Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 5


 

Hans Sahl, Memoiren eines Moralisten und Das Exil im Exil
Luchterhand Literaturverlag, München 2008, 512 S., ISBN 978-3-630-87278-0

Buchcover

Die Erstausgabe der “Memoiren eines Moralisten” erschien 1983, die Erstausgabe des zweiten Bands der Memoiren “Das Exil im Exil” 1990.

I

Im Klappentext heißt es: „Hans Sahl wurde von den großen Schriftstellern der deutschen Emigration als letzter wiederentdeckt ... man begann sein Werk wieder wahrzunehmen und in seiner Bedeutung zu erfassen.“ Für heutige Leser gilt das Interesse sicher nicht nur der „wieder wahrgenommenen“, von Exilierten hergestellten Literatur, sondern auch und vielleicht sogar mehr ihrem Lebensweg, der sie, der politischen Verwerfungen wegen, aus Zeit und Raum verstieß, dem sie seit Generationen angehörten. Und vielleicht sollte man nicht mit dem Anfang zu lesen beginnen, sondern mit einer der letzten Seiten – (487/88).
Außerdem ist darauf hinzuweisen, daß es keine exakte Chronologie des Lebensweges gibt, sondern man dem Autor auf manchmal verschlungenen Pfaden folgen muß.

Ich gehe langsam aus der Welt heraus
in eine Landschaft jenseits aller Ferne,
und was ich war und bin und was ich bleibe
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
in ein  bisher noch nicht betretenes Land.

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jenseits aller Sterne
und was ich war und bin und immer bleiben werde
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,
als wär ich nie gewesen oder kaum.

Der so gelassen seinem Zeitenende entgegensieht und, wie so viele in der Mitte Europas, nämlich in Deutschland, als in Dresden geborener Jude einen frühen Tod hätte sterben sollen, hat fast das ganze Jahrhundert durchlebt, von 1902 bis 1993, und seine Flucht 1933 macht es uns möglich auf der ersten Seite zu lesen (S.11): „Ja, wenn nicht du, wer sonst wäre noch am Leben, der berichten könnte, wie Brecht gespuckt und Thomas Mann sich geräuspert hat? Wenn nicht du, wer sonst könnte sich rühmen, dabeigewesen zu sein, bevor Ninive versank und Berlin noch kein Mythos war, sondern eine Stadt?“ Und er verspricht, Namen zu nennen, „so viele als möglich. Sie werden mich durch dieses Buch begleiten. Die großen und die kleinen. .. Viele blieben am Wege zurück. Andere überlebten. Ich gehöre zu ihnen.“ Und so ist das Namenregister, zwölf Seiten von S.501 bis 512, ein beeindruckendes „Who’s who“ des 20.Jahrhunderts, wenn auch dem Autor wichtige Verstorbene früherer Zeiten wie Schiller, Goethe, Beethoven, Winckelmann u.a. dazugehören.
 Er überlebte, zusammen mit einer Schwester, zuerst die Kindheit, und wie so oft in Erinnerungen sind die prägenden Ereignisse von Kindheit und Jugend ausführlich dargestellt. Kindheitserinnerungen vergehen nicht, und im deutschen Mittelstand der damaligen Zeit könnte man Kindheit und Jugend als besonders geheimnisreichen und schwierigen Zeitraum bezeichnen: da war die Schneiderin der Mutter, die ins Haus kam und, vom Jungen beobachtet, mit hochgezogenem Rock die „Nähmaschine auf der Stelle radelte“ und ihn dann küßt, und da war im freiwilligen landwirtschaftlichen Hilfsdienst die Aufklärung über das Liebesleben der Pferde, wie auch die Erfahrungen mit einer polnischen Magd im Heu -  und später die Erfahrung des Todes, als sein bester Freund nach einer gemeinsamen winterlichen Motorradfahrt ohne ausreichend warme Bekleidung an Lungenentzündung stirbt. Zusammen mit Walter Benjamin überlebte er auch die  französische Kriegsgefangenschaft in Nevers.
Die sich erst dem Erwachsenen eröffnende geschlechtslose Ehe der Eltern nach seiner Geburt erklärt ihm die Lieblosigkeit des Vaters, der sich ausschließlich der Schwester zuwendete. Er ist Schüler der Kaiser-Friedrich-Schule, ein humanistisches Gymnasium, muß aber auf Drängen des Großvaters zur Leibniz-Oberrealschule wechseln, und es könnte sein, daß es einer der dortigen Lehrer gewesen ist, der Heines Lyrik „Nachttopf-Poesie“ nannte.

