalb von Fachkreisen zugänglich zu machen.
Ulrike Roesler