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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 9
(2008), Heft 6
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Das Jahr 2008, in dem Franz Kafkas 125. Geburtstags gedacht wird, ist für Verlage und Autoren Anlass, neue Bücher zu Leben und Werk des großen Schriftstellers aus Prag, der von 1883 bis 1924 lebte, zu veröffentlichen. So hat, um nur einige Beispiele zu nennen, Reiner Stach mit seinem zweiten Band der Kafka-Biographie jetzt insgesamt fast vierzehnhundert Seiten zu Kafkas Leben und Werk vorgelegt. Da nehmen sich die etwas mehr als dreihundert Seiten der Biographie vom amerikanischen Bestsellerautor Louis Begley mit dem Titel Die ungeheuere Welt in meinem Kopf schon fast überschaubar kurz aus. Von Wagenbach ist eine erweiterte Neuauflage seiner Bildbiographie Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben, die seit 1983 viele Nachdrucke erlebte, veröffentlicht worden. Und vom Kafka-Spezialisten Hartmut Binder erschien eine sehr umfangreiche und detaillierte Chronik in Bildern: Kafkas Welt. Die Literaturverzeichnisse bei Stach und anderen führen hunderte von Titeln zu Kafka an. Längst sind also die Informationen und Forschungsergebnisse zu Kafkas Leben, das eigentlich eher arm an äußeren Ereignissen ist, und Werk, das „nur“ etwa 4000 Druckseiten umfasst, unüberschaubar geworden. Kafka-Spezialisten mögen noch halbwegs einen Überblick haben. Interessierte Leser können die Flut von Informationen, wenn sie ihre Lektüre des Autors vertiefen, Zusammenhänge herstellen und Hintergründe klären wollen, allerdings meist nur noch in kleinen, manchmal zufälligen Ausschnitten zur Kenntnis nehmen.
Diese Fülle an Kafka-Sekundärliteratur ist die Stunde der Handbücher, die alles, was „Kafka relevant“ ist, ordnen, übersichtlich machen, zu einem vertieften Verständnis des Werks und der Person des Autors führen wollen. Ein solches Handbuch soll demnächst im Metzler-Verlag erscheinen, ein anderes aus dem Vandenhoeck & Ruprecht-Verlag liegt bereits vor. Als Herausgeber dieses Kafka-Handbuchs mit dem Untertitel „Leben – Werk – Wirkung“ fungieren Bettina von Jagow, Professorin an der Magdeburger Universität, und Oliver Jahraus, der als Professor an der Maximilian-Universität in München lehrt. Ihr Anliegen ist es, wie sie im Vorwort schreiben, „auf der Grundlage der geleisteten und aktuellen Forschung grundlegende Informationen in einem umfassenden Überblick zu Leben, Werk, Deutung und Wirkung“ Kafkas zu geben und die Zusammenhänge seines Werk „durchschaubar“ zu machen.
Das geschieht in vier großen Kapiteln: Zunächst werden biographische Aspekte in den Vordergrund gerückt, etwa Kafkas Verhältnis zu seinem Vater, überhaupt zu seiner Familie, seine Freundschaft zu Max Brod, seine Beamtentätigkeit, seine Krankheit und seine Beziehung zu den Frauen, mit denen er – hauptsächlich über Briefe – näher bekannt war, Felice Bauer und Milena Jesenská an erster Stelle. – Der zweite große Abschnitt „Werküberblick“ thematisiert – wiederum nur einige Beispiele – Kafkas Verhältnis zum Judentum, sein Schreiben zu Beginn der literarischen Moderne oder die literarische Szene in Prag. – In einem dritten Kapitel geht es um „Deutungsperspektiven“, also um Fragen der Rezeption des Werks und um grundsätzliche Probleme bei seiner Interpretation und Analyse. – Im letzten Teil schließlich bringt das Handbuch Einzelinterpretationen zu den bedeutenden Werken Kafkas, zu den drei Romanfragmenten Der Verschollene, Der Proceß und Das Schloß, aber auch zu den herausragenden Erzählungen Das Urteil, Die Verwandlung und In der Strafkolonie sowie zu dem ersten Band mit parabelhaften Texten mit dem Titel Betrachtungen und der Sammlung von Texten mit dem Titel Der Landarzt. Beide Herausgeber übrigens beschließen das voluminöse, aber übersichtliche und vor allem informative Handbuch mit einem Aufsatz zu Kafkas Tier- und Künstlergeschichten.