Die Anfänge sind die einer gut situierten Familie, der Großvater Brauerei-Direktor, eine „wohlhabende Welt ohne Beeinträchtigung des Glaubens, Baron von Bleichröder war das Vorbild“, eben keine gläubigen Juden, was in einem kurzen Streiflicht deutlich wird, als ein Knecht darum bittet, zur Synagoge fahren zu dürfen – auch wenn beim  Heranwachsenden von einem „Zustand religiöser Dauerexstase“ die Rede ist. Aber dies gehört wohl eher zu den jugendlichen Empfindsamkeiten, die bei Kriegsende mit den Umwälzungen des deutschen Reiches zu tun haben: „Expressionismus der Seele“ - Tucholsky ruft zur Revolution auf, es gibt nicht nur eine junge Republik, auch einen Schülerrat in der Schule, Literaturmatineen: die Dichtungen von Franz Werfel, Theodor Däubler, Else Lasker-Schüler,  Johannes R. Becher, Gottfried Benn, Uraufführungen mit Fritz Kortner. Des Altersbeobachters Fazit: in Berlin und dem damaligen Deutschland wurde nicht nur „der Geist des Jahrhunderts“ geprägt, sondern auch „sein Untergang“ - „Richard Wagner nahm vorweg, was Hitler verwirklichte“ -  und dies geschah, nicht nur für den Heranwachsenden, in „wollüstiger selbstquälerischer Hingabe an die Musik eines Mannes, der zu seiner Vernichtung aufrief“, nämlich des Judentums – „jenes Bürgertum jüdischer Provenienz, das den Prozeß seiner Eindeutschung bis zur Selbstaufgabe betrieb, die Tragikomödie einer Illusion, die in Auschwitz endete“. 

Die erste Liebe erreichte den Jüngling auf Umwegen, als er, aufgrund eines Berichtsauftrags über die Gerhart-Hauptmann-Festspiele in Breslau, eine junge Medizinstudentin kennen und lieben lernt, Erna, so daß er auch in Breslau studieren will. Der Vater verbietet es, und es kommt zu einer tragisch-komischen Entwicklung und Szene, als der Sexualforscher, in dessen Behandlung sich Hans Sahl wegen seines Liebeskummers begibt, auch den Vater hinzubittet und diesem den Ödipus-Komplex zu erklären versucht. Am nächsten Morgen weist die Mutter den Sohn mit einem Zettel auf dem Frühstückstisch aus dem Haus. Die folgenden Seiten (74-78)  widmet der Autor dem Vater, der frühzeitig in Umnachtung fällt und stirbt, den er noch einmal sprechen läßt: „Er lag in sich gekehrt mit geschlossenen Augen, in sich hineinlauschend, er sah in Abgründe, in sich selber und um sich herum, … er sah sich von fern im Bett liegen und neben ihm seinen Sohn, … er war ein giftiger Mensch gewesen, … er wollte nicht am Krieg verdienen, er hatte seine Pflicht getan im Leben, … er war ein empfindlicher Mensch gewesen, und er wußte es, du bist genauso empfindlich wie dein Vater, mein Sohn, du bist zu weich …“. 
Aufgezeichnete Erinnerungen sind ein besonderer Lesestoff, weil wir Menschen begegnen, denen das Schicksal eine fast immer ungewollte weiträumigere Erfahrungsbreite zugeordnet hat, die uns neugierig machen. Hans Sahl hat sozusagen alle gekannt, ist ihnen begegnet, hat mit vielen das Schicksal des Exils und Vertriebenseins geteilt. Im Hause seiner Schwester, bei Emil Orlik hatte sie Zeichenunterricht genommen, verkehrten Leonhard Frank, Ernst Toller, Alfred Polgar und er wurde bekannt mit Max Brod, Franz Werfel, Felix Salten, Stefan Grossmann, Leopold Schwarzschild, Richard Dehmel, Hugo von Hofmannsthal, Walther Rathenau, Moritz Heimann, Joseph Roth, Walter Mehring, Rudolf Olden.
 Nicht nur Menschen bleiben im Herzen stehen, auch Orte, Städte. Der Autor, der dann doch noch nach Breslau gekommen ist, wo auch Klabund und Carola Neher wohnten, Peter Lorre am Theater ist und wo er seine Doktorarbeit schreibt, verbindet seine Huldigung  an die Stadt mit einem Nekrolog für August Grisebach, Kunst-Professor und sein Lehrer, „aus dem Geschlecht der Schlegel und Tieck und Wackenroder“, ihm ebenso wichtig wie Erna, der mit seinen Studenten Exkursionen zum schlesischen Barock unternimmt und mit ihnen nach Vierzehnheiligen, Bamberg, Würzburg und Banz fährt, wo Hans Sahl in einer Herberge des Klosters beinahe das Bildnis Kaiser Wilhelms auf den Kopf gefallen wäre, das vom Professor aber aufgefangen wird. Grisebach heiratet seine jüdische Schülerin Hanna Blumenthal und verliert 1933 seinen Lehrstuhl in Heidelberg. Von Amerika aus läßt Hans Sahl gegen Ende des Krieges „Beziehungen spielen“ zu einem amerikanischen Kunsthistoriker, jetzt Besatzungs-Captain zur Rettung europäischer Kunstschätze, so daß Grisebach seine Professur zurück erhält und  an der Universität auf die alten Freunde Jaspers und Radbruch trifft. 
 
