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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 5
Inszenierung - David Gerlach
Ausstattung - Georg Burger
Dramaturgie - Annelene Scherbaum
Darsteller:
Philipp Klapproth - Peter Radestock a.G. | Ulrike Sprosser - Christine Reinhardt | Ida - Ina Leschka, Maja Roeder;(Theaterlabor) | Franziska - Sonja Pickardt (Theaterlabor) | Alfred Klapproth - Markus Penne a.G. | Ernst Kissling - Daniel Sempf | Fritz Bernhardy - Markus Klauk a.G. | Gröber - Markus Klauk a.G. | Josephine Krüger - Ulrike Knobloch | Schöller - Thomas Streibig | Amalie Pfeiffer - Nikolas Deutscher | Friederike - Franziska Knetsch | Eugen Rümpel - Stefan Gille | Kellner/Jean - Bernd Kruse
„Pension Schöller“ ist eine niedliche, kleine Klamotte aus der Zeit der Jahrhundertwende, gerne gespielt auf erprobten Bühnen im deutschsprachigen Raum und nunmehr auch im Marburger Schauspielhaus. In einer von einer Unzahl an Krisen gebeutelten Welt sicherlich Balsam für die enervierte Seele: doch leider ist diese mittlerweile von actiongeladenen, sprudelnden, alles Irrwitzige der Welt zusammentragenden Komödien made in Hollywood und sogar made im Fernsehen verwöhnt. Das heißt also im Klartext, was seinerzeit dem Berliner Publikum (denn für dieses wurde das Stück entworfen) den Beinahe-Erstickungstod durch Lachen brachte – der von seinem Idealismus verfolgte Weltreisende, der ausgemusterte, aber nicht minder aggressive Militär, die heiratswütige Schwiegermutter in Spee und der schnippische Backfisch (nur um einige der vorgeführten Charaktere, besser: Typen zu listen) – lassen das heutige Publikum zwar schmunzeln, doch vom Hocker reißt ein solches Stück längst nicht mehr, dazu hätte es einer kräftigen Überarbeitung der Charaktere bedurft bzw. einer auf tagespolitische Ereignisse anspielenden Improvisation durch die Künstler selbst. Unsere Kultur-, Politik- und Wirtschaftslandschaft, selbst die ausschließlich auf Hessen zentrierte, hätte hier sicherlich genügend Stoff geliefert.
All dies ungeachtet, hatte die Marburger Premiere aber durchaus „ihre“ Momente: beim ehrfurchtheischenden Auftritt Frau Amalie Pfeiffers (Nikolas Deutscher), vom Absatz bis zur rosa Hutfeder gut 2m dräuendes Schwiegermuttermaß, den extatischen Seufzern ihrer Tochter Frederike (Franziska Knetsch), einem in Trotz, Frechheit und Verlangen Miss Piggy nicht unähnlichem Geschöpf, und vor allem den diversen Begeisterungsausbrüchen des Weltenbummlers Fritz Bernhardy (Markus Klauk), der den Protagonisten der Komödie, Philipp Klapproth alias Peter Radestock ungehemmt nötigt, in den Freundentaumel ob der noch zu bereisenden Länder einzustimmen.
Überhaupt zeigte sich Radestock an diesem Abend von seiner besten Seite. Er war der Motor des Stückes, derjenige, der mit seiner lebendigen Wendigkeit darauf hinwies wie es hätte sein können. Aber, wie heißt es so schön: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und den Federn dieser Luftbewohner, die gelegentlich über die Bühne schwebten, wurde durch mangelndes Tempo der Inszenierung der Auftrieb genommen – oder sie verklebten gar den Spielenden die Zunge, denn diese konnten sich offensichtlich nicht entscheiden, ob sie nun Hochdeutsch oder Berlinerisch sprechen sollten.
Dennoch zeigte sich das Marburger Publikum generös, lachte wohlerzogen, klatschte bereits während der Aufführung Beifall, und erst recht als der Vorhang gefallen war.
Also trotzdem: Ein langes und glückliches Spiel den Vätern der Klamotte in Marburg!
Tanja v. Werner