Ein Handbuch wie dieses mit seinen vielfältigen Aspekten und Artikeln beantwortet nicht nur – ähnlich einem Lexikon – bestimmte Fragen, die bei der Lektüre auftauchen. Spannender ist es vielleicht, das reiche Angebot an Interpretationsansätzen und Fragestellungen zu nutzen und sich von der Lektüre der einzelnen Texte anregen zu lassen, immer wieder Einzelfragen nachzugehen und sich so nach dem Prinzip „vom hundertsten zum tausendsten“ leiten zu lassen. Aus dem Nachschlagewerk „Handbuch“ wird dabei ganz schnell ein Lesebuch „Kafka“.
Die Probe aufs Exempel soll mit dem Roman Das Schloss gemacht werden. Dabei können hier nur einige Aspekte angesprochen werden. Aber sie zeigen, wie man mit einem solchen Handbuch umgeht und was es leisten kann. – Zunächst gibt es zu diesem Roman, dem letzten Roman Kafkas, den er, schon schwer von seiner Tuberkulose gezeichnet, im Februar 1922 begann und nach einer kurzen fruchtbaren Schaffensperiode im Herbst desselben Jahres abbrach, eine Interpretation von Michael Müller. Müller stellt in den Mittelpunkt seiner Deutung den Aspekt der „asozialen Existenz“. Er sieht diese als wesentliches Element in Kafkas Biographie: in Kafkas Wunsch allein zu sein, um sich ganz seinem Schreiben widmen zu können. Dieser innere Drang in die freiwillige Isolation kollidiert allerdings immer wieder mit einem anderen Wunsch des Dichters, dem nach einer Lebenspartnerschaft. In K., dem „Helden“ des Romans Das Schloß, sieht Müller einen ähnlichen, außerhalb der Gemeinschaft stehenden und sich auch außerhalb jeder Gruppe stellenden Menschen. Als Kafka Anfang Januar 1922 einen psychischen Zusammenbruch erlitt und in das Erzgebirge-Dorf Spindlermühle zur Erholung reiste, machte er sich dort an die Niederschrift des Romans, ganz unter dem Eindruck seiner schweren Tuberkulose-Erkrankung, den mit jedem Kuraufenthalt schwindenden Heilungschancen und der damit verbundenen Einsamkeit. Er arbeitete an dem Roman, mit Unterbrechungen, bis zum September desselben Jahres, „um ihn dann – unfertig – für immer aus der Hand zu legen.“ „Der ´Held´ des Romans, ein Mann in den Dreißigern namens ´K.´, führt eine ebenso asoziale Existenz wie sein Schöpfer. Er ist ein Wanderer, der aus seiner fernen Heimat in eine unwirtliche, karge und abweisende Landschaft, eine Schnee-Wüste, gekommen ist.“ K.´s nicht nachlassenden Versuch, gegen alle Widerstände, dem Schloß „näher“ zu kommen, verknüpft Müller mit K.s Charakter, „Abweisungen“ nie zu akzeptieren, sondern anzugehen, um sie zu überwinden. K. selbst macht bei diesen Anstrengungen, die ihn immer wieder in eine Müdigkeit und körperliche Ermattung zurückwerfen, keinerlei wirkliche Fortschritte; er verändert sich dabei auch nicht als Charakter. Wirkungen, so Müller, hinterlässt K.s Anrennen gegen den Widerstand „Schloß“ allerdings im Leser. Der verbindet, je länger der Roman dauert, mit dem Schloß eher etwas „Böses“. Und er macht auch Veränderungen in Bezug auf den Protagonisten K. durch. Er identifiziert sich zuerst mit dem heimatlosen K., distanziert sich dann von ihm aber zunehmend, wenn er erkennt, dass K. sich eine sehr eigene Welt konstruiert, sich damit im Dorf isoliert und alle Menschen ausschließlich nach ihrer Nützlichkeit, durch sie ins Schloss gelangen zu können, beurteilt. Müller weist darauf hin, dass gerade in diesem Punkt, aber natürlich auch in der grundsätzlichen Romansituation, Parallelen zwischen dem Roman Das Schloß und dem Roman Das Urteil zu finden sind. „Man wird“, so seine Einschätzung, „durch das Verhalten beider ´K.s` an Aussagen Kafkas über seine eigene Unfähigkeit zu lieben […] erinnert.“
Dem Autor fehlten die Kräfte, das Manuskript fertigzustellen. Vielleicht war es allerdings auch so, wie Louis Begley vermutet, dass Kafka einfach keine Lösung für die Reise von K. in das Dorf am Fuß des Schlosses und für das Spiel, das die Schlossherren mit ihm treiben, gefunden hat. Bei der Frage nach dem „Sinn“ des Buches, verweist Begley auf den Kopf des Lesers. Dort bilde sich ein Sinn eigener Art, der möglicherweise in einer rätselhaften Faszination Kafkaschen Schreibens besteht. Auf keinen Fall aber sollte dem Schloß eine Interpretation übergestülpt werden.