Mit Stolpern kam der junge Mann zum Journalismus: beim ersten Auftrag bleibt es bei der Überschrift „Hindenburg wählt. Ein regnerischer Vormittag.“ – aber als Theater-, dann Filmkritiker hat er mehr Glück, was auch bedeutete, daß er jeden, „aber auch jeden Film sehen“ mußte und anfänglich verzweifelte, weil er sichs nicht zutraute. „Der Film war eine junge Kunst, er war so jung wie wir, er wuchs mit uns, und wir wuchsen an ihm; wir schufen ihn und interpretierten ihn zugleich, wir setzten Maßstäbe, wir stellten neue Kategorien auf, wir kämpften um seine Gleichberechtigung mit den anderen bildenden Künsten, mit der Literatur, der Musik, der Malerei.“ Mit Kracauers berühmtem Werk „Von Caligari zu Hitler“ setzt er sich kritisch auseinander. Kinoenthusiasten seien die Seiten 102 bis etwa
119 empfohlen.
Anfang der 30er Jahre ist Sahl in Paris, wohnt im Hotel „Helvetia“ und wieder begegnen wir berühmten Namen: Eisenstein, unerwidert von Valeska Gert geliebt, Jean Renoir, René Clair, die „französische Filmavantgarde“, und trotz seiner Abneigung gegen Sehenswürdigkeiten absolviert er das touristische Programm und stellt für sich fest, daß Paris nicht mit dem deutschen Kabarett konkurrieren kann, „mit seiner Fülle von literarischen, musikalischen und schauspielerischen Begabungen, ..., wo nicht am Rande der Zeit, sondern mit ihr oder gegen sie gesungen, nein, agitiert, polemisiert, demonstriert wurde, wo Rosa Valetti, Ernst Busch, Trude Hesterberg, Kate Kühl, Blandine Ebinger, Paul Graetz mit Texten von Brecht, Walter Mehring, Tucholsky, Kästner eine Gegenwart heraufbeschworen, der sich keiner im Publikum entziehen konnte.“
Eine vergleichbar bedeutende Rolle spielte damals das Theater, überhaupt und für ihn, und Sahl zitiert den Großkritiker Alfred Kerr, der von einem „perikleischen Zeitalter“ spricht. Die Erinnerung der Elterngeneration an die Duse, die Sorma, Sarah Bernhardt, Kainz ist noch wach, nun „versammelt Max Reinhardt ... die berühmtesten Namen des deutschen Theaters auf der Bühne“: Paul Wegener als Präsident, Paul Hartmann als Ferdinand in Schillers „Kabale und Liebe“, Werner Krauss als Wurm, dessen Darstellung einer “wie  von epileptischen Krämpfen geschüttelten Kreatur“ zu einer absoluten Stille im Publikum führt, und gleichermaßen ergriffen ist er von Leopold Jessners „Richard III.“. Später folgt Erwin Piscator – „revolutionär, antibürgerlich, engagiert“. Als Kritiker jeweils zugeordnet nach Beharrung  oder Aufbruch: Alfred Kerr und Herbert Ihering. Bei Brecht gab es dann keine klassischen Einheiten mehr, „er appellierte … an die Vernunft, und: Theater war … ein ideologischer Vorgang.“ Ganz unumwunden nennt Sahl es „unverzeihlich“, daß Brecht den politischen Mord „aus Gründen der Parteidisziplin“ in der „Maßnahme“ (1930) rechtfertigt. “Sein Irrtum war, daß er das Politbüro mit der Idee verwechselte … Die Verherrlichung des proletarischen Terrors darf niemals das Anliegen eines Dichters sein.“ Danke, Herr Sahl!
Für den Marxisten Brecht war ethisches Verhalten selbstverständlich von Klasseninteressen diktiert und unterlag dem Gesetz von Angebot und Nachfrage auf dem freien Markt der Meinungen. Die Antwort müßte lauten: „Nur in einer Zeit, in der es schwer ist, gut zu sein, wird es überhaupt erst sinnvoll und macht aus dem Menschen ein sittliches Wesen.“ Trotzdem ist Brecht der Zeitgenosse, der die meisten Eintragungen im Namensregister hat und dem viele Seiten gewidmet sind. „Seit jenem Tag, da ich Brecht auf einer Mülltonne im Garten von Herbert Ihering in Berlin Zehlendorf kennenlernte, haben wir verschiedentlich voneinander Kenntnis genommen: ich mit der Bewunderung des Jüngeren für ein Genie ...“

Erinnerungen sind kein Roman, das heißt, es gibt keine sich kontinuierlich entwickelnde Handlung, es gibt Zusammenhänge und es gibt Gedankensprünge, Äußeres und Inneres greifen ineinander und bilden ein Geflecht, das für den Leser beeindruckend und verwirrend ist – und dem er sich stellen muß. So springen wir von Asta Nielsen und der Tänzerin Valseka Gert, unglücklich in Eisenstein verliebt, zu Jean Renoir, René Clair, von den Malern zum Film, der eine neue ästhetische Tradition eröffnet -  und zu einer Reise nach Kassel, wo ein Stück Ernst Glaesers aufgeführt werden sollte, auf der sich beide, „wie zur Zeit des Sturm und Drang“, aufs entschiedendste betrinken und sich am Morgen nach der Aufführung im Bett des Mäzens, eine „ebenfalls noch schlafende Soubrette“ zwischen sich, wiederfinden.
„Die Überwindung der Madonna“ wurde kein Welterfolg, wohl aber im folgenden Jahr „Jahrgang 1902“. In New York treffen sich die Freunde wieder, als Konrad Adenauer zum erstenmal in die Vereinigten Staaten kommt und Ernst Glaeser, der an Leukämie sterben wird, zu seinem Stab gehörte.
1926 schreibt Hans Sahl eine Artikelserie über Unterhaltungsromane, „Klassiker der Leihbibliothek“, und macht „die alarmierende Feststellung, daß sich hier, tief unten auf dem Bodensatz der Republik, eine Geistes- und Gemütsverfassung angesammelt hatte, von der wir nichts wußten. … Das Gefährliche an dieser Trivialliteratur war, daß sie an Ressentiments appellierte, gegen die es anscheinend keine Schutzimpfung gab … Massenweise gelesen … wurden Bücher, die einen Revanchekrieg gegen England, gegen Frankreich … propagierten, gegen Sozialisten, Juden, Katholiken, gegen alles Fremde und Ausländische überhaupt und einer Verherrlichung von Blut und Ehre, von Heimat und Scholle das Wort redeten.“
Seine Artikel machen ihn bekannt und er lernt Leonhard Frank, Egon Erwin Kisch und Herbert Ihering kennen, der ihn zur Feuilleton-Mitarbeit am „Börsen-Courier“ einlädt, „damals das beste, lebendigste Feuilleton, …Organ einer kritischen Avantgarde auf fast allen Gebieten der Kunst, … für Brecht und Schönberg und Hindemith, … man hatte das Gefühl, sich im Hauptquartier einer Verschwörung zu befinden“, wo Ihering unter anderem „an einer neuen Polemik gegen Alfred Kerr feilt“, der Musikkritiker Heinrich Strobel zum „Sturmangriff“ gegen den „Erzreaktionär“ Bruno Walter bläst und ein „verstörter Jüngling“ namens Wolfgang Koeppen Berichte über Theateraufführungen zweiten Grades schreibt, zu denen Ihering keine Lust hat. Hans Sahl bespricht die ersten Übersetzungen von Thornton Wilder und Ernest Hemingway, Kurt Tucholsky bedankt sich bei ihm für einen lobenden Artikel und eine Novelle „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ von einem unbekannten Autor namens Seghers sieht er im Rang eines Heinrich von Kleist. „Nicht lange danach erhielt Anna Seghers den Kleist-Preis.“