Michael Müller geht im vorliegenden Handbuch ebenfalls auf die Frage der Unvollendetheit und des Sinns des Romans ein. Er verweist zunächst kritisch auf Max Brods allegorische Auslegung des Buches. Der hat 1960 den Roman als „Franz Kafkas Faust-Dichtung“ bezeichnet und K.s nicht nachlassende Versuche, engeren Kontakt mit dem Schloß zu gewinnen, mit Fausts Streben nach dem Guten und letztlich nach Gott gleichgesetzt. – Michael Müller geht mit dieser Interpretation, die Generationen von Lesern des Romans beeinflusst hat, kritisch zu Gericht und setzt sich deutlich davon ab. „´Das Schloß´“, resümiert er, „ist nichts anderes als das, als was es dargestellt wird: ein labyrinthischer, träger, anscheinend nicht sehr effizient arbeitender und auch korrupter bürokratischer Apparat, dem man eigentlich sogar die Bezeichnung ´Instanz´ verweigern möchte.“ Nur für K. werde das Schloss zu einer solchen Riesen-Instanz, weil er einen Widerstand braucht, gegen den er anrennen kann, um sich zu profilieren, wie Kafka selbst seinen Vater als bedrohliche Über-Figur brauchte, um so seinem Schreiben eine „Stoßrichtung“ zu geben. „Kafka und K.“, so heißt es am Schluss des Aufsatzes, „ sind sich auch in dieser Hinsicht ganz ähnlich, und K´.s Streben ist das Streben eines Künstlers.“
Der Aufsatz Müllers im Handbuch beantwortet Fragen, die der Leser des Romans Das Schloß möglicherweise nach der Lektüre hat, und schneidet Aspekte an, die den Leser über die Lektüre des Romans hinaus beschäftigen mögen. Solche Aspekte sind der enge Zusammenhang zwischen Roman und Biographie, von dem Müller an entscheidenden Stellen seiner Interpretation ausgeht und der kritische Fragen bei der Deutung von Texten aufwirft, aber auch die enge Verknüpfung zwischen diesem Roman und dem früheren Der Proceß. Das Handbuch enthält mehrere Artikel und Aufsätze, die dazu einladen, diesen und anderen Fragen, die das Buch Das Schloß stellt, nachzugehen.
Natürlich gibt es im Handbuch dazu mehrere Aufsätze. In einem setzt sich Hans H. Hiebel eingehend mit dem Roman Der Proceß, insbesondere auch mit der Parabel Vor dem Gesetz im Schlussteil des Romans, die ja in manchem besonders an Das Schloß erinnert, auseinander. Hier findet der interessierte Kafka-Leser Antworten auf die Frage nach Parallelen und Unterschieden zwischen den beiden Romanen. – Auch zu den anderen oben angeschnittenen Aspekten gibt es Aufsätze, in denen der Leser Antworten auf Fragen findet und mit Hilfe derer er seine Lektüre des Werks von Kafka vertiefen kann. Zu nennen sind hier Beiträge im Handbuch zum Verhältnis Kafkas zu seinem Vater (von Michael Müller) und zu Kafkas langjähriger Erkrankung (von Sander Gilman). Besonders interessant sind die Aufsätze „Kafka und die Frauen“ (von Vivian Liska) und „Kafka und gender“ (von Dagmar C. Lorenz). „Kafkas Erzählsituationen schließen Erlösung durch Gemeinsamkeit [zwischen Frauen und Männern] oder Elemente wie etwa das ´Ewig-Weibliche´ aus. Weder engelhafte Weiblichkeit noch das Konstrukt des dämonischen Vamps werden in den Narrativen durchgehalten.“ Dieser Satz aus dem Aufsatz von Dagmar C. Lorenz führt zurück zu den Frauenfiguren Frieda oder Olga oder Pepi im Roman Das Schloß. Wünsche auf größere Nähe äußern die Frauen. Zu wirklicher Gemeinsamkeit zwischen ihnen und K. allerdings kommt es an keiner Stelle des Romans.
Das Handbuch ist mehr als ein Nachschlagewerk zu Kafka. Es erleichtert die Lektüre und macht sie gleichzeitig spannend. Für alle an Kafka interessierte Leserinnen und Leser ein wichtiges, hilfreiches Buch.
Herbert Fuchs