Sonntags luden Iherings Gäste ein und “nun waren Fritz Walter und ich an der Reihe“ und die folgende Szene muß wiedergegeben werden: „Es führte ein langer Kiesweg von der Pforte durch den Garten, und als wir die Gartentür öffneten, sah ich in einiger Entfernung die Elite des deutschen Theaters in liegender, sitzender oder stehender Haltung, malerisch angeordnet, wie auf einem Gruppenbild … für die ´Berliner Illustrierte´. Oh Gott, flüsterte mir Fritz Walter zu. Da sind sie, sagte er. Wer? fragte ich. Alle, sagte er dumpf.“ Es folgt eine beeindruckende Namenskette, wobei hinter jeden Namen ein „sehr angenehm“ der beiden jungen Männer zu setzen ist: Lotte Lenya, Kurt Weill, Erwin Piscator, Helene Weigel, Fritz Kortner, Ernst Busch, Gustaf Gründgens, Bert Brecht und Arnolt Bronnen (die nebeneinander auf einem Mülleimer sitzen) und ein Herr Müller, Piscators Bühnenbildner, „mit der Abschaffung des Bühnenbildes beschäftigt“. Im Haus riecht es nach Katzen, im Schlafzimmer von Frau Ihering befinden sich zwanzig und ihr Mann schläft jetzt allein – „wir nickten höflich und verabschiedeten uns“. Das Gespräch mit  Piscator auf dem Heimweg (142-144) führt zu einer lebenslangen Freundschaft und einer nachdenklichen Betrachtung: der Pastorensohn war über den Pazifismus zum Kommunismus gekommen – 1938 verfilmte er in Moskau Anna Seghers´ Novelle „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ – aber „jetzt hatte er das Theater der Revolution durchschaut“.
Zwei Orte haben für Hans Sahl eine liebenswerte Rolle gespielt – Kampen und Ascona. „In Kampen auf Sylt klirrten Hölderlins Fahnen im Wind.“ Hier wohnte Ernst Rowohlt: „Ich lese keine Bücher – ich rieche sie nur, ich verlasse mich auf mein Näschen.“ Siegfried Jacobsohn, „Weltbühne“-Herausgeber, und Gerhart Hauptmann waren hier gewesen und der Autor empfand dort „ein Gefühl der Freiheit“. Dreißig Jahre später fällt ihm zu Sylt nur noch Ortega y Gassets Wort vom „Aufstand der Massen“ ein. Auch den anderen Ort - Ascona - hatte der Massentourismus noch nicht entdeckt: … Weiß jemand, daß Lenin dort eine Zeitlang gelebt hat? Hans Sahl wohnt in der „Casa Aurora“ und lernt die Baronin von Werefkin kennen, die mit Kandinskiy und Jawlensky befreundet gewesen ist, wie auch den damaligen Erfolgsautor Emil Ludwig.
„Wie kann ich über die zwanziger Jahre sprechen, ohne an ihr Ende zu denken … Diese Epoche hatte einen eigenen Zungenschlag.“  Er ist mit Alfred Kantorowicz befreundet, Egon Erwin Kisch, Alfred Polgar, Kurt Pinthus, Max Herrmann-Neisse, „ein Lyriker der Trauer“ und es gibt den großzügigen Arzt Dr.Klapper, dessen gastfreundliches Haus eine „Liebesinsel der Seligen“ ist. Im Abschnitt „Aus einem nicht verbrannten Tagebuch (1930 bis 1932)“ stellt Sahl einen Vergleich zwischen Kleist und Brecht an, „Prinz von Homburg“ und die „Maßnahme“ und nennt sie „zwei tragische deutsche Mißverständnisse“, „der eine hat Kant, der andere Marx mißverstanden. Der eine den kategorischen Imperativ, der andere die Theorie der klassenlosen Gesellschaft.“ Am 31.Januar 1933 haben zusammen mit dem deutschen Volk beide verloren und Hans Sahl steht auf der schwarzen Liste. Unter dem Schutz eines Freundes Hauptmann Frenzel von der Richthofenstaffel mit dem gut sichtbaren Orden „Pour le mérite“ am Halse besteigt er den Zug nach Prag - in dem schon Max Reinhardt sitzt. „Es war gut zu wissen, daß man mit Max Reinhardt ins Exil fuhr. Man befand sich in guter Gesellschaft.“

II

Der zweite Teil der Erinnerungen „Das Exil im Exil“, die Zeit der Verfolgung, „der Kriminalroman einer Massenflucht“, „die Geschichte vom Leben und Sterben einer Kultur“,
hebt „den Stein, der auf meinem Gedächtnis liegt“, zählt die Toten auf, denen nur noch das Sterben helfen konnte: „Ernst Toller erhängte sich am Türhaken … im Hotel Mayflower in New York, Ernst Weiss, Alfred Wolfenstein, Walter Hasenclever begingen Selbstmord beim Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich. Walter Benjamin machte seinem Leben an der französisch-spanischen Grenze ein Ende. Kurt Tucholsky … gab sich selbst den Tod. Arthur Koestler und seine Frau, „in der Hoffnung auf ein unpersönliches Weiterleben nach dem Tode“, fand man „in ihren Lehnstühlen sitzend in ihrer Wohnung“. In der Redaktion des „Prager Tageblatts“ trafen jeden Tag die aus Deutschland Geflüchteten ein: Alfred Wolfenstein, Walter Mehring, Egon Erwin Kisch, Rudolf Olden, Stefan Heym, der beim Eintreffen in Prag noch sächselte und eigentlich Flieg hieß. Der Autor selbst holt am Morgen seiner Ankunft in Prag Max Brod im Nachthemd aus dem Bett und wird seinerseits jetzt von einem jungen Mann befragt, wovon er eigentlich zwölf Jahre gelebt habe. „Ich weiß es nicht.“
Auch ein Willi Schlamm gehörte zu den Geflüchteten, Älteren sicher noch als Mitarbeiter des „Sterns“ William S. Schlamm bekannt, der sich vom Redakteur der „Roten Fahne“ zum Konservativen wandelte. Der Autor nennt ihn einen „berufsmäßigen Eiferer“ und „Meister der Polemik“. Eine enge Freundschaft verbindet ihn mit der Tänzerin Lotte Goslar, der er versprechen mußte nie zu sterben. Und dann gibt es eine Straßenbahn, die den Berg hinauf fährt und Autor und Leser sind nicht mehr in Prag, sondern in Zürich, wo Kurt Hirschfeld Leiter des Schauspielhauses ist und Theo Otto Bühnenmaler und Kalser, Steckel, Ginsberg und Maria Becker großartige Schauspieler, die man im deutschen Fernsehen der 50iger Jahre noch bewundern konnte, wie auch Walter Richter und Alexander Granach. Der andere große Regisseur der Zeit ist Leopold Lindtberg, der an der Berliner Volksbühne Erich Mühsams Stück über die italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti inszenierte. Auf „schweizerischem Boden angesiedelt und neu belebt“ hat Erika Mann das Kabarett „Die Pfeffermühle“ und war gleichzeitig das „politische Gewissen“ ihres Vaters.
Hans Sahl bewertet die politische Haltung Thomas Manns sehr kritisch: „langsamer Denker“, trauert den konservativen Werten nach, sieht sich als Bewahrer deutscher Tradition und – „kam immer ein wenig zu spät“. „Thomas Mann hatte viele Gesichter, viele Eigenschaften“ und jedes seiner Kinder vertrat eine davon.
Joseph Roth, „der die schönste Prosa seit Heine schrieb, nahm sich täglich das Leben, er vergiftete sich mit Alkohol.“  Er war „das sterbende Wien, die sterbende Donaumonarchie im Exil“, „ich will nicht nach Amerika“, und so starb er wie Heine in Paris. Neben den Überlebenskämpfen der Einzelnen gab es die politischen Machtkämpfe der Emigration: hier war Willi Münzenberg „das Organisationsgenie der Kommunistischen Partei, beherrschte die Pariser Exilszene“ und, wie Egon Erwin Kisch sagte, „Stalin denkt für uns“. Das bedeutete, daß der lange Arm des Kommunismus, vertreten durch Anna Seghers, Alfred Kantorowicz, Bodo Uhse, Manès Sperber, Hans Marchwitza und Rudolf Leonhard seine Jünger in gleicher Weise korrumpierte wie Hitler. Sahl verweigert seine Unterschrift mit den Worten: „Ich will Hitler nicht mit seinen Methoden bekämpfen“, tritt aus dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ aus und ist Gründungsmitglied des „Bundes freie Presse und Literatur“. 
Dann kam der Krieg - und alle Emigranten deutscher Abstammung wurden interniert, er im Stade Colombe, als Gefangene behandelt und nach zehn Tagen abtransportiert und in ein leeres Schloß gebracht, wo alle 600 Männer auf dem Parkett schliefen, sich dann eine Lagerorganisation und Tauschhandel entwickelte und der Lagerkommandant sie an ein Bauunternehmen „verkauft“ – 5 Francs pro Kopf, acht bis zehn Stunden am Tag.

„Diese Memoiren handeln von einem Menschen, der sich einbildete, der Wahrheit zu dienen, indem er liebte.“ Möglicherweise kommen die letzten neun Seiten Lesern etwas konfus vor: der Autor ist „auf Deutschlandreise und liegt mit einer TB in einem Lungensanatorium in Gauting, hat ein Loch im rechten Lungenflügel“, wäre fast erblindet, „das linke Auge können wir nicht mehr retten“, und schreibt eine Erzählung. Er erinnert sich an seine Schwester, die mit dem Kronprinzen Tennis gespielt hat und ihn gewinnen ließ: „Keine Tochter aus gutem jüdischen Hause wollte es mit den Hohenzollern verderben. Sie hätte sich nicht das Leben genommen, wenn ich in New York gewesen wäre.“ Gleichzeitig aber sitzt er in der Erinnerung nach dem Waffenstillstand im Zweiten Weltkrieg in einem Café in Marseille, wohin er „aus einem Lager an der Loire mit sechshundert anderen Gefangenen in zehn Tagen und zehn Nächten geflohen war“, und ein Mann kommt herein, dem er ein Denkmal setzt: „Er war der mutigste Mensch, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, er kannte die Moral des Überlebens und verachtete sie, das Fressen und Gefressenwerden“ - Arthur Koestler. Andere Erinnerungen treten an ihn heran, „Überreste eines europäischen Kulturkuchens“, die Carnegie Hall, „wo in der Pause zwischen Brahms´ Zweiter und dem „Lied von der Erde“ mehr Deutsch gesprochen wurde als in der Berliner Philharmonie der zwanziger Jahre“, und er sieht sich tot, gewaschen, mumifiziert, „ein kleines Sträußchen gelber Wiesenblumen, schon längst verdorrt, in meine gefaltete Hände gelegt“, „im Lärm eines zu Ende gehenden Jahrhunderts.“

Gudrun Westphal

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